Die gefährlichsten Fake-News kommen immer noch von der BILD

Schwer verpetzt

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Wie gefährlich sind Fake News? Beeinflussen sie unser Weltbild und unsere Wahlen? Die wichtigere Frage ist doch: Warum haben wir ihnen erst den Kampf angesagt, als dubiose Blogs damit angefangen haben und nicht schon seit es die BILD-Zeitung macht?

Wie unser Kollege Andre von Mimikama schon hier erklärt hat, gibt es bei uns kaum die „american style“ Fake-News, wo eine Seite so tut, als sei sie eine seriöse Nachrichtenagentur, während sie gleichzeitig völlig erfundene Dinge berichtet. Viel verbreiteter und tendenziell durchaus gefährlicher sind die so genannten Clickbait-Seiten.

Diese zeichnet aus, dass sie aus einer wahren Geschichte einen Teilaspekt herausnehmen, überdramatisieren oder fehlinterpretieren und/oder andere, wesentliche Teile weglassen und so ein Ereignis in einem anderen Licht erscheinen lassen. Oft sind solche Dinge harmlos, sie sollen, wie der Name „Clickbait“ schon sagt, durch reißerische Vorschaubilder und Titel lediglich zum Klicken motivieren. Seiten wie heftig.co bedienen sich solcher Methoden und sind vielleicht billig, aber keinesfalls gefährlich.


Die „wahre Lügenpresse“, das Netzwerk rechter (v.a. Online-)Medien, die gezielt Stimmung gegen Asylbewerber, Merkel und die aktuelle Regierung, den Feminismus und nicht zuletzt gegen unsere demokratische und liberale Grundordnung machen, bedienen sich ebenfalls dieser Methoden. (Hier habe ich mehr darüber geschrieben, wie sie funktionieren und wer mit wem zusammenarbeitet)

Diese sind es in der Regel, die wir meinen, wenn wir von „Fake News“ sprechen. Sie verdrehen die Tatsachen, überspitzen die Darstellungen, verleumnden alles, was nicht in ihr Weltbild passt. Alles mit einer politischen Agenda, oder zumindest mit dem Ziel, Klicks und Auflagen zu machen,  ohne dass einem die realpolitischen Konsequenzen bewusst oder zumindest wichtig wären.

Der größte, gefährlichste und einflussreichste Fake-News-Produzent ist die BILD

Dass diese bekämpft werden müssen, ist sicherlich richtig. Dass sie einen (negativen) Einfluss auf das Weltbild vieler Menschen und auch auf Wahlen haben dürften, sicherlich auch. Aber ich finde den Kampf gegen Fake-News gleichermaßen sinnlos wie heuchlerisch, wenn wir gegen diese doch meist vergleichsweise kleinen Blogs und Zeitschriften vorgehen möchten, aber den mit Abstand größten, gefährlichsten und einflussreichsten Fake-News-Produzenten ignorieren, den es gibt: Die BILD-Zeitung.

Die BILD-Zeitung ist die meistgelesenste Zeitung im deutschsprachigen Raum, mit knapp 2 Millionen verkauften Exemplaren (im dritten Quartal 2016, Tendenz fallend). Und noch wichtiger als die Auflage ist der Einfluss des Medium auf alle anderen Presseerzeugnisse: Viele Politiker geben der BILD Exklusiv-Interviews, weshalb viele andere Medienhäuser die BILD regelmäßig zititeren (müssen). Aber auch so findet alles, was die BILD schreibt, schnell seinen Platz in allen Medien. Focus Online soll sogar sein Geschäftsmodell darauf aufgebaut haben, die Inhalte der Bezahl-Artikel von BILD Online regelmäßig zu plagiieren, wird behauptet – Von der Bild.

Doch bevor mir jemand vorwirft, ich würde hier einfach mit dem modischen Totschlagargument „Fake-News“ eine persönliche Vendetta gegen diese Zeitung führen, möchte ich meine Behauptungen belegen. (Danke an Übermedien an dieser Stelle bei der Hilfe).

Wie die BILD eine Partei vernichtet hat

Bei der Bundestagswahl 2013 wurden den Grünen gute Zahlen prognostiziert, bis kurz vor der Wahl. Die BILD titelte: „Grüne wollen uns das Fleisch verbieten“ – und alle Medien stiegen in die Empörung mit ein, die Partei verlor in den Umfragen viele Prozente. Wie Stefan Niggemeier damals bereits feststellte, war das reine Stimmungsmache. Denn weder war das eine Neuigkeit, da die Grünen bereits seit Jahren für einen Veggie-Day in öffentlichen Kantinen einstanden und das schon seit Monaten in ihrem Wahlprogramm stand, noch richtig: Denn die Grünen wollten keinem irgendetwas verbieten, sie wollten lediglich, dass einige (nicht einmal alle) Kantinen eine „Vorreiterfunktion“ übernehmen.

Diese Fake-News der BILD haben die Grünen von bis zu 23% in den Umfragen auf unter 11% gedrückt. Am Ende holten sie sogar nur 8,4% der Stimmen. Zusammen mit der Pädophilen-Debatte, die ebenfalls von der BILD angeführt wurde, hat diese eine Zeitung mit Fake-News die Politik in Deutschland maßgeblich verändert. Sie hat gezielt eine Partei kurz vor der Wahl vernichtet.

Wie die BILD einen Bundespräsidenten zum Rückzug zwang

Ein weiteres Beispiel: Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff. Die BILD trug maßgeblich zum öffentlich Druck bei, der den Bundespräsidenten zum Rückzug zwang. Damals brach eine Debatte darüber aus, ob der Bundespräsident Vorteilsannahme schuldig gemacht hätte. Die BILD schrieb am 8. Februar 2012, Wulffs Freund David Groenewold habe versucht, „Beweise aus der Welt zu schaffen“. Unser Kollege Niggemeier hat auch hier erklärt, dass das eine unwahre Behauptung war, von der die Redakteure zu jenem Zeitpunkt bereits wussten, dass es nicht stimmte.

Die BILD macht die Politik in Deutschland

Diese Zeitung hat durch „Fake-News“ – nach Andre Wolf genauer: Clickbait-Artikeln – eine Partei nachhaltig zerstört und einen Bundespräsidenten gestürzt. Und das sind nur prominente und einigermaßen deutliche Beispiele, mit tausenden Fake-News macht die BILD jeden Tag Politik. Dass sie systematisch nicht nur unsauber, sondern wirklich täuschend arbeitet, sieht man auch daran, dass kein Medium häufiger vom Deutschen Presserat gerügt wird, als die BILD. Die Anzahlen der Klagen und die einstweiligen Verfügungen gegen diese Zeitung sind erschreckend – Jedoch erreichen die Richtigstellungen ihrer Fake-News niemals die gleiche Auflage wie die Lügengeschichten selbst.

Unser Kollege Stefan Niggemeier und der BILDBlog kämpfen seit Jahren akribisch gegen diese unzähligen Fake-News, verzerrten Tatsachen, plumpe Manipulationen. Während die Journalisten, die den Fake-News Artikel über Wulff verfasst haben, einen Preis für ihre „investigative Leistung“ erhalten haben und die ganzen anderen Medien fröhlich in die selbe Kerbe schlugen, so ging die einstweilige Verfügung gegen die BILD und diesen Artikel und die Aufklärungsarbeit dieser Leute völlig unter.

Jetzt schimpfen alle Medien kollektiv über „Fake-News“ – Doch ich bezweifle, dass die paar Nazi-Blogs wirklich so viel Einfluss auf unser gesellschaftliches Klima und das Wahlergebnis haben wie die BILD, die diesen mit „Fake-News“ in nichts nachsteht. Ich finde es falsch, dass wir in den Diskussionen um dieses Phänomen so tun, als sei es etwas Neues und dass wir den größten und gefährlichsten Übeltäter einfach ignorieren, wie schon all die Jahre zuvor.

Nein, die BILD-Zeitung ist KEIN Nazi-Blog, um Himmels Willen. Sie bringt auch gute Artikel und hat zum Beispiel niemals Hetze gegen Israel oder dergleichen betrieben, tatsächlich verschreiben sie sich den Grundsätzen wieFreiheit, Rechtsstaat, Demokratie und ein vereinigtes Europa“, die „Lebensrechte Israels“ oder „eine freie und soziale Marktwirtschaft ein“. Und vielleicht mag die BILD einen wichtigen Zweck erfüllen: Diejenigen am weiteren Abrutschen in rechte Ideologie zu hindern, die ihre Meinung nicht mehr in den „Mainstreammedien“ vertreten sehen.

Bevor sie echte rechte Blogs und Verschwörungsvideos ansehen, sollen sie lieber BILD lesen. Natürlich wäre eine Welt besser, in der diese Zeitung mit diesen Methoden nicht existierte, aber in Zeiten, in denen Rechtspopulismus bis in den Bundestag gekommen ist, mitsamt dessen alternativer Berichterstattung mag die BILD vielleicht schlimmeres verhindern. Das gesagt, möchte ich dennoch keine berechtigte Kritik an der Zeitung entschuldigen. Man könnte nämlich auch Gegenteiliges behaupten: Sie bereite den Boden für diese rechten Blogs.

Die Verknüpfungen von BILD und Facebook

Wenn wir gemeinsam gegen Fake-News vorgehen wollen, dann können wir das nicht willkürlich und halbherzig tun. Wenn Facebook jetzt die Gruppe Correctiv darauf ansetzt, Fakes zu entlarven, dann werden wir schnell sehen, dass sie wohl auch BILD-Artikel als solche markieren werden müssten. Ob das passieren wird, ist allerdings fraglich, denn es gibt enge Verbindungen zwischen dem Springerverlag und Facebook. Der Verlag verlieh Mark Zuckerberg extra den Axel-Springer-Award. Facebook zahlt dafür, dass BILD auf ihrer Seite Live-Videos postet. Es bleibt zu bezweifeln, dass Facebook die Reichweite von Springer-Inhalten irgendwie begrenzt oder diskreditiert.

Doch solange wir alle – und damit meine ich vor allem die Medienschaffenden – nicht gemeinsam effektiv und konsequent gegen „Fake-News“ und für ordentlichen, korrekten Journalismus kämpfen, ist diese ganze Debatte gerade nichts anderes als Schaumschlägerei. Ich meine, ich bin froh, dass wir sie endlich führen. Mimikama schlägt sich mit diesen Problemen bereits seit Jahren herum und hat bisher nie gesehen, dass das Thema öffentlich als Problem anerkannt wird.

Aber wenn wir nur ein paar mehr oder weniger harmlose Blogs lahmlegen sollten – Und selbst das ist bis jetzt noch nicht passiert – Dann haben wir nichts erreicht. Wir müssen, wenn wir über Fake-News reden, auch über die BILD reden. Ansonsten reden wir am Thema vorbei.

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