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Rosenheim: AfD-Politiker griff Demonstranten an – aber gegen die wird ermittelt?

von Thomas Laschyk | 3. März 2026 | Aktuelles

Ein Video zeigt den Vorfall, wie Demonstranten an einem AfD-Stand in Rosenheim mit einem Banner vorbeilaufen. Ein AfD-Abgeordneter scheint laut Aufnahme zu versuchen, ihnen ihr Banner zu entreißen, woraufhin es zu einem Handgemenge kommt. Die AfD-Mitglieder versuchen minutenlang, das Banner zu entreißen, und zerren unnachgiebig daran. Daraufhin kommt ein anderer AfD-Politiker zu Fall.

In den Medien landet aber am Ende die Schlagzeile „AfD-Kandidat wird an Wahlkampfstand in Rosenheim angegriffen“ und die Polizei ermittelt gegen die Demonstranten. Und dennoch verbreiten AfD-Accounts und die, die ihnen nahestehen, die Erzählung, die Medien würden den Vorfall „verschweigen“. Ein Paradebeispiel, was massiv in unserer Medienlandschaft schief läuft und warum es die Propaganda der Rechtsextremen so leicht hat.

Was passierte am AfD-Stand in Rosenheim?

Was unbestritten ist: Am Samstag, dem 28. Februar 2026, kam es in Rosenheim zu einer Auseinandersetzung an einem Wahlkampf-Infostand der Alternative für Deutschland. Im Zentrum steht Michael Maurer, ein 70-jähriger Kandidat für das Bürgermeisteramt in Rott am Inn, der laut mehreren Berichten zu Boden ging, sich am Knie verletzte und anschließend medizinisch behandelt wurde. 

Über die restlichen Details gibt es Uneinigkeit. Und zwei verschiedene Versionen der Geschichte in Rosenheim. Vorab: Journalistische Vorsicht hätte es geboten, dass wir den Vorfall als uneindeutig beziehungsweise neutral framen. Etwa "Vorfall an AfD-Stand - was ist wirklich passiert?" oder "Ermittlungen nach Auseinandersetzung an AfD-Stand". Da aber medial eine Version der Geschichte schon folgenschwer die Runde machte –„AfD-Kandidat wird an Wahlkampfstand in Rosenheim angegriffen“ - an der es erhebliche Zweifel gibt, habe ich bewusst die Gegendarstellung als Titel ausgewählt. Auch weil es aussieht, als sei diese Darstellung näher an der Realität.

Wir suchen nicht nur nach der Wahrheit. Wir kämpfen darum, dass sie auch gehört wird. Und gegen uns arbeiten millionenschwere Propaganda-Medien, Accounts und Parteien, die sich kein bisschen um die Wahrheit scheren. Unsere seriösen Medien berichten lieber "neutral" oder irren oft im Zweifel im Sinne der Feinde der Demokratie. Und zu wenige trauen sich, mutig die Wahrheit zu schreiben. "WO BLEIBT DER AUFSCHREI" twitterte AfD-Politiker Frömming, um die AfD-Opferinszenierung voranzutreiben. Warum darf ich dann nicht das Gleiche fragen, wenn es tatsächlich so aussieht, als ob der wahre Hergang tatsächlich untergeht, während die AfD einen Agenda-Setting-Erfolg feiern darf?

Das Video und die Darstellung der Offenes Antifaschistisches Plenum Rosenheim

Die Version, die später und mit weitaus weniger Framing-Macht präsentiert wurde, stelle ich diesmal bewusst voran: Das Offene Antifaschistische Plenum Rosenheim erklärte den Vorfall so: Das Transparent sei noch nicht einmal vollständig entrollt gewesen, als Menschen vom AfD-Stand versucht hätten, es ihnen gewaltsam zu entreißen. T-Online-Journalist Lars Wienand macht nach einem Video den AfD-Politiker Winhardt (im weißen Pulli) aus, der versucht, das Banner zu entreißen. Es habe Beleidigungen und Schubser gegeben. Der Politiker sei im Gerangel gestürzt, danach hätten sich Aktivisten nach seinem Befinden erkundigt.

Das Video, das unter anderem auf Bluesky gepostet wurde, scheint diese Darstellung zu untermauern. Die Aggression ging demnach von der AfD aus. Auf der Aufnahme hört man die Rechtsextremisten auch sagen: „Bleib liegen“, nachdem der AfD-Politiker auf den Boden fiel. Und „Ham wa alle“? „Ja, ham wa“, womit wohl die Aufnahmen von dem Vorfall und den Demonstranten gemeint sein dürften.

#Rosenheim - @dpa.com -Meldungen, die auf PMs der Polizei basieren, sind immer mit Vorsicht zu genießen.So auch hier:Gemeldet werden Ermittlungen wg. Gefährlicher Körperverletzung gegen Antifas, auf dem Video zu sehen aber ein mutmaßlicher versuchter Diebstahl, angeführt von #noAfD MdL Winhart.

Sinom Tiev (@simmerl19.bsky.social) 2026-03-02T06:44:47.201Z

Man sieht in dem Video ausdrücklich eine Art Tauziehen um das Transparent. In diesem veröffentlichten Ausschnitt sind keine „Schubser, Schläge oder Tritte“ zu erkennen; der Sturz wirkt vielmehr wie das Resultat eines plötzlichen Rucks am umkämpften Banner. Warum ich die Abwesenheit dieser Dinge betone, wird gleich klar.

Wie daraus ein „Angriff“ auf die AfD wurde

Die polizeiliche Ausgangserzählung, wie sie zunächst in vielen Meldungen transportiert wurde, war umgekehrt aber wesentlich eindeutiger: Drei junge Leute seien nach einem verbalen Streit auf den 70-Jährigen „losgegangen“, er sei gestürzt und „getreten“ worden, musste ins Krankenhaus. Dazu kam ein framingstarker Zusatz: Die Tatverdächtigen seien einer „linken Gruppierung“ zuzuordnen. Und die Polizei ermittelte gegen sie.

Das klingt nach einem völlig anderen Vorfall, als das Video zeigt. Die Polizei hat mittlerweile bekannt gegeben, das Video bei den Ermittlungen heranzuziehen, und will erst einmal die Echtheit des Videos prüfen. Warum wurde aber die erste – offenbar von der AfD so dargestellte – Version von der Polizei (und dann allen Medien unkritisch!) so unzweifelhaft und eindeutig kommuniziert? Dass ein AfD-Politiker angegriffen worden sei, da gab es weder in der Kommunikation der Polizei, noch der Medien, die sie unkritisch zitierten, Zweifel.

Erst als eine Gegendarstellung auftaucht, dann muss man jedoch erst einmal ermitteln und überprüfen und journalistisch vorsichtig framen? Ich kann natürlich auch nicht abschließend sagen, welche von beiden Darstellungen richtig ist, oder ob überhaupt eine von beiden. Auch wenn das Video natürlich den Verdacht nahelegt, dass nicht die AfD-Darstellung stimmt. Doch hier geht es um etwas anderes: Wer schafft es, das Framing und die Agenda zu setzen? Wer hat die Meinungshoheit? Wer setzt sich im Diskurs durch? Und warum ist es immer wieder die rechtsextreme AfD, obwohl sie doch ständig lügt?

"Warum verschweigen die Medien den Vorfall"?

Auf AfD-Seite wurde natürlich sofort parallel das maximale Opfer-Narrativ bedient. In der Propaganda der Rechtsextremen wird von "ortsbekannten Linksextremisten“ gesprochen und der Vorgang als Eskalation einer „Gewaltspirale“ gerahmt. Und auch bei den Rechten sehr beliebt: die Lüge, "die Medien" würden derartige Angriffe auf die Medien verschweigen. Der rechte "ÖRR Blog" fragte sofort, nachdem die ersten Meldungen dazu herumgingen, warum der BR den Vorfall "verschweigen" würde – der BR hatte tatsächlich fast zeitgleich aber einen Artikel veröffentlicht.

Screenshot x.com

Auch in der AfD wurde geframed - "WO BLEIBT DER AUFSCHREI" schrieb Götz Frömming von der AfD. Und viele weitere, entsprechende Posts in und um die rechtsextreme AfD.

Screenshot x.com via Lars Wienand

Die klassische rechte Masche: Schnell von "Verschweigen" titeln. Die falsche Opferinszenierung wider jede Fakten muss bedient werden. Der ÖRR-Blog hat bis jetzt nicht seine Anschuldigung gelöscht, der BR würde den Vorfall (der sich offenbar so nicht ereignet hat!) verschweigen. Obwohl der BR sogar den Vorfall ganz im Sinne der AfD berichtet hatte. Obwohl diese Darstellungsweise offenbar nicht so richtig ist. Und obwohl der BR sogar verzweifelt versucht hatte, mit diesen rechten Spin-Doktoren in einen sachlichen Austausch zu treten und den Vorwürfen auf der rechtsextremen Plattform X zu widersprechen.

Screenshot x.com

Es ist vergebens. Jetzt hatte die AfD schon eine Berichterstattung bekommen, die (offenbar gänzlich verzerrt) in ihrem Sinne war, und inszeniert sich trotzdem als Opfer und die "Lügenpresse" als ihren Feind. Und die Richtigstellung des BR haben viel weniger Menschen gesehen. Und auch diejenigen, die es gesehen haben, haben die Darstellung gesehen, die anscheinend nicht der Wahrheit entspricht. Das ganze Dilemma des medialen Versagens. Und die Erklärung, warum die AfD trotz ihrer Skandale und ihrer Lügen und ihrer Propaganda so erfolgreich ist.

Das mediale Framing und seine Folgen

Trotzdem bleibt das Problem strukturell: Das erste, laute „Angriff“ prägt die öffentliche Erinnerung, das spätere „Es gibt widersprüchliche Darstellungen, Video wird geprüft“ erreicht weniger Menschen und wirkt wie nachgereicht. Genau damit arbeitet politische Propaganda schon immer: Die erste Version muss nicht beweisfest sein, sie muss nur zünden. Und das passiert immer und immer wieder.

Ein prominentes Beispiel war ein angeblicher Stich bei AfD-Rechtsextremist Chrupalla. Chrupalla hatte eine Wahlkampfveranstaltung zur bayerischen Landtagswahl in Ingolstadt unter Verweis auf Übelkeit und Kopfschmerzen abgebrochen. Er gab an, in den rechten Arm gestochen worden zu sein. Es gab keine Hinweise auf eine Injektion, keine auf einen Anschlag. Entsprechende Ermittlungen wurden durchgeführt, doch: Nichts. Dennoch titelte die AfD von "Anschlag" und genau so landete das auch in den Medien. Sogar ein Gericht musste feststellen, dass nichts hinter den AfD-Anschuldigungen steckte. Zu dem Zeitpunkt war die Wahl aber gelaufen. Und die Opfer-Inszenierung hatte Wirkung gezeigt.

In einem anderen Fall war ein "linker Anschlag" offenbar nur billig verbaute Felgen an einem Auto, in einem anderen soll es einen "Brandanschlag" der "Antifa" gegeben haben, das ging als versuchte, linksextreme Morde in die Statistik ein. Am Ende war es offenbar doch kein politisches Motiv und die Polizei vermutete sogar eine Beziehungstat. Der Vorfall mit AfD-Politiker Magnitz verlief 2019 schon genau so: Der "Kantholz"-Angriff stellte sich am Ende nicht als der "linksextreme Angriff" heraus, den die AfD inszeniert hatte.

Aber wir lernen einfach nicht hinzu. Ständig landet die Inszenierung der AfD in den Schlagzeilen. Selbst wenn sie sich oft kurz darauf als falsch herausstellt. Und wer die Überschrift kontrolliert, kontrolliert oft schon die Debatte. Es wäre wohl sogar besser gewesen, wenn der BR die Meldung zunächst "verschwiegen" hätte.

Warum Polizeimeldungen keine neutralen Quellen sind

Eine Mitschuld hat natürlich die Polizei, die nur eine Darstellung präsentiert hat – noch bevor sie offenbar alle Seiten kannte. Hier wird es grundsätzlich, weil genau hier der Journalismus gerade versagt: Polizeimeldungen gelten in vielen Redaktionen faktisch als privilegierte Quelle. Man übernimmt, weil Zeitdruck, Personalmangel, Routine. Nur: Der Deutsche Journalisten-Verband warnt seit Jahren davor, Polizeiberichte wie Tatsachenprotokolle zu behandeln.

„Copy and paste verträgt sich nicht mit kritischem und sorgfältigem Journalismus“ und „bei ihren Einsätzen sei die Polizei Partei und nicht unabhängige Beobachterin.“, heißt es. Schon 2019 hieß es sinngemäß: Ein Polizeibericht sei eine wichtige Ausgangsinformation, mehr nicht, und Behauptungen dürften „keinesfalls“ ungeprüft übernommen werden. 

Warum? Weil die Polizei Öffentlichkeitsarbeit macht. Und weil die Polizei auch Fehler macht. Weil die Polizei Interessen hat: Deeskalation nach außen, Legitimation nach innen, Schutz der eigenen Maßnahmen, manchmal auch schlicht Imagepflege. Das ist nicht polemisch gemeint, sondern eine journalistische Binsenregel, die man gerade bei politisch aufgeladenen Konflikten nie vergessen darf.

Wenn ein Video öffentlich kursiert, das eher nach einem Angriff von der AfD aussieht, aber die polizeiliche Erstkommunikation (und die der AfD) es in Richtung „Angriff“, „Tritte“ und „linke Gruppierung“ rahmt, dann ist es journalistische Pflicht, diese Konstruktion sofort sichtbar zu machen und kritisch zu hinterfragen.

Opferinszenierung als Strategie und was daraus folgt

Das Ganze spielt sich nicht in einem politischen Vakuum ab. Die AfD ist keine beliebige Partei, sondern ist eine rechtsextreme Partei, die lügt, manipuliert und unsere Demokratie infrage stellt. Das kann sie nur, weil die Menschen glauben, sie wäre ein unschuldiges Opfer. So kann auch Faschist und AfD-Vorbild Trump in den USA gerade die Demokratie zerstören: Der Angriff wird als Verteidigung dargestellt.

Die Opferrolle ist bei rechten Akteuren ein Werkzeug. Die Amadeu-Antonio-Stiftung beschreibt Täter-Opfer-Umkehr als wiederkehrende Strategie: Wer gegen Rechtsextremismus Stellung bezieht, wird dann selbst als „(links)extremistisch“ markiert; das Narrativ dient dazu, Abwertung salonfähig zu machen und zu verunsichern. 

Und die AfD beherrscht dieses Spiel professionell. Der Deutschlandfunk beschreibt den Kern der AfD-Kommunikation als Mischung aus Provokation, Polarisierung und gleichzeitiger Delegitimierung etablierter Medien, gepaart mit dem ständigen Klagen, man werde „ausgegrenzt“ oder „falsch dargestellt“. Hier alles der Fall.

Die AfD als Täter

Fälle, in denen die AfD mit Gewalt als Täter zu tun hat oder ihr Umfeld direkt mit Terror, erhalten nicht so regelmäßig derartigen medialen Support, was auch an den Algorithmen liegt und den Milliardären, denen sie gehören und die der AfD wohlgesonnen sind. Wir haben eine lange Liste an Fällen von rechtsterroristischen Gruppen, die im Umfeld der AfD agierten oder an denen AfD-Politiker sogar beteiligt waren:

Mindestens 28 Politiker der AfD wurden mindestens erstinstanzlich verurteilt, einige davon auch wegen Gewalt. Die AfD stellte zum Beispiel für die Münchner Kommunalwahl sogar einen Mörder auf. Der Verfassungsschutzbericht 2024 nennt für Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund 37.835 Delikte, darunter 1.281 Gewalttaten; für links 5.857 Delikte, darunter 532 Gewalttaten. Auch im PMK-System, in dem die Länder dem Bundeskriminalamt ihre Zahlen melden, wird die ganze Dimension rechter Kriminalität sichtbar: Für 2024 nennt eine Regierungsantwort 42.788 Straftaten im Bereich PMK-rechts, darunter 1.488 Gewaltdelikte. 

Für 2025 berichten Medien erneut von mehr als 1.500 rechtsmotivierten Gewalttaten, einem neuen Rekord. Mit Abstand sind Rechtsextreme für die meisten Straftaten und die meiste Gewalt verantwortlich. Fast jeder zweite Rechtsextremist, der im neuesten Verfassungsschutzbericht auftaucht, ist in der AfD. Eine Analyse hat gezeigt, dass unter AfD-Anhängern die höchste Gewaltbereitschaft herrscht. Die AfD ist nicht das Opfer.

Habe den Mut, von der AfD als "Lügenpresse" beschimpft zu werden

Genau das ist die politische Pointe des Rosenheim-Vorfalls: Wenn der Konflikt tatsächlich damit begann, dass AfD-Leute Gegendemonstranten ihr Banner entreißen wollten, und wenn der harmlose Sturz in diesem Zusammenhang passierte, dann ist das Täter-Opfer-Framing nicht nur schief, sondern politisch extrem gefährlich. Der Versuch, eben nicht vorgeworfen zu bekommen, die Angriffe auf die AfD zu "verschweigen" führt dazu, dass im Zweifel im Sinne der AfD berichtet wird. Und es wird am Ende nicht einmal gewertschätzt. Die Feindbilder stehen fest, buchstäblich bevor irgendetwas berichtet werden kann.

Längst berichten (auch seriöse) Medien beim Klima oder bei Kriminalität und Schutzsuchenden komplett auf AfD-Linie, wie mehrere Studien und Experten attestieren. Und man muss sich dann nicht wundern, dass die rechtsextremen und rassistischen Einstellungen in der Bevölkerung Fuß fassen. Was jetzt genau vorgefallen ist, und was die Polizei am Ende feststellen wird, werden wir wohl erst in Wochen erfahren. Aber egal, was herauskommt: Die Kommunalwahl in Bayern ist schon jetzt am Sonntag. Und die AfD-Narrative werden wohl wieder mal Wirkung zeigen. Egal, was die Wahrheit ist.

Und wenn unsere Medien nicht lernen, dass sie sich nicht immer wieder ausnutzen lassen dürfen, weil sie am Ende mithelfen, dass die AfD auch die Pressefreiheit einschränken wird, haben wir ein Problem.

Artikelbild: Screenshots https://bsky.app/profile/simmerl19.bsky.social/post/3mg2nq5s3rc24. Teile des Artikels wurden mit maschineller Hilfe erstellt. Wie Volksverpetzer KI verwendet.

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