Von wegen “.. sie wären ohnehin bald gestorben!” Covid-19 & die Lebenserwartung

| Corona-Fake | 16. Oktober 2020

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Daten-Fallen: Covid-19 und die Lebenserwartung

Öfter hört man von Pandemie-Leugnern oder Corona-Verharmlosern den Gedankengang: “Wer an Corona stirbt und dabei um 80 Jahre ist, also so alt wie die Lebenserwartung, der wäre sowieso bald gestorben.”

Damit soll oft die menschenfeindliche Haltung gerechtfertigt werden, dass wir ja alte Menschen an Corona sterben lassen können. Hinter dieser Haltung versteckt sich oft die rechtsextreme Einstellung des “unwerten Lebens”: Wer so schwach ist, dass er auf die Gemeinschaft angewiesen ist, der wird nicht mehr als “Mensch” mit Charakter, Erfahrungen und ihn liebenden Verwandten wahrgenommen, sondern als Bürde, die das “Volk” schwächt, und die im Zweifel “geopfert” werden kann.

Dabei zählt dann auch nicht mehr, dass diese Menschen Deutschland aufgebaut haben. Rechtsextreme würden halt im Zweifel auch die “eigenen” Leute opfern, wenn es darum geht ihre kranke Ideologie umzusetzen. Die Rechtsextremismus-Expertin Strobl hatte das schon mal für uns erklärt:

Unkontrollierte Durchseuchung: Warum Faschisten bei Corona Menschen Opfern wollen

Und die Annahme ist halt auch faktisch falsch.

Die Lebenserwartung in Deutschland liegt zwar bei rund 78 Jahren für Jungen und fünf (!) Jahre höher also 83 Jahre für Frauen (Quelle , denkt an eure Vorsorgeuntersuchungen und lasst Saufen und Stress, und Jungs, Patriarchat tötet auch euch).

Aber – und das ist der Punkt – das sind ja Durchschnittswerte. Also dieser Wert wird drastisch runtergezogen von Leuten, die schon viel früher sterben. Viele Menschen leben allerdings auch deutlich länger.

Wenn ich mir jetzt eine Gruppe von Leuten anschaue, die alle über 80 Jahre alt sind, dann sind die ja keine repräsentative Gruppe mehr, denn alle, die vorher gestorben sind, sind da ja nicht mehr dabei. Da sind also dann viel mehr der Leute dabei, die den Durchschnitt nach oben ziehen, also viel länger länger leben als “normal”.

Daraus ergeben sich folgende überraschende Zahlen: Wer einmal 80 Jahre alt geworden ist, der hat eine durchschnittliche zusätzliche Lebenserwartung von 9,5 Jahren (Frauen) oder 8 Jahren (Männer). Hier sind die Daten des Statistischen Bundesamts zum Thema zu finden. Also: Selbst wenn jemand mit 80 Jahren an Covid stirbt, gehen dadurch etliche Lebensjahre verloren. Wie viele genau lässt sich schwer abschätzen, weil ja auch unter den über 80 Jährigen vermutlich eher die an Covid sterben, die insgesamt in schlechterer Verfassung waren. Aber auch die 8 – 9.5 Jahre sind ja ein Durchschnittswert, also es gibt viele, die noch länger leben würden.

Durchseuchung wäre unglaublich tödlich

Übrigens sind in Deutschland 20% der Bevölkerung über 65 Jahre alt und haben damit ein deutlich erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-Verlauf (bereits in der Gruppe 65 – 75 J: 1.4% Infection Fatality Rate, danach noch viel höher, Quelle). In Altersheimen, in denen in Deutschland über 800 000 Menschen leben (Quelle), führt Covid-19 geht Covid-19 gern mal wie ein Radiergummi durch und löscht in vielen Fällen in kürzester Zeit mehr als ein Fünftel der Bewohner aus (z.B. Quelle).

Mit diesen Fakten im Hinterkopf wäre eine Durchseuchung von Deutschland ohne drastischen Verlust von Lebensjahren nur mit einer monatelangen totalen Isolation von 20% der Bevölkerung + deren Kontaktpersonen vertretbar, was ethisch und logistisch nicht machbar ist. Viel sinnvoller ist es, die Corona-Zahlen in der Bevölkerung niedrig zu halten, bis die Risikopatient:innen geimpft werden können. Auf einen an zehntausenden Probanden geprüften Impfstoff dürfen wir schon für Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres hoffen (Quelle).

Artikelbild: FamVeld

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