E-Auto-Fake: Nein, Großbritannien wird NICHT E-Autos den Strom abstellen

| Faktencheck | 10. Oktober 2021

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Konservative Presse framed fortschrittliches, britisches Gesetz zum Lademanagement als „radikale Hürde“

Stellt euch eine Welt vor, in der das Fahren herkömmlicher Autos mit dem Ausstoß einer Menge schädlicher Emissionen verbunden ist. Stellt euch weiterhin vor, dass engagierte Teile der Gesellschaft versuchen, dieses Problem durch einen elektrifizierten Autoverkehr stark zu verringern. Stellt euch nun vor, dass sogar Regierungen versuchen, die mit der Umstellung verbundenen Probleme überraschend elegant zu lösen und dass deutsche Rumpelmedien darüber berichten, als sei das etwas Schlechtes. Oh Mist, das ist ja unsere Welt…

Ja, E-Autos sind nur ein Teil der Lösung, ein Baustein der Energiewende, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn wir in ein paar Jahren deutlich weniger als 50 Millionen PKW in Deutschland parken würden und stattdessen Rad- und Fußverkehr sowie ÖPNV ausgebaut hätten, aber auch dann wird es noch Autos geben, und die sollten dann keine prähistorischen Pflanzen mehr verbrennen. Nein, Batterieautos sind nicht die Lösung all unserer Probleme, hat aber auch niemand ernsthaft behauptet. Pfandflaschen und schnelles Internet sind ja auch nicht die Lösung all unserer Probleme, aber juckt das irgendwen?

Also: Weg mit den ruckelnden Erdölautos, her mit den Zoes, ID.3s und Teslas!

Diese Idee verspricht leise Städte mit klarer Luft und ohne unnütze Abwärme in hochsommerlichen Straßenschluchten, aber sie reizt auch einen großen Furcht-Rezeptor der Deutschen: Was passiert, wenn alle gleichzeitig ihr Auto aufladen? Das Spektrum der Ängste reicht weit, von schnöden Stromausfällen, über das in einem Feuerball verglühende Brandenburger Tor bis hin zur unehrenhaften Aberkennung aller Titel der der Fußball-Nationalmannschaft findet sich im Internet fast alles.

Ja, die Sorge vor einem Stromausfall ist in der Sache durchaus plausibel, übersieht aber auch zwei Umstände:

  1. Die meisten E-Autos werden in Zukunft an zu Hause, am Arbeitsplatz oder beim einkaufen an eher langsamen Ladepunkten aufladen (das ist günstiger und auch schonender als ein Fastcharger).
  2. Würden Menschen auch jetzt schon wirklich alles exakt gleichzeitig machen, dann hätten wir ständig Stromausfälle aufgrund von vielen Millionen zur selben Sekunde eingeschalteten Haartrocknern, Durchlauferhitzern und Wasserkochern.

Die Netze würden es laut den Energieversorgern selbst durchaus verkraften, wenn viele Millionen E-Autos unterwegs wären (einige Investitionen vorausgesetzt). Damit diese immer dann direkt aufgeladen werden können, wenn den Fahrer:innen gerade spontan danach ist, muss halt in die Netze investiert und idealerweise auch ein Lademanagement eingeführt werden. Die Frage ist also weniger, ob alle gleichzeitig laden können, sondern: Wäre das auch sinnvoll?

Es werden ohnehin mehr Speicher kommen (müssen)

In Zukunft werden wir unseren Strom nicht nur erzeugen, wir werden einen Teil davon auch speichern müssen. Und je mehr Strom wir potentiell zur gleichen Zeit verbrauchen wollen, desto mehr Geld müssen wir in Netzausbau und Speicher stecken bzw. desto länger dauert es auch, eine Gesellschaft komplett klimaneutral umzubauen. Ein Weg, um das nicht allzu teuer werden zu lassen, ist das sogenannte Demand Side Management, also das aktive Steuern des Stromverbrauchs.

Es ist so: Verbrauchsspitzen im Tagesverlauf sind ungefähr so vorhersehbar wie romantische Komödien von Til Schweiger, kennt man eine, kennt man alle. In Deutschland wird ein Verbrauchsmaximum so gut wie immer gegen Mittag erreicht, in den Wintermonaten außerdem noch mal zwischen 16:30 Uhr und 19 Uhr. Es ist daher für alle besser, wenn wir zeitunkritische Ladevorgänge wie die der E-Autos (aber auch andere) aus diesen Zeiten so gut wie möglich raushalten und damit die Lastspitzen „glätten“.

Aber wie? Wir können den Menschen ja schlecht vorschreiben, wann sie ihre E-Autos aufzuladen haben. Was ist, wenn Tante Dorothys Elefant fiesen Durchfall bekommt und sie ihn spontan von Southampton in die Tierklinik nach London fahren muss?

Britische Regierung hat eine smarte Idee

Hier kommt der Vorschlag der britischen Regierung ins Spiel: Ab dem März 2022 müssen Ladestationen für britische Privathaushalte im Auslieferungszustand schlicht so eingestellt sein, dass sie zwischen 8 Uhr und 11 Uhr morgens sowie zwischen 16 und 22 Uhr nicht laden. Das bedeutet für das Leben der allermeisten Briten: Gar nichts. Wie auch in Deutschland liegen tägliche Fahrstrecken privater PKW im vereinigten Königreich bei eher überschaubaren Distanzen, bei uns sind es im Schnitt 37 Kilometer, in UK ca. 32 Kilometer. Selbst bei langsamem Laden an der privaten Wallbox mit 5 Kilowatt ist dieser Durchschnittswert in 1¼ Stunden wieder nachgeladen.

Tante Dorothy kommt also an den allermeisten Tagen um 19:00 Uhr von der Arbeit nach Hause, schließt ihr Auto an der Wallbox an und wie auch immer sie die kommenden 12 Stunden verbringt – ob sie mit einer Mikrowellenlasagne auf der Couch einschläft oder bis nachts um 4 Fortnite zockt – um 7 Uhr morgens steht sie mehr oder weniger ausgeruht in der Einfahrt und steigt ins aufgeladene Auto ein. Auf einer Skala von 1 bis 10 juckt es sie dann wohl wie sehr, ob die fehlenden 6 Kilowattstunden nun zwischen 23 und 24 Uhr oder zwischen 4 und 5 Uhr morgens nachgeladen wurden? Genau.

Opt-Out-Verfahren

Sollte Tante Dorothy nun tatsächlich vergessen haben, ihrem Elefanten ausreichend Ballaststoffe ins Müsli zu rühren und zur Spezialklinik nach London müssen, gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Sie ändert die Einstellungen an ihrer Ladestation selbst, so dass diese auch in den Spitzenzeiten arbeitet.
  2. Sie hält den unerträglichen Gestank sowieso nicht länger aus, packt das Tier in ihr unfassbar geräumiges Tesla Model 3, zieht eine Gasmaske auf und hält am ersten Schnelllader an der Autobahn an, wo sie nach wie vor 24 Stunden pro Tag laden kann. Ganz unabhängig von der aktuellen Netzlast.

Aber wenn diese Einstellung alle selbst ändern können, was bringt das dann überhaupt? Naja, das ist so ein bisschen wie bei der Organspende: Wenn die Spende der Standard ist, dem jemand widersprechen muss, wenn er sie nicht will (Opt-out-Verfahren), gibt es viel mehr Spenderorgane als wenn die Nicht-Spende Standard ist. Den meisten Menschen sind viele Dinge einfach so egal, dass allein so eine Default-Einstellung schon Wirkung hätte.

Dieses Prinzip nennt sich „Nudging“: Anstatt Wünschenswertes über harte Verbote oder sonstige starre Verordnungen zu erreichen, werden Menschen nur ein bisschen in die richtige Richtung „gestupst“, was in diesem Fall bei Erfolg zu geringeren Stromkosten für alle führt. Es wäre damit also gemessen an dem Mann, der in 10 Downing Street reichlich schusselig das Vereinigte Königreich regiert, eine ausgesprochen clevere, weitsichtige Maßnahme.

Und eine Idee, die auch für Deutschland interessant wäre:

Stromtrassen kosten eine Menge Geld, allein das Hochspannungskabel Suedlink, das in ein paar Jahren 4 Gigawatt Windstrom aus Nord- nach Süddeutschland transportieren soll, kostet uns voraussichtlich 10 Milliarden Euro. Je schlauer wir mir unserer Energie umgehen, umso weniger solcher Kabel und Speicher brauchen wir. Anstatt also immer komplett freizustellen, wann wie viel Strom verbraucht wird, könnte es sich lohnen, den Verbrauch zu Spitzenzeiten unattraktiver zu machen. Z.B. durch günstigere Tarife, wenn Firmen energieintensive Prozesse in die Nachtzeiten auslagern oder aber durch Nudging wie im Fall der britischen E-Autos.

Leider ist keine Idee so gut, als dass die Verlagsgruppe von Dirk Ippen sie nicht vollkommen verzerrend in einem Haufen Lügen und irreführender Formulierungen ertränken könnte, so dass die Leserschaft seiner Zeitungen denkt, mit dem neuen Gesetz sei der Untergang des Abendlandes besiegelt. So hat sich womöglich nach dem Vorbild der vier Apokalyptischen Reiter ein Quartett aus Medien gebildet, das die Menschheit mit Leid und Pestilenz zu überziehen gedenkt und zu diesem Zweck den größten publizistischen Schrott untereinander herumreicht: Merkur.de, BW24, HNA (Hessische Niedersächsische Allgemeine) und FNP (Frankfurter Neue Presse).

Deutsche Medien verteufeln die Idee mit Fakes

In diesem Fall hat wohl der Münchner Merkur begonnen und ließ seinen Autor Markus Hofstetter literweise Häme über dem Vereinigten Königreich auskübeln – für ein Gesetz, das auch in Deutschland gut funktionieren könnte. Er beruft er sich auf vermutlich diesen Artikel in der Times, aber entweder spricht der gute Mann kein Wort Englisch oder er wollte vorsätzlich seine Leser:innen belügen, daran ist nämlich so gut wie alles falsch. Er behauptet:

„Erstes Land dreht E-Autos den Saft ab“

Nein. Niemand, wirklich niemand, dreht E-Autos den Saft ab. Alle britischen E-Auto-Fahrer:innen können auch nächstes Jahr noch rund um die Uhr ihre Autos laden. Wie oben beschrieben wird lediglich eine Vorschrift für private Ladesäulen den Defaultwert festlegen, mit dem diese ausgeliefert werden und mit dem sie zu gewissen Zeiten nicht laden. Diese Einstellung dürfen die Brit:innen aber ändern, wenn sie wollen.

„Die erste Regierung zieht jetzt Konsequenzen – mit einem radikalen Schritt. […] Denn schon jetzt werden Besitzern eines Stromern Hürden in den Weg gestellt.“

Völlige Falschdarstellung

Nein, der Schritt ist weder radikal noch eine Hürde, er ist im Gegenteil recht liberal, da er allen Wahlfreiheit ermöglicht. Es handelt sich um eine recht clevere Regelung, denn private PKW stehen sowohl in UK als auch hier 23 Stunden am Tag irgendwo rum und müssen an einem normalen Werktag jeweils nur ein paar Kilowattstunden nachladen. Es wäre ökonomisch kompletter Unsinn, nun die Stromnetze und Kraftwerke so auszubauen, dass alle 32,5 Millionen britischen PKW THEORETISCH gegen 18 Uhr gleichzeitig laden können und würde Strom vermutlich massiv verteuern. Die Hürde entpuppt sich daher eher als eine preisstabilisierende Maßnahme.

„Wie die Times berichtet, will die Regierung von Boris Johnson Elektroautos zu Hochlastzeiten den Zugang zum Stromnetz kappen. […] Britische Regierung schneidet Elektroautos von Stromzufuhr ab“

Nein, der  Zugang zum Netz ist weder „gekappt“ noch „abgeschnitten“. Die privaten Ladestationen sind natürlich weiterhin mit Stromnetz und Internet verbunden, sie stellen in der relevanten Zeit aber selbst den Strombezug ab, sofern besagte Default-Einstellung nicht geändert wurde.

„Wer dennoch sein Elektroauto zu diesen Stoßzeiten aufladen will, muss öffentliche Ladestationen oder Schnelllader an Autobahnen oder A-Roads […] aufsuchen.“

Das ist schlicht falsch.

Wie weiter oben ausführlich erläutert, können auch nächstes Jahr alle Menschen in UK die Zeitschaltung ihrer Ladepunkte verändern und ihre Autos aufladen, wann immer sie möchten. Um das zu wissen, muss man übrigens keine geleakten Geheimdokumente von Boris Johnsons Team abfangen, sondern einfach nur den Times-Artikel lesen, auf den sich Merkur.de beruft. Übrigens ohne ihn zu verlinken, auch so ein Ding, das so gut ins Jahr 2021 passt wie anzügliche Witze über den kurzen Rock der Kollegin.

Ob Markus Hofstetter tatsächlich kein Englisch versteht oder hier ganz bewusst das Publikum des Merkur anlügt, können wir natürlich nur mutmaßen. Für zweiteres spricht, wie gut solche Anti-E-Auto-Lügen Reichweite generieren: Der entsprechende Beitrag auf Facebook hat 26.000 Reaktionen und wurde über 8.000 mal geteilt.

Stille Post mit Fake News

Die Kollegin Franziska Vystrcil schreibt für das Rumpelportal BW24 nun wiederum bei Markus Hofstetter ab, prüft seine Aussagen aber nicht, liest nicht den Original-Artikel in der Times und reproduziert den ganzen Unsinn nur: „Erstes Land dreht E-Autos den Strom ab“, „zu Stoßzeiten ist das Laden von E-Autos dann nicht mehr möglich“, „Die Regierung des Vereinigten Königreichs legt der Mobilitätswende nun allerdings Steine in den Weg.“, „dreht das Vereinigte Königreich den E-Autos sprichwörtlich den Strom ab“ blablabla… ich wiederhole mich, aber: Das ist alles komplett falsch.

BW24 kommt mit dem Verblödungs-Recycling immerhin noch auf über 16.000 Facebook-Reaktionen und 5.000 Shares, so dass FNP und HNA auch jeweils denselben kurzen, irreführenden Auszug aus Franziska Vystrcils Artikel veröffentlichen. Wenig überraschend berichtet auch der Focus irreführend und unterschlägt in seinem Bericht, dass die Steuerung der Ladesäulen von den Besitzer:innen selbst eingestellt werden können und redet vollkommen an der Realität vorbei von staatlich verordneten „Zwangsladepausen“.

Niemand recherchiert, alle schreiben Unsinn ab

Es gibt also eine simple Möglichkeit, in Zukunft Stromkosten geringer zu halten, aber weil die konservative Presse kein Englisch versteht oder verstehen will, warnt sie lieber davor und treibt ihre Leserschaft tiefer in die Abhängigkeit von Energieimporten, die aktuell immer teurer werden.

Die ganze Idee ist übrigens nicht mal sonderlich neu: Als Elektrospeicheröfen noch verbreiteter waren, funktionierte das nach dem gleichen Prinzip: Über einen Rundsteuerempfänger konnte der Energieversorger ungefähr zwischen 22:00 Uhr und 06:00 Uhr den Strom für die Heizungen einschalten, die Kunden bezogen dann Heizstrom bzw. Nachstrom zu einem günstigeren Tarif. Hätte es damals schon die Rumpel-Empörungspresse inkl. Social Media gegeben, hätte sie vermutlich damals schon vor staatlich verordneten Zwangspausen und Ländern gewarnt, die den Menschen „den Saft abdrehen“.

Es wäre zum Lachen, wäre Armut nicht so ein verdammt ernstes Thema.

Artikelbild: Screenshots

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