von Aleksej Tikhonov, osTraum.
Mix Markt wirbt kurz nach Kriegsbeginn für russisches Baltika-Bier – und bis heute steht die Marke im Regal. Eine Recherche folgt Lieferketten, Sanktionsspuren und einer Interslawisch-Influencerin: unpolitische Sprachromantik oder Brücke in den „Russkij mir“?
Mix Markt und Russland
Vom baden-württembergischen Herrenberg aus hat die Supermarktkette Mix Markt ein Imperium aufgebaut, das die Menschen in ganz Europa mit Lebensmitteln versorgt. Doch während in der Ukraine die Bomben fallen, stellt sich eine brisante Frage: Wie hält es der Milliarden-Konzern mit der Loyalität zu Russland? Eine Spurensuche zwischen Verkaufsregalen, verschwindenden Chat-Nachrichten und einer Interslawisch-Influencerin.
Eine Erfolgsgeschichte, wie sie im Buche steht. 1997 in Herrenberg, unweit von Stuttgart, gegründet, ist Mix Markt heute weit mehr als ein kleiner Spezialitätenladen. Mit fast 1,5 Milliarden Euro Umsatz und über 470 Filialen in Europa, von Belgien über Montenegro bis nach Zypern, ist das Unternehmen der unangefochtene Platzhirsch für Produkte aus einem bestimmten Segment: vereinfacht gesagt, aus den Nachfolgestaaten des Ostblocks, mit einem Schwerpunkt auf Russland. Die Standorte folgen Migrationsgeschichten. Wo Menschen vor allem aus Kasachstan, Russland oder der Ukraine eine neue Heimat fanden, da eröffnet ein Mix Markt. Doch was nach außen wie gelebte Integration durch Kulinarik wirkt, offenbart bei tieferer Recherche eine soziopolitische Grauzone.
Stiftung Haus der Geschichte und Mix Markt?
Wie ein aktuelles Beispiel zeigt, reicht der Einfluss der Supermarktkette Mix Markt weit über den Verkauf von Nostalgie-Produkten für osteuropäische Diaspora-Gemeinschaften hinaus. Bei einem Vor-Ort-Besuch bei der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn können Interessierte auf eine fragwürdige Form der Exponat-Wahl stoßen. In der aktuellen Ausstellung wird die hochkomplexe und über Jahrhunderte gehende Geschichte der Russlanddeutschen auf eine einzige Glasvitrine reduziert. Der Inhalt: Konserven, Lebensmittelverpackungen und eine Plastiktüte mit dem Logo von Mix Markt, auch auf der Vitrine selbst ganz groß das gleiche Logo.

Weitere Exponate, die der historischen Tiefe dieser Einwanderungsgruppe gerecht würden? Fehlanzeige. Eine offizielle Anfrage bei der Presseabteilung der Stiftung nach den Hintergründen dieser problematischen Repräsentation förderte eine Antwort zutage, die für Kopfschütteln sorgt. Anstatt die Kritik an der Verengung auf Konsumgüter zu entkräften, flüchtete sich die Stiftung in eine Argumentation, die juristische und historische Fakten gefährlich vermengt und verwechselt. Man verwies auf die Lebensdarstellung neben der Vitrine, in der es um eine Frau geht, die nach dem Kontingentflüchtlingsgesetz (offiziell: Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge) nach Deutschland gekommen ist.
„pro-russische Einflussnahme“ konnte nicht festgestellt werden
Dass die Einwanderung jüdischer Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion rechtlich im Rahmen humanitärer Hilfsmaßnahmen begründet und als Akt der Wiedergutmachung für NS-Unrecht gedacht ist, hier historisch und juristisch auf völlig anderen Fundamenten steht als die Geschichte der russlanddeutschen (Späte-)Aussiedler:innen, scheint den Verantwortlichen im Haus der Geschichte entgangen zu sein. Hier wird pauschalisiert, wo Differenzierung der Bildungsauftrag wäre. Relevant ist hier aber vor allem die Rechtfertigung für die Mix Markt-Exponate selbst.
Auf Nachfrage, warum ausgerechnet diese Kette als Symbol für eine ganze Bevölkerungsgruppe herhalten muss, teilte die Stiftung mit: Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin habe 2024 eine Filiale in Essen besucht, um die ausgestellten Objekte zu erwerben, was auf eine sehr bewusste Wahl der Ausstellungsstücke hinweist. Ihr Fazit nach einem Rundgang: Es seien auch ukrainische und bulgarische Waren gesichtet worden, Hinweise auf eine „pro-russische Einflussnahme“ konnten nicht festgestellt werden (Schriftverkehr liegt der Redaktion vor).
Ob ein kurzer Filialbesuch ausreicht, um die komplexe Importstruktur und die politische Ausrichtung einer europaweit agierenden Kette als unbedenklich einzustufen, ist mehr als fraglich. Unsere Recherchen werfen ein anderes Licht auf die Frage, ob der Mix Markt tatsächlich jener neutrale Ort ist, als den ihn die Kurator:innen in Bonn verkaufen.
Bier für Putin?
Anfang März 2022: Die Welt steht unter Schock. Seit knapp einer Woche rollen russische Panzer auf Kyjiw zu. Während globale Konzerne ihre Zelte in Moskau abbrechen, postet Mix Markt auf Instagram einen Werbe-Reel für „Baltika“. Es ist das Bier des gleichnamigen und eines des umsatzstärksten russischen Unternehmens. Für viele Follower:innen ein Schlag ins Gesicht. Doch Kritik wird im Keim erstickt. Kommentare, die darauf hinweisen, wie unpassend diese Werbung in Zeiten einer Vollinvasion ist, werden nach Recherchen des osTraum Journals gelöscht und als „Hass und Hetze“ bezeichnet.

Hinter den Kulissen gibt man sich deutlich schmallippiger. In Direktnachrichten an osTraum erklärte die Kette, man sei besorgt über die Situation in der Ukraine. Das Wort „Krieg“ oder gar eine Benennung Russlands als Aggressor? Fehlanzeige. Stattdessen schickt man Beweisvideos von LKW-Ladungen, auf denen „Ukraine“ steht. Das Kuriose: Diese Videos sind so eingestellt, dass sie nur ein einziges Mal abgespielt werden können. Eine öffentliche Kommunikation dieser Hilfsleistungen findet kaum statt. Es wirkt fast so, als wolle man zwar helfen, aber dabei bloß niemanden sehen lassen, auf welcher Seite man steht.
Zwei Tage später postete das Unternehmen dann doch eine Positionierung mit dem Hashtag #nowar und Formulierungen, wie „Krieg zwischen Russland und Ukraine“ sowie „Wir bedauern zutiefst, dass eine friedliche Beilegung des Konflikts im Vorfeld nicht gelungen ist“. Beide Formulierungen stellen Aggressor und Opfer gleich und blenden aus, dass es 2022 die Truppen Russlands waren, die in das Nachbarland großflächig und unter anderem über Belarus einmarschiert sind und Kyjiw einnehmen wollten, was ihnen aber misslungen ist.
Für Ukraine-Flüchtende und „Putinversteher“?
Warum diese Geheimniskrämerei um die Ukraine-Hilfe? Die Antwort liegt vermutlich in der Zusammensetzung der Kundschaft. Das Sortiment von Mix Markt lässt die Annahme zu, dass sie eine möglichst heterogene Gruppe anzusprechen versuchen: sowohl Menschen, die vor dem Krieg aus der Ukraine geflohen sind, als auch „Putinversteher“. Juristisch ist der Verkauf russischer Lebensmittel meist unbedenklich, da sie nicht unter die direkten EU-Sanktionen fallen. Doch ein unangenehmer Nachgeschmack und offene Fragen bleiben haften: Während ukrainische Marken wie das Bier Lvivske neben russischem Baltika im Regal stehen, versucht das Unternehmen den Spagat. Belegvideos für die Ukraine-Hilfe werden nicht öffentlich gepostet, was darauf schließen lässt, dass Mix Markt befürchtet, einen Teil seiner prorussischen Kundschaft zu verärgern.
Der erwähnte Baltika-Reel erschien am 1. März 2022. Es war eine Woche nach dem Beginn der Vollinvasion Russlands in die Ukraine. Nach der Kommunikationspanne und dem problematischen Produkt im Angebot, hätte die Folge im Unternehmen eine Due-Diligence-Prüfung der Lieferketten und Eigentümerstrukturen sein können, die bei 1,5 Milliarden Euro Umsatz finanziell kein Problem gewesen wäre. 2026 bietet Mix Markt immer noch Baltika an und bewirbt es mit dem Spruch „In Russland wird nicht nur Vodka getrunken“.
Sanktionierte Eigentümer
Auch aus Belarus liefert die Kette immer noch Lebensmittel, vor allem Algen und Fisch des deutsch-belarussischen Unternehmens Nord Port und des Mutterunternehmens Santa Bremor. In Polen steht der Eigentümer des Unternehmens, Alexandr Moschenksij, seit 2025 auf der Sanktionsliste, aber nach Deutschland muss man ja nicht unbedingt über Polen fahren bzw. die Waren ausliefern. Wenn es um Baltika geht, so hat es Mix Markt anscheinend auch nicht gestört, dass der in der EU ansässige Konzern Carlsberg nach einem Dekret Putins in Russland 2023 zum Verkauf gezwungen wurde und Baltika ins Staatseigentum überging.
Anfang 2024 hat das Unternehmen angefangen, Bier in besetzten Gebieten der Ukraine zu verkaufen, unter anderem in Donetsk und Mariupol. Wenige Monate später wurde die Marke aus dem Staatseigentum wieder entnommen und von Gennadij Timtschenko, einem engen Freund Putins, gekauft, der auch die Nachhilfelehrer seiner Söhne bezahlt, wie die Recherchen der Stiftung zur Korruptionsbekämpfung (FBK) des 2024 in russischer Haft tödlich vergifteten Politikers Alexey Navalny gezeigt haben.
Es stellt sich die Frage: Wollen so viele Menschen in Deutschland wirklich ein Bier aus Russland trinken, das einem Freund Putins gehört und Geschäfte in besetzten Gebieten macht? Die endgültige Antwort werden wir wohl nicht erfahren. Was aber keine besonders teure und zeitaufwendige Recherche wäre, ist die Nachverfolgung der Vita des neuen Werbegesichts des Unternehmens, der Interslawisch-Influencerin Tanya Inyshina: Hier einige ihrer Postings auf Instagram.

Tanya Inyshina
Wer sich für slawische Sprachen und/oder die Länder östlich und südöstlich der Oder interessiert und regelmäßig soziale Medien nutzt, stößt früher oder später auf Videos von Tanya Inyshina auf Instagram, TikTok oder bilibili - dem YouTube-Ersatz innerhalb Chinas. Entweder spielt der Algorithmus sie in den Feed oder jemand aus der eigenen Bubble teilt einen ihrer Clips. Die Content-Creatorin hat sich auf ein ungewöhnliches Thema spezialisiert: die interslawische Sprache.
Mit diesem Fokus erreicht sie inzwischen mehr als 570.000 Menschen auf Instagram und fast drei Millionen auf TikTok. In kurzen Videos erklärt Inyshina, dass Sprecher:innen slawischer Sprachen einander oft besser verstehen, als ihnen bewusst ist: „Egal, ob du Kroate, Belaruse oder Slowene bist – du wirst mich verstehen“, sagt sie in einem ihrer Clips. Auch Russen und Polen könnten sich zumindest teilweise verständigen, ebenso Bulgaren und Slowaken. Die Gemeinsamkeiten der Sprachen seien hörbar, würden jedoch durch historische Erfahrungen, politische Konflikte und Propaganda überlagert.
Die interslawische Sprache, so Inyshina, „sei kein Wunder, sondern ein Werkzeug: eine Brücke zwischen Brüdern“. Ihr Appell: das Gemeinsame nutzen und das Trennende hinter sich lassen. Die Botschaft klingt versöhnlich und idealistisch. Die interslawische Sprache erscheint dabei wie eine Art Esperanto für slawische Sprachgemeinschaften. Zwischen den Zeilen steht die Vision eines kulturellen Miteinanders jenseits von Krieg und Politik, getragen allein durch Sprache.

Ihr Werdegang wirft Fragen auf
Doch ein genauerer Blick auf den Werdegang der Content-Creatorin wirft Fragen auf. Das 2016 in Berlin gegründete osTraum Journal hat sich mit Inyshinas Biografie, ihren bisherigen Stationen und öffentlichen Auftritten beschäftigt. Dabei zeigen sich Aspekte, die über die sprachwissenschaftliche Idee hinausgehen und die das Bild der vermeintlich unpolitischen Brücke zwischen den Sprachen komplexer und parteiischer machen, als es auf den ersten Blick erscheint.
Tanya Inyshina wurde nicht über Nacht zur Influencerin für die interslawische Sprache. Noch bis 2023 veröffentlichte sie vor allem Inhalte aus dem Bereich Reiseblogging: Videos aus Indien, der Türkei, Kolumbien, Montenegro oder auch dem Schwarzwald gehörten ebenso zu ihrem Profil wie musikalische Clips, in denen sie Ukulele spielte. Ergänzt wurde das Programm durch „Fun Facts“ und gelegentlich weniger unterhaltsame „Facts“ über die Sowjetunion, seltener auch über andere Länder. Die Auswahl und Aufbereitung dieser Inhalte ist dabei nicht immer frei von Ungenauigkeiten. In einem Video etwa heißt es: „Wusstet ihr, dass es ein Land auf der Welt gibt, das keine Armee hat? Grenada!“ Tatsächlich existieren weltweit mehr als zehn Staaten ohne eigenes Militär.

Factchecking zählt nicht zu ihren Stärken
Factchecking zählt nicht zu den erkennbaren Stärken vieler ihrer Videos – ein Punkt, der später noch relevant wird. Bis heute finden sich auf Inyshinas Profil vereinzelt gesponserte Beiträge aus den Bereichen Fashion und Lifestyle. Das überrascht nicht: Zwei Karrieren liefen bei ihr lange parallel und tun es bis heute. Sowohl als Sängerin als auch als Model begann sie nahezu zeitgleich, wobei die Musik deutlich stärker den Verlauf ihrer öffentlichen Präsenz prägte als die Mode.
Musik spielt auch in weiteren Content-Ideen eine zentrale Rolle. So fragt Inyshina etwa, wie das sowjetische Lied Katjuscha, das oft als Volkslied missinterpretiert wird, wohl auf Interslawisch, Kasachisch oder Japanisch klingen würde, ohne den historischen Kontext zu erwähnen, in dem das Lied 1938/39 unter Stalin entstand und von einer Frau handelt, die auf ihren Mann an der „weit entfernten“ Front wartet.
Auch Experimente wie Rammstein auf Interslawisch oder als ein russisches Volkslied gehören zu ihrem Repertoire, ebenso wie ihre Version der „Internationalen“. Unterhaltsam sind diese Beiträge zweifellos, doch die Auswahl wirft Fragen auf: Warum gerade diese Lieder? Und welche historischen, soziokulturellen und politischen Bedeutungen bleiben dabei unerwähnt? Bevor jedoch der Blick auf diese inhaltlichen Leerstellen vertieft wird, lohnt sich ein kurzer sprachwissenschaftlicher Exkurs. Denn erst mit der interslawischen Sprache gelang Tanya Inyshina der Durchbruch zum viralen Content.
Was ist also Interslawisch?
Was ist also Interslawisch? Die Sprache medžuslovjansky jezyk (меджусловјанскы језык) ist eine noch junge, künstlich entwickelte Sprache. Sie entstand Mitte der 2000er-Jahre unter anderem durch den niederländischen Slawisten Jan van Steenbergen und den tschechischen Dozenten für Informationsmanagement und Softwaretechnik Vojtěch Merunka. Anders als viele konstruierte Sprachen verfolgt Interslawisch jedoch den Anspruch eines „natürlichen“ Charakters:
Es erfindet keine neuen grammatischen Strukturen, sondern versucht, bestehende Gemeinsamkeiten der slawischen Sprachen systematisch zusammenzuführen. Als eine der Grundlagen dient dabei das Altkirchenslawische – die älteste slawische Schriftsprache, die vor über 1000 Jahren im Zuge der Christianisierung der Slawen entwickelt wurde. Geschrieben wird Interslawisch überwiegend in kyrillischer Schrift. Sprachlich weist es besonders viele Gemeinsamkeiten mit dem Bulgarischen sowie mit den ostslawischen Sprachen Belarusisch, Russisch und Ukrainisch auf.
Hunderte Millionen potenzieller Sprecher
Nach Vorstellungen seiner Entwickler soll Interslawisch von nahezu allen Slaw:innen verstanden werden können, ohne dass sie die Sprache aktiv erlernen müssen. Optimistische Schätzungen sprechen von Hunderten Millionen potenzieller Sprecher:innen bzw. Versteher:innen. Realistischere Zahlen zeichnen jedoch ein anderes Bild: Weltweit beschäftigen sich vermutlich nur einige Tausend Menschen intensiver mit Interslawisch, während einige Zehntausend es eher als sprachliche Kuriosität wahrnehmen und auf Social Media verfolgen. Genau an diesem Punkt beginnt die kritische Betrachtung der Videos von Tanya Inyshina und der Art und Weise, wie sie Interslawisch ihrem Millionenpublikum präsentiert.
Unabhängig von seiner konkreten Entstehungsgeschichte lässt sich das Interslawische auch als eine Neuauflage einer älteren Idee lesen: des Panslawismus. Dieses politische Konzept entstand im 19. Jahrhundert und verfolgte das Ziel, alle slawischen Völker unter einer gemeinsamen kulturellen und politischen Identität zu vereinen. Wie eine solche Union aussehen sollte, darüber wurde intensiv diskutiert – von Intellektuellen in West-, Süd- und Ostslavia. In Russland existierte dabei von Beginn an eine eigene Variante des Panslawismus: die Vorstellung, die slawischen Völker unter russischer Führung oder zumindest unter russischer Schutzmacht zusammenzuführen.
Die Social-Media-Beiträge von Tanya Inyshina
Die Social-Media-Beiträge von Tanya Inyshina lassen sich vor diesem Hintergrund als eine Anknüpfung an genau diese Vorstellung lesen. Ihre wiederholten Appelle an eine „Einheit der Slawen“ knüpfen rhetorisch an panslawische Narrative an, ohne diese historisch oder politisch einzuordnen. Gleichzeitig werfen öffentlich zugängliche Selbstdarstellungen der Influencerin Fragen auf, insbesondere mit Blick auf ihre Positionierung seit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Nach der Ausweitung des russischen Krieges gegen die Ukraine im Februar 2022 veröffentlichte Inyshina auf TikTok mehrere emotional inszenierte Videos, darunter wieder das sowjetische Kriegslied Katjuscha am 26. Februar 2022 sowie eines mit der Botschaft: „Ich bin Russin, singe auf Ukrainisch, lebe in Kasachstan. Für den Frieden.“ – auf Russisch. Eine klare Distanzierung von Russland oder eine explizite Benennung des Krieges oder gar eine Verurteilung des Krieges blieb dabei jedoch aus. Auf dem russischen sozialen Netzwerk VK wiederum gibt Inyshina a. k. a. MARFFA Sankt Petersburg als ihren Standort an.
Stark vereinfachte und teilweise faktisch fragwürdige Darstellung globaler Machtverhältnisse
Im November 2024 erschien zudem ein Interview über ihre interslawischen Social-Media-Aktivitäten in der russischen Tageszeitung „Komsomolskaja Prawda“ (Die Wahrheit des Komsomol). Die Zeitung, einst eines der auflagenstärksten Medien der Sowjetunion und bis heute mit rund 165.000 Exemplaren täglich im Umlauf, ordnete das Thema in einen politischen Deutungsrahmen ein: Es wurde behauptet, Slaw:innen würden im Westen diskriminiert. Konkrete Belege oder Beispiele für diese These liefert der Artikel jedoch nicht. Auffällig ist zudem, dass der Text weniger ein Interview mit Tanya Inyshina selbst darstellt, sondern sich vor allem auf Aussagen von Mark Hučko stützt.
Hučko ist Linguist und Slawist aus der Slowakei, der Jahrzehnte in Kanada und der Schweiz gelebt hat. Er ist auch Entwickler der ebenfalls künstlichen, aber einer weniger verbreiteten, slawischen Sprache Slovio. In dem Artikel äußert er, Russen würden derzeit im Westen diskriminiert, Osteuropa sei zur „Kolonie des Westens“ geworden, während Angelsachsen und Franzosen Nordamerika beherrschten. Mit Slawen werden also eher Russen gemeint. Warum russische Staatsbürger:innen heute plötzlich vielerorts auf Ablehnung stoßen, bleibt unerwähnt. Auch die stark vereinfachte und teilweise faktisch fragwürdige Darstellung globaler Machtverhältnisse wird nicht weiter eingeordnet oder hinterfragt.
in der Nähe von Putin?
Im Abschnitt über Tanya Inyshina in „Komsomolskaja Prawda“ nennt sie schließlich einen weiteren biografischen Ort: Sie sei in Walday geboren – jener Stadt, in deren Nähe sich eine der Residenzen von Putin befindet. Dieser Umstand mag zufällig sein. Weniger zufällig wirkt jedoch Inyshinas wiederkehrendes Interesse an bestimmten ideologischen und kulturellen Strömungen. So finden sich in ihren Beiträgen Sympathiebekundungen für die UdSSR, kommunistische Symbolik oder auch direkt und unmissverständlich „Lasst uns auf die Heimat trinken! Lasst uns auf Stalin trinken!“.
Auch russisch geprägte panslawische Ideen sowie für neo-heidnische slawische Glaubensvorstellungen gehören dazu. Letztere werden von ihr unter anderem als „slawisches Horoskop“ präsentiert. In der Realität handelt es sich dabei um ein eklektisches Konstrukt aus Elementen des Hinduismus, nordischer Mythologie und stark romantisierten Vorstellungen eines vorchristlichen Slawentums. Dass solche Konzepte insbesondere in rechtsextremen und neonazistischen Milieus in vielen slawischen Ländern verbreitet sind, bleibt in ihren Darstellungen unerwähnt. Auch die Verwendung von Symbolen wie der Swastika oder der sogenannten Siegesrune in diesem Kontext scheint für Inyshina unproblematisch zu sein – sie werden als „slawisch“ gerahmt.
Die Faszination Tanya Inyshinas für sowjetische Symbolik reicht dabei weit über musikalische Experimente hinaus. Lieder wie „Katjuscha“ markieren lediglich den Einstieg. In ihren sozialen Netzwerken finden sich zudem Fotos, auf denen sie mit einem Gewehr aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs posiert, ebenso wie Aufnahmen in historischer Feld- und Paradeuniform. Der 9. Mai, in Russland als „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland begangen, dient regelmäßig als Anlass für musikalische Postings, auch wenn 2022 der Post deutlich weniger patriotisch wurde.

Warum gehören sowjetische Lieder zum Repertoire der interslawischen Influencerin?
Wer darin noch keine eindeutige Ästhetik erkennt, konnte diese spätestens bei Inyshinas Konzerttour „Hits sowjetischen Schlagers“ nachvollziehen. Zu ihrem Repertoire gehören Lieder wie „Als wir im Krieg waren“ auf VK, „Ein Brief an den Soldaten. Wie geht es dir im Dienst?“ auf RuTube oder „Er bekam einen Marschbefehl gen Westen“ auf Odnoklassniki. Die meisten dieser Lieder hat sie auf dem YouTube-Kanal mittlerweile privat gestellt, weshalb sie zwar nicht mehr aufrufbar, aber über Suchmaschinen ihre Spuren immer noch auffindbar sind.
Die Konzerte fanden nach Februar 2022 – also nach der Ausweitung des russländischen Angriffskrieges gegen die Ukraine – in Russland und Kasachstan statt. In einem Interview mit dem kasachischen Medium „Vestnik ‚Arsk’“ wurde Inyshina auf diese Repertoirewahl angesprochen. Ihre Antwort wirkt zunächst unpolitisch, bleibt jedoch bemerkenswert eindeutig: Sie erhalte diese Frage häufig, erklärte sie, doch gerade dieses Repertoire liege ihr am nächsten. Zwar könne sie auch auf Spanisch oder Englisch singen, Jazz interpretieren oder andere Genres bedienen. „Sowjetisches Retro“, russische Volkslieder und Folklore seien jedoch für sie am „harmonischsten“ und „ehrlichsten“. Diese Musik fühle sie am stärksten – deshalb spiele sie sie, um „natürlich rüberzukommen“.
Auch in ihren aktuellen Social-Media-Videos setzt sich diese Linie fort. In einem der jüngsten Clips aus Amsterdam begrüßt Inyshina ihr Publikum zunächst auf Russisch, bevor sie ins Interslawische wechselt. Ihre interslawischen Lieder – etwa die auf Russisch betitelte „Hymne der Slawen“ – werden von Fans in Russland weiterverbreitet und in Kommentaren als potenzieller künftiger Eurovision-Beitrag gefeiert. Eine Fantasie, die nicht zuletzt deshalb Raum bekommt, weil Russland seit 2022 aufgrund des Angriffskrieges gegen die Ukraine vom Wettbewerb ausgeschlossen ist.
Werbepartnerschaft mit Mix Markt
In dieser Recherche wurde nur ein Teil jener Aspekte zusammengetragen, die den öffentlichen Auftritt der viralen Content-Creatorin problematisch erscheinen lassen. Am Ende stellt sich dennoch eine zentrale Frage: Ist Tanya Inyshina überhaupt relevant für Deutschland, Österreich und die Schweiz? Ihr Publikum ist international, eine klar umrissene Anhängerschaft im deutschsprachigen Raum scheint auf den ersten Blick nicht erkennbar. Die Antwort fällt dennoch eindeutig aus: ja. Nicht nur, weil soziale Medien und ihre Algorithmen ihre Inhalte auch bei uns verbreiten, sondern vor allem, weil Mix Markt eine Werbepartnerschaft mit ihr eingegangen ist.

Das Unternehmen positioniert sich als Anbieter internationaler „osteuropäischer“ Produkte. In den Filialen, wie auch in den Werbevideos mit Tanya Inyshina, dominieren jedoch klar russische Sprache, russische Symbolik und manchmal auch Bezüge zur Sowjetunion. Damit stellt sich eine weitergehende Frage: Welches „Osteuropa“ wird hier eigentlich repräsentiert und reproduziert? Ein kulturell vielfältiger Raum oder ein nostalgisch verklärtes Bild aus Zeiten des Warschauer Pakts? Und wollen wir diese Narrative, diese Ästhetik und die damit verbundenen Ideen wirklich unterstützen?
Klar ist am Ende unserer Recherche, dass die Creatorin aus ihrer Sicht gutmütige Absichten verfolgt, die vom bedingungslosen Frieden und Freundschaft unter allen Slaw:innen geprägt sind. Doch immer wieder kommt es auf dasselbe hinaus: Frieden und Freundschaft unter russischer Führung, bei der das Interslawische keine virale Kuriosität bleibt, sondern zu einer Brücke ins „Russkij mir“ („Die Russische Welt“) wird und zahlreiche Narrative populär macht, die sich mit hybrider Kriegsführung Russlands, vor allem im Internet, stark überschneiden.
Artikelbild: Screenshots instagram.com. Der Originalbeitrag ist bei osTraum erschienen. Aleksej Tikhonov (@derslawist.bsky.social) ist promovierter Slawist und Linguist an der Universität Zürich und Mitbegründer des osTraum Journals. Vielen Dank für Hinweise an Ira Peter („Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“, Goldmann/Bundeszentrale für politische Bildung).
Artikelbild: Screenshots Tanya Inyshinas Instagram Seite.
