#metoo: Doch leider waren meine Täter nur Deutsche

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Contentwarnung: Sexuelle Gewalt

Als Anke von sexueller Gewalt gegen sie erzählte, sagte man ihr, sie solle sich nicht so anstellen. Bis sie einen Asylbewerber bei sich auf nahm. Dann wünschte man ihr und ihrer kleinen Tochter, sie solle „zu Tode vergewaltigt“ werden. Einige von denen, die ihr gedroht haben, haben Ämter bei der AfD.

#MeToo

Was ein kleiner Hashtag wirklich bedeutet, für so viele Menschen, nicht nur für Frauen.

Sexuelle Gewalt kommt täglich vor, fast jede Frau ist davon in ihrem Leben betroffen. Reden wir mal von mir: Ich war 15 und hatte meinen ersten Freund und sein bester Freund hat mich mit Messer am Hals gezwungen ihn oral zu befriedigen. Meine behütete Seele war dermaßen geschockt, dass ich erstmal ein Jahr lang nicht wusste, was geschehen war.

Als ich mich erinnerte – und an diesen Moment werde ich mich bis zum Ende meines Lebens erinnern – war es das erste mal in meinem Leben, dass ich körperlich Angst hatte.



Ich war 16 und erstarrt vor Angst!

Weder meine Eltern, noch mein damaliger Freund ahnten, was das alles für mich bedeutete, was in mir zerstört wurde, wie man sich mit 16 und vergewaltigt fühlt, denn ja, das war eine Vergewaltigung, auch das habe ich gelernt.

Keiner glaubte mir und ich habe ihn nicht angezeigt, obwohl ich nicht sein einziges Opfer war.

Aber ich habe es überlebt, ich bin erwachsen und stark geworden.

Als junge Frau hat mich dann im Bus ein Freund meiner Eltern begrapscht: An Busen, Po, zwischen den Beinen und da hatte ich den Mut es zu erzählen, war mittlerweile Studentin und dennoch hat es mir nichts gebracht. „Ach Anke, hab dich nicht so, der war besoffen!“. Ich hab mich aber, hab mich bis heute und nein, ich bin nicht darüber weg. Jedenfalls nicht so, dass ich es vergessen habe und ja, der Typ ist noch immer ein guter Freund meiner Eltern, die ihn niemals damit konfrontiert haben.

Damals war ich um die 20, heute bin ich 42 und es hat sich nichts verändert

Also ich mich schon, aber die sexuelle Gewalt nicht. Grapschen, Tatschen, fiese Sprüche, Gewalt, Vergewaltigungen.

„Hab dich nicht so!“ „Der war besoffen, hat das nicht so gemeint!“ „Warum ziehst Du dich auch so an?“

What the fuck?

2015 kamen dann die Flüchtlinge

Es war mir eine innere Pflicht und ein Bedürfnis, zu helfen. Ich habe, wie so viele in diesem Sommer, Herbst und Winter, Kleidungsstücke gefaltet und sortiert, ausgegeben, habe Hände gehalten, mit Kindern gespielt, Geschichten von Krieg und Vergewaltigungen gehört, von Vätern, die mitansehen mussten, wie eins ihrer Kinder im Mittelmeer ertrank, weil es aus dem fahrenden Boot geworfen wurde, und und und.

Die erst freundliche Stimmung wandelte sich jedoch und viele Menschen sahen in den Asylbewerbern mit ihrer Religion eine Gefahr. Schnell waren wir Helfer „Gutmenschen“ und die Asylbewerber „FickiFickis“.

Und die sexuelle Gewalt ging weiter, via Facebook und Twitter!

Vergewaltigungswünsche gegen mich und alle Frauen, die geholfen haben.

Als wir (mein Mann und ich) einen Flüchtling bei uns zu Hause aufgenommen haben und der dummerweise auch noch berühmt wurde – was eine gänzlich andere Geschichte ist – wurde es noch schlimmer…! Meiner Tochter und mir wurden Vergewaltigungen gewünscht, ich „fette Kuh“ würde eh keinen anderen kriegen und wir sollen alle „zu Tode vergewaltigt“ werden.

Was mich besonders sprachlos gemacht hat und bis heute macht, ist die Tatsache, dass sowas oft von Frauen kommt, öfter als von Männern. Egal, wie man zu der Flüchtlingspolitik steht, wo man politisch steht, Frauen tun sich selber an, was sie den Flüchtlingen vorwerfen, sie üben Gewalt aus, beleidigen, reduzieren und verleumden und lügen, ohne Ende.

Doch meine Täter waren Deutsche, deshalb hat es keinen interessiert

Ich weiß, wie sich sowas in Echt anfühlt, mein Täter war 18, Deutscher und einer meiner besten Freunde, dachte ich. Sogar Christ, denn wir waren gemeinsam in einer Kirchengruppe. Hat mir nix gebracht. Der Freund meiner Eltern ist auch Deutscher.

Es ist im Übrigen auch egal, welche Nationalität der Täter hat, weil es so oder so schrecklich ist und es keinen Unterschied macht. Dann kam #MeToo und dann ein paar Tage später Bilder von misshandelten Frauen und die Empörung kam nur, da behauptet wurde, dies hätten Asylbewerber/Moslems getan. (Alles völlig erfunden)

Also die gleichen Leute, die mir und meiner Tochter wünschten, wir sollten von Flüchtlingen zu Tode vergewaltigt werden, wollen die deutschen Frauen schützen? Die gleichen Leute, die seit Jahren echte Fälle leugnen und ignorieren, echauffieren sich darüber, wie Frauen behandelt werden und schwingen sich zu den großen Frauenrechtlern auf?

Geht es noch?

Diesen Menschen geht es nicht um die Sicherheit der Frauen, diese Menschen nutzen nur jede Gelegenheit, um ihren Rassismus auszuleben und diesen scheinheilig zu rechtfertigen.

Und noch schlimmer, einige der Leute, die mich bedroht haben, haben Ämter bei der AfD

Wir haben sexuelle Gewalt nicht bekämpft, denn sie ist hoffähiger als jemals zuvor, denn sie ist nun ein politisches Stilmittel, wahlweise als Drohung, Warnung oder Stigmatisierung. Was soll ich meiner Tochter erklären? Wie kann ich sie schützen, in den nächsten acht Jahren, bis sie 15 ist, wie ich damals und darüber hinaus? Wie kann ich ihr erklären, dass anscheinend sexuelle Belästigung von Asylbewerbern schlimm und unverzeihbar ist, sie sich aber bei den deutschen Männern nicht so haben soll, wie ich damals?

Nein, Leute, ich bin kein Opfer mehr und mein 15-jähriges Ich ist nicht dasselbe, wie mit 42, aber es hat etwas mit mir gemacht und ich würde am liebsten Himmel und Hölle in Bewegung setzten, um das für mein Kind zu ändern.

Doch ich kann das nicht alleine machen, aber vielleicht finden wir alle zusammen eine Antwort darauf, darauf hoffe ich.

#MeToo

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Anke M., Teammitglied Volksverpetzer
% S Kommentare
  1. Steffen sagt

    Danke für diesen ehrlichen mutigen Bericht! Dir, Deiner Tochter und Familie alles Gute!

    Ich wünsche mir, dass ich meine Tochter auch davor beschützen kann – und dass mein Sohn ein Mann wird, der Frauen genau so achtet wie ich (denke ich zumindest)!

  2. Streuner sagt

    Jetzt ist mir schlecht >.<

    Danke für Ihren Mut, auch, um weiter für Ihre Tochter – und damit indirekt für meine! – zu kämpfen.

  3. Keira sagt

    Danke Anke
    Ja auch mein Täter war damals mit 25 ein Deutscher
    Mir wurde von der Polizei gesagt, ich soll mich nicht so haben, immerhin war ich ja sehr leicht bekleidet (GoGo um Fetisch Club, Studentenjob halt und ja ich steh drauf so angezogen zu sein) und ausserdem sei ja eh nix passiert (ja weil ich nüchtern und der Kerl betrunken war, und ich gut mit meinen spitzen Schuhen zielen und dann laufen konnte … sonst hätte es mich erwischt …)

    Genau die Frauen die jetzt wegen jedem Blick eines Geflüchteten „Vergewaltigung“ schreien sind die, die damals genickt hätten und gesagt hätten: selbst schuld

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