Halle: Spätestens jetzt solltest du Antifaschist*in werden

| 10. Oktober 2019

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Halle.

Eine mittelalte Frau geht an einem sonnigen Herbsttag die Straße an der Synagoge entlang. Sie weicht einem Mann aus, der auf dem Bürgersteig steht. Er trägt Kampfanzug und Helm und fuchtelt mit einer Waffe herum.

Die Frau ist in Gedanken woanders. Sie begreift nicht, was sie da sieht, an diesem sonnigen Herbsttag in Halle. Sie erwartet keinen Mörder, der bereit ist, eine Synagoge zu stürmen und wahllos Menschen zu erschießen. Nicht in Halle. Beim Vorübergehen wendet sie sich ihm zu. Sie lächelt ihn verunsichert an, sagt einen Satz zu ihm, ist an ihm vorbei. Zwei Sekunden später ist sie tot. Der Mann hat ihr in den Rücken geschossen, einfach so.

Später sieht man ihren Körper mit einer blauen Plane abgedeckt auf der Straße liegen. Das Bild erscheint auf allen Titelseiten. Neben ihr steht ihr Rucksack. Ein kleiner Talisman baumelt am Reißverschluss. Eine Wasserflasche für unterwegs steckt in der Seitentasche. Sie hatte Pläne für diesen Tag, sie wollte irgendwohin, irgendetwas Alltägliches tun. Und dann ist ihr Leben von einem Moment auf den anderen beendet. Sie kann sich nicht mehr von ihren Liebsten verabschieden. Sie wird nie mehr nach Hause kommen.



Wir können alle zum Ziel werden

Du musst nicht links und kein Antifaschist sein, um von einem Menschen zu einem ZIEL zu werden. Es reicht, dass du einem hasserfüllten Terroristen im Weg bist. Dein Menschenleben bedeutet ihnen nichts.
Jeder, jeder von uns kann zum Ziel werden. Befürworter von Klima- und Umweltschutz. Juden. Fremd aussehende Menschen. Frauen mit Kopftuch. Frauen ohne Kopftuch. Antifaschisten. Lokalpolitiker. Rentner, Bauarbeiter, Schulkinder. Leute an einer Bushaltestelle, Leute in einem Döner-Imbiss, Leute auf dem Heimweg.

Ich bin zornig, so zornig. Mein Zorn überwindet meine Trauer. Jahrelange Verharmlosung rechter Gewalt, jahrelange Untätigkeit unserer Regierung, jahrelanges Leugnen, jahrelange Stigmatisierung antifaschistischer Aktivitäten haben in Halle zu einem weiteren “unfassbaren” Gewaltakt eines Täters geführt, der n i c h t allein ist. Alle diese rechten Einzeltäter sind verwoben in einem Netz aus Hass, Menschenabwertung, Allmachtsphantasien, Führungsanspruch, Rassismus, Antisemitismus. Sie alle werden genährt und geleitet von Politikern in teuren Anzügen, die ganz offen Jagdmetaphern und Vernichtungswünsche aussprechen.

Nach jeder dieser Taten ist das Entsetzen groß

Und immer noch wiegen sich viele von uns in einer falschen Sicherheit. Nur nicht auf dem rechten Radar auftauchen. Nur nicht auf einer Demo gegen Rechts gesehen werden, nur nicht einem AFD-Politiker, einem Bachmann, einem Stürzenberger oder Sarrazin die Meinung geigen. Wer nicht auffällt, ist nicht in Gefahr. Welch ein Trugschluss.

Politiker beschwören nach solchen Taten immer wieder “Zivilcourage” und die “wehrhafte Demokratie” und tun nichts, sie reden von “Alarmzeichen”, die unsereins seit Jahren als längst alltäglich wahrnimmt. Sie kürzen Demokratie- und Aussteigerprojekten das Geld, sie küngeln mit den Anstiftern dieser Gewalttaten in Hinterzimmern um die Macht und lassen uns allein.

Schließt euch den Antifaschisten an

Medien verhandeln die Frage der Menschlichkeit und stigmatisieren Antifaschisten pauschal als “Steinewerfer” und “linke Chaoten”. WIR sind der letzte Schutzschild um Moscheen und Synagogen, WIR sind die, die Nazis daran hindern, unsere Straßen und Rathäuser und Medienanstalten als Bühne zu benutzen, WIR sind die letzte Bastion der Demokratie.

Wer nach dem gestrigen Tag nicht begreift, dass er jetzt eine Seite wählen und mit allen daraus folgenden Konsequenzen leben muss, dem ist nicht mehr zu helfen. Entscheidet euch.

Und schließt euch denen an, die Rechtsextremismus bekämpfen. Oder lauft ihnen hinterher und nehmt hin, dass sie weiter Menschen töten werden, die ihnen unwert erscheinen.

Das nächste Mal kann es mich treffen. Oder dich. ALERTA! Kämpfen wir!

In eigener Sache: Wir hatten für eine kurze Zeit ein Titelbild mit dem unverpixelten Opfer veröffentlicht. Dafür möchten wir uns ausdrücklich entschuldigen. Uns war zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, dass es sich um das weibliche Opfer handelt, wir dachten es sei ausschließlich der Rucksack des Opfers. Zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte über den Tod hinaus haben wir das Titelbild überarbeitet und das Opfer verpixelt.

Text: Grit Maroske (Hier das Original), Artikelbild: Screenshot

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