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Unabhängige Ermittlungen bestätigen: „unrechtmäßige Tötungen“ in Butscha

von | Apr 25, 2022 | Aktuelles, Bericht, Faktencheck, Ukraine

UN-Ermittlungen bestätigen „unrechtmäßige Tötung“ von ukrainischen Zivilist:innen in Butscha

Vor rund drei Wochen erschütterten grausame Bilder von Leichen im ukrainischen Butscha die Welt. Während die Ukraine selbst von Völkermord sprach, beteuerte die Täter-Seite ihre Unschuld. Trotz erdrückender Beweise forderten Putin-Anhänger:innen weitere unabhängige Ermittlungen. Russland-Fans dürften sich nun „freuen“, denn genau diese Untersuchungen bestätigen das Massaker in Butscha.

Während des Einmarsches in die Ukraine kam es auch in Butscha bei Kiew zu Kämpfen in der Stadt. Nachdem die russischen Truppen sich am 31. März zurückgezogen hatten, meldete Butschas Bürgermeister Anatoly Fedoruk Anfang April den Mord an mindestens 300 Zivilist:innen. Rund 280 seien von russischen Soldaten in Massengräbern verscharrt worden, dazu säumten 20 weitere Leichen eine Straße (Quellen). Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij sprach beim vom Kreml angewiesenen Angriff von Vökermord (Quelle). Das russische Kriegsverbrechen löste weltweit Entsetzen aus. Das Massaker in Butscha reiht sich als eines von vielen Kriegsverbrechen in eine ganze Liste mit ausführlichen Dokumentationen von Hinrichtungen, Vergewaltigungen und Plünderungen durch russische Soldaten (Quelle).

So könnt ihr die Satelliten-Bilder-Beweise zu Butscha selbst überprüfen

Trotz zahlreicher Beweise leugnet Russland bislang das Massaker. Der russische Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete den „erfundenen Angriff“ als Inszenierung vonseiten der Ukraine, die damit Russland diskreditieren wolle. Die Bilder von Leichen seien Fälschungen, die die Ukraine im Westen verbreite. Russland bestreitet vehement alle Vorwürfe und stellt die Berichte aus der Ukraine als Provokation da, die man von russischer Seite strafrechtlich untersuchen müsse (Quelle). Ähnliches behauptete auch der russische Botschafter Nebensja. Beim Treffen im UN-Sicherheitsrat kurz nach dem Massaker bestritt er sogar, dass es während der Besetzung der Stadt durch Russland überhaupt zivile Opfer gegeben habe (Quelle).

Deutschsprachige Medien, die die Kreml-Lügen zu Butscha übernommen haben

Russland hält an seinen Lügen fest

Eine Lüge folgt auf die nächste, jede übertrifft die vorherige in ihrer Dreistigkeit und ihrem Zynismus. Das russische Staatsfernsehen verbreitet verschiedene Versionen von den Vorgängen in Butscha – allesamt erlogen. „Einige Versionen widersprechen einander. Doch das ist bekannt und gewollt. Die Lügen erfolgen nach Putins Muster. Verwirrung stiften, sodass man am Ende gar nichts mehr glaubt, oder Verunsicherung herrscht. Obwohl die Belege erdrückend sind“, haben wir in diesem Artikel erklärt.

Fakten über den Angriffskrieg haben in Russland keinen Platz. „Eine Diffamierung der russischen Armee ist strafbar in dem Land“, schreibt ntv und verweist auf das Verbot von „Falschnachrichten“ in Russland. Natürlich geht es dabei nicht um ein Vorgehen gegen tatsächliche Fake-News, sondern um eine massive Einschränkung der Rede- und Pressefreiheit. Allein pro-russische Narrative sind in Russland noch möglich – zumindest, wenn man keine Repressalien fürchten will.

Beweise für das Massaker sind eindeutig

Trotz der Lügengeschichten aus Russland häufen sich eindeutige Beweise für das Massaker. Berichte über Hinrichtungen von Zivilist:innen in Butscha gab es schon im März von Human Rights Watch (Quelle). Videos aus Butscha wurden ausführlich analysiert und verifiziert (Quelle). Satellitenbilder beweisen, dass die Leichen in den Straßen schon wochenlang dort lagen (Quelle). Sie zeigen auch mehrere Massengräber (Quelle). Weitere Beweise findet ihr in diesem Artikel von uns.

Butscha: Luft- & Satellitenaufnahmen liefern erdrückende Beweise für das Massaker

Es gibt also keinen Zweifel am Butscha-Massaker. Putin-Anhänger:innen steigen trotzdem auf die Strategie des Kreml ein, lassen sich blenden und verbreiten nur zu gern die russischen Fake-News weit über Russlands Grenzen hinaus. Die bisherigen Beweise reichten ihnen nicht, viele forderten eine unabhängige Untersuchung.

Putin-Befürworter:innen geht es nicht um die Wahrheit

Quelle: Screenshot Twitter

Dieser User echauffiert sich über „die ukrainischen Vorwürfe an Russland“. Er verlangt eine Ermittlung durch eine unvoreingenommene Untersuchung des Tatortes. Diese könne leicht aufdecken, „was wirklich passiert ist“. Sollte die Untersuchung die Schuld der Ukraine beweisen, müsse das zu schweren Konsequenzen führen, „da es sich um ein abscheuliches Kriegsverbrechen handelt“. Auch deutsche Influencer forderten suggestiv eine UN-Untersuchung – nicht, weil sie eine Antwort haben wollten, sondern, um Zweifel zu streuen.

Quelle: Screenshot Twitter

Putin-Befürworter:innen wie diesen geht es nicht um eine tatsächliche lückenlose Aufklärung, sondern um eine Täter-Opfer-Umkehr. Sie stellen Russland als das wirkliche Opfer angeblicher ukrainischer Kriegsverbrechen dar und verdrehen die Tatsachen um 180 Grad. An der Wahrheit sind sie nicht interessiert. Sie wollen sich nicht überzeugen lassen. Deshalb leugnen sie alles, was nicht in ihr verzerrtes Weltbild hineinpasst. Daher ist sehr fragwürdig, ob weitere Ermittlungen etwas an ihrem Standpunkt ändern würden. Darauf weisen auch die Aussagen dieser Putin-Anhänger:innen hin:

Quelle: Screenshot Twitter

Wer sich bisher von Putins Narrativen hat überzeugen lassen, wird, nach egal wie vielen Beweisen von egal welchen Ermittlungen, noch Putin zujubeln. Die bereits existierenden Beweise schieben sie auf „westliche Narrative, die die Regierungen den Medien diktieren“ und von denen sich naive Menschen allzu leicht täuschen lassen. Dass sie damit eigentlich sich selbst und den Umgang mit Medien in Russland beschreiben, geht ihnen nicht auf.

UN bestätigt „unrechtmäßige Tötung“ von rund 50 Zivilist:innen

Keine Untersuchung wird daran etwas ändern. Auch nicht, wenn die von Putin-Befürworter:innen geforderte unabhängige Ermittlung nun stattgefunden hat. Die Vereinten Nationen kündigten die Untersuchung durch Menschenrechtsexpert:innen und unabhängige Jurist:innen schon kurz nach dem Massaker in Butscha an. „Alles deutet darauf hin, dass die Opfer absichtlich ins Visier genommen und direkt getötet wurden“, sagte die Sprecherin des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte (OHCHR) in Genf, Elizabeth Throssell damals schon (Quelle).

Die UN bestätigte nun den Mord an rund 50 Zivilist:innen (Quelle). „Bei einer Mission in Butscha am 9. April haben Menschenrechts-Ermittler der UN die unrechtmäßige Tötung unter anderem durch standrechtliche Hinrichtung von rund 50 Zivilisten vor Ort dokumentiert“, heißt es von Ravina Shamdasani, Sprecherin des UN-Menschenrechtskommissariats in Genf. Zudem spricht sie von 300 weiteren mutmaßlichen Fällen mit ermordeten zivilen Opfern in den Regionen Kiew, Charkiw, Tschernihiw und Sumy.

Diese Angriffe sollen Ende Februar und Anfang März stattgefunden haben, während die Gebiete von russischer Seite besetzt waren.

Das Büro der Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, spricht außerdem von zahllosen Berichten über weitere Morde, sexualisierte Gewalt und der Verweigerung medizinischer Hilfe (Quelle). Letzteres sollen schätzungsweise 3.000 Zivilist:innen gestorben sein, so Bachelet. Dazu kommt der immense Stress, unter den Zivilist:innen leiden. „Dazu gehört es, vom russischen Militär gezwungen zu werden, in Kellern zu bleiben oder tage- oder wochenlang nicht ihr Zuhause verlassen zu dürfen“, erklärt die Hochkommissarin.

Weitere Ermittlungen stehen aus

Die bisherigen Taten der russischen Soldaten seit Kriegsbeginn könnten „sich als Kriegsverbrechen erweisen“, so Shamdasani. Sie spricht von einem „Blutbad“. „Die russischen Truppen haben wahllos Wohngebiete bombardiert und unter Dauerfeuer genommen, Zivilisten getötet und Krankenhäuser, Schulen und andere zivile Einrichtungen zerstört, lauter Taten, die sich als Kriegsverbrechen erweisen könnten“, berichtete die UN-Sprecherin.

Auch durch ukrainische Kriegshandlungen habe es im Osten des Landes zivile Opfer und Angriffe auf zivile Infrastukturen gegeben. Die UN geht bisher von 2345 ermordeten und 2919 verletzten Zivilist:innen aus. „Wir wissen, dass die tatsächliche Zahl weit höher sein wird, wenn die schrecklichen Geschehnisse aus intensiv umkämpften Gebieten wie Mariupol ans Licht kommen“, ist sich die UN sicher. Auch im Krieg gebe es Regeln, die respektiert werden müssten, betont sie. Das Büro der Hochkommissarin für Menschenrechte appelliert an beide Seiten für die Einhaltung des Völkerrechts (Quelle).

„Unabhängige und unvoreingenommene Untersuchungen“ forderte auch der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH), Kharim Khan. Deshalb sei ein Forensiker:innen-Team des IStGH in Butscha (Quelle). Auch die EU-Justizbehörde Eurojust und die Strafverfolgungsbehörde Europol arbeiten an einer detaillierten Aufklärung (Quelle). All diese Ermittlungen führen hoffentlich zu einer möglichst lückenlosen Aufklärung, um die Kriegsverbrechen so detailliert und realitätsgetreu wie möglich abbilden zu können.

Artikelbild: shutterstock.com David Peinado Romero

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