3.180

Guérot & Co: Pro-Russische Verschwörungsmythen im deutschen Buchmarkt

von | Sep 15, 2023 | Analyse

Gastbeitrag von Franziska Davies und Anna Veronika Wendland

Pro-Russische Mythen und Erzählungen finden sich nicht mehr nur in den „alternativen“ Medien, sie sind längst „Mainstream“ und werden von Wissenschaftlern in populären Büchern vertreten. Dr. Franziska Davies und Dr. habil. Anna Veronika Wendland kritisieren in diesem Essay die Bücher „Endspiel Europa“ von Ulrike Guérot und Hauke Ritz und „Perspektiven nach dem Ukraine-Krieg“, herausgegeben von Julian Nida-Rümelin und deren zentrale Thesen.

Mein Professor, der Verschwörungstheoretiker

Schon seit Beginn der sogenannten „Ukraine-Krise“ 2014, die schon damals ein russischer Krieg gegen die Ukraine war, waren pseudo-wissenschaftlichen Kreml-Narrative keineswegs nur in den einschlägigen „Alternativmedien“ hoch im Kurs. An diesem Befund hat sich seit der russischen Totalinvasion der Ukraine nicht grundsätzlich etwas geändert. Zwar sind inzwischen neue Gesichter aufgetaucht, die die bis Februar 2022 prominenten „Russland-Versteher“ wie etwa den prorussischen Gazprom-Lobbyisten Alexander Rahr abgelöst haben, aber dass Personen, die keine Expertise in relevanten Feldern vorzuweisen haben, nach wie vor einen prominenten Platz in den öffentlichen Debatten eingeräumt bekommen, ist auch nach der massiven Eskalation des Kriegs durch Russland im letzten Jahr zu beobachten.

Eine Rolle spielte dabei auch der deutsche Buchmarkt. Seriöse und anerkannte Verlage wie der Münchner Verlag C.H. Beck („Russland Verstehen“ und „Eiszeit. Wie Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich“, beide von Gabriele Krone-Schmalz) oder Hoffman und Campe („Putins Macht“ von Hubert Seipel) adelten mit ihren Entscheidungen für bestimmte Autor*innen als Expert*innen, die vor allem das Geschäft des Kremls betrieben haben.

Nun lebt Europa nicht mehr „nur“ mit der sogenannten Ukraine-Krise, sondern einer vollumfänglichen russischen Invasion der Ukraine mit dem erzielten Ziel des Kreml, die unabhängige Existenz der Ukraine zu vernichten. Marschflugkörper und Panzerhaubitze behaupten ihren Primat über Gesprächskanal und Verhandlungstisch. Dies fürs Erste hinzunehmen und die schrittweise militärische Befreiung der Ukraine als Voraussetzung für die Wiederinstallierung des Verhandlungstischs zu erkennen, verstört und überfordert gerade in Deutschland viele. Dass es ein „Wieder“ geben müsse, damit ein „Nie wieder“ garantiert ist, nämlich nie wieder ein gewaltsames Ausradieren von Grenzen, Städten und Menschen mitten in Europa, das ist eine Anfechtung. Und diese möchten viele deutsche public intellectuals nicht aushalten.

Die angebliche Mitschuld, ja sogar Hauptschuld „des Westens“

Das erklärt die lange Reihe von Aufrufen, offenen Briefen und zunehmend auch Textzeugnissen, die nicht nur den Wunsch nach einem sofortigen Waffenstillstand artikulieren, sondern auch Aussagen zu den angeblichen Ursachen dieses Krieges machen und Gedanken über die Friedensordnung nach dem Krieg festhalten. Sie alle haben etwas gemeinsam: sie betonen die Mitschuld, ja sogar Hauptschuld „des Westens“, insbesondere der USA am Krieg, sie fordern, die „Interessen Russlands“ zu berücksichtigen. Überdies demonstrieren sie eine obstinate Ignorierung der Interessen, der Geschichte und der Erfahrungen jener Staaten und Menschen, die sich zwischen Deutschland und Russland befinden – vornehmlich der Ukraine. Das mag auch damit zu tun haben, dass keiner von denen, die sich seit dem Frühjahr 2022 zu Wort gemeldet haben, vorher mit irgendeiner fachlichen Befassung mit Russland, der Ukraine oder der osteuropäischen Sicherheitspolitik aufgefallen ist. Sie knüpfen dabei nahtlos an den Narrativen der „Russland-Versteher“ an, die 2014 auf den Plan traten.

Die jüngsten Publikationen in diesem Chor stammen von der Bonner Professorin für Europastudien Ulrike Guérot und dem Publizisten Hauke Ritz und von einer Autorengruppe unter der Herausgeberschaft des Philosophen Julian Nida-Rümelin.

1. „Endspiel Europa“

Nichts Geringeres als eine Generalsanierung des europäischen Hauses „von Lissabon bis nach Vladivostok, von Cherbourg nach St. Petersburg“ und die Schaffung einer neuen Friedensordnung nehmen sich Ulrike Guérot und Hauke Ritz in „Endspiel Europa“ vor. Sie bezeichnen es einen explorativen „Essay“, einen „Ausdruck geistiger Freiheit“ im Geiste Adornos; herausgekommen ist allerdings ein Pamphlet, das nicht exploriert, sondern dekretiert, und sich allenfalls die Freiheit des Autobahnrasers nimmt, alle ihm zu langsam fahrenden Erklärungsansätze blinkend und hupend an die Leitplanke zu nageln.

Die Hauptthese von Guérot und Ritz ist schnell skizziert: Das politische Projekt Europa könne nur in Frieden florieren, wenn es die „sozial verwahrlosten“, „politisch ausgelaugten“ USA aus dem Haus Europa austreibe: Der Ukraine-Krieg sei in Wirklichkeit ein amerikanischer. Der russische Präsident Wladimir Putin erscheint hier als zurückgewiesener Friedenswerber. Das in den letzten Jahren schrittweise autokratisierte und faschisierte Russland wird als ein Land dargestellt, in dem es sich für Minderheiten recht gut leben lasse und in dem die Repressionen nur etwas rustikaler abliefen als in den westlichen Ländern, wo dasselbe verdeckt geschehe.

Ursachen des Ukraine-Krieges „ganz neu zu denken“?

Der Versuch, die Ursachen des Ukraine-Krieges „ganz neu zu denken“, liest sich wie eine Direktabschöpfung aus dem russischen Propagandaküchenkessel, zitiert vorwiegend aus marginalen verschwörungsmythologischen Publikationen. Das beginnt mit der Darstellung der friedlichen Machtwechsel in Georgien 2003, in der Ukraine 2006 und schließlich des Majdans als „US-Putsche“, die nach einem festen geheimdienstlich-medialen Drehbuch organisiert würden, und endet mit einer veritablen Präventivkriegslüge. Ihr zufolge habe Russland nur angegriffen, um der eigenen Zerstörung durch einen NATO-Krieg mit den Ukrainern als Waffenbedienern zuvorzukommen.

Dort, wo sich die Autoren zwecks Belegung ihrer These die Mühe einer Direktrecherche machen, ist diese selektiv: So zählen sie minutiös die westlichen Manöver in der Ukraine und die militärischen Zwischenfälle an der Donbas-Demarkationslinie auf und bewerten diese als Kriegsvorbereitung, verschweigen aber, dass die von der OSZE dokumentierten Ereignisse ukrainische und russische Verstöße betreffen und dass die russischen Manöver und Truppenverlegungen rund um die ukrainischen Grenzen um Größenordnungen mehr Soldaten und Waffen bewegten.

aus dem Zusammenhang gerissene Interviews

Genauso verfahren Guérot und Ritz mit ihren Beweisketten, in denen US-Thinktank-Papiere, aus dem Zusammenhang gerissene Interviews und eigene Insinuationen derart miteinander verklebt werden, dass am Schluss sogar der ungeheuerliche Vorwurf im Raume steht, die Ukraine sei an US-Forschungen über Biowaffen beteiligt gewesen, die „auf den Genotyp des Feindes zugeschnitten“ seien. Dabei versteigen sich Guérot und ihr Koautor zu rassistischen Fantasien: „Wollte man eine biologische Waffe entwickeln, die besonders Russen, also den slawischen Genotyp, angreift, so wäre die Ukraine ein perfektes Testgebiet, da besonders im Süden und Osten der Ukraine ethnische Russen leben“. Gemeint sind, wohlgemerkt, russischsprachige Ukrainer.

Damit ist auch das Ukrainebild von Guérot und Ritz charakterisiert. Es ist die Ukraine der russischen Propaganda – oder womöglich auch einer viel älteren Schicht deutschen Denkens über Osteuropa: Aufmarschraum und Testgebiet, Nichtnation, Saisonstaatchen am US-Gängelband; auch viele Nazis kommen vor, was überhaupt das einzige Merkmal zu sein scheint, mit dem sich die Ukrainer als Nation bemerkbar machten, obwohl sie doch zum „russischen Kulturraum“ zu zählen seien, „zu dem unbestritten zumindest die Ost- und Südukraine …gehören“. Das allerdings ist mit vergleichendem Blick auf die schweizerische, österreichische oder irische Staatlichkeit nun tatsächlich kein hinreichender Grund, im 21. Jahrhundert Kriege zu führen. (Vergleiche Andreas Kappeler, Kleine Geschichte der Ukraine, München 2014.)

Neorealismus und Emotion

Doch während Guérot und Ritz im Falle Ukraine Anleihen bei der neorealistischen Schule der internationalen Politik und ihren kalten Analysen der Interessensphären machen, wird es beim deutsch-russischen Verhältnis emotional. Aus Dankbarkeit gegenüber „Russland“, das beständig mit der Sowjetunion verwechselt wird, sollten wir Deutschen russische Interessen in der Ukraine verstehen und akzeptieren. „Doch Deutschland, dem Russland trotz der Gräuel der SS und der Wehrmacht die Einheit geschenkt hat, hatte 2014 … nichts Besseres zu tun, als das Geschenk der deutschen Wiedervereinigung mit einer Teilung des russischen Kulturraums zu beantworten.“ Dazu sei bemerkt, dass große Teile dieser SS- und Wehrmachtsgräuel sich in der Ukraine abspielten, die anders als Russland zu 100 Prozent deutsch besetzt war. 

Akademisch-politisches Mehrfachversagen

Ulrike Guérot ist eine 2021 von der renommierten Universität Bonn berufene Professorin, die sich zu solchen Bizarrerien von Genotypen, Kulturräumen und Territorialgeschenken versteigen kann, weil ein linker Verlag sowas offensichtlich ohne kritisches Lektorat druckt – Sündenfall der Wissenschaft, der Hochschule und der Linken gleichermaßen. Inzwischen hat ihr die Universität Bonn – allerdings aufgrund von Plagiatsvorwürfen in anderen Schriften – gekündigt. Sie klagt dagegen, ein rechtskräftiges Urteil steht aber noch aus.

Auch in diesem Buch verletzt Guérot systematisch die Mindeststandards wissenschaftlichen Arbeitens, dabei müsste man noch nicht einmal das Ukrainische oder Russische beherrschen, um es anders zu machen, aber in das Meer der Fachliteratur zur ukrainischen und russischen Geschichte und zur Sicherheitspolitik in westlichen Sprachen haben die Autoren nicht einmal ihre Zehen getunkt. Man blättert durch die Literaturhinweise und findet als Hauptreferenz – den Journalisten Peter Scholl-Latour, dessen „Russland im Zangengriff“ eine aggressive Ostexpansion der NATO und EU gegen ein defensives Russland behauptete und schon 2014 von vielen deutschen Russlandverstehern gerne zitiert wurde.

„ein Verrat an Europa“

Die Geschichte der Osteuropäer in dem weiten Raum zwischen Deutschland und Russland jedoch, die lässt die Autoren Guérot und Ritz völlig kalt, während sie in aristokratisch-hochkulturell-imperialen Reminiszenzen an das gute Verhältnis zwischen deutschen Fürstenresidenzen und St. Petersburg schwelgen. Vielleicht wissen sie nicht, dass die russische Metropole nicht von Zar und Adel, sondern von zigtausenden russischen leibeigenen Bauern und zwangsrekrutierten ukrainischen Kosaken errichtet wurde. Regimekritiker sagten daher, das Fundament der Zarenhauptstadt ruhe auf den Knochen der Elenden.

Sich der Zerschlagung der ukrainischen Staatlichkeit durch Russland entgegenzustellen, so empören sich die Autoren, sei „ein Verrat an Europa“, denn die Zeichen der Zeit stünden auf der Überwindung, nicht der Verteidigung des Nationalstaates. Ganz abgesehen davon, dass Guérot/Ritz die russischen Staatsgrenzen nie infrage stellen, die genau wie die ukrainischen nicht von alters her dagewesen, sondern ein Produkt des 20. Jahrhunderts sind, entgeht ihnen die elementare Erkenntnis dieses Krieges: dass nämlich diese geschmähte Institution der Staatsgrenze Leben retten kann, dass die Wiederherstellung der ukrainischen Souveränität Menschen vor Besatzungsterror, Auslöschung der ukrainischen Kultur und Deportation schützt. Wenn Guérot und Ritz von ihrem Russland-inklusiven Europa träumen, ist das ein Alptraum für die Ukrainer.

2. „Perspektiven nach dem Ukraine-Krieg“

Während Guérots Abgang in die verschwörungstheoretische Szene inzwischen gemeinhin bekannt ist, ist die Sachlage im Falle des Herausgebers des Bandes „Perspektiven nach dem Ukraine-Krieg“ anders. Julian Nida-Rümelin ist emeritierter Professor für Philosophie an der LMU München und hat in diesem Band vier weitere Autoren und eine Autorin versammelt, von denen mit einer Ausnahme auch keiner einschlägige Osteuropa-Expertise vorzuweisen hat. Und nicht nur das haben sie mit Guérot und Ritz gemeinsam. Auch die hier vertretenen Autoren behaupten, dass eigentlich der „Westen“, vor allem die USA, für den Krieg verantwortlich sei. Auch sie pflegen einen kolonialen Blick auf die Ukraine und ignorieren die Geschichte des russischen (Neo-)Imperialismus.

Dabei gleicht die These der Verantwortlichkeit der USA mehr einem Glaubensgrundsatz als einem wissenschaftlichen Befund. Da ist es in gewisser Weise nur folgerichtig, dass sie an keiner Stelle empirisch belegt wird. Wenn die amerikanische Invasion des Irak angeblich die „Blaupause“ war, warum gelang es dann Putin, sich in eine internationale Allianz „gegen den Terror“ zu integrieren (Siehe John Russel, Terrorists, bandits, spooks and thieves: Russian demonisation of theChechens before and since 9/11, in: Third World Quarterly, Vol. 26:1 (2005), S. 101-116.)?

Der Westen schaute deswegen weg, als Putin bereits 1999 nach wahrscheinlich vom FSB inszenierten Terroranschlägen (Siehe Catherine Belton, Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste, Hamburg 2022, S. 195-200.) in Moskau den Zweiten Tschetschenienkrieg vom Zaun brauch und mit Grosny zum ersten Mal eine Großstadt in Grund und Boden bombardierte (Siehe Anna Politkovskaja, Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg, Köln 2003; Michael Thumann, Revanche. Wie Putin das gefährlichste Regime der Welt geschaffen hat, München 2023, S. 75-92.).

Mehr kalter Krieg als 21. Jahrhundert

Man gewinnt den Eindruck, dass die Autoren sich bequem in den Denkfiguren des Kalten Kriegs eingerichtet haben, anstatt sich mit den Realitäten des 21. Jahrhunderts und der inneren Entwicklung Russlands hin zu einer aggressiven Diktatur sowie mit den russisch-ukrainischen Beziehungen auseinanderzusetzen.  Alle konstatieren ein angebliches westliches Versagen, Russland in eine „Sicherheitsarchitektur“ zu integrieren, ohne aber die entscheidende Frage auch nur zu streifen: wie integriert man einen Staat in eine Sicherheitsordnung, deren Grundprinzipien dieser Staat ablehnt?

In ihren Beiträgen versteigen sich die >Autoren zu mehreren unhaltbaren Behauptungen. Etwa wenn Werner Weidenfeld die Abkommen von Minsk als „europäische Leistung der Ukraine, Russlands, Frankreichs und Deutschlands“ bezeichnet. Selbst ein oberflächlicher Blick in die Forschungsliteratur und zahlreiche journalistische Arbeiten hätten Weidenfeld verraten, dass das Minsker Abkommen von Beginn an daran krankte, dass die sogenannten „Separatisten“, die de facto von Moskau gesteuert waren und zu aus einem großen Teil aus Russland stammten (siehe z.B. Nikolaj Mitrokhin, Im Namen des Staates Russische Nationalisten im Ukraine-Einsatz, in: Osteuropa 3-4 (2019), S. 103-121.), als Kriegspartei anerkannt wurden und der eigentliche Aggressor Russland als „Vermittler“ auftrat.

In seinen Memoiren erinnerte sich der damals anwesende François Hollande (Siehe François Hollande, Les leçons du pouvoir, Paris 2018, S. 75.), wie Putin ganz offen dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko drohte, die ukrainische Armee niederzuschlagen.

Krieg nicht erst seit 2022

Autorin Antje Vollmer schreibt, dass der russische Krieg gegen die Ukraine im Februar 2022 begann, leugnet damit also den russischen Angriff von 2014 auf die Krim und den Donbas, der zu einem repressiven Besatzungsregime auf der Halbinsel führte und tausenden Menschen das Leben kostete. Allen Ernstes schlägt sie (übrigens ganz im Sinne Putins) für eine Neuordnung Europas das Modell der Wiener Kongress von 1815 vor – einer Epoche also als zutiefst anti-demokratische Großimperien über die Köpfe der Menschen hinweg Europa unter sich aufteilten. Die Parallele zu Guérots Fürstendiplomatie-Nostalgie ist mit Händen zu greifen.

Kolonialer Blick auf die Ukraine

Nida-Rümelins Beitrag ist von einem kolonialen Blick auf die Ukraine durchzogen, der so weit geht, dass er die westliche Unterstützung für die Ukraine mindestens implizit als „Einmischung in die inneren Angelegenheiten“ Russlands interpretiert. Die ukrainische Gesellschaft ist bei ihm kein eigenständiger Akteur, sondern eine „tief gespaltene“ und „manipulierte Bevölkerung“, die die USA und Russland jeweils versucht hätten auf ihre Seite zu ziehen. Nicht nur, dass dies die innenpolitischen Ursachen (Olga Ouch und Gwendolyn Sasse: The Maidan in Movement: Diversity and the Cycles of Protest, in: Europa-Asia Studies 68:4 (2016), S. 556-587.) für den Aufstand in Kyjiw 2013/14 ausblendet, es zeigt auch, dass Nida-Rümelin sich lieber auf verschwörungstheoretische Topoi verlässt als sich mit den Fakten auseinanderzusetzten.

Schließlich gibt es empirische Untersuchungen, die belegen, dass die Protestbewegung auf dem Majdan enorm heterogen war, die vor allem durch die gemeinsame Wut über die Korruption und die Gewalt des Präsidenten Viktor Janukowytsch geeint war. Das Interesse der USA an Europa hielt sich unter Präsident Obama in Grenzen, die amerikanischen Versuche der Einflussnahme auf die ukrainische Innenpolitik waren im Vergleich zur russischen geradezu lächerlich gering. Entscheidend für den Verlauf der Ereignisse auf dem Majdan waren aber weder die USA oder Russland, sondern die Ukrainer.

Eigene Behauptungen müssen belegt werden

Es ist immer ein Ärgernis, wenn gerade Wissenschaftler sich nicht an die Mindeststandards wissenschaftlichen Arbeitens halten: Forschungsliteratur und Quellen muss man zur Kenntnis nehmen und sich argumentativ damit auseinandersetzten, eigene Behauptungen müssen belegt werden. Was wir aber im Grunde bereits seit 2014 in Deutschland hinsichtlich des russischen Kriegs gegen die Ukraine beobachten, ist mehr als irritierend. Die hier besprochenen Autoren ignorieren die Kriegserfahrungen der Menschen in der Ukraine selbst jetzt noch, obwohl diese seit Monaten die internationalen Schlagzeilen dominieren.

Ukrainer werden ermordet, vergewaltigt, gefoltert, verschleppt, ukrainische Kinder massenhaft nach Russland deportiert, um sie zu russifizieren. Millionen haben ihre Heimat verloren. Dieser Krieg ist nicht nur völkerrechtswidrig – immer mehr Fachleute (Otto Luchterhand: Völkermord in Mariupolʼ. Russlands Kriegsführung in der Ukraine, in: Osteuropa 1-3 (2022), S. 65–85 oder – Patrick Heinemann: Neue Studie sieht Belege für rus­si­schen Völ­ker­mord in der Ukraine, in: LTO, 8.8.2023) diagnostizieren einen genozidalen Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Der Terror in den besetzten Gebieten, die permanenten Angriffe auf die Infrastruktur haben das Ziel, die Lebensgrundlagen der Menschen dort zu zerstören.

Die gezielten Angriffe auf ukrainische Archive, Denkmäler, Museen, die gewaltsame Russifizierung des öffentlichen Raums und des Bildungssystems (Bert Hoppe: Angriff auf das historische Erbe Russland attackiert ukrainische Archive, in: Osteuropa 6-8 (2022), S. 201-210.) – all das ist kein „Narrativ“, sondern das sind nachweisbare Fakten und es erlaubt keinerlei Zweifel an den Kriegszielen Russlands. Putin und seinen Gefolgsleuten geht es um nichts weniger als um die Zerstörung der Ukraine als Staat und Nation, sie erklären dies offen und sie versuchen es vor unser aller Augen in die Tat umzusetzen.

die Zerstörung der Ukraine als Staat und Nation

Dass beide Bücher dies ignorieren, ist nicht nur ein intellektuelles Versagen, sondern ein moralisches, erklärt es doch die Leiden von Millionen von Menschen für irrelevant.  Für die Ukrainer doppelt bitter ist, dass Deutsche so schreiben, Bürger eines Landes, das seit Jahrzehnten von eben jenem Verteidigungsbündnis geschützt wird, zu dem der Ukraine unter anderem auf deutschen Druck der Zugang verweigert wurde. Die Ähnlichkeiten in den argumentativen Verdrehungen, Stereotypen und Fehlannahmen der hier besprochenen Bücher zeigen:  imperialistische Denkmodelle und verschwörungsmythologische Erzählungen über Russland finden sich längst nicht mehr nur in den „alternativen“ Medien. Sie sind ein integraler Bestandteil des „Mainstream“ und werden auch von Wissenschaftlern gepflegt, die eigentlich einen Ruf zu verlieren haben.

Dr. Franziska Davies ist Osteuropa-Historikerin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In Kürze erscheint der von ihr herausgegebene Sammelband „Die Ukraine in Europa. Traum und Trauma einer Nation“.

Dr. habil. Anna Veronika Wendland ist Osteuropa- und Technikhistorikerin in Marburg. Am 13.9. erscheint ihr Buch „Befreiungskrieg. Nationsbildung und Gewalt in der Ukraine“.

Artikelbild: Európa Pont, EUT3, CC BY 2.0