Faktencheck: Teilt nicht diesen Fake über Atem-Masken und CO2!

| Analyse | 23. April 2020

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Fake über Atem-Masken & Co2

Seit einigen Tagen teilen viele Leute diverse Beiträge, ironischerweise überschrieben mit Texten wie „Liebe Leute, denkt mit !“, die behaupten, durch das Tragen von Atem-Masken würde die Sauerstoffversorgung dermaßen nachlassen, dass man damit körperliche Schäden tragen würde, mit Herzunregelmäßigkeiten oder Müdigkeit. Insbesondere für Kinder soll das gefährlich sein. Auch soll sich dadurch viel Feuchtigkeit in der Lunge lagern, die ideal für gefährliche Keime sei. Diese Beiträge werden geteilt, um gegen die Maskenpflicht der Bundesländer zu wettern.

Zu viel Co2?

Die Kolleg*innen von Mimikama haben verschiedene Medizinexpert*innen dazu befragt: Klar erhöht sich durch das Tragen von Atem-Masken die Aufnahme von CO2, es ist jedoch ein so flüchtiges Gas, das durch so eine Maske definitiv nicht aufgehalten wird. Würden wir mehr CO2 aufnehmen (und dadurch weniger Sauerstoff), würden wir einfach schneller atmen. Würde der Zustand dermaßen schlimm werden, dass wir Atemnot kriegen – dann könnte man die Maske auch einfach wieder abnehmen. So weit kommt es aber bei den regulären Atem-Masken nicht.

Die erwähnte Doktorarbeit taugt auch nicht als Beweis – denn sie ist leider ziemlich schlecht. Der gemessene CO2-Partialdruck ist nur minimal (5,5 mmHg) erhöht und hat keine praktische Bedeutung (Seite 35). Dort wird unter anderem erwähnt, dass das CO2 im Blut „signifikant“ erhöht sei – ohne Referenzwert, ohne Signifikanzniveau und wichtiger: Ohne Verweis auf irgendwelche Norm- oder Grenzwerte. Auch steht in der Arbeit selbst, der CO2 Gehalt des Blutes erhöhe sich, aber nicht gleichzeitig die Atem- und Pulsfrequenz (Seite 41)! In der Arbeit steht wörtlich: „Eine kompensatorische Erhöhung der Atemfrequenz oder ein Abfall der Sauerstoffsättigung wurde dabei nicht nachgewiesen.“ Ergo: Die falschen Schlussfolgerungen in den Facebook-Posts werden sogar durch die Arbeit selbst widerlegt!

Und auch wichtig: Keimschleuder?

Klar: Bei mangelnder Hygiene können Atem-Masken zur „Keimschleuder“ werden. Aber Feuchtigkeit wandert nicht wirklich in die Lunge beim Sprechen mit Maske. Wer seine Maske jedoch mit schmutzigen Händen anfasst, sie irgendwo liegen lässt und nicht regelmäßig wäscht beziehungsweise wechselt, hinein niest oder hustet, der macht die Maske natürlich damit zum Keimherd. Aber das trifft auf alle Atem-Masken zu – oder jedes Kleidungsstück, was das betrifft. Deshalb: Regelmäßig wechseln und waschen (mindestens 60 Grad)!

„Liebe Leute, denkt (wirklich) mit !“

Zum Schluss ein kleiner Denkhinweis: Wenn man durch das Tragen einer Atem-Maske vermeintlich nach 30 Minuten umkippen würde, wie kann es dann sein, dass hunderttausende*inn Chirurg*innen, Ärzt*innen und Krankenhausfachkräfte teilweise den ganzen Tag jeden Tag seit Jahrzehnten Atem-Masken tragen können, ohne sofort eine CO2-Vergiftung oder Probleme mit der Feinmotorik zu bekommen? Die nähen teilweise Blutgefäße und Nerven mit der Lupe zusammen. Wir haben im Team eine Tierärztin, die den ganzen Tag eine Maske trägt und der es gut geht.

Blicke auf die Profile der Personen offenbaren dann auch, warum jemand mit schlechter Wissenschaft und dubiosen Behauptungen derartige Sachen verbreitet: Es handelt sich meist um Verschwörungsideolog*innen – also Leute, die sich selbst toller finden möchten, weil sie sich einreden (lassen), dass sie ganz besondere Informationen bekommen hätten, die sonst keiner kennt. Es gibt ihnen das Gefühl, etwas besonderes zu sein und Leute vermeintlich „aufzuklären“. Wie Verschwörungsmythen funktionieren, haben wir hier erklärt.

Fazit: Es gibt offizielle und seriöse Informationen – alarmistische FB-Postings von Neo-Virologen gehören nicht dazu und sollten erst gar nicht gelesen werden. Vertraut euren Ärzt*innen und offiziellen Stellen. Dazu auch ein Beitrag eines Kinderarztes:

„Liebe Eltern – wir wissen ja nicht, wem solche WhatsApp Nachrichten nutzen, aber als Kinderarzt möchte ich mich von dieser Falschmeldung klar distanzieren und bin sicher auch für meine Kollegen zu sprechen. Scheinbar war der Verfasser noch nicht auf einer kinderonkologischen Station, wo Kinder den ganzen Tag mit Masken herumlaufen, um sich vor Keimen zu schützen. Meines Wissens ist auch noch keines dadurch erstickt. “Erstaunlicherweise” sind Sauerstoffmoleküle sogar signifikant kleiner als Viren und so eine Maske kann weder den Sauerstoffzufluss unterbinden, geschweige denn das Abatmen von CO2 reduzieren.
Also in diesem Sinne: Erst denken, dann klicken“

Liebe Eltern – wir wissen ja nicht wem solche WhatsApp Nachrichten nutzen aber als Kinderarzt möchte ich mich von dieser…

Gepostet von Kinderarztpraxis M. Decker am Montag, 20. April 2020



Artikelbild: Screenshot facebook.com

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