Wenn Schwarz-Sein zum Makel gemacht wird

| Kommentar | 18. Januar 2021

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An dieser Stelle möchten wir, die Redaktion von Volksverpetzer, der Autorin Jasmina Kuhnke die Plattform bieten, auf diverse Vorwürfe und Anschuldigungen zu reagieren, die im Tagesspiegel veröffentlicht wurden.

Gastbeitrag von Jasmina Kuhnke – @ebonyplusirony

Ich habe diesen Text als Reaktion geschrieben und dem Tagesspiegel geschickt. Das Angebot, den Text zu überarbeiten und direkter auf Fatina Keilanis Haltungen und Behauptungen zu antworten, habe ich abgelehnt und publiziere ihn darum jetzt hier.

Keilanis Text war eine unterkomplexe Verknüpfung von Boshaftigkeiten, ohne Kenntnis antirassistischer Arbeit und rassismuskritischer Ideen. Ihr Ziel war keine Verständigung, sondern Beleidigung. Ich kann deswegen nicht so tun, als wäre es ein Diskussionsbeitrag auf Augenhöhe gewesen, auf den ich eingehen will. Ich wurde als Aktivist*in im Text explizit beschrieben, ein Tweet von mir wurde verlinkt. Die Autorin war also nur an der persönlichen Ebene interessiert, und so antworte ich ihr auch. Die Korrektur ihrer Fehlschlüsse, falscher Darstellungen und inhaltlicher Fehler ist nicht meine Aufgabe.

Dem Tagesspiegel wünsche ich, dass es sich wenigstens gelohnt hat, einen so unverantwortlichen und unreflektierten Text zu veröffentlichen – und dass sich trotzdem Aktivist*innen finden, die Keilani und der Meinungsredaktion geduldig erklären, dass struktureller Rassismus existiert und wie belastend und zerstörerisch er ist. Zerstörerisch wie die Hasskommentare, die nach diesem Meinungstext zum x-ten Male auf mich einschlagen. Ich habe diese Geduld deswegen nicht, bedanke mich aber für die Rückmeldung des Tagesspiegels.

Der menschliche Makel

Der Kampf für Rassismus ist bereits seit Jahrhunderten ein Geschäftsmodell. Empörungsnachschub inklusive.

Das ist der falsche Weg.

Nur weil der Tagesspiegel gerade seinen 75. Geburtstag gefeiert hat, muss er sich nicht aufführen wie unliebsame betagte Verwandte auf einem Familienfest, die nach dem dritten Glas Likör davon anfangen, dass die Schwarzen sich doch bitte nicht mehr so haben sollen. Leider war das der Eindruck, den das Meinungsstück „Wenn Weiß-Sein zum Makel gemacht wird“ bei vielen hinterlassen hat, als rückständiger Versuch, eine aktuelle Rassismus-Debatte ins Jahr 1963 zu übertragen.

Ich könnte mir jetzt die Mühe machen und zurück bis zu unserer kolonialen Vergangenheit gehen, um die schlampige Arbeitsweise der Autorin, die diese Antirassismus-Kritik verfasst hat, argumentativ zu zerlegen, aber dafür zahlt mir der Tagesspiegel zu wenig.

Ich könnte auch, wie die Autorin selbst es tat, meine intellektuelle Überlegenheit krampfhaft zum Ausdruck bringen – „Ally’s“. Sie meint wohl „Allies“, also Verbündete.“, halte aber Klassismus für den unterperformativen Versuch der bürgerlichen Mitte von der Kernaussage abzulenken und ansonsten stichhaltige Argumente wegen eines unwichtigen Formfehlers zu entkräften.

Selten war eine Diskursverschiebung ähnlich unterkomplex

Ihre Autorin hat nicht einmal versucht, ihren eigenen Rassismus zu kaschieren: Jedes Kind würde heute zudem sagen: Juckt doch niemanden, ob sie weiße, braune oder grüne Haut hat (…)“ ist das „All Lives Matter“ der bürgerlichen Mitte. Solange man nämlich das Privileg besitzt, wegen der Hautfarbe den Schutz der Mehrheitsgesellschaft zu genießen, braucht es einen wirklich nicht zu jucken, was mit den anderen, den BIPoC, ist. Meine Kinder sind PoC, was meint ihre Autorin also, wenn sie „Jedes Kind“ schreibt?

Die Empörung darüber, dass die erwähnte Autorin und Juristin geschichtsvergessen argumentiert und absichtlich nur von der „Vierfachmutter“ schreibt – und mich somit entmenschlicht, hält sich bei mir persönlich in Grenzen. Ich bin das gewohnt: Man nennt mich die Schwarze. Betitelt mich mit dem N-Wort oder degradiert mich eben zur „twitternden Vierfachmutter“.

Da die Verfasserin Juristin ist, wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit den Unterschied zwischen Verantwortungs- und Gesinnungsethik kennen.

Die Autorin beweist jedoch ein großes Verständnis für Humor, indem sie Aktivist*innen wie mir vorwirft, vom Kampf gegen Rassismus zu profitieren. Immerhin war keiner ihrer Beiträge bisher auch nur ähnlich erfolgreich, wie der, den sie über uns und unseren Aktivismus schrieb.

Frau Keilani, wie viele Ihrer neuen Follower auf Twitter gehen auf meinen Nacken?

Geschenkt! Das ist kein unbekannter Vorwurf: Es ist ein Narrativ, dessen sich Rassist*innen gerne bedienen. Nun auch Autor*innen des Tagesspiegels.

Wenn ich im Gegensatz zu ihr über Rassismus rede, dann nicht über Liz Taylor und schon gar nicht über ihre romantischen Gefühle zu Richard Burton. Sondern über Sevda Dag, Chousein Daitzik, Selcuk Kilic, Giuliano Josef Kollmann, Can Leyla, Janos Roberto Rafael, Armela Sehashi, Sabine Sulaj, Dijamant Zabergaja, Eugeniu Botnari, Daniel Ernst, Christian Sonnemann, Christopher W., Philip W., Walter Lübcke, Jana Lange, Kevin Schwarze, Gökhan Gültekin, Ferhat Ünver, Said Nessar El Hashemi… Das sind die Todesopfer, die allein in den letzten fünf Jahren von Rassist*innen ermordet wurden.

teil des problems

Ich will darüber reden, dass Sie, liebe Autorin und liebe Tagespiegel-Redaktion, hier Teil des Problems sind! Im Fall besagter Journalistin greift ein Phänomen, dass Menschen, die sich ernsthaft mit dem Thema Antirassismus befassen, also über Blackout Tuesday Trends hinaus, schon lange kennen: Sogenannte „tokens“. Sie waren trotz ihrer migrantischen Historie die besten im Deutsch LK. Hörten von ihren Eltern, dass sie ja nicht auffallen dürfen und unbedingt überall Bestleistungen zu erbringen haben. Kurz, der Druck, sich übermäßig zu assimilieren, gehörte zum Alltag. Darüber kann es passieren, dass man auf dem rechten Auge erblindet und sogar fleißig an der eigenen Unterdrückung mitarbeitet.

Denn anders als ihre Autorin annimmt, kann ich nicht einfach die Augen schließen, dreimal leise „Rassismus gegen Weiße“ vor mich hinmurmeln und das Problem ist verschwunden: „Denkt man sich das Thema Rassismus weg, etwa in der Annahme, dass diese Menschen hauptberuflich einem Tagesgeschäft nachgehen, dann bleibt nichts übrig.“ Die Augen zu verschließen, nichts gesehen haben, nichts gehört und von nichts gewusst zu haben, ist auch so eine deutsche Tradition. Nicht verwunderlich also, dass sie sich in ihrem Text dem lohnenden Geschäft des Rassismus zuwendet.

Enthüllung: Angela Merkel überführt. Wenn man sich die Politik wegdenkt, bleibt nichts mehr übrig!

Dass sich das nur kurzfristig bezahlt macht, wird sie spätestens dann merken, wenn die, die ihr jetzt applaudieren, sie ebenfalls zum Feindbild erklären, sobald sie nicht mehr gebraucht wird. Wenn das passiert, werden es jene von der Autorin angegriffenen Internet-Aktivist*innen sein, die ihr trotzdem Rücken geben.

Und das, obwohl sie mich und andere jetzt zur Wurzel allen Übels hochstilisiert: „Und deshalb können selbst jene Weißen, die reinen Herzens und guten Willens sind, nichts richtig machen.“ Wirklich? So lange die weiße Mehrheitsgesellschaft nicht anerkennt, dass unser System strukturell rassistisch ist, macht es keinen Sinn, in freundlich angepasstem Ton darum zu bitten, sich die Vormachtstellung weißer Privilegien bewusst zu machen.

Und auch ich genieße Privilegien, über die andere nicht verfügen:

Eines dieser Privilegien ist es, über all das schreiben zu dürfen – als „twitternde Vierfachmutter“.

Ich habe Ihnen, liebe Tagesspiegel-Redaktion, aber insbesondere auch Ihnen, Frau Keilani, jetzt eine halbe Stunde meiner Lebenszeit geschenkt, die ich mit meinen Kindern im Schnee hätte verbringen können. Ich mache das kostenlos, weil ich mein Honorar an die Initiative Oury Jalloh stiften werde. Die werden sich sicherlich freuen, an Ihrem rassistischen Narrativ verdient zu haben.

Ich möchte mich noch bei Volksverpetzer fürs Veröffentlichen und Frau Malonda und Fabian Wolff, sowie Black Womxn Matter für ihren Rücken bedanken.

Artikelbild: Marvin Ruppert

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