Ich habe Xavier Naidoos neuen Song analysiert, damit ihr ihn nicht anhören müsst

| Hintergrund | 30. Mai 2021

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Dieser Holzweg wird kein leichter sein

Mit politischer Musik ist das so eine Sache. Bestenfalls funktioniert die Verbindung von Kunst und Gesellschaftskritik beiläufig und unangestrengt, fügt sich mühelos zu einem großen Ganzen. Schlimmstenfalls steht das politische Sendungsbewusstsein maximal im Vordergrund. Und der Hörer kriegt die Botschaft mit dem Holzhammer vor die Stirn gehämmert, im Hintergrund irgendeine Melodie. Wenn Xavier Naidoo und 17 „Querdenken“-Rapper einen fast achtminütigen Song releasen, wird zur Holzhammermethode gegriffen – passend zum Holzweg, auf dem sich alle Beteiligten befinden.

Der Aufbau des Videos ist so schlicht wie seine Message

„Ich mach da nicht mit“ heißt der Track, und die Drahtzieher dahinter nennen sich „Rapbellions“. Mit diesem sehr gewollten Wortspiel beginnt bereits die künstlerisch-politische Misere, die das Gesamtprojekt durchzieht. Xavier Naidoo ist ohne jeden Zweifel auch trotz – respektive wegen – seines offenkundigen Abstiegs das Zugpferd des Songs. Der Aufbau des Videos ist so schlicht wie seine Message. Man sieht den Aluhutbarden Naidoo entweder durch eine südspanische Pampa radeln oder im Tonstudio stehen, den Revoluzzer-Refrain stets auf den Lippen.

„Ich mach’ da nicht mit / Es kann gar nicht sein / Dieses Gift kommt niemals in unsere Körper rein / Die Geschwister und ich / Wir wagen den Schritt / Und machen nicht mit.“

Zwischen dieser mantraartig wiederholten Impfgegner-Hook kommen 17 (ja, in Worten: siebzehn) Rap-Rambos zu Wort, deren künstlerischer Wirkradius sich vor dem Naidoo-Feature überwiegend auf den erweiterten Freundeskreis und ein paar „Querdenken“-Demos beschränkt haben dürfte. Sie heißen z. B. Beatus, Skitekk, Twanie, Scep.

Missionarische Musik mit radikalen Inhalten ist keineswegs neu. Neonazis versuchen seit Jahrzehnten mit ihren Tonträgern die Schulhöfe und Jugendhäuser zu infiltrieren, teilweise mit Erfolg. Die rechtsextreme Szene veranstaltet zudem regelmäßig Konzerte oder kleine Festivals. Größere Bekanntheit erlangte vor zwei Jahren eine Rechtsrock-Veranstaltung in Themar in Thüringen – was als Machtdemonstration geplant war, wurde dank behördlicher Auflagen und zivilgesellschaftlicher Aufmerksamkeit, zumindest aus neonazistischer Sicht eher ein Flop. Rassistischer Rap wiederum galt über lange Jahre aus offensichtlichen kulturgeschichtlichen Gründen als Ding der Unmöglichkeit, erst recht in Deutschland.

Nationalistische Gesinnung

Dann traten Rapper wie z. B. Chris Ares in Erscheinung. Ares vereinte so lange nationalistische Gesinnung und Rapmusik (Verschwörungstheorien über den Großen Austausch und dergleichen inklusive) bis YouTube und Amazon und Spotify und überhaupt so ziemlich alle Plattformen seiner Musik derart den Stecker zogen, dass Christoph Aljoscha Zloch, wie Ares bürgerlich heißt, im Herbst 2020 frustriert sein extrem weißes Handtuch warf und seine musikalische Karriere für beendet erklärte, gleichermaßen verlacht von Gesinnungsgenossen wie politischen Gegnern. Die mangelnde Zloch’sche Resilienz dürfte auch einen gewissen Xavier Naidoo geärgert haben, stand doch immerhin ein Feature bereits im Raum.

Jenseits von Rechtsrock und Rechtsrap ist im Rahmen extremistischer Musik noch das Phänomen des islamistischen Raps zu nennen, dessen Existenz, ähnlich wie beim Rechtsrap, einer missionarisch geschuldeten Widerspruchstoleranz zu verdanken ist – man muss wirklich mehr als nur eine fünf gerade sein lassen, um nicht sofort loszulachen angesichts des bloßen Vorhandenseins dieser Subgenres. Aber auch hier gilt: zuerst der Holzhammer, dann die Melodei. Musik wird als Vehikel genutzt, um bei einem meist jungen Publikum zu landen. Abschließend und jenseits der Musik zu erwähnen ist noch die Figur des sich selbst immer weiter politisch radikalisierenden Musikers, der sich eher als Mensch und als öffentliche Person radikalisiert, ohne dabei direkt durch das Veröffentlichen extremistischer Musik in Erscheinung zu treten.

„Künstler radikalisiert sich“

Da ist jüngst jemand wie Michael Wendler zu nennen mit seiner tragisch-komischen Entwicklung hin zum konspirativen Telegram-Widerstandskämpfer. Ein Beispiel eines besonders schweren Falles von „Künstler radikalisiert sich“ war der als Berliner Straßenrapper Deso Dogg gestartete und wohl mittlerweile in Syrien getötete Rapper Denis Cuspert. Sein Werdegang stellt eine traurige Radikalisierungsgeschichte vom Untergrundrapper zum islamistischen Terroristen dar.

Nun also die Rapbellions. Für eine ausführliche Zeile-für-Zeile-Textanalyse ist hier kein Raum (und ich will das weder meinem noch sonst einem Gehirn zumuten); allerdings möchte ich das, nun ja, musikalische Wirken dieses radikalkonspirativen Künstlerkollektivs ein wenig unter die Lupe nehmen und in einen verschwörungstheoretischen Diskurs einordnen.

Vorab: Was ist eine Verschwörungstheorie?

Katharina Nocun und Pia Lamberty schreiben: „Eine Verschwörungserzählung ist eine Annahme darüber, dass als mächtig wahrgenommene Einzelpersonen oder eine Gruppe von Menschen wichtige Ereignisse in der Welt beeinflussen und damit der Bevölkerung gezielt schaden, während sie diese über ihre Ziele im Dunkeln lassen.“ (Nocun/Lamberty, 2020, S. 18). Ich wiederum sehe drei wichtige Merkmale im Zentrums des Begriffs „Verschwörungstheorie“. [1] Einerseits die Prämisse „Wir werden belogen“, zweitens die Prämisse „Wir werden bedroht“ und drittens die Prämisse „Es gibt mächtige Drahtzieher, die uns insgeheim belügen und bedrohen“ (mehr dazu unter Skudlarek, 2019).

Der Song „Ich mach da nicht mit“ von Naidoo und seinen 17 Widerstandswichteln erfüllt die Definition von Nocun/Lamberty vollumfänglich. Die Raptexte deklinieren ebenfalls die von mir skizzierten relevanten Motive der Lüge und Bedrohung derart ausgiebig durch, dass es sich wohl um das verschwörungstheoretischste Lied der (deutschen) Rapgeschichte handeln muss. Lüge hier, Bedrohung da. Und vor allem: Handlungsbedarf.

„Sie folgen dem Plan / da ist gar nix Zufall!“ (Beatus)

Immer wieder wird das teuflisch Planhafte hinter Pandemie und Impfgeschehen betont und die New-World-Order-Verschwörungstheorie verbreitet, welche vor einer dystopischen neuen Gesellschaftsordnung warnt:

„Satanische Sklaven sind apathisch und sick /
Ich sag »Fuck NWO!« und bewahr mein Gesicht“ (Beatus)

(beides ab 0:54)

Bekanntlich wird in solchen konspirativen Kontexten nicht nur gewarnt und gemahnt. Konkretes Kernstück von „Ich mach da nicht mit“ sind die multiplen, sich an diversen Stellen in Text und Video findenden Gewaltaufrufe. Dies ist ganz im Einklang mit der Studienlage zum Thema Verschwörungstheorien. Schon vor Corona, bspw. in der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, wurde der Zusammenhang zwischen konspirativen Denkweisen und Gewaltbereitschaft bzw. Gewaltbilligung dargelegt.

Das Ergebnis: Menschen, die Verschwörungserzählungen zustimmen, halten Gewalt deutlich öfter für ein legitimes Mittel der Problemlösung als Menschen, die Verschwörungserzählungen ablehnen. Die Rapbellions liefern sozusagen ein Lehrstück, das bereits gewonnen wissenschaftliche Erkenntnisse anschaulich untermauert. Wenn „die da oben“ hinter dir her sind, musst du dich wehren!

Diese Gewaltaufrufe sind nicht mal sonderlich subtil

So tritt Rapper Skitekk (ab 2:06) einen als Ordnungskraft verkleideten Statisten vor einem Impfzentrum nieder – ebenjenes Impfzentrum wird Sekunden später durch eine Explosion gesprengt.

Zu allen möglichen Überwachungs-, Widerstands- und Unterdrückungsmetaphern gesellen sich jene Verschwörungserzählungen, die während der Corona-Krise eine große Bühne für sich reklamieren konnten und auf keiner Querdenker-Demo fehlen durften, so z. B. die Impfchip-Verschwörungstheorie:

„Die Impfkampagne ist ein Trick / erst der Pass, dann der Chip“ (ab 2:23)

Interessant ist auch die positive Aneignung des Begriffs „Verschwörungstheoretiker“, der, so viel ist klar, an sich selten als Kompliment gemeint ist, sondern vielmehr eine intellektuelle Fehlleistung bezeichnet (die man allerdings, wie oben beschrieben, gut analytisch definieren kann; es handelt sich nicht, wie u. a. mir oft fälschlicherweise unterstellt, um eine bloße Beleidigung):

„Dann begräbst du Opa, denn er starb an AstraZeneca /
und wer hat dich gewarnt? / Der Verschwörungstheoretiker“

rappt „Der Typ“ (ab 2:57) in faktenresistenter Verkennung dessen, wie gefährlich Corona für „Opa“ wohl ist; nämlich hundert- bis tausendfach gefährlicher als jeder zugelassene Impfstoff.

Die Regierung? Will dich versklaven. Pharma-Industrie? Will dich vergiften.

Die Bedrohungsszenarien, die im Lied immer wieder aufkommen, sind so vielfältig wie monoton. Die Regierung? Will dich versklaven. Pharma-Industrie? Will dich vergiften. Schuld daran? Politiker, Lügenpresse, geheime Einflussgruppen. Das kleine Einmaleins der Konspiration wird in diesen sieben Minuten wirklich sehr brav herabgebetet und immer wieder verbunden mit Gewaltaufrufen.

„Du spürst sie auf / Führst es aus / Die Zeichen sind da / Mach Alarm! / Bewaffne dich! / Vernichte den Tiefen Staat!“

(Scep, ab 4:30)

Da gibt es nichts zu deuteln und nichts zu interpretieren. In diesem mittlerweile zu Recht auf den großen Plattformen gelöschten Video sehen wir, unter Anleitung des ehemaligen Schmusesängers Xavier Naidoo, Gewaltaufrufe und Hass, die sich aus der Überzeugung speisen, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Dass sie keine Widerstandskämpfer gegen ein ungerechtes Regime sind, sondern Hetzer innerhalb eines freien und demokratischen Rechtsstaates, verkennen alle Involvierten. Sie stilisieren sich stattdessen allesamt zu kleinen Neos in der Matrix – allesamt bereit, die Agents Smiths, die Merkels und die bösen Impfärzte zu stoppen.

Darin liegt die Brisanz verschwörungstheoretischer Weltanschauungen:

Verschwörungstheorien liefern nicht bloß gedankliche Orientierung, sondern sie haben eine praktische Orientierungsfunktion. „Du musst etwas tun! Handle! Sonst bist auch du schuldig an allem!“. Mit ebenjener vermeintlich widerständlerischen Mentalität ausgerüstet begehen Menschen immer wieder Verbrechen, vom „Querdenker“, der auf einer Demo Journalisten angreift über den Reichsbürger, der einen Polizisten erschoss, bis hin zu Anders Breivik, der seine Morde von Oslo und Utøya in einem Manifest rechtfertigte, dessen Fundament rechtsextreme Verschwörungstheorien sind. Immer heißt es (fälschlicherweise): „Ich hatte keine andere Wahl, Schuld sind die anderen.“

Was hilft gegen extremistische Musik?

Tatsächlich: Deplatforming. Ihnen die Bühne entziehen. Von YouTube löschen, Konten sperren. Abseitiges sollte abseitig bleiben. Um Donald Trump ist es still, seit er keinen Ort mehr zum Wüten hat. Daraus können wir eine Lehre ziehen: Wir müssen extremistischen Content sperren, löschen und ächten, wo es nur geht – und gleichzeitig über jene aufklären, die diesen Content verbreiten und was ihre Ziele sind. Genau genommen ist auch mein Artikel hier ein zweischneidiges Schwert; einfacher und legitim wäre es gewesen, das Lied und seine Macher versacken zu lassen. Andererseits besteht die Aufklärungspflicht. Jugendliche werden so abgeholt und radikalisiert, durch Musik.

Durch Gesten, die sich subversiv geben und vorgeben, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Durch „Gesellschaftskritik“, die in Wahrheit bestenfalls Populismus und schlimmstenfalls Antisemitismus und Menschenhass ist. Auf diese Gefahr muss man hinweisen, weswegen auch dieser Text hier seine ethische Daseinsberechtigung hat, wenngleich er hundertprozentig dazu führen wird, dass die Rapbellions – und sei es aus reinem Katastrophentourismus! – ein paar Klicks mehr erhalten werden, länger digitales Dorfgespräch bleiben. Aber das liegt nun mal in der Logik jedweder Aufklärungsarbeit: Wenn man kritisch gegen etwas vorgeht, muss man, zumindest im Groben, den Gegenstand der Kritik benennen und somit erwähnen.

Die Redensart „auf dem Holzweg sein“ ist übrigens seit dem Spätmittelalter belegt. Das Grimmsche Wörterbuch definiert den Holzweg als weg der zu wirtschaftszwecken in ein holz gemacht ist und nicht der verbindung zweier orte unter einander dient. Xavier und seine Sprechgesangsboys sind ohne Zweifel gemeinsam unterwegs, keine Frage. Es bleibt zu hoffen, dass wenige den Rapbellions ins Dickicht folgen; und der ein oder andere von ihnen den Rückweg findet aus dem Wald der Verblödung.

Literatur:

Nocun, Katharina und Lamberty, Pia (2020): Fake Facts.

Skudlarek, Jan (2019): Wahrheit und Verschwörung.

[1] Zum Begriff: Meinetwegen geht auch „Verschwörungserzählung“ oder „Verschwörungsmythos“ oder „Verschwörungsideologie“. Grundsätzlich schließe ich mich allerdings Michael Butter an, der „Verschwörungstheorie“ bzw. conspiracy theory für einen guten, angemessenen Begriff hält.

Zum Thema:

So rechtsextrem & „Querdenken“ ist Naidoo: Rostock hat alles richtig gemacht

Autor: Jan Skudlarek. Hier zu seiner Website und hier zu seinem Twitter. Artikelbild: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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