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Pro-Putin-Propaganda teilt gefälschtes „Rand“-Dokument

von | Sep 23, 2022 | Aktuelles, Ukraine

Pro-Kreml-Seite verbreitet billigen Fake

Pro-russische Propaganda sucht seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine nach einem – nicht-russischen – Schuldigen. Neben Lügen über eine ukrainische Neonazi-Regierung steht auch die Schuld des Westens, der Nato und der USA hoch im Kurs. Ein vermeintlich geleakter Bericht des US-amerikanischen Think Tanks RAND-Corporation soll diese nun bestätigen, so berichtete die Desinformationsseite „Anti-Spiegel“ bereits Anfang September. Das gefälschte Papier will von der Verantwortung Russlands ablenken und inszeniert stattdessen die Vereinigten Staaten als schuldigen Strippenzieher, der mit tatkräftiger Unterstützung der ‚unprofessionellen‘ Grünen eigentlich nur die deutsche Wirtschaft zerstören wolle. Doch der Bericht ist natürlich komplett gelogen.

Laut Fake-Dokument fürchtet USA „machtvolles Deutschland“

Der Autor des Desinformations-Artikels, betont zunächst, dass er die Echtheit des Dokuments nicht verifizieren kann, geht dann jedoch dazu über, das Geschriebene trotzdem für bare Münze zu nehmen – ob nun als Dokument eines Think Tanks wie RAND oder einer angeblich sehr treffenden Analyse der aktuellen Situation. Verfasst sei das Papier demnach bereits am 25. Januar 2022, also einen Monat vor Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine, den die pro-russische Fake-News-Seite als ‚russische Intervention‘ bezeichnet.

Weiterhin übersetzt er das Dokument, das ihm laut eigener Aussage aus nicht genannter Quelle zugespielt wurde. Es soll sich um ein Dokument handeln, dessen Empfänger neben anderen das Außenministerium, die CIA, NSA und das nationale Organisationsgremium der Demokratischen Partei beinhalten. Unter dem Titel „Schwächung Deutschlands, Stärkung der USA“ handelt es auf dreieinhalb Seiten Fließtext ab, wie ein potenzieller russischer Einmarsch in die Ukraine sich aufgrund resultierender Sanktionen auf die Europäische Union und insbesondere auf Deutschland auswirken könnte.

Eine schwache EU und ein schwaches Deutschland seien für die wirtschaftliche und geopolitische Situation der USA von dringlicher Bedeutung, denn: „Wenn wir eines Tages Europa verlassen, besteht für Deutschland und Frankreich eine gute Chance, zu einem vollständigen politischen Konsens zu gelangen. Dann könnten sich Italien und andere Länder des alten Europas – vor allem die ehemaligen EGKS-Mitglieder – dem unter bestimmten Bedingungen anschließen. […] Wenn dieses Szenario eintritt, wird Europa nicht nur zu einem wirtschaftlichen, sondern auch zu einem politischen Konkurrenten der Vereinigten Staaten“, so das vermeintlich echte Dokument.

Die prophezeite Rolle der Grünen

Das Papier prophezeit Deutschland eine düstere Zukunft. Als Stützpunkte und zugleich Schwachstellen der deutschen Wirtschaft identifiziert es den „unbegrenzten Zugang zu billigen russischen Energieressourcen und zu billigem französischem Strom“. Um ersteres würden sich beizeiten die Sanktionen gegen Russland kümmern, die zu diesem Zweck als Untergang inszeniert werden. „Eine Unterbrechung der russischen Lieferungen kann durchaus eine Systemkrise auslösen, die für die deutsche Wirtschaft und indirekt für die gesamte Europäische Union verheerend wäre“, heißt es in der Übersetzung des Dokuments. Auch der „französische Billigstrom“ könnte bald ins Wanken geraten, indem Russland die Kernbrennstofflieferungen an Frankreich im Zuge des Angriffskriegs einstellt.

Das vermeintliche US-amerikanische Dokument sieht die Grünen als unfreiwillige Komplizen im Vernichtungsplan der deutschen Wirtschaft. Denn diese würden mit ihren persönlichen Eigenschaften und ihrer mangelnden Professionalität wirtschaftliche Argumente ignorieren und eigene Fehler nicht rechtzeitig eingestehen. Die Folge: Die deutsche Regierung ziehe harte Sanktionen durch, die laut dem Dokument der eigenen Wirtschaft mehr schaden würden als der russischen. Schließlich komme es zu hohen Verlusten und der Euro würde „unweigerlich und höchstwahrscheinlich unwiderruflich unter den Dollar fallen“. Damit gehe ein starker Rückgang des Lebensstandards und steigende Arbeitslosigkeit einher – mit Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte. Diese hätten vermeintlich „bis heute buchstäblich keine anderen Ziele für eine solche Migration als die Vereinigten Staaten.“

Übrigens: Das häufige Argument, die Sanktionen schadeten Russland wenig bis gar nicht, haben wir bereits ausführlich widerlegt:

Think Tank bestätigt: Es handelt sich um keinen RAND-Bericht

Die RAND-Corporation bestätigte bereits am 14. September, dass es sich bei dem scheinbaren Leak um kein Dokument von ihnen handelte. Der Think Tank bezeichnete das Papier im selben Zug als „bizarre US-Verschwörung“ und verwies auf eine Rubrik der eigenen Website, auf der tatsächliche Analysen, Recherchen und Kommentare über den Krieg in der Ukraine zu finden seien.

Zudem hat sich die Deutsche Presseagentur (dpa) in einem Faktencheck dem Thema angenommen und darauf verwiesen, dass die Abkürzungen auf dem Bericht alles andere als üblich seien. In der Liste der Empfänger:innen befindet sich darüber hinaus das nationale Organisationsgremium der Demokratischen Partei, das laut dpa über wenig politische Macht verfüge und lediglich bei Spendenaufrufen und Wahlkampfangelegenheiten zum Einsatz komme. Diese Details weisen also eher auf einen mittelmäßigen Fake hin.

Man sieht schon am Layout, dass es Fake ist

Auch beim Layout des vermeintlichen RAND-Dokuments scheint es sich um nichts mehr als eine billige Kopie zu halten – beinahe eins zu eins abgeschrieben von echten RAND-Veröffentlichungen. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Publikationen meist auf spezifische Webseiten verweisen, auf denen weitere Informationen zu finden sind. Im Fall des Dokuments, das dem Anti-Spiegel vorlag, findet sich jedoch lediglich ein allgemeiner Verweis auf die Webseite. Wäre das Dokument wirklich von RAND erstellt worden, hätten sie direkt auf die weiterführende Seite verlinkt, erklärt der dpa-Faktencheck.

Darüber hinaus fällt die auf den ersten Blick gewöhnliche zweite Seite der RAND-Publikationen auf. Hier befinden sich ein Hinweis auf eine spezifische Website, Infos zu RAND und dessen Urheberrechts- und Lizenzinformationen. Das ist bei den meisten öffentlichen Publikationen Standard. Im Fall eines angeblich „geheimen Dokuments“ mit ausgewählten Empfänger:innen ergibt das jedoch wenig Sinn. Denn weder kann man „mehr Information“ über die angeblich so geheime Sache auf der Website finden, noch handelt es sich um eine offizielle Veröffentlichung mit Urheberrecht und Lizenzen. Stattdessen wäre wohl eher eine Verschwiegenheitsklausel angebracht. Auch das wieder ein Indiz für einen „gut gemeinten“, aber schlecht gemachten Fake.

Die angesprochene zweite Seite des Berichts
Bildquelle

Die Propaganda-Seite glaubt weiterhin nur, was sei glauben will

Obwohl die RAND-Corporation bereits vor knapp einer Woche darauf hingewiesen hat, dass es sich um ein gefälschtes Dokument handelt, hat die Pro-Putin-Propaganda-Seite am ursprünglichen Beitrag zum vermeintlichen Leak nichts geändert. Stattdessen hat der Autor die Stellungnahme der RAND-Corporation in einem neuen Beitrag aufgefasst. Darin postet er zwar einen Screenshot des Statements. Dennoch schreibt er gleich im ersten Absatz: „Immer noch ist unklar, ob es echt oder eine Fälschung ist.“ Im Folgenden listet er eine Ansammlung von Gründen, warum er der Meinung ist, dass es sich um ein echtes Dokument handelt.

Dazu gehört unter anderem, dass RAND selbstverständlich nicht zugeben könnte, dass es sich um ein echtes Dokument handle, denn es sei schließlich als geheim eingestuft. Zusätzlich argumentiert Röper, dass das Dokument zwar an US-Regierungsbehörden, Geheimdienste und US-Demokraten ging, nicht aber an die Republikaner – dies halte er für realistisch, denn eigentlich neutrale Institutionen hätten sich in den letzten Jahren „einseitig im innenpolitischen Machtkampf in den USA engagiert“. Dass diese Adressierung von den Fälscher:innen kalkuliert gewählt sein könnte, um ihn genau das glauben zu lassen, kommt ihm wohl nicht in den Sinn. Oder ihm ist es nur Recht, wenn er wieder mal Lügen verbreitet.

Weiterhin verteidigt der Autor seine Arbeitsweise richtig peinlich, indem er behauptet, Journalist:innen würden angeblich Papiere, die ihnen zugespielt werden, auch nicht überprüfen. „Mit so ausführlichen Beschreibungen der Herkunft ihrer Informationen (oder dem Hinweis, dass sie nicht verifizierbar sind) halten die ‚Qualitätsmedien‘ sich nur selten auf, wenn sie über angebliche oder echte Geheimpapiere berichten“, negiert Röper die mühsame Verifizierungsarbeit von Investigativjournalist:innen. Er ergießt sich in weiteren Gründen, die laut ihm für ein echtes Dokument sprechen, nur um zu Ende hin zusammenzufassen: „Ob das Dokument tatsächlich echt ist, wissen wir also immer noch nicht.“ Dabei gab es eine Stellungnahme der vermeintlichen Verfasser, die es ganz klar als Fake enttarnen. Eine grandiose Bankrotterklärung: Die Seite gibt zu, nicht zu prüfen, was man verbreitet und dass man dort keine Ahnung hat, worüber man schreibt. Wie auf der Seite systematisch gelogen wird – und das auch noch zugegeben – haben wir bereits längst aufgedeckt:

Pro-russische Propaganda at its best

Das gefälschte Dokument greift ein Motiv auf, das den russischen Angriffskrieg seit Beginn begleitet. Statt Russland als Aggressor zu sehen oder nach sinnvollen Lösungen zu suchen, versucht pro-russische Propaganda immer wieder, die Schuldfrage anderweitig zu klären und Sanktionen gegen Russland wahlweise für nutzlos oder zu hart zu erklären. Yep, den Widerspruch erkennen sie selbst nicht mehr. So klingt das Dokument letztlich, als hätte sich da ein Befürworter des russischen Angriffskriegs mit Abneigung gegen die Grüne und wenig Interesse an Sanktionen ans Werk gemacht. Pro-russische Propaganda aus deutscher Feder, die in eine billige Kopie einer RAND-Publikation eingefügt wurde. Und wo gefälschte Dokumente auf pro-russische Propaganda treffen, da ist auch die Pro-Kreml-Lügnerin Alina Lipp nicht weit:

Quelle: Screenshot Telegram

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