Bild blamiert sich mit Bericht über zwei Jahre alten Windradunfall

| Faktencheck | 8. Februar 2022


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Bild blamiert sich mit zwei Jahre altem Windradunfall

In der gedruckten Ausgabe der BILD vom 1. Februar erschien ein Artikel über eine „Katastrophe“, die sich im Windpark „Klein-Haßlow“ bei Wittstock ereignet haben soll. Laut der Berichterstattung ist wohl ein Windrad aufgrund eines Sturmes umgeknickt. Dabei ist den Redakteur:innen wohl nicht aufgefallen, dass die Meldung vom umgeknickten Windrad überhaupt nicht aktuell ist, wie Mirko Moser-Abt vom Bundesverband WindEnergie e.V. auf Twitter feststellte.

Windradunfall war eigentlich schon vor zwei Jahren

Ausschlaggebend für den Artikel in der BILD war wohl ein YouTube-Video des Formats Wittstock-TV, welches am 31. Januar 2020 über den Vorfall berichtet hatte (Quelle). Mehreren Quellen zufolge war der obere Teil eines Windrades in dem Windpark bei Wittstock abgebrochen und zu Boden gefallen (Quelle). Grund dafür waren wohl Materialermüdung und abgebrochene Bolzen, mit denen eigentlich die Flügel befestigt sind (Quelle). Verletzt wurde bei dem Vorfall jedoch niemand.

Sturm trägt keine Schuld an Windradunfällen – Stürme senken den Strompreis

Der Artikel in der BILD impliziert, dass Sturmtief „Nadja“, welches Ende Januar über Norddeutschland fegte, für das Umknicken des Windrades verantwortlich war. Abgesehen davon, dass das offensichtlich rein zeitlich nicht möglich war, können Windräder auch nicht durch die bloße Kraft eines Sturmes umknicken. Laut TÜV Nord sind unter anderem lose Schrauben, Ermüdung der Bolzen wie im Falle des Windrades in Wittstock, oder Rotorblätter, die wegen eines Bruches an den Turm schlagen, verantwortlich für einen Vorfall (Quelle).

Tatsächlich haben Stürme eher einen gegenteiligen Effekt auf Windräder – sie drehen sich schneller und erzeugen damit auf einen Schlag sehr viel Strom. Eine Auswertung der Bundesnetzagentur zeigt, dass während der Stürme der vergangenen Wochen der Strompreis zeitweise sogar gesunken ist (Quelle).

„Fun Fact“: Warum stehen ausgerechnet bei Sturm so viele Windräder still?

Bisher gibt es noch keine praktikable und flächendeckende Möglichkeit, erzeugten Strom zu speichern. Deswegen ist das Einspeisemanagement sehr wichtig. Bei einem Sturm produzieren Windräder mehr Strom als sonst, der direkt in die Stromnetze kommt. Automatische Schutzeinrichtungen würden dafür sorgen, dass einzelne Leitungen abgeschaltet werden. Dies wiederum könnte eine Kettenreaktion auslösen und zu einem großen Stromausfall führen. Deswegen müssen andere Energiequellen heruntergeregelt werden, wenn aus einer Energiequelle viel Strom geliefert wird.

Nun hat Strom aus erneuerbaren Energien, also Wind-, Wasser oder Solarenergie, Vorrang vor fossilen Erzeugern wie Kohle- oder Atomstrom. Die Letzteren müssten ihre Leistung also drosseln, wenn aufgrund eines Sturmes mehr Strom durch Windräder ins Netz kommt. Braunkohle- und Atomkraftwerke haben jedoch technische Grenzen, sodass sie nicht komplett abgeschaltet werden können. Sie müssen bei mindestens 30 bis 50 Prozent ihrer Leistung weiterlaufen. Windräder, die sehr viel flexibler sind, müssen also eher dran glauben.

Ein weiteres Problem ist der Ausbau der Stromnetze. Ihre Kapazität reicht nämlich nicht aus, dass alle Kraftwerke auf maximaler Leistung laufen könnten. Unser heutiges Stromnetz entspricht im Prinzip noch dem von 1990. (Quelle)

Keine erhöhte Gefahr durch Windräder

Der Artikel derBILD will wohl besonders Windkraft-Gegner:innen einen weiteren Grund liefern, gegen Energie aus regenerativen Quellen zu sein. Auch wenn Wirtschafts- und Umweltminister Habeck für eine Verringerung des Mindestabstands von Windrädern zu Ortsrändern und anderen Punkten einsteht (Quelle), stellen Windräder kein erhöhtes Risiko dar. Im Schnitt kommt es jährlich zu etwa sechs bis sieben Vorfällen, was, gemessen an der Gesamtzahl der Windkraftanlagen in Deutschland, ein Risiko von 0,03 Prozent einer schweren Havarie, also einem größeren Vorfall wie dem in Wittstock vor zwei Jahren (Quelle), ergibt. Laut dem Bundesverband WindEnergie sprechen auch die niedrigen Versicherungsprämien für Windräder, die bei etwa 60 Euro liegen, für die Sicherheit der Bauwerke.

Was die BILD mit dem Artikel bezweckt hat, war wohl weniger Information, sondern mehr Staub aufwirbeln, um neben Pandemie-Leugner:innen und Impfskeptiker:innen auch Klimawandel-Leugnung und Windkraftgegnerschaft am Laufen zu halten. Nur war dieser Fake mehr als leicht zu durchschauen.

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Artikelbild: via Mirko Moser-Abt/Screenshots

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