Keine Belege, dass der Auftritt von Marina Ovsyannikova Fake war

| Faktencheck | 16. März 2022

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Milde Strafe für Marina Ovsyannikova – es erwartet sie aber noch mehr

Die mutige Aktion der russischen „Kanal eins“ Journalistin Marina Ovsyannikova sorgte weltweit für Aufsehen. Nach ihrem Auftritt wurde die Kriegsgegnerin verhaftet und war danach erst einmal nicht auffindbar (Quelle). Dann wurde sie am Tag danach direkt für ein Video verurteilt, welches sie vor ihrer Protestaktion aufgenommen hatte (Quelle).

Dass die Strafe zunächst so gering ausgefallen ist, könnte verschiedene Gründe haben. Der wichtigste ist, dass sie bisher nur für das Bekennervideo verurteilt wurde, nicht ihren Live-Auftritt mit dem Schild. Die richtige Strafe für die Aktion im russischen Fernsehen steht noch aus. Ein weiterer Prozess ist nicht ausgeschlossen. Aktuell äußert sich Marina Owsjannikowa äußerst besorgt um ihre eigene Sicherheit und die ihrer Kinder (Quelle). Sie will aber auch nicht aus Russland fliehen (Quelle). Sie hofft, dass ihr Protest nicht umsonst gewesen sei, dass sie der russische Bevölkerung die Augen öffnet und diese die Kriegspropaganda Putins jetzt genauer hinterfrage.

Gerüchte machen die Runde, die Aktion von Marina Ovsyannikova sei Fake

Derweil machen in sozialen Medien Gerüchte die Runde, dass die ganze Aktion ein Fake gewesen sein soll. Die (durchaus zu Recht) misstrauischen Abgeordneten aus der Ukraine zum Beispiel äußerten öffentlich den Verdacht, dass auch der Auftritt von Ovsyannikova Teil von Putins Propaganda sein könnte.

Die Storyline geht, kurz zusammen gefasst, so: Es handele sich beim Ausschnitt um eine mit Absicht gefertigte Aufnahme der russischen Propaganda. Immerhin ist Ovsyannikova jahrelange Mitarbeiterin des russischen Staatsfernsehens. Grund dafür soll sein, der Welt zu zeigen, dass es noch vernünftig denkende Russ:innen gäbe. Manche spekulieren, sie solle exemplarisch eine milde Strafe erhalten, um zu zeigen, dass man in Putins Russland freier Kritik äußern könne, als es in Wahrheit der Fall ist. Andere vermuten, dass es vielleicht Sympathien mit Russ:innen erwecken sollen, um Druck darauf auszuüben, die Sanktionen zu heben. Doch nicht nur gibt es für diese Spekulationen keine Beweise, sie sind auch weit hergeholt.

Der Auftritt von Marina Ovsyannikova wahr wohl echt: Die Gegenargumente

Gehen wir also die Argumentation der „Die Aktion war Fake“-Theorie zusammen durch.

Manche sagen: Auf Marinas Plakat stand „NO WAR“ auf Englisch! Man behauptet weiter, das sollte ein Indiz dafür sein, dass die Aktion an westliche Zuschauer:innen gerichtet sei. Aber man konnte solche Schilder des Öfteren bei Protesten in Russland sehen. Was nicht bedeutet, dass Russ:innen das an Wände und Schilder malen, um von westlichen Medien aufgegriffen zu werden. Außerdem stand auf dem Plakat auch: „Glaubt der Propaganda nicht“ und „Sie lügen euch hier an“ – Auf Russisch. Auch für die westlichen Medien? Eher nicht. „No War“ ist ja ein internationaler Slogan.

Ein anderes Argument ist die Putin-Propaganda-Formulierung „Brüderliche Nation“, um die Ukraine zu beschreiben. Ja, in ihrem Begründungsvideo verwendet sie diese Begriffe. Aber da sie jahrelang für Putins Propaganda gearbeitet hat, ist zu erwarten, dass sich so einige subtile Propaganda-Formulierungen angewöhnt haben. Es sticht eher heraus, als dass es in ein gewünschtes Narrativ passt.

Jurist:innen verwenden ihre eigenen Begriffe und sprechen anders als z. B. Ärzt:innen, Historiker:innen oder Journalist:innen. Sie sprechen in den Ausdrücken, die sie in ihrem Arbeitsumfeld am häufigsten verwenden oder die in ihrem Umfeld akzeptiert sind. Auch die meisten Russen werden sich von dieser Art der gewohnten Rhetorik angesprochen fühlen.

Es fehlt eine plausible Erklärung für das Ziel des Fakes

Man sollte dabei auch nicht vergessen, dass die Verwendung dieser Rhetorik die Strafe für Marina nicht mildern wird, der nach Artikel 207.3 des russischen Strafgesetzbuchs immer noch bis zu 15 Jahre Gefängnis drohen. Laut der russischen Nachrichtenagentur TASS hat das Ermittlungskomitee der Russischen Föderation damit begonnen, ihre Handlungen nach Artikel 207.3 des russischen Strafgesetzbuches zu überprüfen. Einen Artikel über die Verbreitung von „Falschmeldungen“ über die Aktionen der russischen Streitkräfte findet ihr hier: (Quelle).

Aber ziehen wir es mal von hinten auf: Der Ausstieg von Marina Ovsyannikova wurde von Putins Propagandisten geplant? Welche Veränderungen sollte das nach sich ziehen? Eine globale Verbesserung der russischen Wirtschaft? Wohl eher Nein. Eine Lockerung der westlichen Sanktionen? Auch Nein. Als ihr das Video gesehen habt, hat doch keiner von euch gedacht: „Oh, diese mutige Frau steht gegen Putin auf, wir sollten Putin nicht mehr sanktionieren“, oder? Unabhängig von der Evidenz spricht auch aus logischer Sicht nichts dafür.

Doch, Russisches Fernsehen wird live mitgeschnitten

Zu der Theorie, dass „Kanal Eins“ seine Nachrichten nicht live aufnehme: Der Sinn von Nachrichten ist, dass sie Live gemacht werden. Einige Dinge und Interviews und Schaltungen werden natürlich aufgezeichnet, aber der Wert der Nachrichten liegt gerade darin, dass man den Großteil live produziert. Das bestätigt auch NDR-Moderator Daniel Böckerhoff, der selbst Nachrichtensendungen aufnimmt. Er schreibt dazu in seiner Story auf Instagram:

„Als Nachrichtenmoderator, der um 21:45 vor der Kamera stehen muss und dessen Versprecher in allen Wohnzimmern landen können, kann ich sagen: Schön wär’s“ [sic]

Dann wird noch ins Feld geführt, dass es höchst merkwürdig sei, dass die Nachrichtenfrau im Vordergrund sich kaum geregt hat, als Marina im Hintergrund aufgetaucht ist. Auch dafür hat Böckerhoff eine Erklärung. Er selbst würde auch nichts merken, wenn während einer Sendung etwas in seinem Rücken passieren würde:

Außerdem: Es gibt Aussagen von einem ehemaligen Mitarbeiter von „Kanal eins“, die bestätigen, dass Sendungen Live aufgenommen werden. Das berichtet die Volksverpetzer-Autorin und Russland-Expertin Anastasia Tikhomirova:

Und noch ein starkes Gegenargument: Wenn der Auftritt von Putins Propaganda geplant ist, warum zensieren russische Medien dann ihr Plakat? Das wäre doch absurd, wenn es Teil ihres Plans war.

An dieser Stelle Danke an Sasha Bels, die auf Instagram diesem Fake Narrativ in russischer Sprache ausführlich nachgegangen ist.

Selenskyj und Navalny bedanken sich bei Ovsyannikova

Bisher ist die Beweislage dafür, dass es sich beim Auftritt von Marina Ovsyannikova um einen gezielten Propaganda-Stunt haben soll, ziemlich dünn. Es fehlen Beweise und die Spekulationen sind sehr vage. Doch es spricht noch viel mehr dafür, dass ein Fake hier unwahrscheinlich ist. Die Aktion nutzt eindeutig der Ukraine und der russischen Opposition. Hier die Pressesprecherin des bekanntesten (und umstrittenen) Oppositionspolitikers Navalny, die die Aktion eindeutig gutheißt:

Und hier der Ukrainische Präsident Selenskyj, der sich ebenfalls für die Aktion bedankt (Quelle):

Ebenso wie viele andere Ukrainer:innen, die dankbar für die Aktion von Marina Ovsyannikova sind:

 

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Warum sollte also Putins Propaganda eine Aktion faken, die seinen Gegner:innen in die Hände spielt? Das macht beim genaueren Betrachten doch wirklich wenig Sinn. Es sei denn, da hätte sich jemand gravierend verkalkuliert. Es gibt also abseits von Spekulationen (und gesunder Skepsis russischer Medien gegenüber) keine Belege dafür, dass der Protest Fake war, im Gegenteil, die Indizien sprechen dafür, dass es echt war. Der mutige Protest von Marina Ovsyannikova war ein wichtiger Beitrag zur Aufklärung der russischen Gesellschaft über Putins Angriffskrieg der Ukraine. Und wie bereits erwähnt: Ermittlungen gegen sie stehen noch an, Marina Ovsyannikovas Geschichte ist ja noch nicht zu Ende erzählt.

Autoren: Andreas Bergholz, Thomas Laschyk. Artikelbild: Screenshots

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