Mehr als 1850 „Angriffe“ auf AfD-Mitglieder: Das vermeldete die tagesschau am 19. Mai in ihrer Hauptausgabe. Millionen Zuschauer*innen präsentierte die tagesschau um 20 Uhr eine Grafik, in der die Verteilung der „Angriffe“ visualisiert wird. Das Problem: Der absolute Großteil dieser Attacken sind keine Angriffe auf Parteimitglieder gewesen – und bestätigt sind die Zahlen ohnehin nicht.

Die Tagesschau ist bei Weitem nicht die einzige etablierte Nachrichtenquelle, die irreführend berichtete. Auch ZDF, dpa und zahlreiche weitere große Medien griffen diese Zahlen prominent auf. Die Botschaft war fast überall ähnlich: Die AfD sei Hauptopfer politischer Gewalt in Deutschland und es gebe statistisch gesehen pro Monat durchschnittlich mehr als 150 „Angriffe“.
Das Problem an der Sache: Genau das lässt sich aus den zugrunde liegenden Zahlen überhaupt nicht ableiten. Denn die Statistik, auf die sich die Berichte stützen, zeichnet ein anderes Bild, als viele Überschriften und Grafiken suggerieren.
AfD fragt unterschiedliche Zahlen regelmäßig ab
Die Zahlen stammen aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der AfD-Bundestagsfraktion zu „Angriffen auf Politiker, Parteibüros und Wahlplakate“ vom 10. April 2026. (Drucksache 21/5256) Die Antwort der Bundesregierung leitete die AfD dann offenkundig an Medien weiter, denn auf den Seiten des Bundestags ist die Antwort noch nicht hinterlegt. Dies ist ein gängiges Vorgehen, um Themen medial zu setzen.
Doch schon der Titel der AfD-Anfrage zeigt ein zentrales Problem: Unter „Angriffen“ wird ein sehr breites Spektrum völlig unterschiedlicher Delikte zusammengefasst. Das wird in der entsprechenden Drucksache sofort deutlich, wenn man sich die überschaubare Mühe macht, dort einmal hineinzuschauen. Denn in der Anfrage fragt die AfD ausdrücklich nach Gewaltdelikten, Äußerungsdelikten, Sachbeschädigungen, Angriffen auf Wahlplakate, Farbschmierereien und weiteren Straftaten. Die Bundesregierung listet diese Kategorien entsprechend auf.
Beschädigte oder zerstörte Wahlplakate
Und tatsächlich entfällt der weitaus größte Teil der registrierten Fälle nicht auf Gewalttaten, sondern auf andere Delikte wie Beleidigungen, Verleumdungen oder Sachbeschädigungen, hier vor allem Wahlplakate. Dies war auch bereits in vorherigen AfD-Anfragen und Antworten der Bundesregierung so gewesen. Drucksache 20/10177
Trotzdem entstand in vielen Medienberichten der Eindruck, vor allem in der Tagesschau um 20 Uhr, es habe fast 2.000 Gewalttaten gegen AfD-Mitglieder gegeben.
Realistisches Bild vermitteln
Nun geht es nicht darum, tatsächliche Gewalt und Einschüchterungen unter den Teppich zu kehren, sondern darum, diese Delikte transparent und klar unterscheidbar aufzuführen. Denn der Unterschied zwischen einem tätlichen Angriff auf einen Menschen und einem abgerissenen Plakat ist keine Kleinigkeit. Doch genau diese Differenzierung fehlt oder ging in vielen Schlagzeilen, Grafiken und Fernsehmeldungen nahezu vollständig verloren.
Was erschwerend hinzukommt: dass es sich um eine PMK-Statistik handelt. Also um eine polizeiliche Eingangs- und Verdachtsstatistik – keine Verurteilungsstatistik. Das heißt, es handelt sich nicht um Fälle, die ausermittelt sind. Darauf ist in den vergangenen Jahren immer wieder hingewiesen worden, dass vorläufige Kriminalitätsstatistiken zwar Tendenzen abbilden können, aber keine umfassende komplexe Realität abbilden.
Darauf hat beispielsweise auch der Kriminologe Thomas Bliesener im NDR ausdrücklich hingewiesen. Solche Statistiken erfassten sogenannte „Eingangsdaten“, also Fälle bereits bei Anzeigen oder ersten Verdachtslagen. Es handele sich nicht um abschließend geprüfte oder gerichtlich bestätigte Taten. Viele Verfahren würden später eingestellt, blieben ungeklärt oder veränderten sich im Laufe der Ermittlungen. (Volksverpetzer)
Genau diese Einschränkung ist entscheidend. Denn viele Fälle laufen gegen unbekannt, beruhen auf ersten polizeilichen Einschätzungen, bleiben ungeklärt, oder verändern sich später. Die Statistik bildet also vor allem polizeiliche Anfangsbewertungen und Verdachtslagen ab – keine bestätigten Straftaten.
Wer mehr anzeigt, wird laut Statistik mehr "angegriffen"
PMK-Zahlen müssen daher sorgfältig eingeordnet werden, weil sie stark von Anzeigeverhalten, frühen Verdachtsbewertungen und polizeilichen Zuordnungen abhängen. Gerade bei politisch aufgeladenen Themen können solche Zahlen ohne Kontext schnell missverstanden werden.
Auf diese Begrenzungen und Probleme ist immer wieder hingewiesen worden. Der Volksverpetzer zeigte schon 2020 anhand ähnlicher PMK-Zahlen aus Sachsen, wie aus Straftaten gegen Wahlplakate oder Parteieigentum in der öffentlichen Darstellung schnell „Gewalt gegen Politiker“ wurde. Damals kritisierte die Redaktion bereits, dass Medien und dpa aus einer Statistik über politisch motivierte Straftaten eine Erzählung massiver Gewalt konstruierten – obwohl viele Fälle vor allem Wahlplakate betrafen.
Die Recherche zeigte außerdem einen weiteren wichtigen Punkt: Wahljahre produzieren zwangsläufig mehr registrierte Delikte, weil überhaupt viel mehr Wahlplakate, Infostände und Kampagnenmaterial vorhanden sind. Mehr potenzielle Tatobjekte bedeuten automatisch auch mehr registrierbare Delikte.
Genau solche strukturellen Faktoren verschwinden jedoch hinter dramatischen Überschriften. So vermeldeten Medien, die Zahl der „Angriffe“ sei 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent gestiegen; unerwähnt blieb, dass in dem Berichtszeitraum eben eine Bundestagswahl stattfand. Dementsprechend viele Wahlplakate bundesweit aufgehängt worden waren.
Selbstviktimisierung der AfD
Hinzu kommt ein weiterer Kontext, der in vielen Berichten fehlte: Die AfD arbeitet seit Jahren strategisch mit Selbstviktimisierung. Das Narrativ lautet, die Partei werde systematisch verfolgt, ausgegrenzt und sei Opfer „linker Gewalt“. Kleine Anfragen wie diese dienen deshalb nicht nur der parlamentarischen Kontrolle, sondern auch der politischen Kommunikation. Sie produzieren Zahlen und Grafiken, die sich emotionalisieren und öffentlichkeitswirksam verbreiten lassen.
Dass diese Strategie nicht nur theoretisch existiert, zeigt eine Volksverpetzer-Recherche zu angeblichen „linken Angriffen“ auf die AfD. Dort werden zahlreiche Fälle dokumentiert, in denen Vorfälle aufgebauscht, falsch dargestellt oder sogar mutmaßlich inszeniert wurden. Die Recherche beschreibt unter anderem Fälle, in denen AfD-Politiker oder ihr Umfeld voreilig „linke Angriffe“ behaupteten, obwohl Videos, Ermittlungen oder spätere Erkenntnisse die Darstellung massiv relativierten oder widerlegten.
Spätere Einordnung verpufft zumeist
Besonders relevant ist nicht nur die Frage, ob einzelne Behauptungen stimmen. Entscheidend ist die kommunikative Wirkung. Denn selbst wenn sich Vorwürfe später relativieren oder widerlegen lassen, bleibt häufig die ursprüngliche Rahmung hängen. Ein Effekt, der im Kontext Desinformation gut bekannt und dokumentiert ist: Nachträgliche Korrekturen und Richtigstellungen erreichen zumeist nur einen Bruchteil des ersten medialen „Aufschlags“.
Besondere journalistische Verantwortung
Gerade deshalb wäre eine deutlich präzisere journalistische Darstellung notwendig gewesen. Besonders problematisch ist das bei der Tagesschau und anderen großen Leitmedien. Denn ihre Berichterstattung prägt nicht nur einzelne Debatten, sondern häufig die gesellschaftliche Gesamtwahrnehmung eines Themas. Wenn die 20-Uhr-Tagesschau eine Grafik zeigt, in der die AfD mit großem Abstand als Partei mit den meisten „Angriffen“ erscheint, dann wirkt das weit über den eigentlichen Beitrag hinaus. Millionen Menschen sehen nicht die methodischen Einschränkungen einer PMK-Statistik, erfahren nichts von den Begrenzungen der Zahlen, sondern eine scheinbar eindeutige politische Realität.
Gerade öffentlich-rechtliche Nachrichtenformate verfügen über erhebliche Ressourcen und eine außergewöhnliche Glaubwürdigkeit. Deshalb gelten hier höhere Maßstäbe. Es hilft dann auch nicht, auf nachgelagerte Erklärungen in Online-Artikeln zu verweisen; denn die eigentliche Wirkung entsteht in dem Moment, in dem Zuschauerinnen und Zuschauer die Grafik sehen. Die Verantwortung ist es, entsprechend genau und präzise zu berichten – und nicht immer und immer wieder Statistiken ohne Kontext zu präsentieren. Auch wenn dies auf den ersten Blick neutral und objektiv wirkt.
Artikelbild: Screenshot tagesschau, Fotomontage









