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Klemperer: Reclam-Verlag will Lesung in Dresden verhindern

von | Nov 1, 2023 | Aktuelles

Es ist die maximale Provokation. Ausgerechnet aus dem Buch „LTI – Notizbuch eines Philologen“ von Victor Klemperer wollen die Pegida-nahe Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen und ihre Freien Wähler am 9. November lesen lassen. Aus jenem 1947 in der Sowjetischen Besatzungszone erschienenen Buch über die Sprache des Dritten Reiches, über das es auf der Internetseite des Berliner Wissenschaftsverlages Walter de Gruyter heißt, es sei „der einzigartige Erlebnis- und Sprachbericht eines Deutschen jüdischer Herkunft, der Hitler-Deutschland bis zur bedingungslosen Kapitulation er- und überlebte“.

Zusammengetrommelt zum Lesen aus diesem Werk des Literaturwissenschaftlers, Romanistik-Professors und Antifaschisten Klemperer hat die Freie-Wähler-Stadträtin Dagen einen Kreis von Menschen, die wie sie seit Jahren daran mitwirken, Diskurse in Dresden und Sachsen nach rechts zu verschieben: den früheren DDR-Bürgerrechtler und langjährigen Vizechef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Arnold Vaatz, den Kabarettisten Uwe Steimle, die ehemalige sächsische Grüne-Politikerin Antje Hermenau, die sich von ihrer Partei weg vor ein paar Jahren in rechtspopulistische Milieus verabschiedet hat. Weitere Vorleser:innen sind angekündigt, aber namentlich bisher nicht bekannt.

Eine perfide Inanspruchnahme

„… Die Sprache bringt es an den Tag“, mit diesem Zitat aus Klempers Buch ist die Einladung überschrieben. Die Lesung soll im Dresdner Landhaus stattfinden, in dem die Museen der Stadt Dresden ihren Sitz haben. Die Freien Wähler haben sich dort für den Abend eingemietet. Dagen sagt in einem auf Facebook verbreiteten Video, der 9. November sei „ein deutscher Schicksalstag“. Sie erinnert an den Mauerfall 1989 und, viele Jahrzehnte vorher, an „die schrecklichsten Pogrome gegen Juden, gegen Andersdenkende und gegen Andersgläubige in Deutschland“ im Jahre 1938. Der jüdische Gelehrte Victor Klemperer sei eines der Opfer gewesen.

Es ist die perfide Inanspruchnahme des 1960 in Dresden gestorbenen Autors Klemperer, der lange dort tätig war. Er wollte mit seinem Buch die Lingua Tertii Imperii in ein Verhältnis zur Geisteshaltung der Deutschen im Dritten Reich setzen. „Quer durch alle gesellschaftlichen Schichten registrierte Klemperer sowohl die um- und entwertende Wirkung des Nationalsozialismus auf die deutsche Sprache, als auch den gleichzeitigen Einfluss der totalisierten Alltagssprache auf seine Landsleute“, fasst der Verlag de Gruyter zusammen. Schüler:innen des Lessing-Gymnasiums im sächsischen Döbeln erklären auf einem Informationsportal der Schule: „Victor Klemperer hat mit seinem Leben Geschichte geschrieben.“

Durch das Bombardement Dresdens Vor Konzentrationslager gerettet

Die schweizerische Journalistin Emmy Moor schrieb schon 1950 in der sozialistischen Schweizer Monatsschrift „Rote Revue“, Klemperer sei sich auch in den zwölf unmenschlichen Jahren der Nazi-Tortur stets treu geblieben, vor Konzentrationslager und Vergasung hätten ihn nur seine „arische“ Frau und das Bombardement Dresdens im Februar 1945 gerettet. „Die einzige Tat, die ihm, dem gänzlichen Rechtlosen, Angespuckten und Verfolgten zu tun möglich und nützlich schien, war, von seinem wissenschaftlichen Fachgebiet aus dieses Phänomen von Grauen und Verdummung als wissenschaftlicher Zeuge festzuhalten, und dadurch dem Virus der Verseuchung, wenn möglich, auf die Spur zu kommen“, lobt Emmy Moor die Analysen in „LTI“.

Ob die für den 9. November in Dresden geplante und angekündigte Lesung aus Klemperers Buch stattfinden wird, war am Mittwoch fraglich. Im neuen sozialen Netzwerk Bluesky erklärte der Stuttgarter Verlag Reclam am Dienstag: „Wir haben die Veranstalter bereits abgemahnt: Da das Werk Victor Klemperers urheberrechtlich geschützt ist, benötigen sie für eine öffentliche Lesung unsere Genehmigung als Rechteinhaber, die wir ihnen weder erteilt haben noch erteilen werden.“ Eine Anfrage aus Dresden habe es nicht gegeben, „wir werden uns mit den Veranstaltern in Verbindung setzen“. Ob es eine bereits eine Reaktion der Veranstalter gibt, war am Mittwoch nicht zu klären: In Baden-Württemberg war am Mittwoch Feiertag, die Sprecherin des Reclam-Verlages nicht erreichbar.

DDR-Vergleiche

Mit der Bezugnahme auf den 9. November und Klemperer unterstreichen Dagen und ihre Mitstreiter:innen eine von ihnen seit Jahren verfolgte Agenda. Es geht ihnen darum, Parallelen zwischen der heutigen Bundesrepublik und dem SED-Regime zu behaupten und Anspielungen zu machen, die Verfolgung von Andersdenkenden im Dritten Reich könnte Kontinuitäten bis heute haben. Zugleich vernetzt Dagen Akteur:innen am rechten Rand und macht sie wiederum anschlussfähig in bürgerlichen Milieus. Dagen war vor sechs Jahren Initiatorin der Online-Petion „Charta 2017“, die dann als einer der ersten der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp unterzeichnete.

Es ging bei der „Charta 2017“ um die vermeintliche Ausgrenzung der rechten Verlage Antaios, Manuscriptum und Tumult von der Frankfurter Buchmesse. Andreas Speit beschrieb im Mai diesen Jahres in der „taz“ einige weitere Zusammenhänge, als er über eine Lesung Tellkamps bei der rechten Landsmannschaft Mecklenburgia in Hamburg berichtete: „In Dagens Reihe ,Exil‘ veröffentliche Tellkamp 2020 auch den Band ,Das Atelier‘, der ebenfalls bei Götz Kubitscheks Antaios-Verlag bestellt werden kann. Dagen wiederum bildet mit Ellen Kositza das literarische Duo der Online-Sendung ,Aufgeblättert. Zugeschlagen‘ im ,Kanal Schnellroda‘. Im sachsen-anhaltinischen Schnellroda sitzt Kubitscheks Institut für Staatspolitik. Auch dort war Tellkamp zu Gast, der mit Dagen eng befreundet ist.“ Im Dezember 2022 war es möglich, dass Tellkamp gemeinsam mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) quasi regierungsoffiziell auf die Bühne der sächsischen Landesvertretung in Berlin eingeladen wurde, Dagen saß damals als Ehrengästin in der ersten Reihe.

Rechtsextreme Kaderschmiede

Antje Hermenau und Uwe Steimle haben sich seit Jahren nicht von den Zirkeln rund um Dagen und das Institut für Staatspolitik in Schnellroda ferngehalten, das Götz Kubitschek mit seiner Frau Ellen Kositza zu einer der wichtigsten Kaderschmieden der Neuen Rechten in Deutschland gemacht hat. Nur ein Beispiel: Im Juni 2019 fand in der Bogenschießhalle im sächsischen Lohmen bei Pirna eine Veranstaltung „Kultur im Raum – Sächsische Schweiz“ statt, bei der unter anderem Dagen, Kositza, Hermenau und Steimle angekündigt waren.

Im selben Jahr posierte Steimle in einem T-Shirt – er benutzt lieber die DDR-Vokabel „Nicki“ – mit der Aufschrift „Kraft durch Freunde“ in Frakturschrift – eine eindeutige Anspielung auf die nationalsozialistische Organisation „Kraft durch Freude“. Steimles Argumentation: „Ich möchte, das, was ich fühle, empfinde, denke, sagen dürfen, aussprechen dürfen.“ Er wolle sich von niemanden vorschreiben lassen, „was und wie ich zu denken habe“. Und so sagte Steimle beispielsweise über Pegida, er habe bei den „Montagsspaziergängern“ „ein zärtliches Gefühl“. Vor dem Amtsgericht Meißen erstritt der sächsische Polit-Aktivist Andreas Vorrath 2017, dass Steimle wegen seiner Äußerungen als „völkisch-antisemitischer Jammer-Ossi“ bezeichnet werden dürfe. Die drastische Äußerung sei von der Meinungsfreiheit gedeckt.

NS-Anspielungen

Dagen, Hermenau, Steimle, Vaatz – sie alle glauben offenbar, dass man in Deutschland nicht mehr sagen darf, was man denkt. Der CDU-Politiker Vaatz, damals noch Vizechef der Unionsfraktion im Bundestag, verwechselte 2019 beispielsweise Pressefreiheit mit „Diktat der Presse“. Er sagte: „Ich halte das Diktat der Presse in Deutschland für eine von demokratischen Prinzipien nicht gedeckte Einflussnahme auf die Politik, die derart totalitär inzwischen geworden ist, dass es einem kaum Luft zum Atmen lässt.“ Seine Äußerung fiel in einem Video zur Auftaktveranstaltung einer Veranstaltungsreihe „70 Jahre DDR“ im Buchhaus Loschwitz von Susanne Dagen mit ihm und Uwe Tellkamp. So schließen sich die Kreise.

Die Dresdner Kultur-Bürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) hatte per Rundmail Kulturbetriebe, Kulturinstitutionen, Religionsgemeinschaften, Stadtbezirksämter, Gedenkstätten, Vereine, Hochschulen, Initiativen und Netzwerke der zivilgesellschaftlichen Erinnerungskultur aufgefordert, im November mit Blick auf den 85. Jahrestag des Pogroms 1938 mit einem „vielfältigen Programm zu erinnern“ und dabei „Werte wie Demokratie, Freiheit und Toleranz zu vermitteln“. Darauf beruft sich jetzt auch die Fraktion Freie Wähler/Freie Bürger im Dresdner Stadtrat. Sie will an der geplanten Lesung festhalten. Die vom Reclam-Verlag kommunizierte Untersagung der Veranstaltung sei ein „ungeheuerlicher Vorgang“. Weiter heißt es: „Der Aufforderung des Reclam-Verlages, die Lesung abzusagen bzw. dafür nicht mehr zu werben, wird die Fraktion nicht nachkommen.“

Dresdner Rathaus nimmt Raum-Zusage zurück

Im Dresdner Rathaus sorgten die Pläne von Dagen und der Freien Wähler für Irritationen. Dort war zwar bekannt, dass die Fraktion den Festsaal des Landhauses für eine Veranstaltung zum 9. November gebucht hatte – wie alle anderen Fraktionen steht ihr grundsätzlich eine kostenfreie Nutzung zu. Die Rathaus-Spitze wusste indes bis vor wenigen Tagen nicht, wer dort auftreten sollte. „Es ist eine Verunglimpfung der Holocaust-Opfer, wenn man Steimle am 9. November reden lässt“, heißt es. Kultur-Bürgermeisterin Klepsch aber begründet die Entscheidung, warum die Lesung nicht in städtischen Räumen stattfinden kann, anders: „In dem Moment, wo der Verlag die Rechte verweigert, wird die Stadt keine Räume zur Verfügung stellen.“

Auf Klemperer müssen die Dresdner:innen am 9. November so oder so nicht verzichten. In Kooperationsveranstaltung des Staatsschauspiels Dresden mit der Jüdischen Kultusgemeinde Dresden lesen die Schauspieler:innen Jakob Fließ, Karina Plachetka und Oliver Simon am Abend in der Synagoge Dresden-Neustadt aus „LTI“. In der Ankündigung heißt es: „Auch heute erleben wir täglich, wie Worte zu Waffen werden und wie manche mit ihrer Hilfe die Gräben in unserer Gesellschaft vertiefen.“

Update: 3. November:

Der Reclam-Verlag schließt nicht mehr aus, dass die von der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen und ihren Freien Wählern geplante Lesung aus Klemperers Werk doch genehmigt wird.

In einem dem Volksverpetzer am Freitagnachmittag übermittelten Kommuniqué heißt es:

„Wir, der Reclam Verlag und die Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH, welche die Bühnenrechte des Werks von Victor Klemperer vertritt, haben Anfragen von der Fraktion Freie Wähler/Freie Bürger Dresden und der jüdischen Kultusgemeinde Dresden bzw. des Staatsschauspiel Dresden erhalten, die unabhängig voneinander am 9. November zum Gedenken an den 85. Jahrestag der Progrome 1938 eine öffentliche Lesung mit Texten von Victor Klemperer planen.

Als Verlag prüfen wir Anfragen für öffentliche Lesungen aus Werken unserer Autoren, wie Victor Klemperer, urheberrechtlich und bescheiden diese. Dies ist ein völlig normaler Vorgang. Ohne eine solche urheberrechtliche Genehmigung kann eine Veranstaltung nicht stattfinden. Dieser Prozess läuft aktuell bezüglich beider Veranstalter und wir sind bestrebt, diesen schnellstmöglich abzuschließen, damit für alle Seiten Planungssicherheit herrscht.

Dem Reclam Verlag ist es als Autorenverlag wichtig, dass das Werk Victor Klemperers angemessen gewürdigt und im historischen Kontext diskutiert wird. Zugleich steht der Reclam Verlag für die unbedingte Meinungsfreiheit und Diskussionsfreiheit, wie sie unser Grundgesetz vorsieht. Sofern sich die Lesungen konzeptionell in die von der Stadt Dresden geplanten Veranstaltungen zum gemeinsamen Gedenken an den 85. Jahrestag der Progrome 1938 einfügen, werden wir die Anfragen genehmigen.“

Die Dresdner Kultur-Bürgermeisterin Annekatrin Klepsch erklärte dazu auf Volksverpetzer-Anfrage, sie halte an ihrer Auffassung fest, wonach für die Veranstaltung keine städtischen Räume zur Verfügung gestellt werden könnten. Sie sagte: „Mit Blick auf das von den Freien Wählern geplante Podium fügt es sich meines Erachtens nicht in die seitens der Landeshauptstadt Dresden geplanten Veranstaltungen ein, weil Herr Steimle bekanntlich kein neutraler Vorleser ist.“

Artikelbild: Sebastian Kahnert/dpa