Gaulands Vogelschiss und der Mythos des wieder gut gewordenen Deutschen

Gaulands Vogelschiss und die wieder gut gewordenen Deutschen

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Die Empörung über Gaulands „Vogelschiss“-Aussage war groß und berechtigt. Doch bei der ganzen Betonung darüber, wie wichtig diese Zeit sei, darf man nicht so tun, als hätte Deutschland seine Lektion schon gelernt.

Die Empörung war groß nach Gaulands Rede, in der er das dritte Reich als “Vogelschiss” in der deutschen Geschichte bezeichnete. Im Grunde läuft alles nach dem üblichen Schema ab: Die AfD sagt was, alle regen sich auf, die AfD rudert zurück und wurde “missverstanden” usw.

Es gab neben der Empörung auch gute Kritik an der Rede, die die Motive und den Wunsch, Geschichte für sich selbst umzuschreiben, gut analysierten, weswegen darauf nicht noch weiter eingegangen werden muss.

Die Aussage zielt ganz klar auf Stimmenfang vom rechten Rand, wo die eigene Nation ein Fetisch ist, an dem jeder Schandfleck totgeschwiegen werden will und jede noch so absurde Geschichtsklitterung normal ist – auch das ist soweit nichts neues, die AfD versucht es mit dieser Taktik nicht zum ersten Mal. Es gibt aber diesmal eine Besonderheit, denn weder Gauland, noch seine Wähler haben verstanden, die Shoa so für sich zu nutzen, wie es sonst in Deutschland normal ist. Gauland hat die Relevanz des Holocausts verharmlost. Dabei ist das Instrumentalisieren dessen das viel größere Problem.



Die Instrumentalisierung des Holocaust

Schon die Aufregung über seine Aussage zeigt, dass die NS-Zeit kein „Fliegenschiss in der Geschichte“ sein kann, im Gegenteil, sie ist konstitutiv für die Bundesrepublik Deutschland. Es gab einige Mythen aus der Gründungszeit der Bundesrepublik und der Zeit danach. Eine davon war: „die Deutschen haben von nichts gewusst“, wie sogar Konrad Adenauer behauptete. Ein anderer war der des „wieder gut gewordenen Deutschen“, die Eike Geisel feststellte. Eine Polemische Umschreibung für die Annahme, die deutschen haben aus ihrer Geschichte gelernt. Dies wird auch heute gerne behauptet. Ein aktuelles Beispiel ist Böhmermanns “Be deutsch”: Nach sechs Millionen ermordeten Juden hat man ja gelernt und kann den Holocaust und den daraus resultierenden Sündenstolz kommerziell verwursten. Am wieder gut gewordenen deutschen Wesen soll die Welt genesen. Man ist nicht nur Exportweltmeister, sondern auch Vergangenheitsbewältigungsweltmeister – auch das kann exportiert werden, aber später mehr dazu.

Den toten Juden wird gedacht, durch Konzentrationslager, durch Stolpersteine, die Charlotte Knobloch als “Unwürdiges Gedenken im Straßenschmutz“ bezeichnete. Auch das Holocaustmahnmal fungiert als ultimativer, steingewordener Beweis dafür, dass man aus der Geschichte gelernt habe.

Dass die Realität doch anders aussieht beweisen auch genug Beispiele:

Über lebende Juden weiß man dagegen wenig und möchte es offenbar auch nicht wissen, jüdische Friedhöfe werden geschändet, die Zahl antisemitischer Straftaten steigt, seit Jahrzehnten sind Synagogen Hochsicherheitsanlagen in diesem Land. Auf lokaler Ebene sind zwei andere Beispiele bezeichnend: In Bochum rät die jüdische Gemeinde davon ab jüdische Erkennungsmerkmale wie die Kippa zu tragen und vor der alten Synagoge in Essen ist es normal, dass direkt daneben ein Polizeiwagen steht.

Was hat all das mit Gauland zu tun? Nun, wenn die Shoa nur ein Fliegenschiss war, so ist die mühsame Wiedergutwerdung wohl auch nur Fliegenschiss. Im Gegenteil wird diese von den deutschen dringend gebraucht. Denn es gibt keine bessere Legitimation als die eigene Wiedergutwerdung für Israelkritik. Das ist ohnehin ein gutes Beispiel: Wenn die wieder gut gewordenen deutschen ja die Juden davor warnen wollen, dieselben Fehler zu machen wie sie und ihnen erklären wollen, wie Frieden geht, ist man natürlich endgültig an dem Punkt, wo die Deutschen rein auf Grundlage der Projektion agieren. In einem solchen Kontext ist es auch erst verständlich, wie unsägliche Sätze wie “Die Juden benehmen sich wie die Nazis damals” gesagt werden können, ähnlich schamlos wie “Muslime sind die neuen Juden”.

Wäre dieser Mythos nun Fliegenschiss, wäre ein solch moralisches Überlegenheitsgefühl schwer zu rechtfertigen

Und genau diese Empfindlichkeit hat Gauland wahrscheinlich ohne es zu merken getroffen: Bei der Shoa geht es um Sündenstolz, nicht darum, sich für das Leben der Juden im hier und jetzt zu interessieren – oder wie Broder mal sagte. “Man kann an einem lebenden Juden keinen Kranz niederlegen, das sieht irgendwie albern aus.”

Wie unser Verhalten eines Tages gesehen wird, dass werden Menschen in dreißig, vierzig oder erst hundert Jahren beurteilen, die Shoa wird wohl kaum als Fliegenschiss angesehen werden, ob Eike Geisel aber damit Recht hat, dass er in Deutschland “Erinnerung als höchste Form des Vergessens” bezeichnete, das bleibt abzuwarten. Es sieht alles aber danach aus, als sollte er Recht behalten. Daran wird auch Gaulands kurzes Rütteln an diesem Mythos nichts ändern.

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