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MV: Wie Medien AfD-Wahlkampf machen, ohne es zu merken

von  | Aktuelles | 19. Mai 2026 |  9 min

Die AfD Mecklenburg-Vorpommern (MV) ist weit entfernt davon, von einer Regierungsbeteiligung träumen zu können. In der aktuellsten Umfrage vom 13. Mai 2026 zur Landtagswahl im September ist sie mit 36 Prozent vor der SPD (27 Prozent) zwar deutlich die stärkste Kraft, aber auch weit von einer absoluten Mehrheit entfernt. Für eine Regierung müsste sie mit der SPD, Linken oder CDU koalieren, was selbst der AfD-Wunschpartner CDU vehement ausschließt.

Unbestreitbar sieht es so aus, als ob die Regierungsfindung in MV nach der Wahl sehr kompliziert werden könnte. Ohne die AfD reicht es nur noch zu einem Dreierbündnis zwischen SPD, Linken und CDU. Die CDU bleibt aber bei ihrem Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber den Linken und verbaut sich (und Mecklenburg-Vorpommern) damit jede aktuell realistische Regierungsmöglichkeit. Das ist hochgradig besorgniserregend und muss diskutiert werden.

Es bedeutet aber auf keinen Fall, dass die AfD als Regierungspartei in MV ein realistisches Szenario ist. Das ist ein Narrativ, das die AfD jetzt im Wahlkampf verbreiten muss, um Stimmen zu gewinnen. Denn Wähler:innen, die zwischen zwei Parteien schwanken, tendieren oft dazu, die zu wählen, für die sie eine höhere Chance auf den Wahlsieg sehen.

Das AfD-„Regierungsprogramm“: Ein Marketing-Trick

Deshalb muss die AfD in der aktuell verfahrenen Situation in MV so tun, als ob sie die Regierungsbeteiligung schon in der Tasche hat. Deshalb nennt sie ihr Wahlprogramm „Regierungsprogramm“, deswegen lautet die Überschrift „Bereit für die blaue Wende“. Ein Marketing-Trick.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Lage ist auch in MV nicht ungefährlich. Sollte es bei den aktuellen Umfragewerten bleiben, wird irgendein sicher geglaubtes Verhältnis fallen. Es könnte die Brandmauer zur AfD sein, es könnte aber auch der Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU sein. Nicht verheißungsvoll, aber möglich wären auch Minderheitsregierungen unter Tolerierung von CDU oder Linken. Dass die CDU sich tendenziell leichter mit den Linken tut, wenn es „nur“ um eine Tolerierung geht, zeigt die Brombeer-Koalition aus CDU, SPD und BSW unter Tolerierung der Linken in Thüringen. In MV wäre eine Minderheitsregierung nach aktuellem Stand aber auf viel wackeligeren Füßen gebaut. Es bräuchte mehr als die eine fehlende Stimme in Thüringen, um Gesetze zu beschließen.

Und wir sprechen bei all dem über Umfragen vier Monate vor der Wahl. Der Wahlkampf hat noch gar nicht wirklich begonnen, noch ist alles offen. Zuletzt hatte die SPD in den Umfragen stärker hinzugewonnen als die AfD, auch die Linken konnten sich steigern. Wie viel sich im Laufe eines Wahlkampfs ändern kann, zeigte zuletzt die schlussendlich gewonnene Aufholjagd von Cem Özdemir (Grüne) in Baden-Württemberg. Die Grünen liegen in MV aktuell bei vier Prozent in den Umfragen. Für eine rot-rot-grüne oder rot-schwarz-grüne Regierung müsste sich weniger an den aktuellen Umfragen ändern, als für eine absolute Mehrheit der AfD.

Eine AfD-geführte Regierung in MV ist keinesfalls gesetzt und deutlich unwahrscheinlicher als in Sachsen-Anhalt, wo die AfD aktuellen Umfragen zufolge auf eine alleinige absolute Mehrheit zusteuern könnte. Warum erwecken manche Medien in ihren Überschriften dann genau diesen Eindruck?

Spiegel als Negativ-Beispiel für Berichterstattung über AfD-Wahlprogramm

Als besonderes Negativ-Beispiel in der aktuellen Berichterstattung über das Wahlprogramm der AfD MV sticht der Spiegel-Artikel „Remigration, Rückführungspolizei, Kulturkampf – was die AfD bei einem Wahlsieg plant“ heraus. Der Teaser, mit dem der Artikel auch in den sozialen Netzwerken beworben wird, lautet: „Die AfD im Nordosten bereitet sich auf die Macht vor. Ein interner Programmentwurf zeigt, wie radikal der Umbau von Migration, Bildung und Kulturpolitik nach einem möglichen Wahlsieg der Partei ausfallen könnte.“

Screenshot X.com

Diese Betitelung beinhaltet gleich zwei Probleme: Sie thematisiert in keinster Weise die Differenz zwischen der Selbstdarstellung der AfD und den Fakten. „Die AfD im Nordosten bereitet sich auf die Macht vor“ – nichts in der Beschreibung weist darauf hin, dass der „radikale Umbau von Migration, Bildung und Kulturpolitik nach einem möglichen Wahlsieg“ sehr, sehr unwahrscheinlich ist.

Was alles gegen eine AfD-Regierung in MV spricht, thematisiert der Artikel erst ganz am Ende – hinter einer Paywall. Diese Sätze wird nur ein Bruchteil derer lesen, die die Überschrift und den Teaser gelesen haben. Der Rest nimmt nur ein Framing mit, das das Narrativ stärkt, dass der Sieg der AfD in MV schon ausgemacht ist.

Hinzu kommt noch die Reproduktion des verharmlosenden Begriffs „Remigration“ in der Überschrift. Das hier nicht einmal in Anführungszeichen gesetzte Wort meint beschönigend Zwangsausweisungen und Massendeportationen. Der Spiegel, der eigentlich für Qualitäts-Journalismus steht, und sich immer wieder äußerst kritisch mit der AfD auseinandersetzt, scheint hier in die Clickbait-Falle zu tappen. Klar klingt es dramatischer, von Vorbereitungen auf die Macht und Worst-Case-Szenarien zu titeln. Und man muss es ja auch gut verkaufen, wenn einem das Papier vor Abstimmung exklusiv vorliegt. Man verbreitet so aber auch aktiv AfD-Rhetorik und -Narrative.

Auch Focus und Nordkurier pushen AfD-Narrativ

Ähnliche Fehler finden sich auch bei Focus und Nordkurier. Ersterer titelte: „ÖRR, Migration, Nord Stream: Das AfD-„Regierungsprogramm“. Das „Regierungsprogramm“ in Anführungszeichen zu setzen ist eine Strategie, die die meisten Medien nutzen. Journalistisch kennzeichnet es auch sauber das Zitat von einer eigenen Benennung. Leider reproduziert es trotzdem das AfD-Narrativ. Leser:innen merken sich das Wahlprogramm so eher unter diesem Namen und dem Framing, das es mit sich bringt: Die AfD sei auf dem direkten Weg in eine Regierung.

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Problematisch beim Focus ist aber auch die absurd „neutrale“ Bezeichnung der Programminhalte: „ÖRR“ steht hier für einen Frontalangriff auf den NDR, „Migration“ für eine Abschiebungspolizei à la der US-amerikanischen Behörde ICE und gewaltsame Massenabschiebungen. Aber, immerhin: Der Focus weist im Teaser auf „den unwahrscheinlichen Fall einer Regierungsbeteiligung“ hin.

Solche Hinweise sucht man beim Nordkurier vergebens und die Überschrift klingt schon fast verheißungsvoll: „Viele Versprechen im „Regierungsprogramm“ der AfD MV“. Versprechen, das klingt doch erstmal sehr positiv, viel mehr kann ein Wahlprogramm ja auch gar nicht leisten. Wenn das als Kritik an dem größenwahnsinnigen Programm gemeint war, hat es jedenfalls nicht geklappt. Sich im Text mit der „völkischen Handschrift“ des Papiers zu beschäftigen, hinterlässt wenig Eindruck bei all jenen, die nur die Überschrift gelesen haben. Der Nordkurier versagt auch nicht zum ersten Mal bei der Einordnung der AfD.

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Besseres Framing beim NDR

Apropos, völkische Handschrift. Ein gutes Beispiel, wie man es anders machen kann, zeigt der NDR: „AfD-Wahlprogramm mit völkisch-nationalistischem Grundton“ titelt er und kommt so ganz ohne das Framing der Regierungspartei aus. Gleichzeitig benennt die Überschrift auch den Inhalt des Programms und seine Problematik ohne AfD-Narrative zu reproduzieren.

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Eine Einordnung der Wahrscheinlichkeit, dass die AfD dieses Programm überhaupt umsetzten kann fehlt zwar auch hier, aber zumindest wird das Framing der AfD als Regierungspartei nicht gestärkt. Und das ist für den NDR doch schon mal ein gutes Zeichen, nach dem er bei unserer Analyse der Bürgermeisterwahlen in Ostdeutschland so eine schlechte Figur gemacht hat.

Wir haben es schon oft geschrieben, aber es bleibt (leider) weiterhin aktuell und wichtig: Reichweitenstarke Medien müssen sich der Narrative bewusst sein, die sie in ihren Überschriften verbreiten. Wir wünschen es uns alle anders, aber die meisten Menschen lesen nur einen Bruchteil der Texte, zu denen sie die Überschriften gelesen haben. Und selbst wenn: Poitentierte Überschriften bleiben hängen, auch wenn im Text differenziert wird. Journalist:innen können sich nicht hinter angeblicher „Neutralität“ verstecken, weil jede Wortwahl eine Sicht auf die Dinge transportiert. Umso mehr, wenn man die Worte der Akteur:innen benutzt, um die es geht.

Die AfD ist besiegbar – wenn wir es wollen

Zur journalistischen Arbeit gehört es auch, Bezeichnungen und Wortwahl von Akteur:innen zu hinterfragen und sie nicht einfach unkritisch zu übernehmen. Keine Wortwahl ist komplett frei von Framings und Narrativen. Mit jeder Überschrift entscheidet man sich für eine Perspektive auf die Geschichte. Es ist alarmierend, dass die meisten Medien dabei eher zur rechten, zur AfD-Perspektive tendieren, und immer wieder auch Perspektiven einnehmen, die offensichtlich weiter weg von den Fakten sind, als andere. Das geschieht in vielen Fällen sicherlich nicht aus politischer Überzeugung, sondern eher, weil viele Medien so angestrengt gegen den Vorwurf, sie seien nicht neutral genug oder zu links, anarbeiten, dass sie sich am Ende überkorrigieren und AfD-Narrative reproduzieren.

Die Sorgen wegen der anstehenden Wahlen sind absolut berechtigt. Das Wahlprogramm der AfD ist höchst gefährlich. Die AfD kann in die Position kommen, es umzusetzen – aber nur, wenn wir das zulassen. Wir dürfen uns nicht vom Narrativ der AfD lähmen lassen. Wir müssen vor Augen behalten, dass es Mittel gibt, die gegen die AfD helfen. Eigene Narrative, Themen und Lösungen präsentieren, anstatt AfD-Themen zu kopieren. Zivilgesellschaftliches Engagement mobilisieren. Begegnungsräume für Austausch, Integration und faire Diskussionen schaffen. Und als allererstes: Nicht auf den Mythos der Unbesiegbarkeit hereinfallen.

Artikelbild: canva.com, Wikimedia Commons, Screenshot spiegel.de

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