Der Verein Deutsche Sprache: Ein Wolf im Sprachpelz

| Hintergrund | 22. Januar 2021

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Der Verein Deutsche Sprache: Ein Wolf im Sprachpelz

Stefan Hartmann, Juniorprofessor für germanistische Sprachwissenschaft

Der Verein Deutsche Sprache e.V., kurz VDS, ist auf den ersten Blick ein harmloser Verein mit einem unterstützungswerten Ziel: der Wahrung und Pflege der deutschen Sprache. Daher wurde über seine “Aktionen”, etwa die jährliche Kür zum „Sprachpanscher des Jahres“, von den Medien lange recht unkritisch berichtet (z.B. 2019 und 2020 in der Welt, 2019 im Stern, 2018 bei ntv, um nur einige neuere Beispiele zu nennen). Die aktuelle Aktion „Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“ mit inzwischen über 1000 Unterzeichner:innen hat das Potential, den Verein einmal mehr in die Medien zu bringen.

Worum geht es? Der Duden überarbeitet sein Online-Wörterbuch: Statt bei weiblichen Personenbezeichnungen wie Ärztin auf die männliche Form zu verweisen, gibt es nun eigene Einträge. Ärztin wird definiert als „weibliche Person, die nach Medizinstudium und klinischer Ausbildung die staatliche Zulassung (Approbation) erhalten hat, Kranke zu behandeln“, Arzt entsprechend als „männliche Person“. Nun kann man auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht lange darüber diskutieren, ob die geschlechtergerechte Überarbeitung des Wörterbuchs in genau dieser Form eine gute Idee ist oder ob es bessere Alternativen gegeben hätte.

Darum soll es hier nicht gehen, auch nicht um die aus linguistischer Perspektive einigermaßen haarsträubende Argumentation des „Aufrufs“, sondern um den VDS, der diesen Aufruf initiiert hat. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der Verein nämlich als Sprachrohr eines dumpfen Rechtspopulismus, weshalb ihm Stefan Niggemeier bereits 2016 eine gewisse „Pegidahaftigkeit“ attestiert hat.

Die Rechtspopulismus-Checkliste: 4/4 Punkte für den VDS

Wer sich nur wenige Minuten auf der Internetseite des Vereins umschaut, gerät in einen Sumpf aus Rassismus, Homo- und Transphobie sowie typischer rechtspopulistischer Argumentationsmuster. In dem kürzlich erschienenen Buch „Schleichend an die Macht“ arbeitet eine Gruppe von Wissenschaftler:innen und Journalist:innen um das Herausgeberteam Andreas Audretsch und Claudia C. Gatzka vier zentrale Themen rechtspopulistischer Agitation heraus und zeigt, wie diese Themenfelder von der Neuen Rechten in ganz Europa besetzt werden:

Demokratie, Feminismus und Geschlechterrollen, Religion sowie Nationalismus/Rassismus. Ein Blick in die aktuelle Ausgabe der VDS-Zeitung „Sprachnachrichten“ genügt, um zu zeigen, wie der VDS diese rechtspopulistischen Narrative bedient (alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, aus den „Sprachnachrichten“):

  • Demokratie:

Der Rechtspopulismus bedient sich regelmäßig der Gegenüberstellung eines vermeintlich „wahren“ Volkes auf der einen Seite mit angeblichen „Eliten“ auf der anderen. Der VDS greift auf ähnliche Argumentationsmuster zurück, wenn etwa geschlechtergerechte Sprache als „politisch kuratierte Sprachlenkung“ seitens einer „Genderlobby“ bzw. „international­sozialistischen Schläger*innentrupps“ dargestellt wird oder Personenbezeichnungen wie „Mensch mit internationaler Geschichte“ mit Orwells „Neusprech“ in Verbindung gebracht werden. Bei den „Eliten“ dürfen natürlich die Medien nicht fehlen, insbesondere jene „aus dem öffentlich-­rechtlich durchgefütterten Grünfunk“.

  • Feminismus/Gender:

Die Neue Rechte hält an traditionellen Rollenbildern fest, zugleich inszenieren sich ihre Vertreter:innen aber auch als die „wahren“ Feminist:innen, etwa in der Abwehr vermeintlicher Bedrohungen, die ihrerseits zumeist rassistisch aufgeladen sind. Aber auch das „Gender Mainstreaming“ wird als Bedrohung empfunden. Auch der VDS bedient sich gern des Narrativs, mit seiner Ablehnung des Genderns eigentlich den „wahren“ Feminismus zu vertreten: „‚Geschlechtergerechte Sprache‘ ist frauendiskriminierend und ‑herabsetzend.“

Dabei muss man einräumen, dass diese Argumentation nicht nur von rechtspopulistischer Seite geführt werden kann – eine durchaus differenzierte Auseinandersetzung findet sich z.B. in einem Gastbeitrag von Nele Pollatschek im „Tagesspiegel“ (eine lesenswerte Gegenposition findet sich in diesem Twitter-Thread von Anatol Stefanowitsch). Im Falle des VDS allerdings ist diese Argumentation eingebettet in eine Rhetorik, die sich ganz im Sinne neurechter Ideologien gegen eine vermeintliche „Gender-Ideologie“ richtet.

Bezeichnend ist beispielsweise, dass der VDS sich für seine „5 Thesen zur Gendersprache“ mit dem Verein Agens e.V. zusammengetan hat, der für „gelebte Ungleichheit“ zwischen Mann und Frau eintritt, der die Triade „Vater – Mutter – Kind“ gegen die aktuelle „Geschlechter- und Familienpolitik“ verteidigen möchte und der sich gegen eine angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern und die „Normalisierung“ unterschiedlicher sexueller Orientierungen einsetzt (Quelle). Diese Geisteshaltung schlägt sich auch im oben erwähnten Aufruf nieder, der dem Duden eine „problematische Zwangs-Sexualisierung“ der Sprache vorwirft.

  • Religion:

Hier spielt die Neue Rechte bekanntlich gern das „christliche Abendland“ gegen den vermeintlich gefährlichen Islam aus. Auch hier muss man in den „Sprachnachrichten“ nicht lange suchen, um, wenig überraschend, in einem Artikel von Peter Hahne fündig zu werden, der kritisiert, dass die christliche Kirche mit „roter Ideologie und grünem Gutmenschentum“ austauschbar geworden sei: „Inzwischen brauchen wir keine ideologische Feministen­-Religion mehr oder den aggressiven Islam, um den letzten Rest von Christlichkeit aus dem Abendland zu verbannen. Kirche erledigt das von selbst!“

  • Nationalismus und Rassismus:

„Sprachnationalismus“ hat in Deutschland eine lange Tradition, wie etwa Anja Stukenbrock in ihrer gleichnamigen Monographie gezeigt hat. In der aktuellen Ausgabe der „Sprachnachrichten“ zeigt er sich im Spagat zwischen einer romantisch-verklärenden Darstellung von Dialekten („Die Sprache meiner Kindheit“) einerseits und der Ablehnung von „Denglisch“ andererseits. Sprachpurismus, der sich in der Ablehnung von Fremdwörtern äußert, ist steter Begleiter des Sprachnationalismus. Die andere Seite der Medaille ist eine Art Sprachnostalgie, die einen längst nicht mehr aktuellen, vielleicht auch nie dagewesenen Sprachzustand verklärt, ähnlich wie gerade Konservative gern eine „gute alte Zeit“ heraufbeschwören, die es so nie gegeben hat.

Das führt dann dazu, dass auch rassistische Sprache nicht als solche erkannt und benannt wird und der Verein hartnäckig Begriffe wie das M-Wort und das N-Wort verteidigt, deren rassistischer und diskriminierender Gehalt kaum mehr bestritten werden kann – außer natürlich von den „Sprachnachrichten“, die im M-Wort „Anerkennung, Respekt, oft Bewunderung“ erkennen wollen, natürlich illustriert mit dem äußerst zeitgemäßen Wappen der Stadt Coburg.

Sprache als „Einstiegsdroge“ für rechte Ideologien?

Dies alles ist nicht neu. Beispielsweise hat der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, Henning Lobin, in mehreren Blogbeiträgen auf die problematischen Ideologien des VDS aufmerksam gemacht, zuletzt auch mit Blick auf Äußerungen des VDS zur angeblichen Ideologisierung des Duden-Rechtschreibwörterbuchs. Und auch in den Medien kommt der eher zweifelhafte Ruf des Vereins langsam an, spätestens seit die Kinderbuchautorin Kirsten Boie medienwirksam den Sprachpreis des VDS wegen der rechtspopulistischen Äußerungen seines Vorsitzenden Walter Krämer abgelehnt hat. Zuletzt hat sich auch Philipp Walulis in einem Video kritisch mit dem VDS auseinandergesetzt.

Dennoch ist es wichtig, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass der auf den ersten Blick so harmlose Verein rechte bis rechtsextreme Ideologien bedient. Es ist deshalb wichtig, weil der Verein nach wie vor viele teils auch sehr prominente Unterstützer:innen hat – darunter auch solche, die rechter Ideologien eher unverdächtig sind: Zu seinen „bekannten Mitgliedern“ zählt er etwa Hape Kerkeling, und der Verein brüstet sich damit, dass der unter anderem für sein Engagement gegen Rechts bekannte ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse seinen Appell gegen „Genderverirrungen“ mitunterschrieben hat.

„AfD für gutes Deutsch“

Das ist insofern wenig verwunderlich, als Sprache auf den ersten Blick unpolitisch ist. Daher gibt es beim VDS auch Mitglieder jedweder politischen Couleur: Ob den Mitgliedern der Arbeitsgruppen „Linke für gutes Deutsch“, „Bündnis 90/Die Grünen für gutes Deutsch“ und „SPD für gutes Deutsch“ klar ist, dass es auch eine Arbeitsgruppe „AfD für gutes Deutsch“ gibt? Zu den korporativen Mitgliedern gehören neben der, gelinde gesagt, rechtskonservativen Landsmannschaft Ostpreußen auch CDU-Ortsvereine und die Senioren-Union, ein SPD-Ortsverein sowie mehrere Städte und Landkreise, z.B. Harburg, Paderborn oder Rastatt.

Sprache ist aber nur auf den ersten Blick unpolitisch, und beim VDS wird sie beständig politisiert und ideologisiert, wie schon ein kurzer Blick auf den Internetauftritt zeigt. Hinter putzigen Spießigkeiten wie dem Browser-Plugin, das Binnen-Is und Gendersternchen filtert, oder dem „Anglizismenindex“, einem fast schon sympathisch dilettantisch formatierten PDF-Dokument, das deutsche Alternativen für Anglizismen vorschlägt (safer sex = „sichere Geschlechtslustgewinnung“), verbirgt sich eine sprachnationalistische Ideologie, die anschlussfähig ist für rechte bis rechtsextreme Narrative. Ungeachtet mancher Lippenbekenntnisse gelingt es dem VDS nicht nur nicht, sich von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit abzugrenzen, sondern er sucht gezielt den Schulterschluss mit hochproblematischen Gruppierungen wie dem oben erwähnten Verein Agens e.V..

„Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“

Dass der Aufruf „Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“ innerhalb weniger Tage schon über 1000 Unterstützer:innen finden konnte, zeigt, dass die Thesen des VDS nach wie vor auf fruchtbaren Boden fallen, auch weil wahrscheinlich die meisten Unterzeichnenden sich nicht näher mit dem Verein und seinen Positionen auseinandergesetzt haben. Hinzu kommt: Auch wenn sich langsam herumspricht, dass der VDS kein allzu seriöser Verein ist, haben seine Mitglieder und Unterstützer:innen noch immer eine beträchtliche Reichweite.

Viele der 100 Erstunterzeichner:innen des Aufrufs „Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“ sind Personen des öffentlichen Lebens, darunter der Arzt und Autor Dietrich Grönemeyer, der schon erwähnte Peter Hahne und selbstverständlich auch Hobby-Literaturkritiker Dieter Nuhr. Immerhin sieben von ihnen geben als Beruf ernsthaft „Bestsellerautor“ an, übertroffen nur noch durch „Bestsellerautor (über 4 Mio. verkaufte Bücher)“ und „Bestsellerautor (Auflage 8 Mio.)“.

Es stellt sich daher die Frage: Wie geht man mit diesem Verein um?

Wie bei anderen rechten Organisationen steht man auch hier vor dem Dilemma, dass man den Verein womöglich nur stärkt, wenn man ihm Aufmerksamkeit schenkt. Allerdings besteht gerade in diesem Bereich nach meinem Eindruck noch sehr viel Aufklärungspotential, eben weil Sprache auf den ersten Blick so unpolitisch ist und weil es nicht schwerfällt, den VDS zunächst als bieder-spießigen, aber harmlosen Altherrenverein wahrzunehmen. Bei vielen Mitgliedern darf bezweifelt werden, dass ihnen klar ist, was genau sie da unterstützen – umso wichtiger ist es, über die beim VDS quasi allgegenwärtigen rechtspopulistischen Tendenzen aufzuklären.

Um mit einem gewagten Vergleich zu schließen: Was für die Neonaziszene die Musik ist, ist für rechte Ideologien die Sprache – eine subversive, scheinbar harmlose und unpolitische Einstiegsdroge. „Bösewichter haben keine Lieder“, heißt es beim Dichter Johann Gottfried Seume, doch er lag falsch: Böse Menschen haben viele Lieder, und böse Ideologien nehmen in der Sprache ihren Anfang.

Stefan Hartmann ist Juniorprofessor für germanistische Sprachwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und fast Bestsellerautor (über 500 verkaufte Bücher). Sein Twitter @hartmast. Artikelbild: HE Photography

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