Mit demokratiefeindlichen Milieus kennt sich Holger Friedrichs Neugründung „Ostdeutsche Allgemeine“ aus. Nun wird sie auch zum Propagandablatt für rechte Esoteriker.
Alexander Capistran ist stolz auf seinen neuen Job bei Holger Friedrichs ostidentitärem Blatt. Im Februar heuerte Capistran als Redakteur bei der „Ostdeutschen Allgemeinen“ an, die Verleger Friedrich zu einem „ostdeutsche[n] Leitmedium“ machen möchte. Capistran war sechs Jahre lang für den anthroposophischen Verlag „Info 3“ tätig, der auch die gleichnamige Zeitschrift herausgibt.
Bei LinkedIn schreibt Capistran über seine Rolle: „Medien und Menschen mit Verortung im Ganzen“, es gehe ihm um „Bewusstseinserweiterung in jeglicher Form“. Die „Ostdeutsche Allgemeine“ sei sein „absolutes Herzensprojekt“, erklärt der aus dem Westen in die Sächsische Schweiz umgesiedelte Journalist. So wie „Westfernsehen früher im Osten“ könne die „Ostdeutsche Allgemeine“ das „Ostfernsehen für den Westen“ werden.
Ein Hort der Anastasia-Bewegung
„Wirklich wichtig“ war Capistran ein ganzseitiger Artikel von ihm Ende März in der gedruckten Wochenendausgabe der OAZ: Er ist überschrieben „Vorauseilende Kontaktschuld“ - und dreht sich um die Görlitzer Waldorfpädagogin Runa Elisa L.
Die hatte ihren Job als Honorarkraft für den Unterricht in Mathematik und Naturwissenschaften an der Oberschule der Görlitzer Waldorfschule verloren – nachdem sie im Juli 2025 eine Ferienfreizeit, eine sogenannte „Sommerwoche, Schule am Schloss“, für Kinder ab neun Jahren auf Schloss Ober Neundorf bei Görlitz gemeinsam mit einem Schweizer Lehrer organisiert hatte. Das Schloss ist ein Hort der vom Verfassungsschutz als „extremistischer Verdachtsfall“ beobachteten Anastasia-Bewegung, einer bekannten rechten Öko-Szene. Die Entscheidung der Schule ist nachvollziehbar: Der Vorstand der Bildungsstätte hat rechtzeitig die Reißleine gezogen.
Interview mit Götz Kubitschek
Nicht nachvollziehbar ist die Angelegenheit aber für die „Ostdeutsche Allgemeine“, die von Beginn an Offenheit für die extrem rechte Szene zu ihrem publizistischen Konzept gemacht hat. Das gefällige Porträt von AfD-Chef Tino Chrupalla in der ersten Ausgabe der Zeitung („Der Mann hinter den Zuschreibungen“) gab da nur einen Vorgeschmack. Vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung war ein Interview des Schwesterblatts „Berliner Zeitung“ mit dem neurechten Vordenker Götz Kubitschek, das die OAZ in ihrem Internetangebot übernahm.
Capistran führt die Leser:innen der „Ostdeutschen Allgemeine“ in seinem Beitrag zu einer weiteren Sparte der verschwörungsideologischen und extrem rechten Szene. Die von diesem Milieu ausgehenden Gefahren unterschlägt er dabei jedoch weitgehend.
Stattdessen nimmt der Autor sehr entschieden die Perspektive des vermeintlichen Opfers ein: von Runa Elisa L. Belege für die Anschuldigung, dass L. der Anastasia-Bewegung nahestehe, gebe es „bislang nicht“, schreibt Capistran. Und: „Der Fall zeigt, wie die Angst um das öffentliche Image zu vorschnellem Handeln mit großen Konsequenzen für die Beteiligten führen kann.“ Der Görlitzer Schulvorstand und Bund der Freien Waldorfschulen hätten sich „medialem und politischem Druck“ gebeugt. Parallel zur Recherche der „Ostdeutschen Allgemeine“ gründet sich an der Schule eine „Arbeitsgemeinschaft Heilung“ mit dem Ziel, vermeintlichen Ungerechtigkeiten wie im Fall Runa Elisa L. vorzubeugen.
Capistran schreibt: „Elisa sagt, sie habe nichts mit der Bewegung zu tun. Und es lassen sich auch keine Belege finden, die auf etwas anderes schließen lassen.“ Er lässt Runa Elisa L. fordern: „Eine Erklärung, dass Fehler gemacht wurden, wäre ein Anfang.“ Die Schlossherren aus Ober Neundorf lässt er behaupten, dass es „keine Nähe“ zur Anastasia-Bewegung gebe. Und eine anonyme Stimme aus der Elternschaft zitiert er: „So darf es jedenfalls nicht bleiben, weil es Unrecht ist und Tür und Tor für noch schlimmere Willkür öffnet.“ Es ist eine bemerkenswerte Parteinahme – die aber bei der OAZ durchaus ins Bild passt.
Rechte Öko-Sekte sei rechts? Die OAZ: Von wegen!
Auf LinkedIn offenbart Capistran, worum es ihm mit dem Zeitungsbeitrag zentral geht: Sein Artikel hätte in der Regionalzeitung „Sächsische Zeitung“ sicher nicht erscheinen können, „weil dort die unbewussten Filter schon viel früher den Erkenntnisprozess abkürzen würden“. Er aber will sich Gleichsetzungen widersetzen, von wegen Anastasia sei „rechts und schlimm“. Doch womöglich zielt die „Ostdeutsche Allgemeine“ ja genau auf solche demokratiefeindlichen Milieus?
2021 gingen zwei Buchautoren ausführlich nicht nur auf die Anastasia-Bewegung ein, sondern auch auf die Waldorfpädagogik Rudolf Steiners: Matthias Pöhlmann in „Rechte Esoterik. Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen“ (Herder Verlag) und Andreas Speit in „Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus“ (Ch. Links Verlag). Zuvor hatten sich bereits 2020 Katharina Nocun und Pia Lamberty in „Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ (Quadriga Verlag) des Themas angenommen, das Buch wurde zum Bestseller.
Schnittstellen von Antisemitismus und Verschwörungsglauben
Die genannten Autor:innen sehen mehr oder weniger ähnlich die Coronaproteste als Hotspots für Verschwörungsmythen, die Vernetzungen von „Querdenkern“ und Esoterikern, deren digitale Echokammern und eben auch Siedlungsprojekte in der völkischen Bewegung. Pöhlmann nennt die ursprünglich aus Russland stammende Anastasia-Bewegung „ökologisch, esoterisch und rechtsextrem“. Es gibt zahlreiche Schnittstellen zu Antisemitismus, Verschwörungsglauben und Frauenfeindlichkeit.
Um zu belegen, dass Schloss Ober Neundorf bei Görlitz der wohl wichtigste Kristallisationspunkt der Anastasia-Bewegung in Sachsen ist, braucht es nicht den Verfassungsschutz. Nach der Sommerfreizeit 2025 dort berichtete „Endstation Rechts“: „Das Zusammenkommen von Anthroposophie und Anastasia-Bewegung ist nicht per se überraschend. Die beiden Bewegungen verbindet gemeinsame Werte, etwa die Esoterik, die Nähe zu Russland, ihre Naturverbundenheit, einen Hang zum Verschwörungsideologischen, die Betonung des Ganzheitlichen, eine kritische Haltung gegenüber Demokratie und Wissenschaft oder eine eigene Pädagogik.“ Schon zuvor war vom „Störungsmelder“ auf „Zeit Online“ über „die rechten Schlossherren“ berichtet worden.
Vor ein paar Wochen referierte Manuela Beyer vom Hannah-Arendt-Institut bei einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung in Dresden zum Thema. Titel: „Die Anastasia-Bewegung. Zwischen Naturutopie, Gemeinschaftsideal und problematischen Weltbildern“. Der Journalist Michael Bartsch, der an dem Abend dabei war, zitiert Beyer mit den Worten, „die Verknüpfung mit Ideologie und Gärtnern begünstige die Verbreitung von Blut- und Bodenideologien“:
„Nur wir können exklusiv auf diesem Boden gedeihen, alles andere ist ,verschmutzt‘“. Die Referentin sprach demnach über Rassismus, Demokratiefeindlichkeit und besonders auch Antisemitismus bei Anastasia, sah eine „mangelnde Abgrenzung von rechtsreaktionären Ideen“. Es gebe nicht nur gedankliche Überschneidungen mit rechtsextremer und völkischer Gesinnung, sondern auch praktische Szenekontakte wie etwa mit Reichsbürgern.
„Die Kraft unserer Ahnen zum Leben erweckt“
2023 berichtete die „Sächsische Zeitung“ nach monatelangen Recherchen in einer vierteiligen Serie ausführlich über Schloss Ober Neundorf. Teilweise bezog sich die Zeitung dabei auf das antifaschistische Görlitzer Recherchekollektiv „15 Grad Research“. Das Ehepaar Dietrich und Simone K., er Kies-Unternehmer, sie Heilpraktikerin – war vom Bodensee im Südwesten der Republik zum östlichen Rand Deutschlands gezogen und hatte das Schloss übernommen und saniert. In einem Video sagte Dietrich K. zu seiner Rolle als Schlossherr: „Es ist die Kraft unserer Ahnen, die wir hier wieder zum Leben erweckt haben.“
Simone K. behauptete 2020, dass Corona „nichts anderes als eine Grippe oder Erkältung“ sei. Passend dazu brachten die beiden 2022 an einer Giebelwand des Schlosses die Aufschrift „Frieden, Freiheit, Selbstbestimmung“ an, eine Parole der Corona-Proteste. Mit Blick auf die Corona-Zeit erklärten sie, „dass es nie wieder dazu kommen darf, dass Menschen auf irgendeine Weise fremdbestimmt werden“. An einer Stelle am Schloss warnten sie vor Masken, Impfungen und anderen Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie: „Liebe Mitmenschen, Angst schadet dem Immunsystem. Das ist wissenschaftlich hinreichend erforscht.“
Kulturbüro Sachsen sieht „völkisch-autoritäre Parallelgesellschaft“
Das Kulturbüro Sachsen beobachtet seit Jahren den Telegram-Kanal des Schlosses – von Veranstaltungen wie einem Seminar „Kraft der Ahnen“ oder einem „Beltane-Fest“ als Rückbesinnung auf „Wurzeln“ und „Schöpferkraft“ bis zur Gründung einer Landwirtschaft „Lichte Wurzel“ als Grundlage für eine autarke Lebensmittelversorgung.
Das Kulturbüro analysiert, schon seit Jahren hätten sich „esoterische und völkische Untertöne“ in das Programm gemischt: „Es ist davon auszugehen, dass sich das Schloss weiter zu einem geschlossenen Ökosystem entwickelt. Die Kombination aus eigener Landwirtschaft, alternativen Bildungsangeboten für Kinder und einer ideologisch aufgeladenen ,Männer- und Ahnenarbeit‘ lässt darauf schließen, dass hier eine völkisch-autoritäre Parallelgesellschaft heranwächst, die sich nach außen hin weiter unter dem Deckmantel von ,Kultur‘ und ,Denkmalschutz‘ tarnt.“
Schlossherr seit 2024 für die AfD im Görlitzer Stadtrat
Beobachter in Sachsen sprechen mit Blick auf Schloss Ober Neunhof von „Puzzlestücken“ eines rechten und verschwörungsideologischen Netzwerks. Und auch von einer „Verschleierungstaktik“, wenn es um demokratiefeindliche Inhalte geht. Kritik an ihrer Rolle weisen die Schlossherren regelmäßig zurück. Nach der Investigativ-Recherche im Lokalteil der „Sächsischen Zeitung“ 2023 behaupteten sie, die Presse habe sich auf „linksextremistische“ Informanten gestützt:
„Wir als Familie und der Verein Schloss Ober Neundorf lehnen jegliche Art von Extremismus ab! Egal ober links oder rechts. Wir sind parteilos und unpolitisch.“ Ein Jahr später, 2024, wurde Schlossherr Dietrich K. für die AfD in den Görlitzer Stadtrat gewählt – als einer von 14 Parlamentariern der mit Abstand stärksten Fraktion.
Runa Elisa L. ist eine bekannte „Querdenkerin“
Die bekannte „Querdenkerin“ Runa Elisa L. war fast ein Jahrzehnt an der esoterischen Privatschule in Görlitz beschäftigt. Die ehemalige Siemens-Managerin unterrichtete seit 2016 als Quereinsteigerin zunächst Mathematik, Nähen und Schneidern im Ganztagsschulbetrieb, wurde dann Oberstufenlehrerin für Mathematik und Physik.
Mit der Coronapandamie von 2020 an wird in Görlitz, einer Stadt mit zwischenzeitlich höchsten Inzidenzwerten der Republik, zu „Montagsspaziergängen“ gegen staatliche Corona-Schutzmaßnahmen aufgerufen. Die Organisator:innen kommen zumindest teilweise aus dem Umfeld der Freien Waldorfschule – vorne dabei ist die Waldorflehrerin L. Im Publikum finden sich Lehrkräfte und Eltern der freien Schule.
Im Kollegium der Waldorfschule Görlitz finden sich bekannte Querdenker- und Verschwörungsideolog:innen. Sie verweigern Impfungen, Schutzmaßnahmen und sogar verpflichtende Corona-Tests, schrieb das Magazin „Stern“ im Mai 2021: „In Sachsen verweigerten sich an der Freien Waldorfschule Görlitz kürzlich Teile des Kollegiums der bestehenden Testpflicht, die die Landesregierung für die Schulen verhängt hatte.“
Unter den Querdenkern ist der Schulvorstand Thomas Brunner, der im April 2020 wirre Verschwörungsmythen über den Schulverteiler an die Elternschaft versendet. Darin hieß es: Corona sei nur eine „Inszenierung“, der Virologe Christian Drosten wolle die Weltherrschaft an sich reißen. Auf Querdenken-Bühnen wettert der Waldorflehrer gegen eine „faschistische Propaganda“ durch öffentlich-rechtliche Medien und ruft zur „Revolte“ auf. Die Schule reagiert auf Anfragen wachsweich, spricht von Privatsache und „Meinungsfreiheit“. Brunner wird den Vorstand 2021 auf eigenen Wunsch verlassen.
Verbindungen zur Reichsbürger-Bewegung
2022 verlässt auch die Geschäftsführerin und neunfache Mutter Doris Bach die Waldorfschule. Sie will künftig eigene Schulen auf Basis der Waldorfpädagogik gründen und arbeitet an einer „Neuen Verfassung für die Erde“, in der der „Rechtsstaat abgeschafft“ ist. Sie ist nebenberuflich in Rudolf Steiners Ritualkirche „Christengemeinschaft“ aktiv. Schon 2020 wurde bekannt, dass die damalige Görlitzer Kreisvorständin der Grünen (2020 bis 2021) auch als „Bildungsexpertin“ bei Ostsachsen TV arbeitet.
Dort sitzen Vertreter:innen der Identitären Bewegung und Reichsbürger auf dem Talk-Sofa. Ebenso alt sind Vorwürfe gegen Bach wegen angeblich fehlender Nähe zur Anastasia-Bewegung. 2022 überschrieb die „Sächsische Zeitung“ einen Bericht über Doris Bach: „Einst grün – jetzt nah bei den Reichsbürgern?“
Pandemie-Leugnung und Verschwörungsmythen
2021 tritt Runa Elisa L. mit Corona-Leugnung und Verschwörungstheorien auf: „Dass der Staat in der Pandemie seine Kontrolle nun auch auf diesen privatesten aller Schutzräume, meine Wohnung, ausdehnen darf, ist für mich völlig inakzeptabel“, wird sie vom Portal alles-lausitz.de zitiert. Die Coronapolitik sei „von einem kaum aussagekräftigen Inzidenzwert hysterisch getrieben“. Dazu glaubt sie: „Wir sind weit mehr als nur ein Körper“.
Ebenfalls 2021 tritt L. mit vollem Namen und ihrem Beruf Waldorflehrerin in der „ZDFzoom“-Sendung „Geimpft oder nicht? Kleine Frage, große Sprengkraft" auf. Im Interview weigert sie sich, eine Maske zu tragen. Der Beitrag zeigt die Radikalität der lokalen Impfgegner-Szene: „In Görlitz dominieren die Ungeimpften das Meinungsklima. Hier wurden Ärzte bei Impfaktionen beschimpft und bedroht.“
Auf einer von Waldorflehrer:innen organisierten „Querdenker“-Demonstration namens „Summphonie“ in Cottbus hält 2022 auch Runa Elisa L. eine Rede. Sie zitiert Schillers „Wilhelm Tell“: Das „himmlische“, „gottgegebene“ „Naturrecht“ sei in der Hand des Volkes, das sich „gegen die Tyrannenmacht“ erhebe: „Ich träume von einer Zeit, in der wir keine Gesetze mehr brauchen“ – eine bekannte These aus Rudolf Steiners Anthroposophie und seiner politischen Idee der ‚Sozialen Dreigliederung‘, wie man sie heute auch bei Demeter findet. L. sei geleitet von einem „ganz natürlichen Rechtsempfinden“, was im Gegensatz stehe zum Zwang durch „Gesetze und Verordnungen“. Auch L. ruft zum Widerstand auf:
„Die Herrschenden werden aufhören zu herrschen, wenn die Kriechenden aufhören zu kriechen!“
Noch im Sommer 2023 wird L. von der Schule in der Schulzeitung ausdrücklich für ihre Arbeit gedankt. Von Verstimmungen gibt es keine Spur – und zumindest wegen Corona wird es die wohl kaum gegeben haben. Die Montagsdemonstrationen in Görlitz sind inzwischen fest in der Hand von Rechtsextremisten: Das Organisationsteam der Proteste ist 2023 vom sächsischen Verfassungsschutz als gesichert extremistisch eingestuft worden. Rechte und Schwurbler protestieren in Görlitz sowohl parallel als auch miteinander.
Nach dem „Ferienspaß-Programm“ im Sommer 2025 in Ober Neundorf – also einem Ort, an dem sich Menschen aus dem Reichsbürger-Milieu, Anthroposophen und die Anastasia-Sekte treffen – gibt es Kritik an der Waldorfpädagogin. Aber auch Unterstützer:innen, die mit Solidarität und Verschwörungsgeraune beispringen. Zu Letzteren gehört das anthroposophische Magazin „Info3“, für das der Anthroposophie-Funktionär und heute OAZ-Redakteur Alexander Capistran damals noch arbeitete.
Ideologische Verortung zwischen Anthroposophie und Esoterik
Alexander Capistran tritt seit einigen Jahren als Publizist und Redakteur in Erscheinung. Sein Werdegang zeigt eine auffällige Verdichtung von Bezügen zu esoterischen und anthroposophischen Milieus: Der spätere Philosophie-Student wächst in einem alternativen Milieu auf. Die Mutter, eine bekannte Sopranistin, schickt ihn auf eine Montessori-Schule und schreibt in den 2010er Jahren für das verschwörungsideologische Esoterik-Portal „Sein“. Auf ihrer Webseite positioniert sich die Künstlerin gegen evidenzbasierte Medizin, wirbt für Fernheilung und den Wassergedächtnis-Scharlatan Masaru Emoto: „Unsere Gedanken veränderten unsere Umgebung.“
Und Capistran steigt früh in die Gedankenwelt der Anthroposophie ein. Von den frühen 2010er Jahren an engagierte er sich im „Youth Future Project“, einer Jugendinitiative mit anthroposophisch-esoterischer Prägung. Das Programm der Organisation verbindet gesellschaftspolitische Forderungen – etwa bedingungsloses Grundeinkommen, Gentechnik-Verbot, Bio-Landwirtschaft, Kriegswaffen-Verbot oder „Dialog zwischen Kriegsparteien“ - mit spirituellen Annahmen. Von 2015 bis 2019 veröffentlichte der Student als „Ressortleiter Bildung“ Texte im esoterischen Magazin „OYA – anders denken, anders leben“, in denen er sich unter anderem auf den Anthroposophie-Gründer Rudolf Steiner bezieht.
Rassistische und antisemitische Elemente in Steiners Lehre
Trotz der rassistischen und antisemitischen Elemente in Steiners Lehre gilt seine Anthroposophie heute als größte esoterische Strömung Europas – mit einem deutlichen Sektendrift. Mit der beliebten Demeter-Biolandwirtschaft, der alternativen Waldorfpädagogik oder der sogenannten „anthroposophischen erweiterten Medizin“ ist die esoterische Bewegung Marktführerin in vielen alternativen Branchen. Und zugleich eine Keimzelle für Querdenkertum, Wissenschaftsleugnung und Staatsfeindlichkeit, die in der Coronapandemie bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat. Alexander Capistrans Leidenschaft für Rudolf Steiner, den „Ersten Querdenker“ (so das rechtsextreme „Compact“-Magazin), wird ihm eine Karriere in der sektiererischen Anthroposophie-Bewegung bescheren.
Er studiert Philosophie, unter anderem an der anthroposophischen Universität Witten/Herdecke. Die Privatuniversität ist für zahllose kleine und große Esoterik-Skandale wie die Einladung der „Querdenkerin“ Ulrike Guérot im Jahr 2022 bekannt. Von 2019 an taucht er in zentralen Organisationen der Anthroposophie auf: Capistran ist an der Organisation des „Kongress Soziale Zukunft“ beteiligt, der von der „Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland“ verantwortet wird – der deutschen Zentrale der Rudolf-Steiner-Sekte.
Ein Rudolf-Steiner-Verehrer
Künstler und Anthroposoph, ein Faktenleugner und selbsternannter „Philosoph“ passt gut in dieses Universum aus alternativen Fakten: Bald schreibt Capistran auch für das Magazin „Info3“, das sich explizit auf anthroposophische Inhalte stützt. Dort ist er seit 2021 zusammen mit Jens Heisterkamp Teil der Redaktion. Heisterkamp hatte Corona geleugnet und Impfungen und Schutzmaßnahmen mit „eugenischen Zuchtprogrammen“ des Nazi-Regimes verglichen.
Capistran gibt in „Info3“ weiter den Rudolf-Steiner-Verehrer und passt sich der Tonalität seiner Umgebung an: So schreibt er, in der Corona-Pandemie sei es zu einer massiven Diffamierung gegenüber Andersdenkenden wie Wolfgang Wodarg gekommen. Der Pandemie-Leugner Wodarg hatte unter anderem zu Unrecht behauptet, die Covid-19-Impfung würde unfruchtbar machen und die menschliche Genetik verändern. Capistrans neues publizistisches Umfeld umfasst plötzlich Autoren, die als Who-is-Who der Desinformation aus Anthroposophie und Homöopathie gelten können: die einflussreiche Lobbyistin und Corona-Leugnerin Michaela Glöckler, die „Querdenkerin“ Ulrike Guérot oder der international bekannte Impfgegner Steffen Rabe.
Mindset eines Sektenfunktionärs
Mit der Anstellung bei der „Ostdeutschen Allgemeinen“ hat Capistran nun die Chance bekommen, anthroposophische Institutionen wie die Waldorfpädagogik und zugleich Kritik an der rechts-esoterischen Anastasia-Bewegung zu relativieren. Und das in einer auf den ersten Blick ganz normalen Zeitung. Was die OAZ in Wirklichkeit allerdings nicht ist, wie hier und dort zu lesen ist.
Runa Elisa L. kommentiert den vom Volksverpetzer angekündigten Faktencheck zur Berichterstattung der OAZ über ihren Fall, sie könne beruhigen. „Die Ereignisse sind im Wesentlichen richtig dargestellt, also entsprechen den Tatsachen.“ Einen Fragenkatalog zu Einzelheiten, unter anderem zu ihren Verbindungen zu Schloss Ober Neunhof, lässt sie unbeantwortet: Ihr Fall sei „sehr komplex“, erklärt sie zur Begründung: „Mit acht Fragen aus der Ferne sind die Hintergründe nicht zu verstehen.“
In der „Ostdeutschen Allgemeine“ heißt es, es gehe im Fall von Runa Elisa L. „um weit mehr als nur eine Personalentscheidung“. Capistran ergänzt auf LinkedIn das weitreichendere Ziel: „Gut, dass die andere Seite der Perspektive jetzt einmal in der Welt ist. Waldorf ist am Scheideweg. Anpassung um jeden Preis um sich im Luxussegment der Alternativpädagogik zu etablieren, oder Erziehung zur Mündigkeit, zum Selberdenken jenseits ideologischer Dogmen.“
So verrät Capistran auch in seiner neuen Rolle bei der OAZ das Mindset eines Sektenfunktionärs, denn in der Anthroposophie ist jeder Tag „Gegenteiltag“. Da wird die lebensrettende Impfung zur Todesspritze und das Leugnen von Fakten wird zum „Selberdenken“. Der OAZ-Redakteur drückt es bloß etwas anders aus: Er sagt, seine neue Zeitung könne „mit sonst ungehörten Perspektiven inspirieren“.
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