So verharmlost die BILD die Corona-Lage mit der Inzidenz-Karte

| Corona-Fake | 20. April 2021

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So verharmlost die BILD die Corona-Lage mit der Inzidenz-Karte

Von Larena Klöckner

Manipulation per Inzidenz-Karte? Die Wiedergabe und Aufbereitung korrekter Fakten und Daten bilden das Fundament medialer Berichterstattung. Ohne diese geht nichts, sollte man meinen. Umso erschreckender ist es, dass die BILD – auflagenstärkste Zeitung in Deutschland – dieses Fundament anscheinend ab und an vergisst. Doch ohne Fundament kein Gebäude. Ohne einheitliche Faktenwiedergabe keine Klarheit. Dabei ist diese aktuell wichtiger denn je. Coronaleugner:innen, Verschwörungserzähler:innen und Rechtspopulist:innen, sie alle versuchen Klarheit verschwimmen zu lassen. Durch die Veröffentlichung verzerrter Grafiken wird die BILD zur Steigbügelhalterin dieser gefährlichen Gruppen.

Grafiken sollen vor allem eins: Einen schnellen und aussagekräftigen Überblick geben. Kaum verwunderlich also, dass sie gerade während der Corona-Pandemie für viele als zentralen Anhaltspunkt dienen. Die neusten Entwicklungen rund um das Virus auf einen Blick – zeitsparend und selbsterklärend. So hat vermutlich fast jede:r schon mal einen Blick auf die 7-Tage-Inzidenz-Karte geworfen. Sie scheint fester Bestandteil des Alltags geworden zu sein. Mehr noch: Die 7- Tage-Inzidenz ist Richtlinie und Anhaltspunkt, um bei all den neuen Entwicklungen nicht den Überblick zu verlieren. Doch genau dieser Überblick ist es jetzt, den man verlieren zu scheint, wenn man sich die Grafik der BILD anschaut.

Der Grund? Willkürlich scheinende Verkürzungen der Farbskalen. Dabei sind genau diese das Entscheidende der 7-Tage-Inzidenz-Karten. So werden Bundesländer und Landkreise je nach Neuinfektionen farblich unterteilt. Dunkle und rote Werte standen seit Beginn der Pandemie für hohe Infektionszahlen. Je heller die Färbungen wurden, desto geringer die Neuinfektionen. So weit, so eindeutig. Nicht jedoch bei der BILD. Auch wenn längst bekannt ist, dass sich diese durch reißerische Überschriften und Texte auszeichnet, kann bei irreführenden und verzerrenden Darstellungen nicht länger nur von Clickbaiting gesprochen werden.

Grünes Licht gibt nur die BILD

So hieß es in der BILD-Zeitung am 20.03.2021 „Alles im grünen Bereich“ (Quelle). Dabei ist das Lesen dieser Überschrift gar nicht nötig, um den Eindruck zu bekommen, die Pandemie hätte in Deutschland eine unerwartete Pause eingelegt.

Denn der Blick auf die Inzidenz-Karte zehn Tage zuvor zeigte schon vor allem eins: Grün (Quelle). Grünes Licht also? Das Ende der Pandemie und der Beweis dafür, dass die Corona-Skeptiker:innen sehr wohl die ganze Zeit recht und die Wissenschaft unrecht hatte? Keinesfalls! Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI), auf die sich laut Quellenangabe der BILD bezogen wird, sagen nichts von alledem aus (Quelle).

Dennoch dominieren die hellen Farben Grün und Gelb auf der Grafik. Erfahrungsgemäß die Farben, die Entwarnung suggerieren. Wie kann das sein?

Die Legende der Grafik unterscheidet drei Farben. Grün kennzeichnet Orte, die in den vergangenen sieben Tagen auf 100.000 Einwohner:innen unter 50 Neuansteckungen verzeichnen. Gelb steht für 50 bis 100 Neuinfektionen und Rot für alle Werte über 100 (Quelle). Auf den ersten Blick scheint an der Skalierung nichts verwerflich – zumal Einteilung und Farbschema deutlich an der Legende ablesbar sind.

Problematisch wird es jedoch, wenn man die vorherigen Inzidenz-Karten heranzieht. So zeigt die vom 10.02.2021 auf Anhieb ein ganz anderes Farbschema: Dunkel und Rot (Quelle). Die naheliegendste Schlussfolgerung wäre also, dass die Zahlen der Neuansteckungen innerhalb eines Monats immens gesunken sind. Doch dies ist nicht der Fall (Quelle). Denn nicht sinkende Inzidenzen sind der Grund für die veränderte Karte, sondern die neue Legende. Diese sah noch im Februar ganz anders aus.

Zum einen wurden in der alten Inzidenz-Karte sechs statt drei Unterteilungen vorgenommen, wie auch der Tweet des Medienjournalisten Stefan Niggemeier zeigt (Quelle). Die Farbe Grün kam – im Gegensatz zur neuen und aktuellen Karte – erst gar nicht vor. Die niedrigste Skalierung – eine Inzidenz zwischen 5 und 25 auf 100.000 Einwohner:innen – wurde durch ein helles Gelb veranschaulicht. Danach folgte die Farbe Orange mit 25 zwischen 50 Neuansteckungen. Hell- bis Mittelrot wurden alle Gebiete gefärbt, die eine Inzidenz zwischen 50 und 250 aufwiesen. Für Inzidenzen über 250 und 500 wurden die Farben Dunkelrot und Magenta verwendet (Quelle).

Grafiken sorgen für Verwirrung statt Klarheit

Was hat sich also verändert? Gelbe und orangene Landkreise standen bislang für Inzidenzen zwischen 0 und 50. Das sind niedrige Werte, betrachtet man die aktuelle durchschnittliche 7-Tage Inzidenz für Deutschland, die bei rund 165 Fällen pro 100.000 Einwohner:innen liegt (Quelle). Nun wird die Farbe Grün – die zuvor nicht mal verwendet wurde – für Inzidenzen unter 50 herangezogen. Aus Hellrot wird also kurzerhand Grün. Diese Verschiebung und Verkürzung der Skala führt BILD munter fort: Die Farbe Gelb – vorher für die niedrigsten Werte bis 25 zuständig – schließt großzügig Inzidenzen bis 100 mit ein. Rot – wohlgemerkt helles Rot – wird erst ab über 100 Neuinfektionen verwendet.

Diese Änderung der Skala ist aus mehreren Gründen fatal. Viele Leser:innen, die sich an der hellen Inzidenz-Karte der BILD orientieren, haben dies mit hoher Wahrscheinlichkeit auch vor einem Monat getan. Die neue Karte vom 10.03.2021 suggeriert auf allen Ebenen eins: Entwarnung. Entwarnung dort, wo es nachweislich keinen Grund zur Entwarnung gibt. Zudem spielt die verharmloste helle Karte all jenen in die Hände, die ohnehin der Meinung sind, die Angaben der Institute und Medien seien falsch.

Natürlich lässt sich sagen, dass die Zahlen des RKI, auf die sich die BILD bezieht, richtig sind. Doch die BILD sollte nicht erwarten, dass ihre Leser:innen die angeführten Statistiken und Befunde bei der angegebenen Quelle nachrecherchieren. Vor allem dann nicht, wenn sie glauben, dass dies bereits getan und in einer anschaulichen Grafik aufbereitet wurde. Die BILD führt hier in die Irre, statt Klarheit zu schaffen.

BILD-Kritik an Tagesschau-Karten erscheint in neuem Licht

Besonders aberwitzig erscheint das Vorgehen der BILD vor dem Hintergrund der von ihnen erhobenen Vorwürfe gegen die Tagesschau. So warf die BILD dieser am 11.04.2021 vor, die Karten absichtlich dunkler gefärbt zu haben, um die Corona-Lage zu dramatisieren (Quelle). Doch was ist an den Vorwürfen dran?

Auf dem Instagram-Kanal der Tagesschau sind zwei Inzidenz-Karten zu sehen – beide mit unterschiedlichen Farbskalierungen. So ist die eine überwiegend orange, während die andere von dunkelroten Farben dominiert wird. Die Karte vom 17.03.2021 ordnet Inzidenzen bis 100 orange ein (Quelle), während diese Farbe am 9.04.2021 nur noch Inzidenzen bis 35 umfasst (Quelle). Ab 50 Neuinfektionen wird schon die Farbe Rot verwendet. Was auf dem ersten Blick nach einer gezielten Manipulation aussehen mag, hat jedoch andere Gründe.

Andere Medien – andere Karten

In einem Faktencheck der Tagesschau vom 13.04.2021 (Quelle) hat sie dazu Stellung bezogen. „Die tagesschau hat im Fernsehen und im Web unterschiedliche Farbskalen bei Corona-Karten verwendet“, heißt es. Es handle sich also um Grafiken, die in unterschiedlichen Medien ausgespielt worden seien. So wurde die helle Karte in den Fernsehbeiträgen der Tagesschau verwendet. Diese werde jedoch nicht für die Online-Ausgabe der Tagesschau eingesetzt, da sie nicht interaktiv verwendbar sei, wie es vonseiten der Tagesschau heißt. Aus diesem Grund gebe es eben die zweite Karte – die mit den dunkleren Rottönen. Sie ist nach Angaben der Tagesschau seit Oktober 2020 online abrufbar.

Diese Inzidenz-Karte weist eine feinmaschigere Kategorisierung auf und – aufgrund der höheren Zahl von Kategorien – andere Farben. Wie die Tagesschau außerdem schreibt, seien in der interaktiven Online-Version aufgrund des Pandemiegeschehens neue Kategorien hinzugekommen. Damit sind detailliertere Erkenntnisse über die Landkreise möglich, was einen Zugewinn an Information bringt. Warum die Einteilung nicht auch in der Fernseh-Grafik aktualisiert wurde, erwähnt die Tagesschau in der Stellungnahme jedoch nicht. Aufgrund der wachsenden Verbreitung von Fake News ist es wichtig, Kritik an Ungereimtheiten zu äußern. Grundsätzlich ist es also gut, die Darstellung der Tagesschau kritisch zu hinterfragen.

Was die öffentliche Diskussion angeheizt hat, war jedoch nicht die Darstellung an sich, sondern ein ungünstiger Vergleich. Fehlerhafterweise hat das Social-Media-Team die – eigentlich nicht vergleichbaren – Karten im gleichen Rahmen und in gleicher Darstellung auf dem Instagram-Profil der Tagesschau ausgespielt und somit den Eindruck von Vergleichbarkeit erzeugt. Kritik in den sozialen Medien ließ nicht lange auf sich warten – auch die BILD sprang auf den Zug der Empörung auf (Quelle).

Verkürzte Darstellungen setzen falsche Signale

Dabei liegt der Unterschied zur BILD-Zeitung auf der Hand: Während der Tagesschau gezielte Manipulation vorgeworfen wird, kursierten hier letztlich zwei Darstellungen für zwei verschiedene Zielgruppen. So geht die Online-Inzidenz-Karte aufgrund der interaktiven Elemente und der feinmaschigeren Kategorisierung eher auf die Bedürfnisse des Online-Publikums ein. Dem ist auch geschuldet, dass sie sich von der Fernsehgrafik unterscheidet. Wie die Tagesschau mitteilte, sollen die Karten nun vereinheitlicht werden, um solche Unklarheiten zu vermeiden (Quelle). Die BILD-Zeitung hingegen hat ihre Karte auf allen Kanälen einheitlich aktualisiert – und tut das nach wie vor. Bei BILD LIVE, online und in der Print-Ausgabe (Stand: 19.04.2021).

Anstatt jedoch mehr Kategorien und damit mehr Information zu ermöglichen, hat sie die Kategorien stark vereinfacht und von sechs auf drei eingedampft. Während sich die Tagesschau-Karte mit ihrer Erweiterung den steigenden Inzidenzwerten angepasst hat, wählt die BILD also den gegenteiligen Weg. Sie verkürzt damit nicht nur den aktuell wohl wichtigsten numerischen Anhaltspunkt in der Pandemie auf drei Kategorien, sondern setzt durch ihre Farbgebung auch falsche Signale. Sie verzerrt und verharmlost damit die Corona-Lage, anstatt ihrer journalistischen Pflicht nachzukommen, Daten und Fakten korrekt wiederzugeben und einzuordnen.

Autorin: Larena Klöckner. Artikelbild: Screenshots bild.de

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