Uvalde: Warum das 27. Schulmassaker dieses Jahres auch keine Reform bringen wird

| Hintergrund | 26. Mai 2022

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Tod im Klassenzimmer

Gastbeitrag von Annika Brockschmidt

Neunzehn Kinder wurden in Uvalde, Texas, in ihrer Grundschule erschossen. Es ist das siebenundzwanzigste Massaker an einer Schule allein in diesem Jahr. Es sind die Republikaner, die sich einer Reform des Waffengesetzes verweigern. Wieder und wieder zeigt sich, dass die amerikanische Rechte ein antimajoritäres politisches Projekt ist, das sich nicht darum schert, was die Mehrheit der Bevölkerung will.

Viele Gefahren lauern im Klassenzimmer, zumindest wenn man Republikanern Glauben schenkt: Säkularisierung (Trennung von Kirche und Staat), „die schwule Agenda“ (die Anerkennung der Existenz von LGBTQ-Menschen), Hypersexualisierung (altersangemessene sexuelle Aufklärung), Pornographie (ebd.), „woke Gehirnwäsche“ (antirassistische Erziehung) und anti-amerikanische Indoktrination (Geschichtsunterricht, der mit Mythen aufräumt und die Geschichte wahrheitsgemäß vermittelt).

Aber statt all dieser fiktiven Gefahren liegt tatsächlich ein dunkler Schatten über Amerikas Klassenzimmern: eine ganz reale, tödliche Gefahr – die eines Amoklaufs. Gestern sind – erneut – Jungen, Mädchen und Lehrerinnen getötet worden, an dem Ort, an dem sie sich sicher fühlen sollten, der ein Hort des Lernens und der Freude sein sollte. Neunzehn Kinder wurden in Uvalde, Texas, in ihrer Grundschule erschossen. Über den Schützen und sein Motiv ist noch nichts bekannt, auch nicht, ob er selbst früher die Schule besucht hat.

Es ist das siebenundzwanzigste Massaker an einer Schule allein in diesem Jahr. Die USA haben allein 2022, bis Mitte Mai, insgesamt mehr Amokläufe als Tage durchlitten. Seit 2018 fanden in den USA 119 Amokläufe in Schulen statt. Das Gun Violence Archive hat allein 2022 – und wir befinden uns erst im Mai – bereits 212 Massenschießereien gezählt (erfasst werden Schießereien, bei denen mindestens vier Opfer sterben, den Täter ausgenommen).

Die Details der Morde von Uvalde sind grausam

Die Details der Morde von Uvalde sind grausam, wie auch bei anderen Massakern. Der Täter verwendete ein AR-15, eine militärische Waffe. Laut Medienberichten fanden sich verzweifelte Eltern im Community Centre von Uvalde ein, um DNA-Proben abzugeben. Die Kugeln hatten die Körper ihrer ermordeten Kinder bis zur Unkenntlichkeit entstellt, nur so war die Identifizierung der Leichen möglich. Journalisten meldeten, dass Schreie zu hören waren, als Eltern vom Tod ihrer Kinder erfuhren. Ähnliches wurde 2018 nach dem Massaker an der Sandy Hook High School berichtet.

Ein Elternteil bestand damals auf einem offenen Sarg – damit Politiker, die dem Begräbnis beiwohnten, sehen würden, dass ihrem Kind der Kiefer fehlte. Ein Video aus Uvalde zeigt eine Frau, die auf dem Asphalt der Straße kniet, überwältigt vor Schmerz, während andere Umstehende das Unmögliche versuchen: denen Trost zu bieten, die untröstlich sind. Sandy Hook, Columbine, Parkland, Santa Fe, Red Lake, jetzt Uvalde: Wieder und wieder sterben Kinder, Jugendliche und Lehrer in Amerikas Klassenzimmern. Seit dem Massaker in Columbine 1999 starben 169 Menschen bei Schießereien in Schulen.

Kein anderes Land hat ein so extremes Aufkommen von Massenschießereien wie die USA

Kein anderes Land hat ein so extremes Aufkommen von Massenschießereien wie die USA. Der Grund ist eindeutig und wird seit Jahren wieder und wieder angeprangert: die in vielen Bundesstaaten laxen Waffengesetze. Der Täter von Uvalde erstand an seinem 18. Geburtstag zwei AR-15. Joe Biden verlieh in seiner Rede zum Massaker seiner Wut, aber auch seiner Ohnmacht Ausdruck, dass Versuche, AR-15 für Zivilisten zu verbieten, bisher gescheitert seien: „Erzählt mir nicht, dass wir keinen Einfluss auf dieses Gemetzel haben können. . . Wozu in Gottes Namen braucht man ein AR-15, außer um jemanden zu töten? Rehe laufen nicht mit schusssicheren Westen durch den Wald, um Himmels willen. Es ist einfach krank.“

Auf Twitter machen Eltern ihrer Verzweiflung Luft, ihrem Zorn darüber, dass „active shooter situation“ einen festen Platz im Vokabular von Vorschulkindern hat, dass Kinder für den Moment trainieren müssen, wenn ein Bewaffneter in ihrer Schule das Feuer auf sie eröffnen sollte. „Ich bin kaputt. Er ist in der sechsten Klasse. Ein Mathe-Nerd. Ein Gamer. Er ist kein gottverdammter Marine. Er *trainiert* für *sowas*?“, schreibt ein User über seine Reaktion, als sein 11-jähriger Sohn ihn mit der Versicherung trösten wollte, Kinder würden für Situationen trainieren, in denen jemand in die Schule kommt und zu schießen beginnt.

Sie sind nicht allein mit ihren Forderungen, dass Politiker endlich handeln sollen. Mehr als 90 Prozent der Amerikaner befürworten strengere Backgroundchecks beim Waffenkauf, 55 Prozent der republikanischen Wähler befürworten ein Verbot von AR-15s, insgesamt sind es sogar 70 Prozent der Bevölkerung. Sogar 83 Prozent der Waffenbesitzer befürworten Backgroundchecks, über die Parteilinien hinweg – und sogar 72 Prozent aller Mitglieder der National Rifle Association (NRA).

Warum passiert dann nichts?

Benennen wir das Problem zunächst: Es sind die Republikaner, die sich einer Reform des Waffengesetzes verweigern. Wieder und wieder zeigt sich, dass die amerikanische Rechte ein antimajoritäres politisches Projekt ist, das sich nicht darum schert, was die Mehrheit der Bevölkerung will. Denn allem Gerede von „Polarisierung“ zum Trotz sind sich die Amerikaner bei Themen wie Backgroundchecks und Abtreibungen einig: Beides sollte stattfinden.

Aber wie rechtfertigen die Führungsriege der amerikanischen religiösen und politischen Rechten und zumindest Teile ihrer Basis dann ihre Position, was Waffen angeht? Kieryn Darkwater, die selbst in einem radikalen evangelikalen Kult aufgewachsen sind, aber entkommen konnten, erklären in ihrem Podcast „Kitchen Table Cult“ zusammen mit einer weiteren Überlebenden des Quiverfull-Kults, wie die extreme Religiöse Rechte in den USA tickt. Auf Twitter schreiben sie heute zu der scheinbaren kognitiven Dissonanz von selbsternannten „Pro-Lifern“, die gegen eine Verschärfung der Waffengesetze des Landes sind, dass dieser Standpunkt innerhalb der Logik der Religiösen Rechten durchaus Sinn ergibt: „Sie brauchen immer noch christliche Soldaten, um »Gottes Plan« für die Erde umzusetzen. Es geht darum, dass sie die Kontrolle über die Körper und das Leben anderer Menschen haben und kontrollieren können, wie andere leben. Sie können keine neue Generation von Kindern opfern, wenn es den Menschen erlaubt ist, über ihre eigenen Körper zu bestimmen.“

Republikaner tun so, als könnte man nichts gegen ständige Kindermorde tun

Mitt Romney, der so oft als Trump-Kritiker und „moderater“ Republikaner genannt wird, twittert die üblichen Kondolenz- und Bestürzungsbekundungen. Er schreibt auf Twitter:

„Trauer überwältigt die Seele. Kinder wurden abgeschlachtet. Leben ausgelöscht. Die Herzen der Eltern wurden zerrissen. Unverständlich. Ich bete und spreche mein Beileid aus, weiß aber, dass es völlig unzureichend ist. Wir müssen Antworten finden.“ Für die Eltern der getöteten Kinder müssen seine Worte wie Hohn klingen. Denn Romney, der hier mit den Händen ringt, als seien diese Morde eine Unausweichlichkeit, als könne man sie nicht verhindern, könnte etwas dagegen unternehmen: Er könnte für die seit langem vorliegenden Gesetze stimmen, die im Repräsentantenhaus bereits 2019 von den Demokraten verabschiedet wurden. Er tut es aber nicht.

Romney bekommt die meisten Spendengelder im Senat von der NRA, der National Rifle Association, einer rechtsextremen Lobbygruppe, die dafür sorgt, dass bisher kaum strengere Waffengesetze verabschiedet werden konnten. Romney erhielt bis 2019 über 13 Millionen Dollar von der NRA. Er ist bei Weitem nicht der einzige Republikaner, der Geld von der Waffenlobby nimmt: Mindestens neunzehn amtierende republikanische Senatoren haben mindestens je eine Million Dollar an Spendengeldern von der Waffenlobby-Gruppe erhalten.

Spenden der Waffenlobby

Keines der Massaker an Schulen hat Republikaner, die selbst ernannte „Party of Life“, dazu bewegt, das Leben von Schulkindern und Lehrern zu schützen. Und kein weiteres wird das in naher Zukunft ändern.

Stattdessen werden auch jetzt von republikanischer Seite erneut die Forderungen nach noch mehr Waffen laut: Ted Cruz ruft dazu auf, Lehrer zu bewaffnen. Auch Cruz erhält eine Menge Spenden von der NRA, zuletzt bekam er allein 2021 knapp eine halbe Million Dollar von der Waffenlobby. Es ist der alte Mythos des „good guy with a gun“, den auch die NRA gern verbreitet – je mehr Waffen, desto besser! Aber dieser Slogan funktioniert in der Realität nicht. In Uvalde war sogar Law Enforcement (Strafverfolgungsbehörden) vor Ort und lieferte sich vor den Morden einen Schusswechsel mit dem Täter. Das hielt ihn nicht davon ab zu morden – obwohl er nicht einmal, wie zunächst berichtet, eine schusssichere Weste trug. Stattdessen starben zwei Lehrerinnen beim Versuch, ihre Schüler zu schützen, während die Polizei auf Verstärkung wartete.

Die Wut progressiver Demokraten ist groß. Denn auch wenn die Republikaner der primäre Grund sind, weshalb diesem Morden nicht Einhalt geboten wird, tragen auch einige Demokraten Mitverantwortung. So unterstützen Pelosi und Schumer, Vertreter der zentristischen demokratischen Führungsriege, weiterhin Henry Cuellar, ihren Kandidaten, der in den demokratischen Vorwahlen gegen die progressive Herausforderin Jessica Cisneros antritt. Cuellar ist der einzige Demokrat mit einer A-Bewertung der NRA. Er ist außerdem der einzige demokratische Abtreibungsgegner im Repräsentantenhaus. Der Fall Cuellar ist ein Spiegelbild des Versagens der demokratischen „alten Garde“. Während Joe Biden einige überrascht hat und weiter nach links gerückt ist, bleiben seine Parteikollegen aus dem „moderaten“ Flügel beharrlich im Vorgestern.

Manchin will nicht „alles daran setzen“, um eine Waffenrechtsreform zu erreichen

Senator Manchin, der Bidens Agenda durch seine Weigerung, den Filibuster (die Regel, dass man 60 Stimmen von 100 braucht, um im Senat Gesetzgebung zu verabschieden) aufzuheben, seit Monaten blockiert, verkündete bereits, er wolle „alles daran setzen“, eine Waffenrechtsreform zu erreichen – außer, den Filibuster abzuschaffen. Seine Behauptung, alles versuchen zu wollen, ist damit glatt gelogen. Damit macht er sich zum Komplizen der Grand Old Party (GOP), genau wie seine Parteikollegin Kyrsten Sinema, die sich ebenfalls querstellt. Ohne die Weigerung dieser beiden demokratischen Senatoren könnte bereits morgen ein neues Waffengesetz verabschiedet werden.

Stattdessen fühlen sich Demokraten auf Bundesstaatsebene machtlos. Der demokratische Texas State Senator Gutierrez, der die Gegend von Uvalde vertritt, sagte MSNBC, er wolle aus Respekt vor den Opfern nicht beschreiben, was er am Tatort gesehen habe. „Ich bin zum Unification Center gegangen, und ich habe Familien gesehen, die auf Nachricht gewartet haben, ob ihr Kind tot oder lebendig ist. Und als den Menschen gesagt wurde, dass ihr Kind gestorben ist, hörte man unkontrolliertes Weinen.“ Gutierrez begann während des Interviews selbst zu weinen, als er davon sprach, seine Töchter am Mittwochmorgen vor der Schule umarmt zu haben: „Ich habe angefangen, über die Eltern nachzudenken, die ihre Kinder nicht mehr zu Schule schicken können werden“, sagte er mit erstickter Stimme. Er fühle sich machtlos, weil Republikaner jeden Versuch, auch jedes „klitzekleine Bisschen Vernunft, was Waffen angeht“, in der Legislative blockieren. „Was machen wir hier?“, fragte er schließlich.

Republikaner skrupellos, Demokraten tatenlos

Dieselbe Frage stellte ein erzürnter Chris Murphy, Senator für Connecticut, seinen republikanischen Kollegen im Senat. „Was machen wir hier? Was machen wir hier?“ Murphy war 2018 Abgeordneter für die Gegend von Sandy Hook, als das dortige Massaker an einer Grundschule stattfand.

Auch außerhalb des politischen Bereichs herrscht Wut über die Untätigkeit derer, die etwas an der Lage ändern könnten: Der Basketballcoach der Warriors, Steve Kerr, gab eine wütende, zweiminütige Pressekonferenz, in der er die Republikaner zum Handeln aufrief: „Wir werden zur Geisel gehalten von 50 Senatoren in Washington, die sich weigern, überhaupt (über eine Waffengesetzreform) abzustimmen. Sie weigern sich, weil es ihnen wichtiger ist, an ihrer eigenen Macht festzuhalten. Es ist peinlich. Ich hab es satt!“, verkündete er und stürmte von der Pressebühne.

Die Zahl der toten Kinder war bisher nie hoch genug

Es ist sehr zu bezweifeln, dass diese Appelle die Republikaner oder Manchin und Sinema umstimmen werden. Trotz all der toten Kinder war die Zahl bisher nie hoch genug, um das zu erreichen. Und keine Zahl wird hoch genug sein. Am Wochenende wird der Gouverneur von Texas, Greg Abbott, auf einer Veranstaltung der NRA auftreten und eine Rede halten. Trump und Cruz werden ebenfalls erwartet. Der Termin ist bisher nicht abgesagt. Das Mitführen von Waffen ist bei der Veranstaltung übrigens nicht erlaubt.

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Annika Brockschmidt ist Historikerin und Journalistin. Sie beschäftigt sich unter anderem mit dem Einfluss der Religiösen Rechten auf die amerikanische Politik. 2021 erschien ihr aktuelles Buch „Amerikas Gotteskrieger. Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet“ bei Rowohlt. Artikelbild: Bob Daemmrich/ZUMA Press Wire/dpa

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