Warum in Deutschland wirklich so viele „genesen“ sind – gesund müssen sie nicht sein

| Corona | 30. April 2020

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Von Tobias Wilke

Die Behauptung, Covid-19 wäre auch nur „irgendeine Grippe“, scheint leider ansteckend zu sein. Gern bemühen die zahlreichen Verfechter dieser Verharmlosung die vermeintliche „Erkenntnis“, dass die meisten Patient*innen binnen kürzester Zeit wahlweise wieder geheilt, genesen oder gesund seien. Tatsächlich: Im internationalen Vergleich scheint Deutschland besonders gut dazustehen, ähnlich wie beispielsweise Iran oder China. Der Haken: Für die Zahl der „Genesenen“ (engl.: „recovered“) ist der Gesundheitszustand der Patient*innen in Deutschland nahezu unerheblich (immerhin: „tot“ ist eine andere Kategorie!), genau wie mögliche Folgeschäden, die durchaus gravierend sein können.

Statistische Ferndiagnosen

Das Robert-Koch-Institut hatte das Tragen von Mund-Nasen-Schutz-Masken zunächst als „unwirksam“ bezeichnet, genauso wie die Flächendesinfektion beispielsweise von Türgriffen. Kurz darauf hatte das RKI auch einige Kriterien definiert, ab wann eine Quarantäne für Covid-19-Patient*innen aufgehoben werden kann.

Quelle: Robert-Koch-Institut

Diese Kriterien, ab wann ein*e Covid-19-Patient*in nicht mehr als infektiös gilt, wurden wohl weitgehend übernommen für die Definition der „Genesungen“. Das heißt beispielsweise: Wer 14 Tage nach seinem positiven Covid-19-Test weder an der Infektion verstirbt, noch auf der Intensivstation landet, gilt automatisch als „genesen“. Eine Meldepflicht für tatsächliche Genesungen gibt es bislang nicht, daher sah sich das Robert-Koch-Institut offenbar dazu veranlasst, einen solchen Algorithmus zu definieren, der auch eine Rekonvaleszenz „irgendwie“ abschätzt und bei stationär behandelten Patient*innen sowie jenen in häuslicher Quarantäne unterschiedlich gewichtet. Wie gut oder schlecht es den Patient*innen tatsächlich geht, ist dafür vollkommen irrelevant!

Ein Europa, viele Krankheitsverläufe?

Das Coronavirus SARS-CoV-2 scheint unterschiedlich hart zuzuschlagen – zumindest dann, wenn man Ländervergleiche für bare Münze nimmt. Laut offizieller Zahlen sind in Deutschland aktuell fast 3 von 4 Corona-Patient*innen wieder „genesen“ oder „gesund“, in Italien oder Frankreich sind es demnach aber nur 3 von 10 Patient*innen und in Großbritannien sogar nur 1 von 200 Infizierten. Ein Blick über den Tellerrand: In Russland oder den USA gilt offiziell ungefähr jeder Zehnte als „genesen“.

Sind Deutsche einfach härter im Nehmen? Höchst unwahrscheinlich. Hierzulande wurde wohl einfach die für einen solchen Ländervergleich „glücklichere“ Definition gewählt. Österreich, die Schweiz und Luxemburg haben den Algorithmus des RKI aus Deutschland offenbar übernommen. Ein typisches Ranking mit äußerst unterschiedlichen „Heilungsquoten“ sieht so aus, wie unter anderem von Statista diesbezüglich unkommentiert veröffentlicht:

Quelle: Statista GmbH

Die Leiden der „Gesunden“

Ist ein*e Covid-19-Patient*in nach zwei Wochen also wieder „gesund“, wie zahlreiche Statistiken in etlichen Artikeln genau das darstellen, was das Robert-Koch-Institut in Ermangelung besserer Daten mehr oder weniger willkürlich als „Genesung“ definiert hat?

Mittlerweile häufen sich Erfahrungsberichte von Ärzt*innen zu Langzeit- und Folgeschäden, die wenig zu tun haben mit den vom RKI ursprünglich beschriebenen Symptomen wie Husten und Fieber bei mutmaßlich „leichteren“ Krankheitsverläufen.

Herzrhythmusstörungen, Nerven- und Lungenschäden, Thrombosen und Embolien – die Liste der Folgeschäden jener, die in Deutschland nach 14 Tagen als „genesen“ oder „gesund“ gelten, wird immer länger.
Das Fachmagazin „Science“ hat dazu kürzlich einen Artikel (Quelle) veröffentlicht mit einer interaktiven Visualisierung möglicher Folgeschäden einer Covid-19-Infektion.

Quelle: Science Magazin

Kaum noch „aktive Fälle“?

Die Definition des Robert-Koch-Instituts zur „Genesung“ von Covid-19-Patient*innen hat weitere Konsequenzen, die die Ausbreitung des Virus in Deutschland als besonders harmlos erscheinen lassen: die daraus resultierende Zahl „aktiver Fälle“.

Denn auch die „aktiven Fälle“ haben wenig zu tun mit aktuellen, ärztlichen Diagnosen. Diese Fallzahl ergibt sich schlicht aus der Gesamtzahl bislang positiver Testergebnisse, abzüglich der an Covid-19 Verstorbenen und derer, die rein statistisch als „genesen“ gelten.

Das führt beispielsweise dazu, dass auf dem Corona-Dashboard der Johns-Hopkins-Universität die Zahl der „aktiven Fälle“ in Deutschland aktuell mit rund 34.000 ungefähr genauso hoch ist wie bei unseren Nachbarn in den Niederlanden. Dort allerdings zählen auch nur 119 Patient*innen als „genesen“. In Deutschland hingegen rund 1000-mal so viele: nämlich 120.400.

Quelle: Johns Hopkins University

Der Volksverpetzer meint: Wer wegen derart absurder Ländervergleiche Deutschland für besonders „coronasicher“ hält, sollte dringend seinen Arzt oder Apotheker konsultieren.



Artikelbild: shutterstock.com

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