Soll Facebook Querdenken-Konten sperren? Antwort: Warum erst jetzt? – Gastbeitrag von Michael Blume

| Gastkommentar | 19. September 2021

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Freiheit in „sozialen Medien“

Gastbeitrag von Dr. Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter Baden-Württemberg*

Wie kommt ein Christlich-Liberaler dazu, honorarfrei einen Gastbeitrag für den „Volksverpetzer“ zu schreiben?

Weil dieser Medienanbieter schon in seinem Titel eine entscheidende Erfahrung ausdrückt: Auch Menschen, die für sich genommen freundliche Personen sein mögen, lassen sich zu hasserfüllten Mobs umformen. Genau darauf zielt ja der ur-populistische, gefährliche Dualismus vom vermeintlich „guten Volk“ gegen „Die da oben“ – austauschbar benannt als „die Eliten“, „die Globalisten“, „die Linksgrünversifften“ und, klar, „die Juden / Zionistinnen“. Wo immer Menschen in diese Verschwörungsmythen gefallen sind – und weiter fallen -, setzt der Verstand aus und wird durch Hass ersetzt. Ihnen wird nicht nur Zeit, Geld und ihre politische Stimme entwendet; sie werden auch zur Gefahr für andere und für sich selbst.

Sogenannte „soziale Medien“ im Internet wie Facebook, YouTube und Twitter, aber auch Fernsehsender wie FoxNews (USA), antisemitische Autoren wie Tilman Knechtel (Deutschland / Schweiz) und Radiostationen wie „Radio Maryja“ (Polen) haben die Verschwörungspsychologie also nicht erfunden; aber sie bedienen sich ihrer, um Menschen an sich zu binden und noch mehr Geld zu verdienen. Und aus einem Streit aus der französischen Fortnite-Gaming-Szene entstand inzwischen gar unter dem Hashtag #Anti2010 ein bizarres Mobbing gegen Kinder des Geburtsjahrganges 2010, unter anderem auf TikTok.

Frage: Soll Facebook Querdenken-Konten sperren?

Antwort: Warum erst jetzt?

Als mich also mehrere Medien wie watson.de um meine Einschätzung darüber baten, ob Facebook mit der Löschung von Querdenken-Konten richtig gehandelt habe, lautete meine Antwort in Kürze: „Na endlich!“ In längerer Version sagte ich: „Facebook ist ja erstaunlich gut darin, blanke Brüste zu entfernen – aber gegen Hakenkreuze, Holocaust-Leugnung und gefährliche Falschinformationen zur Impfung haben sie viel zu lange gezögert.“

Watson.de zitierte den Autor in einer Instagram-Kachel. Screenshot MfG: Michael Blume

Denn die simple Wahrheit ist: In keiner menschlichen Gesellschaft gibt es grenzenlose Sag- und Zeigbarkeit. Selbst die Hass-Schleuder Telegram zieht diskrete, russisch-arabische Grenzen und auf US-Facebook war es trotz aller „Liberty“-Bekenntnissen Frauen niemals erlaubt, ihre eigenen Brustnippel zu zeigen. Es gab auch in Europa keine aufgeregten Debatten darüber, ob „erst der Gesetzgeber“ solche Entscheidungen treffen dürfe – solche „besorgten“ Stimmen hören und lesen wir erst, seitdem es um die Belange von meist männlichen Rechtspopulisten und Verschwörungsunternehmern geht. Sogar die afghanischen Taliban beklagen sich inzwischen ebenso digital wie bizarr über die „Behinderung der Redefreiheit durch Facebook“ – noch während sie Frauen und Andersdenkende im eigenen Land niederknüppeln!

Und spätestens wenn ein Querdenken-Redner wie Max Otte (sog. „WerteUnion“) auch auf Twitter die Onlinespiel-Sperre der chinesischen KP für Jugendliche feiert, sollte auch den Allerletzten dämmern, was für eine Art von „Freiheit“ den Rechtspopulisten vorschwebt: Die Freiheit nur ihrer eigenen Gruppe, andere beherrschen und auch belügen zu dürfen.

Die Freiheit mit Vernunft verteidigen!

Große, religiöse Traditionen wie das rabbinische Judentum haben über Jahrtausende hinweg gelernt und gelehrt, dass sich zerstörerische Impulse nicht von uns abspalten und auf vermeintlich Fremde und Verschwörer abspalten lassen. Jede/r Einzelne von uns hat den Kampf zwischen guten und schlechten Trieben auch in sich selbst auszutragen. Fast ein Jahrtausend, bevor Menschen unter dem Symbol eines blauen Vogels zu twittern begannen, lehrten Weise der jüdischen Mystik – der Kabbalah -, dass jeder Mensch durch seine eigenen Taten sowohl gute wie böse Engel in die Welten entsende.

In der badischen Revolution von 1848 riefen die großen, noch viel zu unbekannten Liberalen Amalie und Gustav Struve am 21. September in Lörrach eine deutsche Republik aus. Ihr Wahlspruch dafür lautete: „Wohlstand, Bildung, Freiheit für alle!“ Sie verdienten ihr Einkommen vor allem durch die Produktion von Texten in Zeitungen und Büchern, ohne sich menschenfeindlichen Strömungen anzudienen.

Nachdem Struve wegen seiner „unstandesgemäßen“ Ehe mit der unehelich gezeugten Lehrerin Amalie angegriffen wurde, legte er seinen Adelstitel ab und die beiden traten einer Reformkirche bei. In christlich-jüdischen „Montagskreisen“ und in der Öffentlichkeit prangerten sie den Antisemitismus auch im Namen der Revolution an. Weil sie das schreiende Unrecht der entstehenden Massentierhaltung gegenüber Tieren und hungernden Mitmenschen erkannten, warben sie für „Pflanzenkost“ und gründeten den ersten Vegetarierbund in Stuttgart.

Und als die Revolution von Fürstentruppen niedergeschlagen worden war, blieben sie nicht wie ihr zunehmend verbitterter Zeitgenosse Karl Marx im sicheren London, sondern zogen von dort als sogenannte „48ers“ in die USA, wo sie auf Seiten von Abraham Lincoln erfolgreich gegen Rassismus und Sklaverei kämpften. Heute hätten sie wahrscheinlich das „Lincoln Project“ unterstützt, dass gerade unter dem Hashtag #FoxNewsKills auch auf Basis wissenschaftlicher Studien aufzeigt, wie viele Tausend Tote die mörderischen Impf-Lügen dieses Kanals mit verursacht hat.

Man muss unsere Freiheiten gegen ihren Missbrauch verteidigen

Nach dem dortigen Sieg und dem Tod seiner geliebten Amalie bei der Geburt ihrer dritten Tochter kehrte Gustav Struve in sein geliebtes Deutschland zurück. Nicht obwohl, sondern „weil“ er die Freiheit liebte, erkannte er, dass es „keine Nationalität ohne Recht und Freiheit“ geben könne, „denn nur die Idee der Freiheit und des Rechts vermögen es, den beschränkten Begriff der Nationalität zu adeln.“ Und es klingt schon ziemlich genau nach „Volksverpetzer“, wenn der Publizist und Vorkämpfer für die Pressefreiheit Struve hellsichtig warnte: „Es ist kein Volk, das sich nicht der größten Verbrechen und Schandtaten schuldig gemacht hätte, und fortwährend dem dicksten Unsinn huldigte.“

Unsere Freiheiten werden wir nur erhalten, wenn wir sie gegen den Missbrauch durch Rechtspopulisten, Rassistinnen, Antisemiten und auch durch skrupellose Medienkonzerne verteidigen. Wir brauchen mehr ehrliche Volksverpetzer – und weniger lügende Volksverhetzer.

* Dr. Michael Blume ist Religions- und Politikwissenschaftler, Buchautor, Blogger & Podcaster. 2015/16 leitete der das Sonderkontingent des Landes Baden-Württemberg zur Evakuierung 1.100 ezidischer Frauen und Kinder aus dem Irak. 2018 wurde der Christdemokrat auf Vorschlag der jüdischen Landesgemeinden Baden und Württemberg mit Zustimmung aller Landtagsfraktionen außer der AfD zum Landes-Beauftragten gegen Antisemitismus berufen.

Alle Struve-Zitate finden sich in: Hofmann, Annette & Clemens, Rehm (2020): Gustav Struve. Turner, Demokrat. Emigrant. Verlag regionalkultur

Artikelbild: Paul Zinken/dpa

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