Meine Abrechnung zu den Reaktionen auf den Brand von Notre Dame

Kolumne Schwer verpetzt

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Deutschland reagiert auf notre dame

Als ich vom verheerenden Brand von Notre Dame vorgestern erfuhr, war ich natürlich bestürzt. Nicht zuletzt als Literaturwissenschaftler war ich mir der kulturellen und historischen Bedeutung des Gebäudes bewusst, meine Gedanken waren beim armen Victor Hugo. Ich hoffte, dass kein Mensch zu Schaden gekommen war. Und damit war das Thema eigentlich für mich abgeschlossen. Hier beim Volksverpetzer gab es eigentlich keinen Grund, darüber zu berichten. Wir sind ein Blog, der politische Narrative und Fake News aufdeckt, was soll ich mit einem Brand in einer Kirche?

Falsch gedacht. Nur kurz nach den ersten Meldungen wurde ich mit den Recherchen der Gruppe #DieInsider bombardiert, die dokumentierten, wie sehr Rechtsextreme die Tragödie ausschlachteten. Sie verbreiteten Verschwörungstheorien, Unterstellungen und Fake News. Sie sprachen von Terror, Brandstiftung und Muslimen. Und alles völlig aus der Luft gegriffen. Also griff ich das Thema auf und analysierte die Hetze.

So instrumentalisiert die AfD das Feuer von Notre Dame – Verschwörungstheorien & Unterstellungen



Alles muss instrumentalisiert werden

Und das Thema riss einfach nicht ab. Alles mögliche ließen sich die Rechten einfallen, um irgendwie diese Tragödie in ihre Agenda zu pressen. Es war ermüdend. Und dann wurde uns vorgeworfen, wir würden es instrumentalisieren, weil wir auf die Instrumentalisierungen von Rechten berichten… Alles ein großer WTF-Moment. Während die rechten Fake News selbstverständlich das größte Problem waren, so hatten doch so einige auch seltsame Meinungen zu Notre Dame.

Klar, wenn manche Menschen vielleicht etwas überdramatisch reagierten. Wenn sich manche direkt an dem Spektakel und dem Sensationalismus aufgeilten und bei „Watch Partys“ mitmachten, kann man das vielleicht kritisieren. Aber anderen ihre Trauer oder Entsetzen als für nicht legitim zu erklären ist einfach unfair. Lasst den Menschen doch ihre Gefühle. Ihr wisst nicht, was sie erlebt haben. Vielleicht haben sie eine besondere Beziehung zu diesem Ort. Trauer ist legitim. Auch wenn es „nur“ um eine Kirche geht.

Deswegen sind auch diverse Whataboutismen fehl am Platz. Ja, natürlich sind die ertrinkenden Menschen im Mittelmeer menschlich gesehen die größere Tragödie. Ja, natürlich ist es seltsam, dass für die Renovierung der Kirche plötzlich so viel Geld da ist, aber nicht für andere Dinge. Das ist ja alles richtig. Aber es darf auch Platz geben für Kultur, Architektur und Geschichte. Das für invalid zu erklären, weil man es selbst nicht nachvollziehen kann ist unfair und unsensibel.

Laschet und die ARD

Nicht nur der NRW-Ministerpräsident Laschet hatte es kritisiert: Die ARD habe keinen „Brennpunkt“ – trotz des naheliegenden Wortspiels – zu Notre Dame gebracht. Aber was sollte die ARD denn berichten, außer, dass es brennt? Mit allen Hetzern spekulieren, was die Ursache war und noch mehr Öl ins sprichwörtliche Feuer des Netz-Hasses gießen? Wer sensationsgierig war, konnte ja auf Facebook die Live-Streams sehen. Aber der ÖR ist etwas seriöser als das.

Sind wir etwa schon so abgestumpft, dass wir von den News immer Drama, Action und Panik brauchen? Spektakuläre Breaking News, Sensationsberichte? Die haben uns doch genau dahin gebracht, wo wir politisch gerade sind. Wenn es keine Verschwörungen gibt und Täter, die man hassen kann, werden sich selbst welche gebastelt. Man will sofort mit Fingern zeigen, auch wenn man noch nichts weiß. Da haben ARD und ZDF (endlich einmal) seriös gehandelt und nichts gesagt, weil es nichts zu sagen gab. Mehr dazu hat der Kollege Christoph Sterz beim DLF zu sagen (Hier).

Sensationsgier und instrumentalisierung

Können Tragödien nicht einfach Tragödien bleiben? Müssen die Twitter-Accounts versuchen, so früh wie möglich einen spitzfindigen Spruch zu bringen, um auf der Welle der trendenden Hashtags zu reiten? Kann man einfach mal die Klappe halten, wenn man keine Informationen hat? Kann man anderen nicht ihre Trauer lassen? Kann man einmal nicht versuchen, alles auszuschlachten, um den Hass gegenüber irgendeiner Minderheit zu rechtfertigen?

Notre Dame wurde zum Glück gerettet. Und kann in fünf bis zehn Jahren wieder in alter Pracht stehen. Es war höchstwahrscheinlich ein Unfall. Rechte verbreiten dazu Fake News, wie sie es immer tun. Andere kommen mit Whataboutismen, wie sie es immer tun. Und andere wollen sich halt an dem Spektakel aufgeilen. Und am Ende komme ich und kommentiere das alles. Entspannt euch ein wenig. Leben und Leben lassen.

Artikelbild: Screenshot ARD, Screenshot facebook.com, Golubovy, shutterstock.com, changes were made

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