Faktencheck Wasserverbrauch: So “verarscht” dich dieses Bild über E-Autos

| Analyse | 8. Dezember 2019

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So funktioniert Desinformation

Zuerst einmal: Warum gibt es überhaupt so viel Desinformation rund um E-Autos? Grundsätzlich hängen immense wirtschaftliche Interessen an der Ölförderung. Beispielsweise geht gerade der saudi-arabische Ölkonzern Aramco für 1,7 Billionen (!) Dollar an die Börse. Doch laut der Nachrichtenagentur Reuters ist dieser unfassbar große Wert immer noch einige hundert Milliarden Dollar niedriger als erwartet, unter anderem aufgrund des erwarteten Erfolgs von E-Autos und der Sorgen um das Weltklima.

Das hier untersuchte Sharepic ist typisch für Desinformation, daher schauen wir uns einmal an, welche Eigenschaften es hat:

  • keine Quellenangaben
  • Schüren von Emotionen (“Verarsche”)
  • ein total einseitiger Vergleich (Fokus allein auf Umweltschäden von E-Autos)

 

Die Verbreiter dieses Sharepics können sich auf folgende Schwächen unserer Gehirne verlassen:

  • Wir sind erstmal skeptisch was Neues (hier: E-Autos) angeht.
  • Wir haben alle schon mal gehört, dass E-Autos auch negative Umweltauswirkungen haben können
  • Und wir sehen, dass das Bild schon tausendfach geteilt wurde, also muss doch was dran sein, oder?

Besonders der letzte Punkt ist relevant. Unsere soziale Ader führt oft dazu, dass unser Verstand ausgeschaltet wird, wenn wir beispielsweise Informationen von Leuten erhalten, denen wir eigentlich vertrauen. Deshalb verbreiten sich solche Bilder bei Whatsapp wie von selbst. Jeder denkt, dass irgendwer das schon geprüft haben wird und es fühlt sich ja auch richtig an. Aber das ist Bullshit. So etwas ungeprüft zu verbreiten ist nicht nur dumm, sondern du verarschst damit deine Freunde gleich mit.



Faktencheck

Die auf dem Bild dargestellte Zahl von 21 Millionen Litern Grundwasser stammt aus der Doku “Der Wahre Preis der Elektroautos”, die im ZDF ausgestrahlt wurde.

Dort bezieht sie sich aber auf die gesamte Lithiumproduktion in einer Verdunstungs-Anlage. Die Zahl ist in dem im Bild genannten Kontext also definitiv falsch. Einerseits gibt es in Südamerika mehrere Orte zur Lithiumgewinnung, andererseits wird nur ⅓ der globalen Lithiumproduktion überhaupt für aufladbare Batterien verwendet (Quelle). Die Lithiumproduktion stellt also bereits seit Jahren für unterschiedliche Anwendungen in der Region eine Umweltbelastung dar. Bunte Sharepics und Dokus zum Thema gibts aber seltsamerweise erst, seit es die Ölindustrie stört.

Wie viel Wasser wird also wirklich für eine E-Auto Batterie aufgewendet? Das in der ZDF-Doku genannte Verfahren zur Lithiumgewinnung ist nur eines von mehreren. Volkswagen gibt beispielsweise an, für die Lithiumgewinnung für seine Batterien vor allem auf Lithium aus Bergbau zu setzen (Quelle). Hier dürfte die Umweltbelastung also nochmal geringer sein.

Lithiumproduktion

Für die Lithiumproduktion aus Verdunstung wird oft ein Wert von 2000 Litern pro kg Lithium angegeben (Quelle). Andere Quellen halten jedoch auch diesen Wert für zu hoch gegriffen.

Wie viel Lithium enthält ein Akku? Diese Frage war gar nicht so leicht zu beantworten wie anfangs gedacht. Das liegt daran, dass viele Quellen Lithium und das Lithiumcarbonat in den Zellen gleichsetzen. So gibt die Wirtschaftswoche an, dass ein Akku 80 kg Lithium enthält. Gemeint ist hier aber vermutlich Lithiumcarbonat. In dieser gut mit Quellen ausgestatteten Diskussion von Akademikern auf Researchgate wird berechnet, dass ein Tesla-Akku vermutlich eher 7 kg reines Lithium enthält.

Ein solcher Akku verbraucht in der Herstellung aus der Atacama-Wüste also maximal um die 14 000 Liter Wasser. Das entspricht etwa dem Wasserverbrauch, der zur Herstellung von einem Kilogramm Rindfleisch aufgewendet werden muss.

Jeder Deutsche isst pro Jahr 60 kg Fleisch. Grundsätzlich könnte man mit diesem Wasserverbrauch also Lithium für 60 Tesla Batterien herstellen. Pro Einwohner*in, vom Baby bis zum Greis. Seltsamerweise gibt es zu Fleisch viel weniger solcher Sharepics.

In Deutschland wurden 2018 etwa 30 000 E-Autos neu zugelassen (Quelle), das dafür notwendige Lithium hatte also kumuliert einen Wasserverbrauch von 420 Millionen Litern, also etwas mehr als 1 Million Liter am Tag.

Für unsere Rechnungen sind wir von pessimistischen Grundannahmen ausgegangen, und haben auch nicht berücksichtigt, dass z.B. Tesla die meisten seiner Akkus recyclen will, um Kosten und Umweltbelastung gering zu halten (Quelle).

Frame Check: E-Auto umweltschädlicher als ein Diesel?

Die eigentliche Frage, die das falsche Sharepic aufwirft, ist aber: Ist ein E-Auto umweltschädlicher als ein Diesel? Schauen wir uns dafür den Wasserverbrauch an, der zur Produktion von Benzin benötigt wird. Zur Extraktion von Öl wird Wasser in den Boden gepresst, sodass das Öl aus dem Bohrloch aufsteigt. Weil das Wasser zur Hälfte wiederverwendet werden kann, geht BP davon aus, dass 1 Liter Öl mit einem halben Liter Wasserverbrauch gefördert werden kann.

Aus 159 Liter Rohöl werden durch Raffinerie 50 Liter Benzin (Quelle). Zur Raffinerie werden nochmal mindestens 0.6 Liter Wasser pro Liter Benzin benötigt (Quelle). Deutsche PKW fuhren 2018 im Schnitt 13727 Kilometer (Quelle) pro Jahr, bei einem Verbrauch von 7.4 Litern pro 100 km (Quelle) macht das etwa 1000 Liter Benzin, also ca. 3000 Liter Rohöl pro Jahr. Also sind das insgesamt 2000 Liter Wasser pro Jahr.

Kommt der Strom für das E-Auto aber beispielsweise aus Kohlekraft, sieht die Bilanz wieder anders aus. Gleick geht davon aus, dass Kohlekraftwerke fast 4 Liter Wasser pro Kilowattstunde verbrauchen, besonders über die großen Kühltürme. Ein E-Auto braucht 20 kwh auf 100 km, würde also 10 000 Liter Wasser pro Jahr verbrauchen. Eigentlich ist der Wasserverbrauch durch die Stromproduktion also ein viel stärkeres Argument als der Wasserverbrauch bei der Batterieproduktion. Aber natürlich müsste man dann zugeben, dass fossile Energien insgesamt keine besonders gute Idee sind, auch für die Stromproduktion. Vermutlich liegt deswegen der Fokus der Desinformation auf der Batterieproduktion.

Insgesamt sind das aber sowohl für Verbrenner als auch für E-Autos relativ niedrige Werte, wie gesagt, 1 kg Rindfleisch erzeugt bereits einen Verbrauch von 15 000 Litern Wasser in der Produktion.

Das alles ist aber nur die halbe Wahrheit

Bei Produktion, Transport und Verarbeitung von Öl gelangt immer wieder Öl in die Natur. 1 Liter Öl ist dabei ausreichend um 1 Million Liter Trinkwasser unbrauchbar zu machen (Quelle). Um die Lithiumproduktion aus dem Sharepic auszugleichen, müssten also nur 21 Liter Öl pro Tag in die Umwelt gelangen. In Wirklichkeit sind es aber viel mehr:

  • Jedes Jahr gelangen 150 000 Tonnen Erdöl allein ins Mittelmeer,  und verpesten dabei also Billionen Liter Wasser (Quelle)
  • In der Nordsee sind es mindestens 4000 – 6000 Tonnen Erdöl pro Jahr (Quelle)
  • Durch Ölförderung in Peru gelangten Chemikalien in Flüsse des Amazonas und haben dort ein gigantisches Gebiet verpestet (Quelle)
  • In Niedersachsen sind Millionen Liter verseuchtes Lagerstätten-Wasser bei einem Erdölfeld ausgetreten (Quelle)
  • Dazu kommen noch regelmäßige Unfälle auf Ölplattformen und Tankern. Beim Unglück auf der Deepwater Horizon wurden 800 Millionen Liter Erdöl freigesetzt und verpesteten Billionen Liter Wasser (Quelle)
  • Ölpestunfälle sind so alltäglich, dass ihr vermutlich nicht mal mitbekommen habt, dass erst im November 2000 Kilometer Küste in Brasilien durch einen Unfall verpestet wurden (Quelle)

Wenn man das überschlägt, ist es sehr wahrscheinlich, dass durch die Verschmutzung der Umwelt bei der Produktion um Größenordnungen mehr Wasser verschmutzt wird als verbraucht wird. Während die gesamte Lithiumpoduktion für deutsche E-Autos 420 Millionen Liter Wasser verursacht, verschmutzt Erdöl rund um die EU jedes Jahr hunderte Billionen Liter Wasser. Die 100 000 E-Autos in Deutschland würden selbst mit reinem Kohlestrom angetrieben nur 1 Mrd. Liter Wasser verbrauchen.

Fazit

Nicht nur beim CO2-Ausstoß sind Batterien langfristig deutlich umweltfreundlicher als Verbrennungsmotoren. Auch der Wasserverbrauch ist weniger belastend für die Umwelt als die störanfällige Ölförderung.

Trotzdem lohnt es sich bei den Autokonzernen darauf zu pochen, bei der Produktion von Batterien auf Umwelt und Sozialstandards zu setzen. Besonders durch Recycling ließe sich der Wasser-Verbrauch noch deutlich senken. Außerdem muss eine vollständige Energiewende vollzogen werden, um den Wasserverbrauch bei der Stromproduktion zu minimieren.

Artikelbild: pixabay.com, CC0, Screenshot facebook.com

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