So verdächtig bekannt hören sich diese Aussagen über DDR-Flüchtlinge von 1990 an

| Hintergrund | 23. März 2018

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In einem Zeitungsartikel steht, die Flüchtlinge seien kriminell, gefährlich und würden sich nicht integrieren. Er ist von 1990 über DDR-Flüchtlinge.

Die Stimmungen in den Heimen sei “aufgeputscht”, Frauen werden sexuell belästigt und die Bevölkerung befürchtet eine Einwanderung in die Sozialsysteme. Der Artikel ist von 1990 und handelt von DDR Übersiedlern.

“Die Situation in den Heimen und Lagern spitzt sich immer mehr zu, Meldungen über Saufereien und Raufereien häufen sich. In einigen Einrichtungen herrsche eine derart “aufgeputschte Stimmung”, berichtet der Essener Sozialdezernent Günter Herber, daß er es nicht mehr wage, “da einen Sozialarbeiter hinzuschicken, das ist schon beinahe lebensgefährlich”.

Sein Kölner Amtskollege Lothar Ruschmeier bestätigt: “Die Auswüchse gehen über das normale Maß hinaus.” Städtische Bedienstete seien nachts überfallen und beraubt worden, Mitarbeiterinnen der Verwaltung würden sexuell belästigt.”
Spiegel, 1990 über DDR Aussiedler

Kommt einen irritierenderweise bekannt vor

Es sind die gleichen Argumente wie heute: “DIE” gehören nicht hier her, sie wollen das auch nicht. Sie sind für uns gefährlich, für Frauen gefährlich, für unsere Sicherheit und “unsere Sozialsysteme”. Und ebenso groß war die Abneigung der Bevölkerung: Laut Artikel waren zu diesem Zeitpunkt bereits nur noch 33 Prozent der Bundesbürger:innen dafür, dass alle Übersiedler aus der DDR aufgenommen werden.

Natürlich ist die Situation damals in vielerlei Hinsicht nicht mit der Situation seit 2015 zu vergleichen. Damals mussten etwa 17 Millionen DDR-Bürger integriert werden, bis 2019 kamen insgesamt 1,4 Millionen Schutzsuchende vor allem aus Syrien und Afghanistan (BAMF-Zahlen, Achtung: Höhere Zahlen waren Schätzungen und wurden inzwischen nach unten korrigiert).

die gleichen Ausreden

Trotzdem sind es erstaunlicherweise dieselben Reflexe, die die Menschen zeigen, wenn Menschen in Not zu ihnen kommen – und die gleichen Ausreden, wieso diese Ängste begründet sein sollen. Denn die Wahrheit ist so: Zuerst hat man etwas gegen Fremde, dann sucht man sich gute Begründungen für diese Ablehnung, nicht umgekehrt. Die meisten Diskussionen führen wir, weil Menschen ihre Ängste vor “Fremden” rechtfertigen wollen. Wenn man jedoch zulässt, dass Fremde zu Freunden werden, verschwinden auch die Ängste.

Es ist nichts verwerfliches, Angst zu haben. Verwerflich ist es allerdings, deswegen gegen Menschen in Not zu hetzen, ihnen das ohnehin schon schwere Leben noch schwerer zu machen und Unschuldige unter Generalverdacht zu stellen. Vielleicht werden wir irgendwann aus unseren Fehlern lernen. Dieser Artikel von 1990 zeigt allerdings: Das sieht leider nicht so aus.

Artikelbild: Volksverpetzer

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