Wie du reagieren kannst, wenn Freunde plötzlich Hetzer werden

Kolumne Schwer verpetzt

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Wenn Freunde hetzer werden

Es ist eine menschliche Tragödie auf mehreren Ebenen. Gestern wurde ein Kind in Frankfurt von einem psychisch kranken Mann umgebracht. Und als wäre das nicht schlimm genug, entlud sich anschließend eine gewaltige Welle des Hasses im Netz. Und zwar nicht gegen den mutmaßlichen Täter – was bis auf Aufforderungen zur Lynchjustiz ja nachvollziehbar ist – sondern gegen Schutzsuchende, Frau Merkel und alle, die politisch links von der AfD stehen.

Warum? Weil der mutmaßliche Täter einen eritreischen Pass hat. Natürlich macht es absolut keinen Sinn, Frau Merkel oder sonst wen dafür verantwortlich zu machen. Ein Mann, der seit 2006 in der Schweiz lebt, legal nach Deutschland gereist war und offenbar seit Anfang des Jahres in psychiatrischer Behandlung war (Quelle) hat eine Schreckenstat begangen. Aber was hat Frau Merkel damit zu tun? Doch diese fehlende Logik hindert die AfD und ihr rechtsextremes Gefolge nicht daran, die Tat für ihre rassistische Agenda auszuschlachten.

Aber was ist mit deinem jahrelangen, netten Facebook-Freund, der plötzlich „Jetzt reicht es mir auch!“ poltert? Der Cousin, der plötzlich gegen die „Einwanderungspolitik“ wettert, auch wenn diese nichts damit zu tun hat? Dein alter Schulkamerad, der sich abfällig über die äußert, die „nicht hier her gehören“? Man sieht aufrichtige, eigentlich rationale Menschen in diesen blinden Hass verfallen und selbst Hetzer werden. Was tun?



Wie muss ich reden?

Wichtig ist, dass solche Menschen, die „eigentlich“ keine Rassisten sind, nicht direkt mit diesem Vorwurf konfrontiert werden. Selbst wenn sie rassistische Mythen wiederholen oder rassistische Denkmuster. Wenn du sie ansprichst, dann musst du „ihre Sorgen ernst nehmen“. Keine Vorwürfe machen, aber entscheidende Fragen stellen: Woher weißt du das? Wieso denkst du das? Auf Denkfehler und Fake News hinweisen. Freundlich.

Ganz wichtig: Trenne die Aussage von der Person. Gemeint ist damit, dass du deutlich kommunizierst, dass du die Aussage kritisierst, und dein Gegenüber nur das „Opfer“ dieser Missverständnisse/Falschmeldungen ist. Wenn du die Person angreifst, wird sie abblocken und noch stärker an ihre Aussagen glauben. Wiederhole nie den rassistischen Mythos, auch nicht um ihm zu widersprechen.

Bringe nicht zu viele Argumente auf einmal, sondern zuerst leichte und verständliche Argumente. Nutze kurze, einfache Sätze. Vermeide (zumindest am Anfang) Statistiken und große Zahlenspiele. Nutze echte Menschen als Beispiele. Lobe ihn für korrekte Erkenntnisse, sei nie herablassend. Niemand will ein Arschloch sein oder falsch liegen. Aber Menschen neigen dazu, eher die Realität zu leugnen, als ihre Position zu ändern, wenn sie angegriffen werden. Erwarte auch nicht sofort ein Umdenken, gib der Person Zeit, darüber nachzudenken. Und am besten: Wenn möglich, starte das Gespräch nicht in Facebook, sondern persönlich. Das macht einen gewaltigen Unterschied.

Akzeptiere, dass manche verloren sind

Entweder wird es im Laufe des Gesprächs deutlich oder ist von vornherein klar: Dort hat jemand ein geschlossen rechtsextremes Weltbild. Die Tipps von oben bringen auch nur etwas, wenn dein Gegenüber bereit ist, zu verstehen und noch Empathie hat. Doch oft genug ist das nicht der Fall. Ich würde beispielsweise auf Aussagen von Fremden überhaupt nicht eingehen. Höchstens nur, wenn andere still mitlesen. Dann argumentierst du für diese, aber nicht mit dem Rassisten. Schaue dazu doch auch mal bei der Gruppe #ichbinhier vorbei.

Es ist völlig ok, so etwas zu ignorieren. Du musst dich nicht von dem Hass fertig machen lassen. Jemanden zu blocken ist manchmal die sinnvollste Lösung. Und am besten für deine psychische Gesundheit. Lass dich nicht von Trollen kaputt machen. Du kannst volksverhetzende Inhalte an die jeweilige Social Media Plattform melden (auch wenn das meistens wenig zufriedenstellend ist) oder auch direkt anzeigen (Wie das geht haben wir hier erklärt). Meinungsfreiheit hat ihre Grenzen. Und schützt auch nicht vor (sachlicher) Kritik.

Fakten und Empathie

Es tut weh zu sehen, manche Menschen Gewaltfantasien formulieren – nicht nur gegen den psychisch kranken Täter, sondern auch gegen völlig Unbeteiligte. Anstatt der Tragödie zu gedenken und um das Opfer zu trauern. Die AfD und die BILD haben in den letzten Jahren die Stimmung im Land derart vergiftet, dass so eine Tragödie sogleich politisiert wird. Dabei sollte eigentlich klar sein, was Sache ist: Schuld ist, wer die Tat begangen hat. Und sonst niemand. Alles andere ist einfach Rassismus. Mehr dazu habe ich heute morgen geschrieben:

Der endgültige Beweis, dass alle Frankfurt-Hetzer nur Rassisten sind

Und wer die Tat dazu instrumentalisiert, um seine rassistische Agenda voranzutreiben, ist ein Hetzer und Rassist. Und ja, viel zu viele Menschen fallen auf diese Manipulationen, Lügen und Framing-Versuche herein. Deswegen klärt diejenigen auf, bei denen es möglich ist und grenzt euch deutlich von den anderen ab.

Lasst euch nicht einreden, dass ihr nicht gleichzeitig die Tat betrauern könnt und euch gegen Rassismus einsetzen. Wir sind diejenigen mit Herz und Verstand. Die, die den Lügen und dem Hass widersprechen. Wir sind diejenigen, die für eine Welt kämpfen, in der man einfach um eine Tragödie trauern kann. Ohne dass man auf Unschuldige mit dem Finger zeigt.

Artikelbild: Sam Wordley, shutterstock.com

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