Die lange Liste der ermordeten Putin-Gegner: Vergiftet, erschossen oder erschlagen

| Ukraine | 15. März 2022

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Die lange Liste der toten Putin-Gegner

Dass Putin grausam mit seinen Gegner:innen umgeht, dürfte gerade jetzt niemand verwundern. Schließlich sehen wir gerade, welche Gräueltaten er mit der Ukraine anstellt, wie schon davor in Syrien, Tschetschenien, Georgien oder auf der Krim. Wer sich ihm in den Weg stellte, musste schon immer damit rechnen, sein Leben in Gefahr zu bringen. Denn Putin ist nicht nur für seine Kriege, sondern auch die ermordeten Kritiker:innen bekannt. Erst vor ein paar Monaten sagte Präsident Biden, er glaube, Putin sei ein „Killer“. Als der russische Präsident in einem NBC Interview gefragt wurde, ob das stimme, lachte er nur, wich aus und antworte auf Nachfrage: „Das ist hier doch kein Verhör“. Als der Journalist die Namen der russischen ermordeten Regimekritiker vorlas, blieb Putins Gesicht ausdruckslos (Quelle).

Putin antwortete nicht ohne Grund so nebulös: Eine Reihe von Fällen werden mit dem russischen Diktator und seinem Staat in Verbindung gebracht – die Opfer Widersacher seiner Politik. Bekannt sind uns da vor allem Nawalny, der letztes Jahr in einem Flugzeug vergiftet wurde und nur in der Berliner Charité überleben konnte. Oder der Tiergartenmord, für den bis heute niemand zur Verantwortung gezogen wurde, auch wenn Aussagen Putins auf seine Beteiligung schließen lassen (Quelle). Volksverpetzer hat einen Überblick auf weitere Fälle gegeben.

Die Gegner des „lupenreinen Demokraten“ starben schon am Anfang seiner Amtszeit

Am Anfang seiner Amtszeit gilt Putin noch als „lupenreiner Demokrat“, wie ihn Gerhard Schröder einmal bezeichnete. Er wurde von Frankreich, Deutschland und sogar den Vereinigten Staaten so gesehen. Die Westmächte erkannten Russland wieder mehr auf „Augenhöhe“ mit anderen Mächten an (Quelle).

Dabei deuten Nachforschungen darauf hin, dass bereits zu dieser Zeit Gegner des russischen Regimes auf mysteriöse Art und Weise umkamen: Igor Domnikow beispielsweise, der als Journalist für die Nowaja Gaseta arbeitete, schlug man im Juli 2000 mit dem Hammer in Moskau nieder. Er starb noch im Krankenhaus, die Mörder wurden verurteilt. Die Auftraggeber kamen jedoch nie vor Gericht (Quelle).

Oder der russische Ex-Informationsminister Sergej Juschenkow, der ganz unbedarft aus seinem Dienstwagen stieg und auf offener Straße erschossen wurde – 2003 fand man in Moskau seine Leiche. Die Nowaja Gaseta hatte sich für einen friedlichen Ausgang des Tschetschenienkonfliktes eingesetzt, Juschenkow veröffentlichte belastendes Material zu eben jenem Krieg. Beides könnte sie den Tod gekostet haben, blieb jedoch damals angesichts der Bestrebungen zur Bekämpfung islamistischen Terrors nach 09/11 von der internationalen Gemeinschaft relativ unkommentiert (Quelle).

Erschossen im Aufzug – wegen eines Buches

Dann wurde Putin zum zweiten Mal wiedergewählt, in Deutschland kam Angela Merkel an die Macht, und die Differenzen mit USA und NATO wuchsen. Grund dafür: Putin lehnte es ab, dass die NATO-Staaten Polen und Tschechien mit Raketenabwehrsystemen ausgestattet wurden. In diesem Zusammenhang erlangten auch die folgenden Morde eine größere internationale Aufmerksamkeit.

So auch bei Anna Politkowskaja. Sie verließ gerade ihre Wohnung, war kurz davor mit dem Fahrstuhl ihres Moskauer Wohnblocks herunterzufahren. Doch dazu kam es für eine der bekanntesten Journalist:innen Russlands nicht mehr: Man fand sie erschossen, ohne dass sie das Haus noch verlassen konnte, die Waffe lag neben ihr.

Das weist auf einen Auftragsmord hin, die Hintergründe sind jedoch noch nicht geklärt (Quelle). Bis heute fordern Organisationen wie „Reporter Ohne Grenzen“ die Aufklärung des Falls (Quelle). Die Mörder wurden zwar nach langem hin und her verurteilt – wer die Auftraggeber waren, liegt jedoch immer noch im Dunkeln. Die russische Regierung weigert sich, hier weiter nachzuforschen.

„Stalin unserer Zeit“

Klar ist jedoch, dass Politkowskaja mehrere kritische Bücher zu Putins Regime und den Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien veröffentlicht hatte, für die oppositionelle Zeitung Novaja Gaseta arbeitete. Kurz vor ihrem Tod beschäftigte sie sich mit dem damaligen Ministerpräsident Tschetscheniens, Ramsan Kadyrow. Sie nannte ihn in ihrem letzten Interview einen „Stalin unserer Zeit“ (Quelle). Der hatte zuvor schon dazu aufgerufen, die Journalistin umzubringen, sie war schon vergiftet und entführt worden.

Politkowskaja bedrohte für Putin die Stabilität seines russischen Regimes. Meinungsfreiheit gehörte schon damals nicht zu den Anforderungen, die er an seinen Staat stellte. Journalist:innen, die eine abweichende als die Staatsmeinung hatten, lebten gefährlich – die Novaja Gaseta, einzige oppositionelle Zeitung, verzeichnet fünf Journalist:innen, die aufgrund ihrer Berichterstattung umgebracht wurden. Die Zeitung erhielt 2021 den Friedensnobelpreis – ihre verstorbenen Rechercheure konnte das nicht zurückbringen (Quelle).

Vergiftet – und doch kämpferisch aus dem Krankenbett

Im selben Jahr erregte ein zweiter mysteriöser Mord die Aufmerksamkeit der Welt. Alexander Litwinenko traf sich noch zum Sushi-Essen in einer Bar. Wenig später wurde der Ex-KGB-Mann ins Krankenhaus eingeliefert, nach Tagen fanden die Ärzte heraus: Er wurde mit dem radioaktiven Stoff Polonium vergiftet. Er verstarb noch im Krankenhaus, nachdem ihm zuvor alle Haare ausgefallen waren (Quelle).

Früher hatte er für den russischen Geheimdienst spioniert, nach Differenzen mit dem Regime bekam er als Whistleblower in England politisches Asyl. Er veröffentlichte Bücher mit Vorwürfen, der russische Geheimdienst habe Terroranschläge in Russland organisiert, um den Krieg in Tschetschenien zu rechtfertigen und Putin an die Macht zu bringen (Quelle). Das könnte ihm das Leben gekostet haben. Seine letzten Worte richtete er kämpferisch an Präsident Putin: „Der weltweite Aufschrei des Protests wird Ihr ganzes restliches Leben in Ihren Ohren widerhallen!“

Auch zu diesem Fall gibt es unterschiedliche Versionen, das englische Gericht verurteilte zwei russische Geheimdienstmitarbeiter, die Russland nicht auslieferte. Russische Zeitungen schrieben (Quelle): „Ihr Engländer bringt doch selber weltweit heimlich Leute um, James Bond ist das beste Beispiel – warum sollen wir das dann nicht dürfen?“ Man versuchte sich also entweder im Abstreiten, im Verweisen auf Spekulationen, in Whataboutismen oder verteidigte sich, wer das Wort gegen Präsident Putin richte, verdiene es, „einstehen zu müssen“. Hier lief die Propagandamaschine also auch schon ordentlich.

Der russische Geheimdienst gab sich mit seinen Ausreden für die Verhaftung noch nicht mal Mühe

Da gibt es noch so viele Namen und schauerliche Geschichten: über den Anwalt Sergej Magnitski, der Steuerbetrug russischer Staatsdiener aufdeckte und dann selber wegen Steuerhinterziehung verhaftet wurde, zum Beispiel. Auch eine unwahrscheinliche Entwicklung. Da hätte sich der FSB, der russische Inlandsgeheimdienst, wenigstens eine kreativere Geschichte ausdenken können. Sobald Magnitski in Haft saß, verschlechterte sich sein Zustand. Er soll ausgehungert worden sein, keine medizinische Betreuung bekommen haben und sich darüber während seiner einjährigen Haft in 480 Briefen beschwert haben (Quelle).

Schließlich sollen ihn Haftmitarbeiter 2009 zu Tode geprügelt haben (Quelle). Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte den russischen Staat, 34.000 Euro zur Entschädigung zu zahlen. Davon hat die Familie des Wirtschaftsprüfers bis heute noch nichts gesehen.

Mit einer Kugel im Kopf auf der Straße fand man die Menschenrechtlerin und Memorial-Mitarbeiterin Natalja Estemirowa 2009 (Quelle). Den Medien-Mogul und russischen Oligarch Boris Berezowski entdeckte man in seinem Badezimmer. Bei der strangulierten Leiche wies zunächst alles auf Selbstmord hin. Erst später fand man Hinweise auf Fremdeinwirken (Quelle). Mit Blick auf den Kreml wurde 2015 Boris Nemzow erschossen, kurz nachdem er Russland als „Mafiastaat mit Putin an der Spitze“ bezeichnet hatte. Und kurz bevor er neue Erkenntnisse über den Krieg in der Ostukraine enthüllen konnte (Quelle, Quelle).

Putin erfindet neue Feindbilder

Das zeigt: Um die Gräueltaten seiner Kriege vor den Landsleuten zu vertuschen, geht Putin weiter, als nur Falschnachrichten zu verbreiten. Er bringt seine Gegner:innen wohl durch diese grausamen Morde zum Schweigen. Für den Mord an Nemzow fand man fünf tschetschenische Tatverdächtige. Zwischendurch gab es die Annahme, Täter hatten aus islamistischen Gründen gehandelt (Quelle). Bewusst werden hier also neue Feindbilder aufgemacht, um sich von dem eigentlichen – dem autoritären russischen Staat – zu entfernen.

Hinter Putin steht Anschuldigungen zu Folge dabei ein Apparat, der sich gezielt um diese blutigen Aufträge kümmere. Ein enger Kreis von Eingeweihten. Der Investigativjournalist Christo Grozev recherchierte vor allem zu den Giftanschlägen auf unter anderem Nawalny und sagt (Quelle): „Wir wissen, dass es in der Geschichte der Politischen Polizei in der Sowjetunion immer Abteilungen gab, die für politischen Terror und Morde verantwortlich waren.“

Diese Abteilungen scheint es laut Grozev immer noch zu geben. Einen wichtigen Teil nehme dabei die Beschattung ein, die die Führungsriege sogar teilweise selbst übernehme. Die Arbeitsteilung ist klar, damit so wenig Interaktion wie möglich untereinander stattfindet und so wenig Menschen wie möglich Bescheid wissen.

Abschusslisten in der Abteilung für den „Kampf gegen den Terrorismus“

Eine Abteilung sei laut Grozev dabei für die Erschießung zuständig, unterstellt einem Vertrauten Putins: General Sedow. Die beiden lernten sich in St Petersburg kennen, als sie beide noch für den KGB arbeiteten. Alexei Sedov stieg mit Beginn der Präsidentschaft Putins zum Kopf der Moskauer Geheimpolizei FSNP auf, 2006 wurde er zum Verantwortlichen für „den Schutz des konstitutionellen Systems und dem Kampf gegen Terrorismus“ des FSS befördert (Quelle). Sedow und seine Abteilung jedenfalls sollen die „Abschusslisten“ führen.

Zwei weitere wichtige Akteure dieser Abteilung haben eine besonders widerwärtige Aufgabe, beschuldigt Grozev: Ossipow und Alexandrow arbeiten im „Vergiftungsdienst“, Unterlagen Grozevs sollen belegen, dass sie eine zentrale Rolle in der Vergiftung Nawalnys einnahmen (Quelle). Laut seinen Informationen sind sie seit 2009 in dieser Abteilung im Dienst.

Für Vergiftungen, Beschattungen und die Morde selbst beauftragte die FSB offenbar jedoch nicht nur Alteingesessene, sondern teilweise Häftlinge selbst. Im Gegenzug könnten sie „ihre Probleme loswerden“, wie es Grozev ausdrückt. Grozev selbst sagt nicht ausdrücklich, dass die Auftragsmorde von Putin ausgehen. Er benennt jedoch klar: „Den Preis für den Erfolg oder Misserfolg eines politischen Auftragsmordes zahlt der erste Mann im Staat.“

vergiftet, entführt, erschossen oder erschlagen

Schaut man sich die Personen an, die vergiftet, entführt, erschossen oder erschlagen wurden, so wird deutlich: Nicht nur die Art, wie sie umgebracht werden, sondern auch die Personen kommen aus unterschiedlichen Berufen, haben unterschiedliche Aufgaben. Sie sind Journalist:innen, Anwälte, Politiker, Oligarchen – vereint in der Kritik des Kremls.

Mal ist die Bedrohung für den russischen Staat und seine Propagandamaschine mehr ersichtlich, mal weniger. Warum das so ist, auch darauf wisse Grozev eine Antwort: „Sie reden mit Pseudowissenschaftlern. Das ist die Art Berater, die sie haben.“ Das habe sich ihm aus Telefongesprächen, Verbindungsdaten und Gesprächen dieser Abteilung mit „diversen Wahrsagern und Hellsehern“ ergeben.

So sollen diese Morde nicht nur grausam und unrechtmäßig sein, sondern auf einem Wahn und einer Willkür fußen, der mit Tatsachen nicht mehr unterfütterbar sei. Die Verbindungen zu Putin sind nicht deutlich, die Liste der Kritiker:innen des Regimes, die „zufällig“ vergiftet, entführt, erschossen oder erschlagen werden jedoch sehr lang. Es ist ein offenes Geheimnis, was Putin mit denjenigen tut, die er als Feinde seines autokratischen Regimes sieht.

Zum Thema:

Die Genfer Konventionen – Werden Putins Kriegsverbrechen Konsequenzen haben?

Artikelbild: Evgeny Feldman/Meduza/AP/dpa

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