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32 Autoren beenden Zusammenarbeit: Westend-Verlag driftet nach rechts

von  | Aktuelles | 21. Mai 2026 |  7 min

Der Westend-Verlag galt lange als links. Nun biedert er sich an bei Konservativen und Rechtsradikalen. Mehrere Dutzend Autorinnen und Autoren wollen dabei nicht mehr mitmachen.

Im Juni erscheint das nächste Buch von Ulf Poschardt, wieder im Westend-Verlag. Der im hessischen Neu-Isenburg bei Frankfurt angesiedelte Verlag war einst stabil links. Aber er wendet sich von seiner Historie mehr und mehr ab. Insofern ist es auch nur folgerichtig, dass nach Poschardts „Shitbürgertum“ nun auch das „Bückbürgertum“ auf den Markt bringt.

Der 2004 gegründete Westend-Verlag galt zuletzt – und ist damit wohl in guter wie schlechter Gesellschaft vieler anderer Verlage – als wirtschaftlich angeschlagen. Da kam ein Titel wie der von Poschardt 2025 natürlich recht. Die „Süddeutsche Zeitung“ feierte „Shitbürgertum“ als „Sachbuch-Bestseller“ der Saison und porträtierte Poschardt als „Dark Lord des deutschen Debattenzirkus“. Nun, im neuen Buch, soll es laut Verlagsankündigung gehen gegen „jene Konservativen und Liberalen, CEOs und Manager, Bischöfe und Intellektuelle, Kanzlerinnen und Kanzler, die – wider ihre Überzeugung – nahezu jeden Unsinn links der Mitte mitgemacht oder befördert haben“.

Übersetzt heißt das: Der Westend-Verlag mache inzwischen nahezu jeden Unsinn rechts der Mitte mit. Oder befördert ihn.

Kritiker sehen bei Westend „rechtsoffene Neuausrichtung“

32 Autor:innen des Verlags möchten dabei nicht mehr mitmachen. Sie veröffentlichten einen Offenen Brief an die Westend-Geschäftsführung, in dem sie Vorbehalte andeuten gegen die Poschardt-Bücher und auch die Titel des FDP-Politikers Wolfgang Kubicki, der seit Jahren immer wieder bei Westend publiziert. „Im Sinne der Meinungsfreiheit“ habe man diese Erweiterung des Portfolios „selbstverständlich auch akzeptiert“. Das Fass zum Überlaufen aber brachte, dass Westend nun auch noch dem Krawall-Portal „Nius“ eine Bühne bot. Sie veröffentlichen einen von den NIUS-Schreibern Julian Reichelt und Pauline Voss herausgegebenen Sammelband.

Im Offenen Brief an Westend heißt es, der Verlag habe mit diesem Buch „rechten Kulturkämpferinnen und -kämpfern eine weitere Plattform“ geboten. Reichelt und Voss seien „Führungspersonen eines Portals, […] das Tag für Tag große Teile des demokratischen Spektrums verunglimpft“. In dem Buch der beiden „Nius“-Leute kämen Autorinnen und Autoren zu Wort, „deren Positionen der AfD nahestehen, einer aus unserer Sicht demokratiebedrohenden Partei“. In der Presseerklärung dazu ist von einer „rechtsoffenen Neuausrichtung“ des Verlags die Rede.

Gysi, Ypsilanti, Butterwege & mehr

Unter den 32 Unterzeichner:innen sind einige sehr bekannte Namen: Der Armutsforscher Christoph Butterwegge, die „taz“-Autor:innen Daniel Bax, Simone Schmollack und Ulrike Herrmann, der Linken-Politiker Gregor Gysi, die ehemalige SPD-Politikerin Andrea Ypsilanti. Sie schreiben: „Wir erkennen ausdrücklich Ihr selbstverständliches Recht an, zu veröffentlichen, was Sie wollen. […] Wir nehmen allerdings für uns das Recht in Anspruch, unsere publizistische Arbeit nicht in dieser ideologischen Nachbarschaft fortzusetzen.“

Zu den Initiatoren des Offenen Briefes gehören Stephan Hebel, Autor von „Frankfurter Rundschau“ und „Freitag“, und der österreichische Arzt und Autor Bernd Hontschik. Der Publizist Wolfgang Storz, früherer Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, begrüßte die Initiative. Er sagte Volksverpetzer: „Es erleichtert mich, dass diese angesehenen, meist differenziert und klar analysierenden Publizisten endlich diesen ihren Verlag in Frage stellen beziehungsweise über Bord werfen. Überfällig ist es, wurde diese trübe Suppe doch spätestens schon seit Jahren serviert.“

Einige langjährige Westend-Autor:innen haben Hebel und Hontschik erst gar nicht angesprochen: solche, bei denen zu vermuten ist, dass sie mit dem Kurswechsel bei Westend durchaus einverstanden sind. Das betrifft etwa die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, die BSW-Politikerin und Kreml-Propagandistin Sevim Dagdelen, den Herausgeber der verschwörungsideologischen „Nachdenkseiten“, Albrecht Müller, und die ehemalige AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar. Sowie auch Gabriele Krone-Schmalz, Anhängerin der aggressiven russischen Außenpolitik.

Oder auch Norbert Häring, der Anfang des Monats bei Westend das Buch „Der Wahrheitskomplex“ veröffentlichte, in dem er Nichtregierungsorganisationen Zensur, Propaganda, Diffamierung und Wahlbeeinflussung unterstellt, ein angeblich „größtenteils staatlich finanziertes, zentral gesteuertes und digital hochgerüstetes Netzwerk“.

Der Westend-Verlag ließ Fragen des Volksverpetzers zum offenen Brief unbeantwortet

Westend gilt seit Jahren als verschwörungsideologischer Verlag

Die Entwicklung beim Westend-Verlag zeichnete sich seit Jahren ab. Schon Ende 2022 veröffentlichte das Katapult-Magazin eine Grafik zum „Netzwerk alternativer Medien“, in der der hessische Buchverlag der Kategorie „verschwörungsideologisch“ zugeordnet wird. Man befindet sich unter anderem in Gesellschaft des staatlichen russischen Propagandakanals RT DE, den pro-russischen „Nachdenkseiten“, „Apolut“ und „Rubikon“. Im redaktionellen Text dazu heißt es, diese „Alternativmedien“ würden „starke Meinungen auf dünner Faktenbasis“ verbreiten. „Das nützt vor allem denen, die sich eine ganz andere Bundesrepublik wünschen.“

Anders formulierte 2025 die FAZ ihre Kritik an der Neuausrichtung des Westend-Verlags. Bert Hoppe schrieb: „Im Kern lässt sich an den Westend-Büchern eine Art politische Autoimmunfehlfunktion ablesen, die weit ins linksliberale Milieu hineinwirkt: Das an sich sinnvolle Streben, die eigene Position kritisch zu hinterfragen, wird bis zu dem Punkt getrieben, an dem man alles infrage stellt und überall ,Manipulationen‘ wittert.“ Westend wolle Denkräume über das von ihm „bislang bespielte linke Milieu hinaus“ öffnen. Und beim Marketing beispielsweise für das Poschardt-Buch 2025 dürfe dann auch die rechtsradikale Polit-Influencerin Anabel Schunke helfen.

„nd“ beobachtet „Querfront-Geflecht“

Im März 2026 beobachtete „nd“-Autor Daniel Keil bei Westend „direkte Kooperationen mit der extremen Rechten und den an sie grenzenden konservativen Kreisen“ sowie ein „Querfront-Geflecht“. Die Wahrnehmung, Westend sei ein „linker Verlag“, rühre von dessen Anfängen und der Selbsterzählung her. Inzwischen gebe er ein Beispiel dafür, wie sich „politische Milieus verschieben und in rechte Gefilde abdriften können“. Von einer solchen Querfront würden vor allem die Rechten profitieren.

Westend selbst hat seine Selbstdarstellung vor ein paar Wochen korrigiert. Lange hieß es, der Verlag sei „Plattform für kritische, linke Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen – ohne Anspruch auf ideologische Geschlossenheit“. Inzwischen sind die Worte „linke Perspektiven“ entfallen. Nun ist stattdessen die Rede von „an sozialer Gerechtigkeit und umfassender Teilhabe orientierter Perspektiven“. Ergänzt wurde der Satz: „Abweichende Positionen, die sich innerhalb des demokratischen Rechtsrahmens bewegen, werden bei uns nicht diskreditiert, sondern als Beiträge zu einer offenen Debatte ernst genommen.“ Das ist nur so zu verstehen, dass „demokratischer Rechtsrahmen“ auch die AfD als Diskussionspartnerin auf Augenhöhe einschließt – denn schließlich ist die ja bisher nicht verboten.

Eine offene Debatte zwischen den Kritiker:innen und der Verlagsleitung kommt derweil absehbar nicht zustande. Und wohl auch kein öffentlicher Streit, wie ihn a Wolfgang Storz vorschlägt, „um offen einsehbar zu klären, aufzuklären und Grenzen zu ziehen“. Auf den Ende April gestarteten Versuch der Initiatoren des Offenen Briefes, ein Gespräch mit der Westend-Verlagsspitze zu führen, ging diese nicht ein. Und auch nicht auf die Kritik am Buch der beiden „Nius“-Leute. Die Antwort aus Neu-Isenburg sei „arrogant“ gewesen, heißt es.

Bernd Hontschik sagt ernüchtert, der Westend-Verlag sei für ihn einst so etwas wie „Heimat“ gewesen. Das Buch von Julian Reichelt und Pauline Voss aber sehe er als „absolutes No Go“. Hontschik fragt: „Wann erscheint der erste Band der gesammelten Werke von Björn Höcke?“

Artikelbild:  Screenshot youtube.com (Reichelt), canva.com (Hintergrund).

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