Faktencheck: Wie dich Pandemie-Leugner über das PCR-Test-Urteil aus Portugal belügen

| Corona-Fake | 30. November 2020

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Das Portugal-Urteil sagt nicht das, was sie dir erzählen, das es tun würde

PCR-Tests sind zuverlässig und eine wissenschaftlich und juristisch legitime Grundlage für die Corona-Maßnahmen, das ist Fakt. Pandemie-Leugner:innen wollen euch aber derzeit etwas ganz anderes verkaufen – und Volksverpetzer deswegen sogar verklagen. Seit über einer Woche gehen Pandemie-Leugner:innen und Fake News-Blogs mit einem Urteil aus Portugal hausieren, in der Hoffnung, dass die meisten Menschen sich nicht mit der eigentlichen Materie beschäftigen, sich juristisch und wissenschaftlich nicht auskennen und ihnen einfach ihre Falschbehauptungen ungeprüft glauben.

Denn Fakt ist: Das Urteil in Portugal widerlegt nicht den allgemein anerkannten Stand der Wissenschaft und hat so oder so keinerlei Auswirkungen auf die deutsche Rechtsprechung. Ein ähnliches Urteil wird nicht und könnte nicht die juristische Grundlage der Corona-Maßnahmen in Deutschland widerlegen, auch wenn euch die Influencer:innen was anderes erzählen. Auch sind PCR-Tests zuverlässig und weisen eindeutig Corona-Infektionen nach und die hier aufgezählten Studien zeigen auch, dass die meisten Infizierten auch ansteckend sind. Das wurde im Urteil auch nicht juristisch widerlegt.

Was genau wurde geurteilt und warum

Richter aus Portugal entschieden, dass ein konkreter Fall von vier Personen nicht ausreichend begründet war, um eine Quarantäne für alle vier Touristen in einem Hotel zu verhängen. Es wurde eine Person positiv getestet. Es ging also konkret um die Aufhebung einer Quarantäne von vier bestimmten Personen und war kein Grundsatzurteil in dem Sinne, wie es nun gerne geteilt wird. Die Aufhebung wurde im Grunde auf zwei Dingen begründet: Sie urteilten, dass eine ärztliche Diagnose zum positiven Testergebnis nötig gewesen wäre und hier nicht erwiesenermaßen vorlag (In Deutschland wird in der Regel immer ein laborärztlicher Befund ausgestellt).

“Es gibt keinen Beweis dafür, dass diese Diagnose tatsächlich von einem Fachmann durchgeführt wurde, der nach dem Gesetz qualifiziert ist und in Übereinstimmung mit guter medizinischer Praxis gehandelt hat”.

Und unter Berufung auf Jaafar et al. (2020; https://doi.org/10.1093/cid/ciaa1491 Die Studie stellt fest, dass infiziert und infektiös korreliert, später mehr dazu!) kommt das Gericht zu dem Schluss, dass „wenn eine Person durch PCR als positiv getestet wird, wenn ein Schwellenwert von 35 Zyklen oder höher verwendet wird (wie es in den meisten Labors in Europa und den USA als Norm angenommen wird), die Wahrscheinlichkeit, dass diese Person infiziert ist, <3% beträgt und die Wahrscheinlichkeit, dass das Ergebnis ein falsches Positiv ist, 97% beträgt“. Das Gericht stellt ferner fest, dass der Schwellenwert für die Zyklen, der für die derzeit in Portugal durchgeführten PCR-Tests verwendet wird, unbekannt ist.”

[Achtung: Die Studie zeigt aber auch, dass mit 25-Zyklen 70% der Patient:innen auch wirklich infektiös sind und bei 30 immerhin noch 20%. Das heißt NICHT, dass die meisten Tests so viele Zyklen brauchen, im Gegenteil.]

Unter Berufung auf Surkova et al. (2020; https://www.thelancet.com/journals/lanres/article/PIIS2213-2600(20)30453%E2%80%937/fulltext) stellt das Gericht aus Portugal weiter fest, dass jeder diagnostische Test im Kontext der tatsächlichen Krankheitswahrscheinlichkeit interpretiert werden muss, wie sie vor der Durchführung des Tests selbst eingeschätzt wird, und äußert die Meinung, dass „in der gegenwärtigen epidemiologischen Landschaft die Wahrscheinlichkeit zunimmt, dass Covid-19-Tests falsch-positive Ergebnisse liefern, was erhebliche Auswirkungen auf den Einzelnen, das Gesundheitssystem und die Gesellschaft hat“.

Also

Konkret heißt das: Die Richter haben die beiden Studien falsch verstanden und denken, dass es wahrscheinlich ist, dass es viele falsch positiv Fälle gibt und dass somit *juristisch* nicht eine Infektion im Sinne der portugiesischen Gesetze vorliegen würde, die Quarantäne-Auflagen begründen könnten. Sie stützen das Urteil weiterhin darauf, dass keine ärztliche Bescheinigung vorgelegen hat, dies aber State of the Art sein sollte. Die Fake-News-Schleudern der Pandemie-Leugner:innen und Querdenker:innen behaupten jetzt aber, dass vor Gericht bewiesen worden wäre, dass PCR-Tests unzuverlässig seien. Was falsch ist. Und sie behaupten, dieses Urteil werde in Deutschland auch entscheindend sein. Was definitiv falsch ist, ausländische Urteile haben auf deutschem Rechtsgrund keine Gültigkeit.

Wo die Richter aus Portugal Recht haben

Ein positiver PCR-Test zeigt nicht eindeutig Infektiosität, also ob man ansteckend ist. Aber er stellt fest, dass die Person entweder bereits infiziert war, gerade wurde oder infiziert ist. Ansteckend kann sie sein, werden oder schon gewesen sein. Technisch gesehen ist aber für Quarantäne natürlich relevant, ob man ansteckend ist. Eine Isolation, obwohl man nicht (mehr) ansteckend ist, ist natürlich theoretisch sinnlos. Warum das aber für Quarantäne-Auflagen und insbesondere die deutsche Rechtsprechung irrelevant ist, dazu kommen wir später.

Außerdem stimmt es: Je höher der Ct-Wert, desto weniger Material muss zugrunde liegen, um dennoch ein positives Testergebnis hervorzurufen. Und desto unwahrscheinlicher ist man ansteckend. Die Richter wussten anscheinend nicht, wie hoch der Wert in dem konkreten Fall war und haben die Studien so interpretiert, dass die meisten Tests einen hohen CT-Wert besitzen, wahrscheinlich nicht ansteckend waren und unzuverlässig wären (, was aber nicht stimmt). Sie sind also quasi einfach von höheren CT-Werten ausgegangen, womit das Urteil mehr Sinn ergibt.

Und ja, die Beurteilung in Bezug auf Diagnostik + Einschätzung aufgrund der CT-Werte sollte ein Arzt durchführen, eben um zum Beispiel CT-Werte in die Berücksichtigung mit einzubeziehen. (Aber das ist in Deutschland Standard, weswegen bereits der Teil des Urteils keine Rolle für Deutschland spielt). Da weder die Richter noch ein Arzt in dem konkreten Fall die Zuverlässigkeit einer nachgewiesenen, positiven Infektion bestätigen konnten, entschieden sie sich also so.

Wo die Richter aus Portugal Unrecht haben

Die Richter haben bei ihrem Urteil aber ihre wissenschaftlichen Studien falsch verstanden. Sie glauben, dass “die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person ein falsches Positiv erhält, 97% oder höher ist”. Aber das trifft nur auf CT-Wert von 35 oder höher zu. Portugiesische Wissenschaftler widersprechen aber, dass in “42% der positiven Tests nur 25 oder weniger Zyklen nötig waren”, und dass es “wissenschaftliche Beweise für die hohe Fähigkeit des Virus, sich von “positiven” Fällen auf weniger als 25 Zyklen zu verbreiten” gibt (Quelle). Das bestätigt übrigens die Studie, die die Richter selbst herangezogen haben! Sprich: Die Studie zeigt, dass die meisten Infizierten auch ansteckend sind!!

In Deutschland kann übrigens ein Arzt unter bestimmten Bedingungen und bei einem CT-Wert von über 30 die Entlassung aus der Isolation ermöglichen (Quelle).

Also: Während es zwar richtig ist, dass ein PCR-Test nicht direkt Infektiosität nachweist, so haben die Richter sich aber geirrt, dass PCR Tests nicht ziemlich zuverlässig Infektionen an sich anzeigen. Sie haben geschrieben, dass PCR-Tests grundsätzlich zu 97% falsch liegen würden, was einfach völlig realitätsfern ist, sie liegen sogar öfter als 95% richtig. Die Richter denken fälschlicherweise, dass die Korrelation zwischen positiver PCR-Tests (nachgewiesene RNA-Sequenzen) und Infektion viel unsicherer sei als in Realität. Sie glauben auch, dass eine “absolute” Korrelation notwendig sei, was nicht stimmt. Die portugiesischen Experten bezeichnen das als “unverantwortlich” und “falsch”.

“PCR-Tests haben eine Spezifität und Sensitivität von mehr als 95%. Das heißt, in der überwältigenden Mehrheit der Fälle weisen sie das Virus nach, das Covid-1”, erklärte Vasco Barreto, Forscher am Zentrum für das Studium chronischer Krankheiten (Cedoc) der Fakultät für Medizinische Wissenschaft der Universidade Nova de Lisboa. Er sagte, dass die Richter die Studien “völlig falsch gelesen” haben (Quelle). Im Grunde: Je weniger Verdopplungen notwendig sind, desto wahrscheinlicher ist die Person auch infektiös! Die Laborärzt:innen können das dann vor Ort im Einzelfall beurteilen.

PCR-Tests weist Infektion nach. Wenn du Covid-Stücke in dir hast, wie kamen sie sonst da hin?

Damit die PCR ein Virus nachweisen kann, muss es sich irgendwann mal vermehrt haben. Daher weist eine PCR faktisch eine Infektion nach, das ist eine wissenschaftlich sehr große Korrelation (Quelle). Ein Sprecher der Arzneimittelbehörde Swissmedic in der Schweiz erklärte: „PCR-Tests können Nukleinsäure des neuen Coronavirus und damit eine Infektion mit dem Virus empfindlich nachweisen und zeigen, dass ein infektiöses Virus auf den Patienten übertragen worden ist“ (Quelle).

Der PCR-Test weist also sehr zuverlässig eine Infizierung nach, unabhängig, ob man infektiös ist (Quelle). Prof. Dr. Löffler von der Uni Leipzig, Institutsdirektor der Medizinischen Informatik: “Eine hohe RNA-Last kann nicht in die Nase kommen, ohne dass Viren dort repliziert worden sind” (Quelle).

Fun fact:

Pandemie-Leugner:innen argumentieren hier gleichzeitig, dass es eine extrem hohe Dunkelziffer gäbe und schon viel mehr Menschen Corona gehabt hätten (ohne es zu merken). Das ist ihre Begründung für die Fake News, dass Corona viel ungefährlicher sei. Hier aber behaupten sie, dass die meisten der positiven PCR-Tests fehlerhaft seien. Wenn wirklich 97% der positiven Tests gar keine Infektion nachweisen würden, würde das ja heißen, dass Corona EXTREM tödlich ist. Die Toten DURCH Corona sind ja da (In dieser Studie starben 89% AN Corona, die MIT Corona starben, Quelle).

Stirbt man AN oder MIT Corona? Molekularbiologe zerlegt Verharmloser

Warum das für Deutschland und Quarantänebestimmungen ohnehin keine Rolle spielt

In Deutschland sind nur ärztliche Tests zugelassen (“Die Bewertung, ob der Nachweis auf eine akute Infektion hinweist, muss unter Berücksichtigung der Eigenschaften der jeweils verwendeten Tests, ggf. durchgeführten Voruntersuchungen und anamnestischen Angaben durch das diagnostizierende Labor im Rahmen des laborärztlichen Befundes erfolgen.” Quelle, Quelle).

Selbst wenn ein deutsches Gericht jetzt fälschlicherweise zum Schluss kommen würde, dass ein PCR-Test keine Infektion nachweisen würde, würde das NICHT die Corona-Maßnahmen nach deutschem Recht kippen. Das IfSG ist nicht auf nachgewiesene Infektionen begründet. Die durch den PCR nachgewiesenen RNA-Stücke des Virus reichen auch. Ein Patient mit einem Ct-Wert von z.B. 38 hatte nach derzeitigem Stand eine Infektion erlebt, die entweder sich gerade aufbaut, abflacht oder in tiefere Atemwege absteigt. Das reicht für einen Anfangsverdacht aus, kann aber durch Klinik und weitere Diagnostik untersucht werden.

Im Deutschen Gesetz steht, dass es sich um eine Infektion handelt, wenn “die Aufnahme eines Krankheitserregers und seine nachfolgende Entwicklung oder Vermehrung im menschlichen Organismus” vorliegt (§ 2Ifsg 2).

Der Fall wäre auch in Bezug auf mangelnde Arzt-Diagnose auch so vor deutschen Gerichten so entschieden worden, aber juristisch reicht ein PCR-Test. Ein deutsches Gericht würde deswegen keine ausreichende Begründung feststellen. Portugal erkennt damit quasi an, dass sie deutsche Standards anwenden müssen. Für Deutschland ist das Urteil ziemlich unspektakulär.

Warum PCR-Test /= Infektion zu STRENGEREN Maßnahmen führen würden, nicht zum “Ende der Pandemie”

Also: Die zwei relevanten Punkte des Urteils aus Portugal – mangelnde Arztdiagnose und angebliche Unzuverlässigkeit der PCR Tests als *juristische* Grundlage – treffen beide nicht auf Deutschland zu. PCR-Tests weisen definitiv Infektionen nach, werden in Laboren mit angestellten Mediziner:innen durchgeführt und damit sind die Corona-Maßnahmen in Deutschland auch begründet, auch wenn Pandemie-Leugner:innen euch was anderes erzählen.

Gehen wir aber mal hypothetisch davon aus, dass man vorschlagen würde, dass nicht jede:r Infizierte in Quarantäne muss, sondern nur jede:r, der oder die auch ansteckend ist. Denn die meisten Infizierten sind zwar ansteckend, wie die von den Richtern aus Portugal gezeigte Studie auch zeigt, aber eben ja, nicht alle. Die Jaafer et al Studie erklärt auch, dass Infektiosität und Infiziert-sein korrelieren, nur dass bei vielen Zyklen Ansteckung unwahrscheinlich wird. Das heißt nicht, dass alle positiven Tests viele Zyklen brauchen. Bisher ist es nur eine Vorsichtsmaßnahme, einfach alle so zu behandeln, als wären sie ansteckend – schlimmer wäre es ja, genau das Gegenteil zu tun, denn dann würden wir sicher viele Ansteckende rumlaufen lassen und noch höhere Zahlen beim RKI-Dashboard sehen müssen.

Um zu wissen, ob man ansteckend ist, muss man die Proben nehmen und im Labor viel umständlicher als bei PCR-Tests anzüchten.

Was, wenn man Ansteckung testen würde und nicht Infektion?

Wenn man das aber jedes Mal machen würde, würde das Wochen dauern, bis ein Ergebnis da ist, und entsprechend länger müsste also die Quarantäne für jede:n sein. Denn wir können ja nicht alle potentiell ansteckenden Leute andere anstecken lassen, bis wir den Beweis haben, dass sie ansteckend waren. Dann wäre jede Quarantäne zu spät. Selbst wenn die Querdenker mit ihren Argumenten Recht hätten, würde das also nicht zu einer Aufhebung aller Regeln führen, im Gegenteil: Während man auf das Ergebnis wartet, müsste man bei dem Nachweis per Anzucht viel länger in Quarantäne sein und Infektionsketten wären stärker anstatt gesprengt. Und in den meisten Fällen heißt es auch: Wenn man infiziert, aber nicht infektiös ist, dann wahrscheinlich weil man erst am Anfang steht (Quelle).

Die meisten infizierten sind ansteckend und der PCR-Test zeigt ziemlich sicher Infizierte. Corona-Maßnahmen auf dieser Grundlage durchzuführen ist also der beste Kompromiss zwischen Praktikabilität und wissenschaftlicher Genauigkeit. Die Alternative wäre natürlich nur viel strengere Maßnahmen.

Es ist nun mal über die extrem hohe Übersterblichkeit von Covid-19 in Epidemiegebieten belegt (Quelle), dass wir die Pandemie trotzdem eindämmen müssten, ob nun mit PCR-Test oder ohne. Es sterben so viele Menschen an Covid-19 (Viel mehr als an einer Grippe), dass bei gleichzeitiger Ansteckung unsere Krankenhäuser und die Intensivbetten überfüllt werden. Was natürlich eine Katastrophe wäre, und die (Über)Sterblichkeit vervielfachen würde, auch von Nicht-Covid-Ursachen. In diesem Sinne gibt uns die extrem hohe Genauigkeit des Tests sogar deutlich mehr Freiheiten als wir ohne den Test hätten.

Zum Thema:

Das Querdenker-“Quatschjura” zum Infektionsschutzgesetz juristisch beleuchtet

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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