Deutschland so sicher wie seit 1993 nicht mehr: Alles was du zur neuen PKS 2017 wissen musst

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Die polizeiliche Kriminalstatistik für 2017 wurde veröffentlicht und da die AfD Kriminalität, insbesondere von Asylbewerbern zu einem ihrer Primärthemen gemacht hat, wollen wir die PKS in diesem Rahmen betrachten und auch, was man aus ihr herauslesen kann und was nicht.

In diesem Artikel werden einige Fragen geklärt: Ist Deutschland unsicherer geworden? Gar wegen der Asylsuchenden? Sind sie krimineller als der Durchschnittsdeutsche? Wie aussagekräftig ist die PKS überhaupt? Die AfD wünscht sich, dass Deutschland unsicher sei, da ihre gesamte politische Plattform darauf basiert, ihren WählerInnen Angst zu machen – Um sich anschließend als Beseitiger der Ängste zu präsentieren. Deswegen jubeln sie über Terroranschläge, oder kriegen Panik weil 83 Neugeborene in Bremen in irgendeiner Form im Vor- oder Zweitnamen „Mohamed“ heißen.

Die AfD will schlechte Nachrichten. Entgegen ihrer Eigendarstellung will sie, dass wir uns unsicher fühlen. Und deshalb sind diese offiziellen Zahlen, im Gegensatz zu den unzähligen urban legends und Fake News aus der rechten Ecke ganz schlechte Nachrichten für die Rechtspopulisten. Hier treffen nämlich gefühlte Wahrheiten auf harte Zahlen. Ich erkläre euch, wie das aussieht.



Tatverdächtige bedeutet nicht gleich Täter!

Eines vorweg: Bei den Zahlen der PKS handelt es sich ausnahmslos um Tatverdächtige, nicht um Täter. Da nur 57,1%  aller Straftaten aufgeklärt worden sind, wissen wir bei etwas weniger als der Hälfte aller dieser Fälle nicht, ob der jeweilige Tatverdächtige auch der Täter war, weswegen wir vorsichtig mit diesen Zahlen sein müssen.

Die PKS beruht auf dem Erkenntnisstand bei Abschluss der polizeilichen Ermittlungen, welche in einiger Hinsicht ihre Aussagekraft begrenzen: Erstens hängt sie stark vom Anzeigeverhalten der Bevölkerung ab, das stark variieren kann. So können manche Menschen eine Schlägerei aus verschieden Gründen eben nicht anzeigen oder bestimmte Personengruppen eben aufgrund rassistischer Vorurteile schneller verdächtigen. Auch Versicherungsaspekte können relevant sein.

Auch hat die Kontrollintensität der Polizei einen Einfluss – Mehr Polizeipräsenz in einem Bereich führt zu mehr angezeigten und aufgedeckten Straftaten. Wenn die Anzahl der Tatverdächtigen steigt, kann dies auch auf stärkere Kontrollen und mehr Beamte zurückzuführen sein, statt auf einen tatsächlichen Anstieg der Kriminalität. Das BKA sagt hierzu: Die PKS ist „somit kein getreues Spiegelbild der Kriminalitätswirklichkeit, sondern eine je nach Deliktsart mehr oder weniger starke Annäherung an die Realität.“ Aber jetzt zu den Zahlen, die wir haben:

Deutschland ist sicherer geworden

Die Zahl der Straftaten ist auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Es gab 9,6% weniger Straftaten im Vergleich zu 2016. Das betrifft Diebstähle (-11,8%), Einbrüche (-23%), aber auch Gewaltkriminalität (-2,4%) wie Mord und Totschlag (-1,6%) und gefährliche und schwere Körperverletzung (-2,1%). Gestiegen sind dagegen Wirtschaftskriminalität (+28,7%), Straftaten gegen das Waffengesetz (+10,3%) und Verbreitung von pornographischen Schriften (+12,9%).

Die Anzahl der Tatverdächtigen ist insgesamt um 10,5% gesunken, darunter diejenigen ohne Deutschen Pass sogar um -22,8%. Wenn man die ausländerrechtlichen Verstöße herausrechnet, sind 4,1% weniger so genannte „Zuwanderer“ tatverdächtig gewesen. Ok, was sind „Zuwanderer“? Diese sehr unpassende Bezeichnung meint die Gruppe „ Asylbewerber“, „International/national Schutzberechtigte und Asylberechtigte“, „Duldung“, „Kontingentflüchtling“ und „unerlaubt“. Also alle diejenigen, die einen Asylantrag gestellt haben, diejenigen, die anerkannt wurden, diejenigen, die trotzdem geduldet werden und auch diejenigen, deren Anträge abgelehnt wurden und sich trotzdem noch hier aufhalten. (Wie viele das sind und wieso einige geduldet werden habe ich hier erklärt)

Mir ist etwas unklar, wieso anerkannte Flüchtende und solche, die es werden wollen, als „Zuwanderer“ bezeichnet werden, da sie schließlich Flüchtende sind und niemand, der aus welchen Grund auch immer einwandert und sich bei uns niederlassen will. Flüchtende wollen in der Regel zurück in ihre Heimat. Aber gut, so nennt die PKS diese Gruppierung.

Die Polizei lässt Flüchtlinge krimineller erscheinen als sie sind

Bezeichnend ist hierbei, dass bis 2016 anerkannte Asylbewerber NICHT zu den „Zuwanderern“ hinzugezählt worden sind, sondern lediglich zu den Tatverdächtigen ohne Deutschen Pass. Das heißt erstens, dass wir bisher nicht wussten, wie viele Tatverdächtige es unter den anerkannten Asylbewerbern gab und zweitens, dass die definierte Gruppe „Zuwanderer“ im Vergleich zu 2016 um schätzungsweise 500.000 Menschen größer geworden ist. Das heißt, dass die angegebenen -4,1% weniger Tatverdächtigen unter der Gruppe der „Zuwanderer“ gar nicht stimmen, da diejenigen, die die PKS unter diesem Begriff versteht, nicht die genau gleiche Gruppe ist und gleichzeitig viel größer. Rechnet man anerkannte Flüchtende nämlich heraus, sinkt die Anzahl der Tatverdächtigen „Zuwanderer“ um satte 40,7%. Einen Vergleich zum realen Rückgang der Tatverdächtigen der Gruppe „Zuwanderer“ mit anerkannten Flüchtenden können wir mit den Zahlen gar nicht wissen.

Aber: Alle Straftaten und Tatverdächtigen sind durch die Bank zurück gegangen, ganz besonders die „Zuwanderer“, sprich: Alle diejenigen, die man umgangssprachlich als „Flüchtling“ bezeichnet. Doch um die Statistik an ihre gefühlten Wahrheiten anzupassen, wird spätestens hier gerne eingewendet, dass ein „Zuwanderer“ überproportional krimineller ist als ein Durchschnittsdeutscher. Das stimmt. Das hat auch ganz logische Gründe.

Am kriminellsten sind immer junge, arme Männer

Wie kriminell ein Mensch ist, hängt nicht damit zusammen, was er für eine Hautfarbe hat. Was nachweislich für Kriminalität relevant ist, sind nun mal das Geschlecht, sprich: Männlichkeit (75% aller Tatverdächtigen der PKS, bei Gewaltkriminalität sogar 86 Prozent und bei Vergewaltigung fast 99 Prozent!), Alter und soziale Situation (ob du arm bist, Arbeit hast, etc.).

Und demzufolge müssen „Zuwanderer“ rein statistisch gesehen schon krimineller sein, weil ihr Anteil an sozial schlechter gestellten Männern zwischen 20 und 40 größer ist als in der durchschnittlichen deutschen Bevölkerung12% der Deutschen sind zwischen 20 und 40 und männlich. Bei Asylbewerbern liegt der Anteil an Männern im Alter zwischen 18 und 40 bei 30,8%. (Stand: 08/17; Deswegen sind übrigens tatsächlich nur weniger als 1/3 der Asylbewerber „junge Männer“, mehr dazu).

Und sozial schlechter gestellt sind sie allemal: Diejenigen, die zur Gruppe der „Zuwanderer“ gezählt werden, können und dürfen größtenteils nicht arbeiten, zusätzlich zu dem Faktor, dass sie sich auf der Flucht befinden und kulturelle, sprachliche und psychische Barrieren überwinden müssen, ist ihre soziale Situation selbstverständlich weitaus gravierender als die der Durchschnittsdeutschen und daher anfälliger für hohe Kriminalität.

Das BKA schreibt dies selbst:

„Diese Ergebnisse dürften „nicht mit der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung gleichgesetzt werden. Sie lassen auch keine vergleichende Bewertung der Kriminalitätsbelastung von Deutschen und Nichtdeutschen zu. Einem wertenden Vergleich zwischen der deutschen Wohnbevölkerung und den sich in Deutschland aufhaltenden Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit stehen (auch) das doppelte Dunkelfeld in der Bevölkerungs- und in der Kriminalstatistik sowie der hohe Anteil ausländerspezifischer Delikte und die Unterschiede in der Alters-, Geschlechts- und Sozialstruktur entgegen.“

Und zu letzt: Der Großteil der Opfer von Flüchtenden sind andere Flüchtende

Und wenn jetzt Flüchtende immer noch mehr Tatverdächtige sein sollten, auch wenn wir die Statistiktricks der Polizei herausrechnen, die unterschiedliche Alters-, Geschlechts- und Sozialstruktur berücksichtigen und das Anzeigeverhalten im Kopf behalten, das nicht zwingend mit der Täterschaft übereinstimmt, (die Anzeigebereitschaft ist statistisch höher, wenn Ausländer als Täter vermutet werden.) und man immer noch Flüchtende als Gefahr für Deutsche betiteln möchte, dann muss man immer noch dazu sagen, dass die allermeisten Opfer von Straftaten, die von Flüchtenden begangen werden, keine Deutschen sind, sondern andere Flüchtende.

Wenn wir mal kurz das PKS verlassen und uns das „Bundeslagebild Kriminalität im Kontext von Zuwanderung“ des BKA anschauen sehen wir: Bei 59% aller Opfer, die Flüchtlinge waren, war der Täter ebenfalls „Zuwanderer“. Der Gefahr, ausgehend von kriminellen „Zuwanderern“, sind vor allem andere „Zuwanderer“ und anerkannte Asylbewerber ausgesetzt.

Gefühlte Wahrheiten und der Wert von Zahlen

Statistiken und ihre Auswertungen sind keine so eindeutigen und objektiven Fakten, wie man vielleicht denken mag, was man auch an solchen Dingen sieht wie die veränderte Definition der Gruppe „Zuwanderer“, wenn nicht an der Tatsache, dass an der Erfassung der Daten Anzeigeverhalten der Bevölkerung und Kontrollverhalten der Polizei eine wesentliche Rolle spielen. Aber sie sind zuverlässiger als gefühlte Wahrheiten.

Wie in einem anderen  Artikel beschrieben, kann man sich durch selektive Wahrnehmung jedes Bild zusammenschustern, das man möchte. Auch unabsichtlich Man kann auch die Statistiken verkürzt wiedergeben und statistisch und soziologisch nicht gedeckte Behauptungen aufstellen, die das eigene Weltbild bestätigen. Doch die Realität ist komplexer als das. Die AfD jammert, dass Deutschland so unsicher sei. Natürlich tut sie das. Wie oben schon gesagt, profitiert sie von deiner Angst. Deshalb ist es umso wichtiger, wenn man sich an die härtesten Fakten hält, die man kriegen kann. Und die sprechen eine andere Sprache.

Also lass dich nicht durch gefühlte Wahrheiten dazu manipulieren, gegen Menschen zu hetzen, die so sind wie du und ich und unsere Gesellschaft durch künstliche Zuordnungen wie „Zuwanderer“ zu entzweien.

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1 Kommentar
  1. Ahmed Dilek sagt

    Bei 59% aller Opfer, die Flüchtlinge waren, war der Täter ebenfalls „Zuwanderer“.

    Was wollen sie damit sagen?Das Ausländer Opfer werden dürfen?

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