„Bevor ihr die Flüchtlinge integriert, integriert doch erst mal uns Ostdeutsche“

Hatte Deniz Yücel doch Recht?

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Der Deutsche als ewig jammernder Meckerkopf: Als Ostdeutscher kann unser Autor den Trieb verstehen, die Kommentarspalten bei Facebook mit Häme, Zynismus und schlechter Laune zu fluten.

Ein Blick in die Kommentarspalten bei Facebook ist deprimierend, und falls Facebook ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, können wir froh sein, dass es die Blickwinkelkanone, die die Gefühle des Abfeuernden auf den Getroffen überträgt, (aus Douglas Adams´ „Per Anhalter durch die Galaxis“) nicht gibt. Ob es nun Artikel über die (zugegeben vor sich hin siechende) Regierungsbildung betraf, Artikel über den Krieg in Syrien oder eine brennende Flüchtlingsunterkunft: Häme, Zynismus, schlechte Laune, „immer schon gewusst“- oder „selbst schuld“-Kommentare brechen sich Bahn.




Man möchte fast meinen, Deniz Yücel hat es ganz richtig erfasst, als er in seiner oft aus dem Kontext gerissenen Kolumne aus der taz 2011 die Deutschen bzw. Deutschland als „…eine Nation, die seit jeher mit grenzenlosem Selbstmitleid, penetranter Besserwisserei und ewiger schlechter Laune auffällt; eine Nation, die Dutzende Ausdrücke für das Wort „meckern“ kennt, für alles Erotische sich aber anderer Leute Wörter borgen muss, weil die eigene Sprache nur verklemmtes, grobes oder klinisches Vokabular zu bieten hat…“ beschrieb. Es soll jetzt hier weder um den Bezug zum Sarrazin-Buch gehen, noch darum, ob Yücel Deutschland hasst, sondern vielmehr darum, ob er mit seiner Einschätzung Recht hatte, und wenn ja, ob es Ursachen hat.

Ich kann persönlich nur aus der Sicht eines „Ossis“ schreiben. Leider bekleckern sich da ja einige meiner „Landsleute“ derzeit nicht mit Ruhm. Dass wir Deutschen uns selbst als Meckerköpfe wahrnehmen hat Tradition. Die Nationalmannschaft gewinnt 1:0 und schon sind 80 Mio. Bundestrainer erzürnt und wissen es besser. Entscheidungen der Regierung werden argwöhnisch begutachtet, und letztlich war jedes Ergebnis wieder nicht ausreichend, wenn überhaupt.

Der Jammer-Deutsche

Pessimismus kann beschützen. Vor Enttäuschungen. Kann antreiben aus lauter Angst, in der Zukunft zu wenig zu haben. Neben Pessimismus wird oft vom „Jammer-Deutschen“ gesprochen, der, obwohl es ihm im Vergleich zu anderen Industrienationen zumindest genauso gut geht, wenn nicht sogar besser, nicht unbedingt vor Tatendrang sprüht.

Ohne es zu verallgemeinern, aber ich habe mir die Bezeichnung des „Jammer-Deutschen“ ja nicht ausgedacht. Also scheint dafür eine Art Bewusstsein zu existieren. Ein Kollektiv-Bewusstsein. Die Deutschen lebten viele Jahre in einem Obrigkeitsdenken, das vor allem in der Unterwerfung mündet, sei es unter verschiedenen Königen oder später in der Diktatur. Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung sieht darin eine Ursache für einen kollektiven Pessimismus, dessen Merkmale nicht Spontanität und Kreativität sind, sondern vielmehr das Gefühl, sein Leben und die Verantwortung dafür aus der eigenen Hand in die eines anderen, einzelnen Menschen zu geben, der vermeintlich Sicherheit vermittelt. Gott sei Dank haben wir derzeit (und hoffentlich auch in Zukunft) niemanden, der diese Rolle einnimmt. Der Staat vermittelte seit 2015 nicht unbedingt ein Sicherheitsgefühl, sei es temporär faktisch oder rein der mangelhaften Kommunikation geschuldet. Es ist niemand von „denen da oben“ in der Lage gewesen, dieses Gefühl zu vermitteln.

„Bevor ihr die integriert, integriert doch mal uns“

Natürlich bietet das auch Chancen. Die Menschen in der DDR fühlten sich aus ihrer Angst oder ihrem Drang nach Freiheit so unzufrieden, dass sie aufbegehrten, was glücklicherweise eine friedliche Revolution zur Folge hatte.

Nur, was kam danach für die Menschen aus dem Osten? Sie verloren Jobs, ihre erworbenen Qualifikationen wurden aberkannt, sie wurden über viele Tische gezogen, als ihnen überteuerte Schrottautos angeboten wurden. Und diesen Menschen wurde dann innerhalb von 28 Jahren nach dem Mauerfall (also genauso lang wie die Mauer stand) erklärt, dass Angebot und Nachfrage ihre Produkte und ihre Arbeit überflüssig machen, dass die EU der neue Markt und letztlich die Welt ein großes Dorf ist. Ganz schön viel und schnell. Das kann den einen oder die andere durchaus überfordern. Die Welt bestand für viele 28 Jahre lang aus der Ostsee, dem Erzgebirge, Prag, Budapest und dem Balaton.

Und nun? Nun verlangen „die da oben“, dass Fremde in die Nachbarschaft einziehen, die auch noch alles geschenkt bekommen. Dazu ist je nach Filterblase zu lesen, wieviel diese Fremden anstellen, wie unsicher die Straßen sind: Und daran sind nur „die da oben“ Schuld. Statistik hin oder her, denn Emotionen sind eben doch mächtiger.

Nun, als „Ossi“ kann ich einige Sorgen nachvollziehen. Die Skepsis. Die Angst vor der Zukunft. Diese wahnsinnig reiz- und informationsüberflutende Zeit. Irgendwo las ich von einem Mann, der sagte: „Bevor ihr die integriert, integriert doch mal uns“.

Zurück in den Kommentarspalten bleibt neben dem ständigen Beteuern, wie gut es Deutschland geht, doch die Erkenntnis, dass „die da oben“ an ihrer Kommunikation arbeiten müssten, um den Eindruck zu vermitteln, dass wir alle in Sicherheit sind, und zwar lösungsorientiert.

Spannend dabei ist, dass die jungen Menschen, die ich in Berlin aus aller Welt so sehe, überhaupt nicht den Eindruck vermitteln, ängstlich oder jammernd zu sein. Im Gegenteil. Ich sehe offene Gesichter, interessierte und freundliche Augen. Nicht auszudenken, wenn die FB-Welt die Blickwinkelkanone auf sie richten würde.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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1 Kommentar
  1. Frauke sagt

    Wer sich fragt, weshalb in den alten Bundesländern verächtlich von „Dunkeldeutschland“ gesprochen wird, wenn man von den neuen Bundesländern spricht, findet in den Pogromen von Chemnitz eine Antwort.

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