Black Friday: Mit Klassismus gegen den Kapitalismus – keine gute Idee!

| Kommentar | 26. November 2021

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Nicht jeder Einkaufszettel ist politisch

Es scheint ein immer wiederkehrendes Muster zu sein: Privilegierte Personen äußern Systemkritik und tragen diese auf dem Rücken weniger Privilegierter aus. Nichts Neues – dennoch ermüdend. Es ist ermüdend, dass kein Black Friday vergeht, ohne dass den Käufer:innen von Angeboten und rabattierten Produkten das Gefühl gegeben wird: Du bist Schuld am Kapitalismus. Das ist keine Kapitalismuskritik, sondern Klassismus!

Diesen Klassismus erlebe ich in den sozialen Netzwerken immer wieder – auch in linken Kreisen. Man sollte sich schämen, an dem Tag Produkte zu kaufen. Der Konsum am Black Friday sei „eine Rechtfertigung für ein höchst kapitalistischen Tag, von dem ja doch die Firmen profitieren“, heißt es etwa auf Instagram. Selbstverständlich profitieren Firmen vom Kauf. Aber das tun sie das ganze Jahr über. Von den Prozenten und Rabatten am Black Friday profitieren aber auch andere. Etwa Käufer:innen, die auf Angebote angewiesen sind, um sich bestimmte Dinge finanzieren zu können.

Denn auch wenn es vielleicht für einige überraschend scheint, leben wir jeden Tag in einer kapitalistischen Welt. Und das nicht, aufgrund von individuellen Kaufentscheidungen. Der Kapitalismus ist nicht etwas, der erst mit den aufploppenden Rabatten in unseren Timelines auftaucht. Und auch nichts, dass nach der Rabattflut wieder verschwindet.

Zugegeben, mich nerven die etlichen Rabatte auch oft. Aber sie nerven mich, weil ich das Glück habe, aktuell in einer finanziell privilegierten Position zu sein. Aber das sind längst nicht alle. Für viele – auch viele Familien – sind Rabatte und Angebote essentiell. Der Black Friday – der seinen Ursprung in den Vereinigten Staaten hat und auf den Tag nach Thanksgiving fällt – ist eine Möglichkeit, um Geld zu sparen. Geld, mit dem viele Personen haushalten müssen.

Black Friday ist für viele Familien eine Erleichterung

Sie nutzen die Angebote etwa, um größere Anschaffungen zu machen. Oder um Geschenke für das bevorstehende Weihnachtsfest zu kaufen. Denn der Dezember ist ein Monat, indem Extraausgaben hinzukommen, wenn man etwa Familie und Freund:innen beschenken möchte. Gerade für Eltern, die leuchtenden Kinderaugen am Weihnachtsabend nicht enttäuschen möchten.

Doch das wird häufig nicht beachtet. Zu leicht scheint es, die Moralkeule zu schwingen. Sich durch das Shamen von anderen überlegen zu fühlen. Natürlich nur für eine vermeintlich gute Sache: Kapitalismuskritik. Doch sie kann nie auf den Schultern einzelner Konsument:innen ausgetragen werden. Diese Art von Konsumkritik verkennt, dass die Verantwortung nicht bei einzelnen Personen, sondern vor allem bei der Politik und den Konzernen liegt. Keine Person kann durch ihr individuelles Verhalten das kapitalistische Wirtschaftssystem stürzen.

Natürlich möchte ich nun nicht zu wahllosem Konsum aufrufen – keinesfalls. Konsum sollte im Idealfall immer bedacht sein. Und natürlich wäre es schöner, wenn sich alle Menschen nachhaltig und fairproduzierte Waren leisten könnten, und davon möglichst wenig. Aber diese Vorstellung geht nicht mit der Lebensrealität vieler Menschen einher. Sie deshalb jährlich an den Pranger zu stellen, hilft absolut nicht weiter und verkennt die eigenen Privilegien.

Artikelbild: ComicSans

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