Neue Umfrage: Sinkende Zustimmung zu Homöopathie in Pandemie-Zeiten

| Gesundheit | 25. Juni 2021

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Homöopathie – beliebt und unverzichtbar? Nope.

Gastbeitrag von Natalie Grams

Seit Jahren berufen sich Verteidiger:innen der Alternativmedizin auf die Beliebtheit ihrer Verfahren. Klar, auf die Wissenschaft können sie ja auch schwer setzen und so dient immer wieder die vermeintliche „Beliebtheit“ von Homöopathie & Co. als Legitimation und als Bollwerk gegen all die bösen Zweifler, die den „Alternativen“ mit ihrer Kritik an den Karren fahren wollen. Doch eine Erhebung, die das Forschungsinstitut Kantar (früher Emnid) im Auftrag der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) als Direktbefragung einer repräsentativen Auswahl von 2.009 Personen im März und April 2021 durchgeführt hat, erbrachte nun ein zumindest bemerkenswert anderes Ergebnis (Quelle).

Nur noch 34,9 % der Befragten halten demnach Alternativmedizin für einen unabdingbaren Teil der gesundheitlichen Versorgung (Zustimmung zur Frage „Ohne die Erweiterung um alternative Heilverfahren kann die moderne Medizin ihren Patienten nicht wirklich helfen.“). Lediglich ein Drittel der Befragten (33,3 %) bejahte die Aussage „Homöopathie ist mindestens ebenso wirksam wie konventionelle Medizin, wenn nicht sogar besser“. Bei einer letzten vergleichbaren Erhebung (2001) stand der Pegel noch bei rund 76 % Zustimmung zu Alternativmedizin.

Interessant auch, dass die Zustimmung bei Frauen, die ja tendenziell die beliebtere Zielgruppe der „Alternativmedizin“ sind und die auch immernoch in den meisten Familien die Gesundheitsverantwortung tragen, deutlich geringer ist als erwartet. Dass die Homöopathie so wirksam wie Medizin ist, beantworteten nur 39 % der befragten Frauen (Männer 27%) mit Ja. Dass die Alternativmedizin zusätzlich zur konventionellen Medizin eine wichtige Rolle spielen sollte, fanden ebenfalls nur 39 % wichtig (Männer 31 %).

Grünen schneiden erstaunlich „rational“ ab

Spannend fand ich auch, welche Ergebnisse unter nach Parteienpräferenzen zu sehen waren. Die Grünen schnitten erstaunlich „rational“ ab. Das macht ja Hoffnung! Homöopathie (aufsteigend): Linke 26 %, Grüne 30 %, FDP und CDU 34 %, SPD 35 %, AfD: 39 %. Alternativmedizin zusätzlich zur Medizin (aufsteigend): Grüne: 33 %, FDP 34 %, CDU und AFD: 36 %, die Linke: 37 % und SPD 39 %.

Nun ist die Umfrage sicher eher klein und die Gefahr besteht, dass sie Tendenzen überschätzt. Der Grund für den Unterschied zu den sonst oft so viel höheren Zustimmungswerten liegt sicherlich auch in der genauen Fragestellung. Erhebungen von interessierter pseudomedizinischer Seite fragen oft danach, ob alternative Mittel oder Verfahren bereits angewendet wurden. Doch Verwendung ist keine Zustimmung, zumal ja oftmals verschleiert wird, worum es sich bei Homöopathie wirklich handelt und was zum Beispiel der Unterschied zur Naturheilkunde ist.

Homöopathie ist keine Naturheilkunde!

Wie oft habe ich hier schon Aha- (vielmehr Ach so!)-Momente erleben dürfen! Eine Anwendung in der Vergangenheit muss also keine Zustimmung, geschweige denn eine Überzeugung sein. Gerne wird auch nach der Zufriedenheit gefragt – was ja auch alles bedeuten und weit entfernt von einer Wirksamkeit sein kann. Deswegen orientierte sich die GWUP auch an einer älteren Umfrage von Chrismon (UFOs, Astrologie, moderne Mythen: Der Glaube an Phänomene, die nicht bewiesen sind, ist weit verbreitet. Chrismon Nr. 6/2001, S. 10.), die ganz ähnlich fragte – und zu deutlich anderen Ergebnissen kam. Ist ja auch lange her.

Jetzt könnte man natürlich bedauern, dass immer noch rund ein Drittel der Befragten weiterhin an Homöopathie & Co. glauben. Es bedeutet nach wie vor eine nicht unerhebliche Verbreitung irrationaler Einstellungen und im speziellen Fall starke Defizite bei der Gesundheitskompetenz, die keinen Anlass zu Zufriedenheit geben. Aber ich bin da Optimistin und sehe das eher als Arbeitsauftrag. Dann gibt es für die wissenschaftsbasierte Aufklärung eben weiterhin etwas zu tun.

Das ist auch wichtig, denn die „Beliebtheit“ speist sich eben auch aus Fehlinformationen und Verklärung, die gerade keine wirklich informierte und freie Entscheidung zulassen. Die Aufklärung hingegen hat die Mündigkeit von Patient:innen zum Ziel, und der sind wir offensichtlich gerade ein gutes Stück näher gerückt. Vielleicht spielte ja auch die Pandemie eine Rolle – wer will sich in diesen bedrohlichen Zeiten schon auf Humbug verlassen, und vielleicht wurde auch so manchen die Bedeutung von Wissenschaft und guter Medizin erstmals klar.

So niedrige Zustimmung wie noch nie

Doch wie auch immer und ganz im Ernst: So niedrig war die Zustimmung noch in keiner repräsentativen Umfrage. Und ja, ich feiere das! Denn die Umfrage zeigt, dass immerhin doppelt so viele Menschen die Alternativmedizin und speziell Homöopathie nicht als relevant für die Gesundheitsversorgung sehen als andersherum. Wir kritischen Aufklärer: innen können uns – zu Recht – über diesen Wert freuen, denn er zeigt, dass die Dinge im Fluss sind. Veränderung ist möglich. Und so ganz überraschend kommt das jetzt ja auch nicht. Mehr denn je berichten Medien kritisch-korrekt über Homöopathie und Homöopathiekritik, halten sich an wissenschaftliche Fakten und vermeiden False Balance. Mehr denn je macht sich eine kritische Haltung in den sozialen Medien breit. Die Absätze an Homöopathika gehen nach langen Zeiten scheinbar unangefochtenen Wachstums seit einiger Zeit zurück.

Wer in der Aufklärung zu Alternativmedizin, insbesondere Homöopathie, unterwegs ist, weiß, wie intensiv und durchaus wirkmächtig die entsprechende Lobby nach wie vor agiert. Hinter der Alternativmedizin steht ein millionenschwerer Interessenkomplex aus Herstellern (organisiert in den großen pharmazeutischen Interessenverbänden), Ärztevereinen, Stiftungen und anderen teils finanzstarken Vereinigungen. Diesem Komplex ist es während der letzten vier Jahrzehnte gelungen, Pseudomedizin ohne Wirkungsnachweis im allgemeinen Bewusstsein mit einem völlig falschen Image von sanft, natürlich und nebenwirkungsfrei zu verankern und vor allen Dingen mit dem Etikett Medizin zu versehen. Unterstützt wurden sie dabei von der Gesetzeslage, die z. B. der Homöopathie eine Arzneimitteleigenschaft zuerkennt, ohne Wirkungsnachweise nach wissenschaftlichen Maßstäben zu fordern.

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Die Homöopathie-Lobby ist auf immer dünnerem Eis

Hier nun liegt für mich die große Bedeutung der abnehmenden Zustimmungsrate zu Homöopathie & Co. Die Lobbyarbeit für die Homöopathie, so wirkmächtig sie bis weit in die Politik auch sein mag, bewegt sich auf zunehmend dünnerem Eis. Wissenschaftlich gilt – vielem voran – die Homöopathie als Fall für das medizinhistorische Archiv. Über 200 Jahre Forschung, in den letzten 30 Jahren mit modernster Methodik, hat für kein Krankheitsbild eine überzeugende spezifische Wirkung belegen können.

Der Satz „Homöopathie wirkt nicht über den Placeboeffekt hinaus“ ist vom geflügelten Wort schon beinahe zum Common Sense geworden. Insofern verwundert es nicht, dass sich die Lobbyarbeit der Homöopathie vor allem darauf konzentriert, der Politik eine „Beliebtheit“ der Methode zu suggerieren und damit die politische Bereitschaft zu schwächen, die gesetzliche Privilegierung infrage zu stellen. Und natürlich investiert man ins Werbung machen. Und da schätze ich auch, dass jetzt eher noch mehr auf uns zu kommt. Vielleicht versuchen sie es auch wieder mit Mundtotmachen von Kritiker:innen. Wir kennen das ja. Doch längst sind die kritischen Stimmen nicht mehr nur vereinzelt zu hören.

Das letzte Argument – die Beliebtheit – scheint auch zu verschwinden

Und genau hier wird die Bedeutung des Umfrageergebnisses deutlich: Mit der Beliebtheit scheint es durchaus nicht mehr so weit her zu sein, wie es vor allem die homöopathische Interessensphäre gerne hätte. Viele Indizien ließen auch bisher schon diesen Schluss zu, nun liegen auch repräsentativ-empirische Daten dazu vor.

Und, übrigens, hüstel hüstel, liebe Politik: Dies wirft ein neues Licht auf die irregeleitete, sachlich nicht begründbare Privilegierung von Homöopathie (oder auch Anthroposophie) im Arzneimittel- und Sozialrecht! Ich wünsche mir, dass die Politik wenigstens jetzt die Augen öffnet und dabei auch begreift, was die von ihr bislang geschützte „Alternativmedizin“ gerade im Laufe der Pandemie an unhaltbarem und auch gefährlichem Unsinn hervorgebracht hat.

Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die Menschen hier mit ihrer Einstellung offenbar längst weiter sind als die Politik. Das macht Hoffnung und entschädigt in gewisser Weise all jene, die sich seit Jahren unter großem persönlichem Einsatz und unter wirklichen Opfern der Aufklärung über Pseudomedizin verschrieben haben. Aufklärung wirkt – und vielleicht setzen wir ab jetzt auf den Schneeball- und nicht den Zuckerkügelchen-Effekt!

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Dr. Natalie Grams ist Ärztin, Autorin und ehemalige Homöopathin und setzt sich seit Jahren für Aufklärung über die sogenannte Alternativmedizin, speziell auch Homöopathie ein. www.natalie-grams.de. Artikelbild: pixabay.com, CC0

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