Legalisierung? Fakten und Mythen über Cannabis aufgeklärt

| Faktencheck | 19. Oktober 2021

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Viele Halbwahrheiten um Cannabis

Mit dem Beginn der Sondierungsgespräche für eine mögliche Koalition zwischen SPD, Grünen und FDP ist die Legalisierung von Cannabis wieder auf die Tagesordnung gerutscht. Viele Diskussionsbeiträge entsprechen aber längst nicht mehr wissenschaftlichen Standards. Wir haben uns gängige talking points zu Cannabis herausgesucht und überprüft.

Cannabis längst (fast) überall erhältlich

Wir müssen ehrlich sein. Auch wenn gerne so getan wird, als würde Cannabis erst durch die Legalisierung einer größeren Masse zugänglich werden, ist dies nicht der Fall. In einer Studie aus dem Jahr 2018 gaben 7,1 % der Befragten 18- bis 64-jährigen in Deutschland an, in den letzten 12 Monaten Cannabis konsumiert zu haben (Quelle). Bei den 18-25- Jährigen sind es sogar 23 % (Quelle). Die Droge ist also trotz der Kriminalisierung leicht verfügbar und in breiten Teilen der Bevölkerung längst akzeptiert: 42,5 % der Deutschen geben an, in ihrem Leben schon mal Cannabis konsumiert zu haben (Quelle).

Wie gefährlich ist Cannabis?

Für Erwachsene gilt Cannabis als nicht gefährlicher als andere legale Drogen, wie zum Beispiel Alkohol. Der regelmäßige Konsum kann das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit und die Denkleistung beeinträchtigen. Hört man mit dem Konsum auf, regeneriert sich das Gehirn wieder. Ob sich das Gehirn vollständig oder nur teilweise regenerieren kann, ist noch nicht ausreichend erforscht (Quelle). Besonders bei Kindern und Jugendlichen wird der Konsum mit psychischen Erkrankungen, wie Psychosen in Verbindung gebracht.

Es ist aber unklar, ob der Konsum die Erkrankung lediglich bei Menschen mit genetischer Disposition triggert, oder auch bei Jugendlichen ohne Disposition auslöst. Wissenschaftlich wird auch diskutiert, ob möglicherweise eine Prädisposition für psychische Erkrankungen, wie Schizophrenie, dazu führt, mit höher Wahrscheinlichkeit Cannabis zu konsumieren. Studien sind sich uneins darüber, ob die Schäden, die ein Cannabis Konsum als Jugendlicher auf das Gehirn hat, sich vollständig regenerieren können. Grundsätzlich gilt offenbar: je früher und je mehr, desto schlechter (Quelle).

Verbot scheint nicht zu funktionieren

Befürworter:Innen für das Verbot von Cannabis begründen ihre Forderung damit, dass sich nur so steigende Konsumentenzahlen, besonders unter Jugendlichen, verhindern lassen. Obwohl die Drogenpolitik der meisten Länder weltweit auf dieser Theorie beruhen sind Studien immer wieder zu dem Ergebnis gekommen, dass die Kriminalisierung Süchtiger nicht zielführend ist. Im Gegenteil, eine Auswertung des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags kam zu folgender Erkenntnis:

„Zusammenfassend kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Verfolgung einer strikten Drogenpolitik wenig bis keinen Einfluss auf das Konsumverhalten hat. So wiesen einige der Länder mit den strengsten gesetzlichen Regelungen einige der höchsten Prävalenzraten im Hinblick auf den Drogenkonsum auf, während Länder, die eine Liberalisierungspolitik verfolgen, einige der niedrigsten Prävalenzraten aufwiesen.“ (Quelle).

Hier geht es jetzt nicht mehr darum, ob und wie gefährlich Cannabis nun ist sondern, dass die strafrechtliche Verfolgung von Konsumenten:innen nicht zielführend und sinnvoll ist, um den Konsum einzuschränken.

Zeitverschwendung für Polizei

Die Polizei beschäftigt sich gerne und viel mit Cannabis. Im Jahr 2020 mit 227.958 Fällen, das entspricht 4,3 % aller Fälle (Quelle). Die Polizei verfolgt dabei größtenteils die Konsumenten:Innen, denn weniger als 20 % der Verfahren waren gegen zum Beispiel Dealer (Quelle). Dabei fällt auf, dass seit dem Jahr 2000 die Fälle wegen Handel oder Schmuggel nahezu konstant geblieben sind, sich die allgemeinen Verstöße aber fast verdoppelt haben. Diese Fälle beschäftigen dann noch eigentlich überlastete Gerichte.

Konsument:innen wissen nicht, was sie konsumieren

Ein Problem, welches sogar Kritiker:Innen der Legalisierung von Cannabis sehen, ist, dass momentan sich Konsumenten:Innen nicht sicher sein können, welche Zusatzstoffe im Cannabis enthalten sind. Während im harmlosesten Fall es sich um Hanf ohne THC handelt, werden auch immer wieder gesundheitsschädigende Streckmittel, wie Haarspray, Brix oder andere eingesetzt (Quelle). Teilweise wird Marihuana mit synthetischen Cannabinoiden versetzt, was zu einer deutlich stärkeren Wirkung führt und anders als bei „normalem“ Cannabis kann dieser Konsum tödlich enden (Quelle).

Eine weitere Entwicklung im Straßenhandel ist, dass der THC Gehalt immer weiter ansteigt. So stieg der THC Gehalt in Blüten von 2011 bis 2017 zum Beispiel um 20 % an (Quelle). In einem legalen Handel könnte man gegen derartige Entwicklungen durch staatliche Vorgaben, Gesetze und Kontrollen entgegen steuern und der Staat könnte, den (nicht kleinen) Teil der Bürger:innen, die Cannabis konsumieren, effektiver schützen.

Einschub: Jugendschutz und Suchtprävention beim Straßendealer

Durch die momentane Drogenpolitik werden Jugendliche nicht effektiv geschützt und kommen durch ihr großes und diverses Umfeld in Schulen, Ausbildung und Studium vermutlich einfacher an Drogen als die meisten anderen Bevölkerungsgruppen. Den Dealern ist Jugendschutz egal. Durch eine Legalisierung für Erwachsene könnte, ähnlich wie bei Tabak oder Alkohol, zwar nicht verhindert werden, dass Jugendliche konsumieren, es könnte aber sichergestellt werden, dass das Cannabis nicht verunreinigt wurde. Das Wichtigste ist echte Aufklärungsarbeit, zum Beispiel in Schulen. Die muss objektiv über die Risiken des Drogenkonsums aufklären.

Unbekannte Entwicklung auf Straßenverkehr

Welche Auswirkungen Cannabis auf zum Beispiel den Straßenverkehr hat, lässt sich schwer sagen. In der deutschen Unfallstatistik (Quelle) wird lediglich zwischen Alkohol und anderen berauschenden Mitteln unterschieden. Welchen Anteil Cannabis hat ist somit nicht nachvollziehbar. Das Problem ist weiter, dass anders als Alkohol, Cannabis oft noch wochenlang nachweisbar ist (Quelle). Dies führt dazu, dass viele Studien zu dem Thema nicht vergleichbar sind.

Des Weiteren ist sich die Wissenschaft uneins darüber, ab welchem Grenzwert der Cannabiskonsum sich negativ auf die Fahrfähigkeit auswirkt. Der Grenzwert in Deutschland von einem Nanogramm ist teilweise Wochen nach dem Konsum noch nachweißbar (Quelle). Wie oben schon beschrieben führte die Entkriminalisierung bisher nie zu einem starken langfristigen Anstieg Süchtiger, sondern zum Gegenteil, weswegen, es fraglich ist, ob überhaupt eine starke Veränderung wahrnehmbar wäre.

Falscher Mythos Einstiegsdroge

Die Theorie der Einstiegsdroge beruht darauf, dass fast alle Süchtigen harter Drogen, wie Kokain oder Heroin, zuvor Cannabis konsumiert haben. Das Gleiche lässt sich aber auch für Alkohol oder Tabak sagen. Im Jahr 2008 kam eine Studie zu dem Schluss, dass 23 % der Deutschen schon Cannabis probiert hatten, aber weniger als 1 % schon eine andere illegale Droge konsumiert hatten. Das bedeutet, lediglich etwas mehr als 4 % wechselten von Cannabis auf andere Drogen.

Warum Poitiker:Innen oder die ehemalige Drogenbeauftragte Mortler (Quelle) immer noch verbreiten, dass Cannabis eine Einstiegsdroge sei, ist schwer erklärbar. Auf der Seite drugcom.de, die von der BZgA betrieben wird, hieß es schon im Jahr 2008: „Der Weg in den Drogengebrauch und seine mögliche Verhaltensverfestigung ist durch komplexe Ursachen und Verläufe charakterisiert. Dabei sind Haschisch oder Gras nur ein Faktor von vielen und auch angesichts aktueller Studienergebnisse ganz sicher nicht die Einstiegsdroge.“ (Quelle).

Fazit

In Anbetracht der bisherigen Erkenntnisse scheint eine repressive Politik in Bezug auf Cannabis teuer zu sein, ohne gleichzeitig die gewünschte Wirkung zu erzielen. Sie kostet Geld und Ressourcen und verfehlt das Ziel, die Zahl der Konsument:innen zu senken, noch diese zu schützen. Eine Legalisierung hätte hingegen diesen Effekt. Im Vergleich zu den Kosten für sinnlose Repression würde der Staat durch die Legalisierung eine weitere Einnahmequelle erschließen und könnte gleichzeitig Konsument:Innen, also Bürger:Innen, besser schützen.

Natürlich sollte man Cannabis nicht verharmlosen, es bleibt schließlich eine Droge und keine Droge ist gesund, die Aufregung um eine mögliche Legalisierung ist aber nicht nachvollziehbar. Wenn wir in Deutschland ein Problem mit der Verharmlosung einer Droge haben ist das Alkohol, von dem etwa 1,6 Millionen Deutsche abhängig sind. Und dessen Konsum, der der deutschen Volkswirtschaft jährlich etwa 57 Milliarden Euro kostet. (Quelle)

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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