Die dubiosen Praktiken des Vereins „Liebe wen du willst“

| LGBTQI+ | 31. Januar 2022

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Gefahr im Safe Space? Die dubiosen Praktiken des Vereins „Liebe wen du willst“

Triggerwarnung: Suizid, selbstverletzendes Verhalten, sexuelle Straftaten

Ein Safe Space für queere Jugendliche. Genau das will der Verein „Liebe wen du willst“ sein. Doch statt Safe Space gibt es queerfeindliche Aussagen. Statt professioneller Hilfe für von Mobbing betroffene Jugendliche kommt ein fragwürdiges Konzept ohne geschultes Personal ans Tageslicht. Doch damit nicht genug: Wie die Polizei Berlin dem Volksverpetzer mitteilt, läuft ein Strafermittlungsverfahren gegen den Verein und einige Mitglieder. Angeblich geleakte Dokumente belasten den Gründer schwer. Es geht um einen Verein, der noch bis September 2021 mit der Polizei zusammenarbeitete. Und es nach eigenen Angaben noch immer tut. Wie passt das zusammen?

Hilfe in Krisensituationen

Der Verein „Liebe wen du willst“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, queeren Jugendlichen in Krisensituationen zu helfen. Es gibt vier Säulen: Social Media, Community, Notfall- und Krisenmanagement und Öffentlichkeitsarbeit (Quelle). Besonders relevant sind zwei: die Community und das Notfallmanagement. Die erste Abteilung besteht aus einer „LGBT*-Community“ mit mehreren moderierten WhatsApp-Gruppen, die zweite „tätigt Strafanzeigen, Notrufe (Suizidankündigungen, Sexual-/ Gewaltdelikte usw.) und hält Kontakt zu Behörden“ (Quelle).

Was vielversprechend klingt, wurde lange Zeit auch so aufgenommen. Auf Instagram erreicht der Verein über 50.000 Follower*innen. Auch ein Blick auf die Webseite hat den Anschein erweckt, dass der Verein viele Unterstützer*innen gewinnen konnte. Unter ihnen prominente Größen wie Riccardo Simonetti, Hape Kerkeling und Katy Bähm.

Neben den vielen Fotos von den vermeintlichen Unterstützer*innen sind die Logos vieler Unternehmen und Institutionen zu sehen. Etwa der Polizei Berlin und der BVG. Oder Magnum, FairTrade Deutschland und Dealbunny. Kritik am Verein gab es lange keine – bis vor Kurzem. Am 17. Januar macht die Video-Influencerin Leonie Plaar, die auf Instagram unter dem Namen @frauloewenherz.official bloggt, auf die Problematiken des Vereins aufmerksam (Quelle). Nur zwei Tage später warnt Sven Lehmann, der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, auf Twitter vor „Liebe wen du willst“ (Quelle). Was war passiert?

Diskriminierung statt Zusammenhalt

Jede*r zweite queere Jugendliche ist Mobbing und Hass im Netz ausgesetzt (Quelle). Oft fühlen sie sich damit alleine. Umso wichtiger ist es, dass sie professionelle Hilfe erhalten und es niederschwellige Hilfsangebote gibt. Ein solches Hilfsangebot will der Verein „Liebe wen du willst“ sein. Doch offenbar endet die suggerierte Offenheit „wen du willst“ bei nicht-binären und trans* Personen. Denn über die macht sich niemand Geringeres als Gründer Steve Hildebrandt auf Instagram lustig (Quelle). Diskriminierung und die Bekämpfung von Hasskriminalität – wie es auf der Instagramseite heißt – scheinen für den Gründer also bestens zusammenzugehen. In dem Video bezieht er sich auf ein Instagram-Video des Influencers @dimxoo, in dem dieser erklärt, wie man die Neopronomen „xier/xiem“ richtig verwendet (Quelle).

@dimxoo

So kannst du z.B. #xierxiem in Sätzen benutzen😊Was sind deine #pronomen ?💭✨#queer #lgbtqia #aufklärung #hehim #sheher #theythem

♬ original sound – Dimi

Für nicht-binäre Personen gibt es diese sogenannten Neopronomen. Sie können äquivalent zu den Pronomen „sie“ und „er“ verwendet werden. Als Beispiele führt Creator Dimi „Xier hat zwei Kaninchen“ oder „Kannst du xiem einen Regenschirm mitbringen?“. Die richtigen Pronomen verwenden und Menschen zuhören, wenn sie über ihre Pronomen reden: Was machbar klingt, scheint für den Gründer des Vereins so nicht möglich gewesen zu sein. Er nimmt das Video zum Anlass, um sich über die Neopronomen und ihre Aussprache lustig zu machen. Damit spricht er nicht nur Menschen ihre Identität ab, sondern reproduziert auch ein eingeschränktes Verständnis von Queerness – nämlich ein binäres.

Welle der Solidarität auf sozialen Plattformen

Influencerin Leonie wurde auf das Video aufmerksam. Sie recherchiert zum Verein und teilt ihre Ergebnisse auf den sozialen Netzwerken. Damit bleibt sie nicht allein: Eine Kette der Solidarität löst sich aus. Immer mehr Menschen äußern sich kritisch.

@frauloewenherz.de

Schaut es bis zum Ende!

♬ original sound – Leonie Löwenherz

So auch der aus der queeren Datingshow „Prince Charming“ bekannte Lars Tönsfeuerborn. Wie Leonie im Gespräch mit dem Volksverpetzer erklärt, stehen die beiden Creator*innen im engen Austausch. Wie Lars in seinem Video auf Instagram zeigt, bleibt es nicht bei einem diskriminierenden Video (Quelle). Die Ansichten, die die Mitglieder des Vereins gegenüber trans* und nicht-binären Personen haben, machen sie laut Lars auch in einem Instagram Live deutlich. Auf eine Art und Weise, die weder etwas mit konstruktiver Kritik noch mit Austausch zu tun habe. Abwertende Aussagen, hämisches Lachen und diskriminierende Äußerungen. Dazu gibt es Dosenbier. Das alles in einem Livestream eines Vereins, der sich vermeintlich zur queeren Community zählt. Und in den eigenen Richtlinien den Grundsatz „Inhalte mit Rauschmitteln (Drogen, Alkohol, Zigaretten etc.) sind strengstens untersagt“ verankert hat (Quelle).

Angriffe gegen nicht-binäre Person

Wieder werde eine nicht-binäre Person den Angriffen von Gründer Steve Hildebrandt und einem weiteren Mitglied ausgesetzt. Diese habe sich in den Stream geschaltet, um zu erklären, warum Neopronomen wichtig seien. Statt zuzuhören soll immer wieder lautstark und verachtend Unverständnis verbreitet worden sein. So ruft Gründer Steve nicht nur „Hä, what the fuck“ in die Kamera, sondern erklärt weiter „Oh mein Gott nein, sorry. Aber ich habe keine Lust, mich mit Menschen zu unterhalten, die einfach keine Ahnung von dem haben, was sie sagen.“ Wenige Sekunden später wird die Person aus dem Stream entfernt. Zur Erinnerung: Es handelt sich um einen Verein, der sich eigentlich an queere Jugendliche richtet. Und der unter anderem gegen Mobbing vorgehen möchte.

Quelle: Instagram-Seite @larstoensfeuerborn

 

Lars arbeitet nicht nur die Geschehnisse auf, sondern macht auf mögliche psychische Folgen aufmerksam. „Mir liegt das Thema seelische Gesundheit besonders am Herzen“, erklärt er. „Mir ist bewusst, was für Ausmaße eine falsche Behandlung haben kann. Wenn sich dann solche Vögel in so einen Stream reinsetzen, dabei saufen – in einem Stream für Jugendliche – dann finde ich das wirklich schwierig und im Rahmen einer solchen Organisation ein absolutes No-Go“.

Hier wird das erste Problem des Vereins ersichtlich. Das Fehlverhalten einiger Mitglieder sorgt nicht nur für einen großen Shitstorm in der queeren Community, sondern bringe auch – vor allem für einen queeren Verein – befremdliche Ansichten ans Tageslicht. Zudem fällt sogar dem Queer-Beauftragten der Bundesregierung auf, dass der Verein alles andere als eine professionelle Beratungsstelle sei. Das hängt auch mit dem Konzept zusammen.

Das fragwürdige Konzept hinter „Liebe wen du willst“

Ein Verein, dessen Mitglieder solche diskriminierenden Aussagen treffen, wirft Fragen auf. Nicht nur Fragen der Glaubwürdigkeit. Sondern auch, inwieweit queeren Jugendlichen hier wirklich geholfen werden kann. Denn das junge Team zeichnet sich auch dadurch aus, dass wohl keine*r eine Ausbildung in den Gebieten der Beratung oder psychologischen Betreuung hat. Woher die Qualifikation kommt, Jugendliche in „schweren Krisenzeiten“ zu unterstützen, bleibt also fraglich. Eine Anfrage des Volksverpetzers vom 26. Januar hierzu bleibt bis zur Veröffentlichung dieses Textes unbeantwortet.

Creator Leonie kritisiert eben jene fehlende Ausbildung und Qualifikation. In einem Statement-Video des Vereins bezieht sich ein Mitglied auf diese Kritik und bestätigt, dass das Team über kein pädagogisches Konzept verfügt. „Was wir haben, ist Erfahrung und logisches Denken“, heißt es (Quelle).

@frauloewenherz.de

Ach, ihr dachtet das war‘s schon? Ja… nee. #liebewenduwillst @frauloewenherz.de @frauloewenherz.de

♬ original sound – Leonie Löwenherz

Vorstand des Krisenmanagements sei zudem ein 17-Jähriger gewesen. Diese Information konnte der Homepage entnommen werden, bevor sie aufgrund der öffentlichen Kritik abgeändert wurde. Inwieweit ein 17-Jähriger der Verantwortung gerecht werden kann, wenn sich Jugendliche in „schweren Krisenzeiten“ an ihn wenden, bleibt fraglich. Kein qualifiziertes Personal und keine Hilfen für das Team in Extremsituationen – ein sehr ungewöhnliches Vorgehen. Natürlich können nicht nur ausgebildete Personen Beistand bei Mobbing leisten, doch der Verein warb unter anderem auf Instagram großspurig mit „professioneller Hilfe“ (Quelle).

Quelle: Instagram-Seite @frauloewenherz.official

Ein Mitgliedsantrag wie ein Anhörungsbogen

Um Mitglied zu werden und sich zu engagieren, müssen interessierte Menschen einen Fragebogen ausfüllen, der zahlreiche Fragen enthält – und den Upload eines Selfies erfordert (Quelle). Er wirkt auf den ersten Blick wie eine Mischung aus BRAVO-Persönlichkeitstest und einem Anhörungsbogen der Polizei. Die Voraussetzungen: eine „stabile emotionale und psychische Situation“ und ein „positives Erscheinungsbild“. Idealerweise ist man 16, über Ausnahmen ab 14 entscheidet der Vorstand – der wiederum selbst aus dem Gründer und sehr jungen Personen besteht.

Wer Mitglied werden will, muss eine Reihe von Fragen beantworten. Hier eine Auswahl: Was verstehst Du unter „Hasskriminalität“? Was tust Du, wenn uns jemand mitteilt, dass die Person sich selbst absichtlich verletzt (SVV)? Wie würdest Du reagieren, wenn jemand seinen eigenen Suizid ankündigt? Wie reagierst Du, wenn uns eine von Hasskriminalität betroffene Person anlügt?

Quelle: Website des Vereins

Es sind Fragen, die selbst ausgebildete Psychotherapeut*innen vor große Herausforderungen stellen – und hier im besten Fall von einer 14-jährigen Person beantwortet werden müssen. Es hilft wenig, hier fachlich anmutende Abkürzungen wie „SVV“ zu nutzen. Ob die Mitglieder geschult werden oder das eine reine Freizeitveranstaltung ist, hat der Verein nach der Volksverpetzer-Anfrage am 26. Januar nicht beantwortet.

Betreuung ohne Ausbildung

Genau solche Personen – nämlich ausgebildete Psychotherapeut*innen – scheinen offenbar unerwünscht: Auf Twitter verkündete ein Therapeut, dass der Verein ihn anfangs als ehrenamtlichen Supervisor und psychologischen Beistand wollte. Nach Aufnahme in die WhatsApp-Gruppe habe er drei Kritikpunkte geäußert. Ihm seien die Dinge aufgefallen, die aktuell auch den Shitstorm auslösen. Daraufhin wurde er laut eigener Aussage entfernt und blockiert.

Zurück zur Bewerbung. Nach dem Verfassen der aussagekräftigen Antworten gibt es da aber noch ein paar Hürden. Die Ablehnungsgründe: kein „deutliches, für uns zugängliches und aussagekräftiges Gesichtsfoto“, „fehlerhafte personenbezogene Angaben (Name, Alter, E-Mail, Telefon etc.)“ und „organisationsbezogen relevante Vorstrafen“. Zusätzlich zum Engagement gibt es noch die WhatsApp-Community. Laut Angaben des Vereins handelt es sich um verschiedene Gruppen, um „für alle einen Raum zu schaffen“. Es gebe Gruppen für U18, Ü18 und eine „Trans* Community-Gruppe“. Mitglieder müssen sich mit Namen und Selfie vorstellen (Quelle).

Aufgrund der Tatsache, dass die WhatsApp-Gruppe ein Raum ganz ohne pädagogisches Konzept ist und das Team mit Ausnahme von Gründer Steve lediglich aus sehr jungen und teils minderjährigen Mitgliedern besteht, sagt Leonie in einem Video, „hypothetisch wäre das eine perfekte Grooming-Plattform“. Zur Einordnung: Von „Cybergrooming“ ist die Rede, wenn erwachsene Personen im Internet gezielt auf Minderjährige zugehen, um sexuellen Kontakt zu ihnen zu bekommen (Quelle).

Der Verein besteht aus mehreren Säulen, die allesamt queere Jugendliche unterstützen wollen. Um mitzumachen, werden die Hürden sehr hoch gelegt. Von den mindestens 16- bzw. 14-Jährigen wird erwartet, eine Reaktion zu suizidalen oder sich selbst verletzenden Menschen abzugeben. Eine psychologische Betreuung findet nicht statt: weder in Bezug auf die Mitglieder, noch auf die Hilfesuchenden. Nach eigenen Angaben gab es bisher 2.342 Notrufe, 812 Strafanzeigen und einen Todesfall (Quelle).

Es bleibt unklar, was genau es mit dem genannten Todesfall auf sich hat. Der Verein reagierte auf eine Volksverpetzer-Anfrage nicht, wollte offenbar keine genaueren Angaben zu den unterstützten Personen machen. Fakt ist: Es müssen viele persönliche Daten herausgerückt werden, auch für den Beitritt in die Community müssen interessierte Personen ein Bild von sich posten. Das Team besteht aus sehr jungen Personen – und Gründer Hildebrandt.

Mutmaßliche Unterstützer*innen kennen Verein nicht

Doch nicht nur das Team wirft große Fragen auf. Auf der Webseite wirbt – oder besser gesagt warb – der Verein mit vielen Unterstützer:innen, darunter prominenten Gesichtern wie Hape Kerkeling, Frauke Ludowig, Mousse T und Katy Bähm. Seit Leonie und andere Influencer*innen offen Kritik an dem Verein ausüben, distanzieren sich immer mehr Prominente. So schreibt Dragqueen Katy Bähm auf Instagram „Keine Ahnung. Ich kenne die nicht“ (Quelle). Eine Kooperation mit dem Verein habe es nicht gegeben.

Auf Anfragen des Volksverpetzers distanziert sich etwa auch Mousse T. Dieser sei „kein aktives Mitglied oder aktiver Unterstützer des Vereins“, heißt es vom Management. Und auch bei Frauke Ludowig heißt es „Also Frauke kann sich nicht an eine Kooperation o.ä. erinnern“. Mittlerweile hat der Verein diese Auflistung von der Seite entfernt.

Zusammenarbeit mit der Polizei bestätigt

Bis hierhin ist der Fall schon skurril genug und wirft mehr und mehr Fragen auf. Doch es kommt noch schlimmer. Denn es waren nicht nur Promis, die angeblich mit dem Verein kooperierten, sondern auch Unternehmen und Institutionen. So etwa die Polizei Berlin, die BVG, der Safthersteller innocent, Magnum, FairTrade Deutschland oder Dealbunny (Quelle). Einige vermeintliche Partner verneinen eine Zusammenarbeit – so etwa die BVG auf Twitter (Quelle) oder der Berliner Club SchwuZ auf Instagram (Quelle).

Beim Großteil der Firmen handelt es sich wohl – wie bei den Prominenten – um Logos, die ohne jeglichen Zusammenhang als Partner präsentiert wurden. Der Verein hat sich dazu nicht geäußert, eine Anfrage blieb unbeantwortet. Fest steht jedoch: Hier wurden wohl Kooperationen suggeriert, die es niemals gab. Unklar ist, ob die genannten Unternehmen Konsequenzen ziehen werden.

Doch bei der Polizei sieht es anders aus. Demnach habe der Verein mit einer Abteilung der Berliner Polizei zusammengearbeitet, um Hasskriminalität zu bekämpfen. Das bestätigte die Polizei nach einer Anfrage des Volksverpetzers. „Eine Zusammenarbeit mit dem Fachbereich LSBTI der Polizei Berlin besteht seit dem Jahr 2020 nicht mehr. Die Wort-Bild-Marke der Polizei Berlin wurden dem Verein entzogen und erscheint nicht mehr auf der Homepage von »Liebe wen Du willst«“, sagte ein Sprecher dem Volksverpetzer.

Polizei korrigiert Aussage

Wie kann es sein, dass die Polizei Berlin den Verein als unterstützenswert angesehen hat? Diese Zusammenarbeit wirft Fragen auf. Deshalb fragte der Volksverpetzer erneut nach. Wie die Polizei dem Volksverpetzer am 28. Januar mitteilte, hat die Zusammenarbeit zwischen dem Verein und dem Fachbereich LSBTI beim LKA Prävention von Juni 2019 bis September 2021 stattgefunden. Der Grund für das Ende der Zusammenarbeit „sind Strafermittlungsverfahren gegen den Verein selbst und Mitglieder des Vereines“, erklärt eine Pressesprecherin der Polizei.

In dem älteren Statement der Polizei vom 21. Januar hieß es noch, die Zusammenarbeit sei bereits im Jahr 2020 beendet worden. Wie es zu dieser Unstimmigkeit gekommen ist, ist nicht bekannt. Es scheint aber, als seien der Polizei vor den Strafermittlungen keinerlei Unstimmigkeiten mit dem Verein aufgefallen. Die zweite Anfrage bringt zudem ans Licht, dass die Benutzung der Wort-Bild-Marke erst am 20.01.2022 schriftlich widerrufen worden sei.

Auf der Webseite des Vereins findet man ein „Statement zum aktuellem Shitstorm“ vom 21. Januar 2021 (Quelle). In diesem beharrt der Verein weiterhin auf eine Zusammenarbeit. „So hat der Leiter des LKA535 unsere Arbeit und die Zusammenarbeit noch im Mai 2020 schriftlich gelobt, eine Aufhebung der Zusammenarbeit hat bis zum Shitstorm zu keinem Zeitpunkt stattgefunden!“.

Die Polizei erklärt jedoch: „Zwischen dem Fachkommissariat LKA 535, als zentrale Bearbeitungsdienststelle in Fällen von Straftaten gegen die sexuelle Orientierung und sexuelle Identität und dem Verein »Liebe wen du willst e.V« existierte zu keinem Zeitpunkt eine Zusammenarbeit. Der Verein trat lediglich als Hinweisgeber zu möglicherweise strafrechtlich relevanten Sachverhalten auf, die in der Ermittlungszuständigkeit des Fachkommissariates lagen. Der Fachbereich LSBTI ist dem LKA Prävention zugeordnet.“

Fest steht: Die Wort-Bild-Marke – also die Erlaubnis, das Logo zu nennen – bestand zeitweise, eine Zusammenarbeit wohl ebenfalls. Zu weiteren Details äußerte sich die Polizei jedoch nicht. Die Frage, wie die Zusammenarbeit konkret aussah, blieb unbeantwortet. Eine Kooperation mit Kooperationsvereinbarung habe jedoch zu keiner Zeit bestanden, so der Sprecher.

Stellungnahmen führen ins Leere

Der Verein veröffentlicht am 17. Januar mehrere Stellungnahmen, in denen die brisanten Themen nicht angesprochen werden. Vielmehr wird vielfach beteuert, man entschuldige sich für die Aussagen. Statt jedoch sachlich auf die genannte Kritik einzugehen, startet das erste Video mit einer Tanzsequenz (Quelle).

Ernsthafte Auseinandersetzung mit den Vorwürfen lässt sich vermissen. Weiter versichert man zwar: „Es war nie unsere Absicht, Non Binaries auszuschließen, zu diskriminieren oder sonstiges dergleichen. Aber genau das wurde reininterpretiert.“ Nicht nur, dass nicht-binär kein Nomen ist. Auch die Aussage, dass die Diskriminierungen lediglich reininterpretiert wurden, wirft die Frage auf, inwieweit sich das Team mit der Problematik auseinandergesetzt hat. Warum bestimmte Seiten gelöscht wurden – etwa die Vorstellung des 17-jährigen Vorstands oder die mit den Partnern – bleibt ebenso unklar, wie die konkreten Hintergründe der Auflistungen. Der Verein gibt lediglich bekannt, man habe von allen genannten Partnern ein Einverständnis gehabt (Quelle).

Wie die hier eingebetteten Recherchen von Leonie zeigen, ist der 37-jährige Gründer offenbar mit dem 18-jährigen Co-Vorsitzenden zusammen. Wie er in einem Statement verkündet, seien sie kurz vor seinem 18. Geburtstag zusammengekommen (Quelle). In einem Video behauptet er zu seiner Verteidigung, rein rechtlich könne er – theoretisch – auch mit einem 9-jährigen Mädchen zusammen sein, so lange er sie nicht anfasse. Er würde es nie tun, sagt er, und distanziert sich sofort von seiner Aussage. Trotzdem wirft die Begründung, die eine TikTok-Nutzerin aufgezeichnet hat, Fragen auf.

@mental.health.mariam

Ich glaube dir, dass du denkst, dass du nichts falsches getan hast.

♬ Originalton – mariamauftiktok

Für Leonie ist das Thema noch nicht vorbei. Aktuell befinde sie sich noch in der laufenden Recherche. Wie sie gegenüber dem Volksverpetzer erklärt, arbeite sie nun zusammen mit Lars Tönsfeuerborn an dem Thema. „Da wird noch was kommen!“

Der Verein hat also offenbar mit Personen und Firmen geworben, die nicht davon wussten. Dies wird zwar vom Gründer selbst bestritten, lässt sich aber aufgrund der Menge nicht so einfach leugnen. Queer BILD hat – zusätzlich zu den genannten Personen – eine weitere Reihe an Stellungnahmen gesammelt, die vom Verein ohne Kenntnis genannt wurden (Quelle). Es gab eine Zusammenarbeit mit der Polizei, die nun – aufgrund von Strafermittlungen gegen den Verein selbst und Mitglieder – eingestellt wurde. Doch dabei bleibt es nicht.

Vermeintlicher Hackerangriff auf Instagram-Kanal

Am letzten Januarwochenende wird das Instagram-Profil vermutlich gehackt. Es werden mehrere Dokumente veröffentlicht, die den Gründer des Vereins schwer belasten. Der Volksverpetzer kann die Echtheit dieser Schreiben nicht bestätigen. Ein Video, angeblich von einem Anonymous-Ableger namens 404security, wird veröffentlicht. In dem Video wird der Vorwurf in den Raum gestellt, gegen den Gründer habe es eine Strafe wegen sexueller Handlungen mit Kindern gegeben. Sie sei angeblich im Jahr 2003 in der Schweiz von einem Gericht beschlossen worden. Weitere Statements dazu sind zunächst nicht bekannt.

Quelle: Instagram-Story des Vereins am 30. Januar

Auf Telegram kursiert jedoch ein mutmaßlich geleaktes Video, welches den Gründer offenbar am Telefon zeigt. Das Video liegt dem Volksverpetzer vor. Er bestätigt darin – angeblich im Gespräch mit einer Polizistin – die Echtheit des Gutachtens und behauptet, es müsse mittlerweile eigentlich verjährt sein. Er könne sich nicht erklären, wie es in die Hände der Hacker gekommen sei, schließlich sei es 20 Jahre alt. Die Beziehung habe er – damals 18 Jahre alt – mit einem 15-Jährigen geführt. Dies sei in der Schweiz verboten gewesen.

Dass es im vermeintlichen Gutachten um mehrere Fälle geht, erwähnt er nicht. Zudem bestätigt er vermeintlich in dem Video, auch im Jahr 2020 auffällig geworden zu sein – es habe eine Anzeige wegen Nötigung vorgelegen. Die mutmaßlichen Hacker äußern sich in einer Telegram-Gruppe, die dem Volksverpetzer bekannt ist, ebenfalls: es gebe angeblich weitere Beweise, die man noch veröffentlichen werde. Ein offizielles Statement des Vereins zu den Vorwürfen liegt noch nicht vor. Das Instagram-Profil scheint jedoch wieder vom Verein übernommen worden zu sein. Die Statements der Hacker – aber auch die des Vereins zu den anderen Vorwürfen – sind nicht mehr auffindbar.

Fakt ist: Strafverfahren stehen im Raum

Die Recherche hat gezeigt: Es geht hier um einen Verein, der queere Jugendliche beraten und sie in Notsituationen unterstützen soll. Rein theoretisch können 14-Jährige bei der Beratung mitmachen, im Bewerbungsverfahren werden sie etwa gefragt, wie sie mit einer suizidalen Person umgehen würden. Fachliche Kriterien oder eine Ausbildung als Voraussetzung sucht man vergeblich, der Vorstand selbst besteht teilweise aus sehr jungen Menschen. Der Verein hat offenbar Kooperationen mit Institutionen und Firmen vorgetäuscht. Zusammengearbeitet hat er aber mit der Polizei Berlin, die diese Zusammenarbeit beendet hat, weil nun gegen den Verein und seine Mitglieder mehrere Strafverfahren laufen. Zudem werden Dokumente veröffentlicht, die den 37-jährigen Gründer mit nicht verifizierten Vorwürfen schwer belasten. Ihre Echtheit ist nicht gesichert, wird aber vom Gründer selbst in einem geleakten Video angedeutet.

Am Ende bleiben viele Fragen offen. Fragen, die „Liebe wen du willst“ nicht öffentlich und nicht auf Anfrage beantwortet hat. Fragen, die sich letztlich auch die Follower*innen und Mitglieder stellen müssen. Wie passt es zusammen, dass man gleichzeitig Hasskriminalität bekämpfen will und nicht-binäre Personen angreift? Wie kann es sein, dass minderjährige Mitglieder professionelle Beratungen anbieten? Welche Rolle spielt der Gründer, ist an den Anschuldigungen etwas dran, was sind das für Ermittlungen? Und wie kann es sein, dass man damit auf 50.000 Instagram-Follower*innen kommt und gar eine Zusammenarbeit mit der Polizei Berlin? Es sind viele Fragen, die beantwortet werden müssten.

Artikelbild: Screenshot

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