Was kommt euch in den Sinn, wenn ihr diese Woche über die AfD, besonders in Ostdeutschland, nachdenkt? Welche Nachrichten, welche Schlagzeilen fallen euch ein? Vielleicht habt ihr von den „Regierungsprogrammen“ der Partei in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gelesen, in denen die Landesverbände von der Alleinregierung träumen und ansonsten vor allem wirkungslose, rechtswidrige und gefährliche Maßnahmen ankündigen, die statt Probleme zu lösen nur neue schaffen werden.
Wahrscheinlich habt ihr auch mitbekommen, dass Viktor Orbán als ungarischer Ministerpräsident abgewählt wurde, ein wichtiger Verbündeter der AfD in Europa. Haben auch wir bei Volksverpetzer behandelt. Aber habt ihr überhaupt mitbekommen, dass die AfD gerade auch ganz konkret hier in Deutschland eine Niederlage nach der anderen einfährt? Und das in den Bundesländern, die sie als ihre Hochburgen ansieht und ab September regieren will? Und auch am Sonntag wieder etliche Schlappen hinnehmen musste?
Am Sonntag wurde nicht nur in Ungarn gewählt, sondern auch in einigen Orten in Mecklenburg-Vorpommern (MV) und Sachsen-Anhalt. In beiden Ländern träumt die AfD seit Monaten angesichts von Umfragewerten von deutlich über 30 bis zu 40 Prozent von der Regierung und sieht die Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz als gutes Vorzeichen. Aber als es jetzt am Sonntag vor Ort wirklich darauf ankam, da wurde es still um die AfD. Da hat sie überall verloren. Und das krachend.
AfD an jeder Wahlurne zerfetzt!
Bei den Bürgermeisterwahlen im vorpommerschen Anklam gewann der amtierende Bürgermeister Michael Galander von der Wählergemeinschaft Initiativen für Anklam mit 72,13 Prozent haushoch gegen AfD-Kandidat Jörg Valentin (27,9 Prozent).
In Schwerin und Ueckermünde finden die Stichwahlen in zwei Wochen ohne die AfD statt: Petra Federau landete in Schwerin auf Platz drei, Hartmut Baranowski in Ueckermünde auf Platz vier, hinter drei parteilosen Kandidaten. Denn immer wieder zeigt sich, dass auf kommunaler Ebene eben nach persönlicher Sympathie und Kompetenz und weniger nach Parteibuch entschieden wird. Bürgermeister werden oft die, die bekannt sind und gute Arbeit machen. Und sehr selten AfD-Kandidaten.
Auch im sachsen-anhaltischen Zerbst war die AfD bei den Bürgermeisterwahlen weit abgeschlagen: Mit 82,2 Prozent schlug SPD-Kandidat Andreas Dittmann den AfD-Konkurrenten Sven Erik Weber. Der erhielt 17,8 Prozent der Stimmen.
Die Stichwahl in Wismar erreicht hat die AfD-Kandidatin Manuela Medrow zwar, aber schon in der ersten Wahl ist der Abstand zu Frank Junge (SPD) riesig: Mit 42,1 Prozent erreichte er mehr als doppelt so viel Prozent wie Medrow mit 20,5 Prozent. Da sich die restlichen Stimmen auf sechs Kandidaten aufteilen, darunter CDU- und Linke-Vertreter, wird Junge aller Wahrscheinlichkeit nach die Stichwahl für sich entscheiden.
Die Medien hypen die AfD und kehren ihre Niederlagen unter den Tisch
Während also (zu Recht natürlich) die Wahlprogramme seziert werden und auf die Gefahren dieser Ideen und der hohen Umfragewerte hingewiesen wird, geht (zu Unrecht) unter, dass die AfD in diesen Bundesländern aktuell wenig Boden gut machen kann. Von den 40 Prozent ist Sachsen-Anhalt in der aktuellsten INSA-Umfrage vom 25. März wieder etwas abgerückt, ganz zu schweigen von den angestrebten "45 + X Prozent". Und überall, wo es konkret wird, wird es plötzlich still um die AfD.
Leider spiegelt sich das in der Berichterstattung nicht immer wider. Natürlich berichten Lokal- und Regionalmedien über die Wahlen. Doch die Schlagzeilen, zum Beispiel beim NDR, erwähnen die AfD nicht einmal. Die Zusammenfassung der Wahlen in MV wird übertitelt mit "Vier Städte in MV haben neue Bürgermeister gewählt".

Bei der Bundestagswahl 2025 taugten dem NDR AfD-Erfolge offensichtlich noch zur klickbringenden Schlagzeile, ob von einem "Triumph" die Rede war, der andere Parteien "alarmiert", oder von absoluten Mehrheiten, die auf lokaler Ebene für die Bundestagswahl rein gar nichts bedeuten. Verliert die AfD alle Bürgermeisterwahlen aber deutlich, ist das plötzlich keine Schlagzeile mehr wert. Nicht einmal in der Zeile "SPD und CDU erleichtert" wird erwähnt, worum es hier geht: eine Niederlage der AfD.

Lieber ÖR, ihr dürft auch negative Schlagzeilen über die AfD veröffentlichen!
Die Benennung des Wahldebakels als "Schlappe" und "Dämpfer" überlässt der Sender überregionalen Medien wie Ntv, ZDF oder taz. Selbst der Nordkurier, der sich regelmäßig mit einer Einordnung der AfD und Benennung ihrer Demokratie- und Menschenfeindlichkeit schwertut, zitiert in einer Überschrift einen Politikwissenschaftler: "AfD ist der große Verlierer der Bürgermeisterwahlen in MV".
Und in Sachsen-Anhalt? Da hat der MDR die AfD zumindest in der auf Google angezeigten SEO-Zeile (das Keyword klickt eben gut) drin, der Artikel selbst ist nur mit "Bürgermeisterwahl in Zerbst: SPD-Amtsinhaber klar wiedergewählt" überschrieben.

Die Mitteldeutsche Zeitung schreibt "Andreas Dittmann bleibt Bürgermeister in Zerbst – AfD-Mann ist bei der Abstimmung ohne Chance", die Volksstimme "Bürgermeisterwahl in Zerbst: AfD unterlegen – haushoher Sieg für Amtsinhaber Andreas Dittmann". Es ist doch gar nicht so schwer.
Warum die vielen AfD-Pleiten keine News sind
Natürlich ist es ein Skandal, dass eine rechtsextreme Partei so viel Zustimmung erhält in Deutschland, das aus seiner Geschichte gelernt haben sollte. Die AfD ist definitiv gefährlich. Sie ist aber auch überhyped. Und das schon seit Jahren. Darauf weisen wir bei Volksverpetzer immer wieder hin – und auf die lange Liste an Niederlagen der AfD, die Alltag sind.
Leider sind viele unserer Medien, auch die mit keiner offen rechten Agenda, anfällig für diesen zweiten Mythos: Den vom unaufhaltsamen Vormarsch der AfD. Ja, natürlich ist dieser zurzeit näher dran als bisher – sicherlich will niemand ausgerechnet Volksverpetzer ein Verharmlosen der AfD vorwerfen –, aber der vermeintliche „Durchmarsch“ dieser Partei ist so ein Gespenst, das schon seit Jahren durch die Medien wabert – weil es halt auch Klicks macht. Das macht ihn aber nicht wirklicher.
Der mediale Hype um die AfD erzeugt erst ihren Erfolg, nicht umgekehrt. Forscherinnen wie Léonie de Jonge argumentieren, dass Medien und Mainstream-Parteien erst die Anforderungen schaffen, die zum Aufstieg der extremen Rechten führen.
Wenn die AfD versagt, bringt das keine Klicks?
Nur weil AfD-Siege viral gehen, eben weil sie schlechte Nachrichten sind, heißt das nicht, dass AfD-Niederlagen nicht berichtenswert sind, liebe Medien! Gute Nachrichten sind auch gut für die Nachrichten! Eine Studie zeigte zum Beispiel, dass das ZDF viel häufiger über ein Sinken des DAX berichtet, als über ein Steigen. Er legte im Schnitt 4 Prozentpunkte zu, hätte man aber nur das heute-journal gesehen, hätte man einen Verlust von zehn Prozentpunkten geglaubt. Mit AfD-Erfolgen – und seien es auch nur (relative) Umfragewerte – ist es genau so.
Echte oder vermeintliche Wahlsiege ausschlachten, aber die andere Seite der Realität verschweigen? Das ist systematisches Medienversagen. Medien bringen zu selten Schlagzeilen, wenn die AfD in Umfragen verliert. Was übrigens 2024 passierte, was irgendwie kaum jemand mitbekommen hat. Von bis zu 23 Prozentpunkten stürzte sie als Folge der Giga-Demos gegen Rechts auf bis zu 15 % ab. Das wären gute Nachrichten, und die verkaufen sich nicht gut – glaubt man zumindest in den Redaktionen anscheinend. Kein Wunder, dass die Leute demotiviert werden und die Politik die falschen Schlüsse zieht. Weil niemand mitbekommt, wenn etwas funktioniert. Und ja, die Massendemos haben nachweislich gewirkt.
Das heißt nicht, dass die AfD nicht eines Tages wirklich die Macht ergreifen könnte. Aber es heißt auch, dass diese Machtergreifung nicht zwangsläufig sein muss, wenn genug Menschen sich dieser Verzerrungen bewusst werden und wenn endlich mehr Medienschaffende das nicht nur begreifen, sondern auch im Alltag umsetzen. Du kannst dabei mithelfen, wenn du diesen Text weiterschickst und weitererzählst, dass die AfD auch jetzt gerade eine Wahl nach der anderen im Osten krachend verloren hat. Denn wenn es unsere Mainstream-Medien zu wenig machen, müssen wir es selbst tun.
Artikelbild: Jens Büttner/dpa (Rathaus Schwerin).










