Politik dechiffriert Teil 1: Was hinter „Mut zur Wahrheit“ wirklich steckt

Analyse, Kolumne "Politik dechiffriert"

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„Mut zur Wahrheit“ – Die Hintergründe

Unbestritten ist er zu einer Art selbstverpasstem Aushängeschild der AfD geworden: Der „Mut zur Wahrheit“. Der Slogan prangte schon auf zahllosen Wahlplakaten, zierte hunderte AfD-Posts auf Twitter, Facebook und Co. und war irgendwann so beliebt, dass so manch „besorgter Bürger“ sich in der Anonymität des Internets als AfD-Unterstützer zeigte, indem er seinem Account Abwandlungen des Mottos gab. Doch was steckt hinter dem Spruch? Wo stammt er her und welche Gedankengänge sollen in den Köpfen der Leute erzeugt werden, die ihn lesen?

Grundlegend fällt auf, dass die AfD eine relativ simple Struktur übernimmt, die sich in Wahlkämpfen wie Propagandanetzwerken gleichermaßen bewährt hat: Zwei ausdrucksstarke Begriffe (oft Substantive wie hier „Mut“ und „Wahrheit“) werden durch ein Verbindungswort kombiniert und damit möglichst geschickt in Szene gesetzt. Diese kurzen „Formeln der Wahrheit“ wirken durch ihre inflationäre Verwendung wie die Mantras fernöstlicher Spiritueller. Sie setzen sich im Kopf fest, unterstützen die eigene Meinung und erzeugen ganz nebenbei auch noch ein „Wir“-Gefühl.



Zur Verdeutlichung ein paar Beispiele

„Kraft durch Freude“

Die politische Organisation der Nazis diente in erster Linie dazu, das Verständnis von „Freizeit“ der Deutschen gleichzuschalten und hatte, wenn man so will, das Monopol auf Freizeitgestaltung einschließlich Urlaub. Die beiden ausdrucksstarken Begriffe sind hier „Kraft“ und „Freude“. Es soll also die „Kraft“ (damit ist natürlich die Arbeitskraft des Arbeiters) gestärkt werden, um den Deutschen körperlich auf den sich anbahnenden Krieg vorzubereiten aber auch, um die Volkswirtschaft anzukurbeln. Dies geschieht durch „Freude“, wie die NS-Propaganda durch die Bezeichnung vorgibt. Man möchte also dem Volk den Plan, wie jeder individuell perfekt auf das Leben in der „Volksgemeinschaft“ eingestellt werden kann, präsentieren – und durch die „Freude“ gleich noch schmackhaft machen. Mehr hier

Wandel durch Annäherung

Dieses politische Konzept wird für immer mit Willy Brandt und seiner „Neuen Ostpolitik“ um 1970 verbunden sein. Auch hier sind die beiden Leitmotive „Wandel“ und „Annäherung“ schnell erklärt: Durch „Wandel“ gibt man sich progressiv, zukunftsorientiert und nach vorne gewandt – womit man sich klar von der konservativen Politik früherer deutscher Politiker abwendet. Beim „Wandel“ geht es konkret darum, die seit nunmehr 20 Jahren angespannten Verhältnisse zum Ostblock zu wandeln. „Annäherung“ ist das Mittel dazu; man versucht nicht, wie bisher, durch Druck und Anspannung den Konkurrenten zu unterdrücken, sondern versucht, auf ihn zuzugehen, was sich in den zahlreichen Verträgen mit Ostblockstaaten zeigen sollte. Mehr hier

Blut und Eisen

Diese berühmte Redewendung geht auf den Reichskanzler Otto von Bismarck zurück, genauer auf seine Rede vom 30.09.1862. Bismarck versuchte, einen Bruch zwischen Parlament und Regierung zu vermeiden, die damals noch unabhängig voneinander aufgestellt waren, wobei die Regierung dennoch die Unterstützung des Parlaments in vielen Fragen brauchte. Konkret ging es um eine Heeresreform, für die das Parlament (genauer: Das Abgeordnetenhaus) die Mittel verweigerte. Darum bemühte sich Bismarck, Einigkeit zu erzeugen – ganz besonders wichtig ist hier das „Wir“-Gefühl.

Zurück zu „Mut zur Wahrheit“.  Die wohl wichtigste Frage muss nun also sein: Welche Emotionen sollen die ausdrucksstarken Substantive in diesem konkreten Fall erzeugen?

„Mut“

Dieses kurze, aber durchweg positiv konnotierte Wörtchen besitzt eine erstaunlich hohe Kraft. Es hat einige „Synonyme mit Abstrichen“, das heißt Worte, die eigentlich die gleiche Bedeutung haben, aber jeweils in irgendeiner Form negativ konnotiert sind:

  • Mut = Verwegenheit, nur ohne den leichten Hauch von Hinterlist, der in diesem Wort mitschwingt.
  • Mut = Tollkühnheit, nur ohne diesen Touch von Selbstüberschätzung und die Implikation von Irrealität.
  • Mut = Mumm, nur klingt es progressiv, elegant und nicht so, als sei es aus einem Jugendbuch über Mutproben entwendet worden.
  • Mut = Heldenhaftigkeit, aber dabei mit etwas mehr Bescheidenheit gepaart.

Mut ist also eine edle, positive Mischung aus Selbstvertrauen und Bescheidenheit, aus Optimismus und Realismus, aus Beharrlichkeit und Einsicht.

In der politischen Realität, beziehungsweise im Weltbild, welches die AfD erzeugt, grenzt sie sich damit ab von anderen Parteien. Diese seien nicht mutig (was durchaus nicht nur in Bezug auf „die Wahrheit“ gemeint ist), sondern hätten Angst. Das passt gut zum Selbstbild als „progressive“ Partei, die den „Altparteiensumpf“ aufmischt und dabei mutig genug ist, bis an den Kern der Sache vorzudringen.

„Wahrheit“

Es wird nicht genauer definiert, worauf sich „Wahrheit“ bezieht. Klar sind nur zwei Dinge:

Die AfD kennt und verbreitet sie, die anderen Parteien nicht. Damit kann man „die Anderen“ diffamieren. Entweder als „Die Dummen“, über die man sich lustig macht. Daran schließt dann oft an, dass man z.B. der „Fridays for Future“-Bewegung unterstellt, sie handelten aus Ahnungslosigkeit. So als hätten die Kinder einfach nicht genug Wissen, um zu verstehen, dass es den menschengemachten Klimawandel nicht gibt. Dieser Artikel zeigt, wie sich die AfD damit aber durchaus auch blamieren kann:

Fulda: AfD macht sich mit Anfrage zu FFF lächerlich

Oder man stellt „die Anderen“ als bewusste Lügner dar und warnt vor ihnen. Dies wird besonders bei Parteien in Regierungsverantwortung angewendet. Egal ob ein Buch über „Unsere Lügenkanzlerin“, verschwörungstheoretische Blog-Einträge in denen mit Hilfe von dubiosen Wissenschaftlern die „Wahrheit“ über dieses und jenes aufgedeckt wird oder der auf rechten Demos allgegenwärtige Ruf „Lügenpresse!“. Das alles gehört zu dem Weltbild „ehrliche AfD vs lügende restliche Parteien“ dazu.

Fazit

Fassen wir zusammen: Der Slogan „Mut zur Wahrheit“ fasst das Weltbild der AfD zusammen. Die Partei ist scheinbar eine Mischung aus Intellektuellen (chiffriert = „Wahrheit“) und Widerstandskämpfern (chiffriert = Mut). Diese Kombination scheint wichtig, um das nötige Wissen über die „Lügen der Regierung“ und den Willen, diese aufzudecken zu kombinieren.

Damit macht sich die AfD immun gegenüber Kritik. Jeglicher Zweifler oder Kritiker, der der Partei entgegen tritt, wird leicht in dieses Raster eingeordnet. Er ist entweder selbst ein Lügner (also nicht an der „Wahrheit“ interessiert) oder wird als Unterworfener des Systems dargestellt, hat also nicht den Mut, dagegen aufzustehen – auch wenn er es eigentlich besser weiß.

Dieses Netz, in dem die AfD ihre Anhänger gefangen hält, macht unsere aufklärende Arbeit so enorm schwer. Deswegen: Teil diesen Artikel so viel ihr könnt, sodass die Chance besteht, dass viele Leute diese Hintergründe erkennen und durchschauen.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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