Schadstoffgrenzwerte: Die 100 Lungenärzte haben sich verrechnet

Analyse

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Lungenärtze haben sich verrechnet

Vor zwei Wochen wurde eine Stellungnahme von 107 deutschen Lungenfachärzt/inn/en veröffentlicht, die den Gegner/innen von Feinstoff- und Stickoxid-Grenzwerten einen Anstrich von wissenschaftlicher Seriosität geben sollte. Verkehrsminister Scheuer (Hier) und auch die AfD (Hier) waren über den Vorstoß der Ärzt/innen sehr erfreut.

Doch bald wurde klar: So ein wissenschaftliches Statement, wie es am Anfang wirkte, war es gar nicht. Die Erklärung der Ärzte bezog sich auf keine wissenschaftliche Studien, keiner der Unterzeichnenden hat auf dem Gebiet geforscht. Auch zwei der Initiatoren waren nicht einmal Lungenärzte, bei einem handelte es sich um einen Maschinenbauer, der bei Daimler gearbeitet hatte. Und dass sich nur knapp über 100 Unterzeichnende bei 3800 Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie fanden, sprach auch nur für eine Minderheitenmeinung.

Keine Belege, keine Experten: 5 Fakten zu den 100 Lungenärzten gegen Schadstoffgrenzwerte



Und jetzt noch Rechenfehler

Schon zuvor haben echte Experten der Stellungnahme unterstellt, dass sie nicht auf einer wissenschaftlichen Grundlage basiert und argumentativ nicht stimmig sei (Mehr dazu). Und jetzt hat die taz auch noch herausgefunden, dass sich Dieter Köhler, Hauptverfasser der Stellungnahme, entscheidend verrechnet hat. Köhler, der auf dem Gebiet nie wissenschaftlich publiziert hat, hat bei seinem Vergleich von Atemluft in Innenstädten mit Zigarettenrauch entscheidende Fehler gemacht.

So macht der Vergleich auch so wenig Sinn, weil es sich um völlig unterschiedliche Belastungszeiträume handele. Aber eine genaue Betrachtung der Mathe und Chemie dahinter zeigt, dass Köhler tatsächlich sogar das Gegenteil dessen beweist, was er beweisen wollte. Denn wer an einer viel befahrenen Straße wohnt, atmet in 80 Jahren genau so viel Stickoxide ein wie ein starker Raucher in 6 bis 32 Jahren. Köhler hatte fälschlicherweise von nur ein paar Monaten gesprochen.

Köhlers Rechenfehler verfälschte das Ergebnis um den Faktor 100, aber nicht nur das: Auch sein Ausgangswert war falsch. Sein Ergebnis stimmt letztlich um den Faktor 200 bis 1000 nicht. Auch beim Feinstaub hat er sich verrechnet. Denn er ging dabei von Teergehalten der Zigaretten aus, die sie in der EU seit 2004 gar nicht mehr haben dürfen. (Mehr Einzelheiten bei der taz)

Köhler gibt fehler zu

Nach einem Anruf der taz gibt Köhler zu, dass er sich wohl verrechnet hatte. Auch keiner der Unterzeichnenden hat demnach wohl nachgeprüft, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage der Text basiert, den sie da unterzeichnen, um Daten anzuprangern, die „so lange gerechnet und gedreht“ und „extrem einseitig interpretiert“ wurden, bis die gewünschte Botschaft herausgekommen sei.

Köhler entschuldigt sich für seine Rechenfehler und veralteten Daten damit, dass er die ganze Arbeit schließlich allein mache. Und er ist ja auch kein Experte auf dem Gebiet. Und das ist auch völlig in Ordnung. Wissenschaft lebt von der kritischen Betrachtung, auch von Nicht-Experten. Auch sind Grenzwerte nicht in Stein gemeißelt und gerade bei den Konsequenzen, die sie haben können, ist ein Hinterfragen gar nicht so dumm. Aber die gewichtige Präsentation der Expertenmeinung „100 Lungenärzte“, die in den Medien präsentiert wurde, hat sich bei genauerer Betrachtung aus dem (Fein-)Staub gemacht.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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