Analyse: Die erschreckendste Erkenntnis aus dem Höcke-Interview

| 17. September 2019

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Björn Höcke will die demokratie stürzen

Ok schauen wir uns das Höcke-Interview noch einmal genauer an. Zum selbst Anschauen bitte hier entlang:

Gleich zu Beginn möchte ich die Journalist_innen loben. Was für ein wohl überlegter, gekonnter Move einfach direkt mit der Frage „Höcke oder Hitler“ zu beginnen. Da haben sich Leute sehr viele Gedanken zu diesem Interview gemacht und sich eine Strategie zu recht gelegt. Das unterscheidet sich ja sehr von den ewig selben, Stichwort-gebenden Interviews, wo das Scheitern ja schon von vornherein angelegt ist. Nein, rechtsextremen Ideologen kommt man nicht bei, wenn man versucht, sie emotional zu überrumpeln („Aber es gibt so viele nette Muslime,…“).



Wie man rechten Ideologen begegnet

Rechten Ideologen kommt man nur bei, indem man sich gar nicht auf ihr Spielfeld begibt und sich nicht locken lässt. Das ist anstrengend, riskant und selten etwas, das im politischen Tagesgeschäft mit all seinen inneren Zwängen und Logiken geleistet werden kann. Diese Journalist_innen haben den riskanten Move gewagt, mit Höcke exklusiv Sprach- und Ideologieanalyse zu machen. Und sich nie locken lassen zu etwas wie „Sagen Sie etwas zu Rackete/Kurz/Salvini/Islam…“. Sie bleiben konsequent auf ihrem Spielfeld. Kudos, das erfordert Disziplin

Und Höcke wirkt von Anfang an angespannt. Er weiß natürlich, warum er all diese Begriffe verwendet, das insinuiert und fragt ja auch der Interviewer immer wieder. Er kann es nur nicht im Fernsehen darlegen, weil er dann wohl ein gröberes Problem hätte. Die Frage „Hitler oder Höcke“ bei den Zitaten ist natürlich ein Wahnsinn, weil eine falsche Antwort in beide Richtungen viel zu riskant ist. Insofern müssen die AfDler natürlich irgendetwas sagen wie „nicht gelesen“, weil keiner von denen so ideologisch versiert ist wie Höcke.

Der Unterschied zwischen rechtsextremen Politikern und rechtsextremen Ideologen

Und man sieht ihm im Gesicht an wie er sie innerlich verflucht. Weil das halt nur rechtsextreme Politiker sind und er aber rechtsextremer Ideologe ist und der Unterschied ist wichtig. Die sehen das schon alle gleich und sind rassistisch etc, da sind sie sich einig. Aber während die ihre parlamentarische Arbeit machen und davon träumen, irgendwo einmal ein wenig mitregieren zu können, da geht es Höcke um einen gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozess und nicht um ein paar Stimmen mehr bei einer Wahl.

Warum führe ich das so lange aus? Weil es genau das ist, was auch die Journalist_innen erkannt haben und deswegen nicht mit ihm als Politiker sprechen, wo er seine Strategien unerkannt anwenden kann. Sondern ihn zur Offenlegung seiner Strategien anleiten wollen. Ganz anderes Gespräch. Aber gleichzeitig haben die Journalist_innen ihn an die Tagespolitik rückgekoppelt, die die Feinheiten seiner Ideologie (und damit Sprache) nicht erkennen können. Und genau das wird ihm zum Verhängnis und legt offen in welcher Tradition er steht. Was für ein Einstieg.

Höcke muss also auf Ebene der Politik antworten, wie es ja in diesen Kontext gesetzt wurde, was ihn sichtlich schmerzt, weil sich ja implizit über seine pathetische Sprache lustig gemacht wird. Er geht also in eine Verteidigungshaltung. Es ist vielleicht sehr poetisch, aber muss möglich sein. Er beansprucht für sich eben aus der Ebene der Tagespolitik auszubrechen, um sich tiefere Gedanken zu machen. Das können vielleicht nicht alle verstehen (Subtext: Weil sie zu dumm/ignorant sind), aber es ist valide und ihm geht es um so viel mehr, als um die, die es verstehen können.

Für Höcke ist die AfD nur ein Vehikel

Hier zeigt sich ja, dass wir es bei Höcke eben nicht mit einem Parteipolitiker zu tun haben, sondern die Partei Vehikel für seine Idee der Gesellschaftstransformation ist. Die ist für ihn zentral, nicht die Partei. Er will grundsätzlich etwas anderes. Aber das kann er natürlich nicht in aller Deutlichkeit sagen, sonst müsste er wahrscheinlich darlegen, dass seine Idee einer Zukunft vielleicht auch nur die upgedatete Version einer bestimmten, früheren Zukunftsvorstellung ist. Also versucht er, sich herauszuwinden.

Das macht er, indem er versucht Konfusion zu erzeugen – was ist denn überhaupt Nationalsozialismus und was ist denn überhaupt NS-Sprache? Mich wundert, dass er sich nicht noch gefragt hat, was Sprache überhaupt ist… Natürlich gibt es sehr viel Forschung zu NS-Sprache, von LTI bis zu NS-Wörterbüchern. In einer falschen Analogie versucht er so zu tun, als sei NS-Sprache ein zeitliches Phänomen, sowie Leute halt gesprochen haben in den 30ern und 40ern und vergleicht es mit der Sprache in der Romantik. NS-Sprache ist aber ein politisches Phänomen, weil es eine Propagandasprache ist.

Das NS-Denken hinter Höckes Sprache

Das sind nicht nur einfach für unsere Ohren altertümliche Begriffe, sondern konstruierte Sprache mit einer menschenverachtenden Logik. Und interessanterweise führt er es ja selbst am Begriff „entartet“ aus. Er tut aber so, als sei das völlig in Ordnung. Ein Begriff aus der Biologie, der ein abnormes Zellwachstum zum Beispiel beschreibt, wird auf Gesellschaft umgelegt. Die Verorganisierung sozialer Verhältnisse ist eines der wesentlichen Merkmale faschistischer Sprache und ist bis heute in unserer Sprache verankert.

Die Logik dahinter ist, dass es natürliche Prozesse gibt, gegen die man halt nichts machen kann. Das Volk ist ein Organismus, der sich der politischen Steuerung entzieht und eigenständig (triebgesteuert) handelt. Auf vielen Ebenen problematisch. Und hier haben wir aber das Problem auch mit diesem Interview. Das muss eigentlich inhaltlich diskutiert werden. Höcke rechtfertigt hier gerade inhaltlich faschistische Sprache. Aber die Journalist_innen haben nicht ewig Zeit und dürfen die Zuseher_innen nicht verlieren. Also gehen sie weiter

Das Ringen zwischen Höcke und der Presse

Und Höcke versucht das auf sein Spielfeld zu ziehen und es gelingt ihm in Abschnitten. Etwa der Part mit den 70%, die sich angeblich nichts mehr zu sagen trauen. Da fühlt er sich wohl, das kann er aus dem Effeff. Angewandte Strategie. Die Journalist_innen gehen nicht drauf ein. Das Beeindruckende ist: es ist ein Ringen darum, auf welche Diskursebene man sich begibt und welche Rolle man Höcke spielen lässt. Politik oder Ideologe. Er will sich als Politiker tarnen und die Journalist_innen versuchen auf Ideologieebene zu bleiben.

Und Höcke steigt dann auch drauf ein und antwortet doch auch auf der ideologischen Diskursebene. Und da wird es plötzlich sehr offen und sehr klar. Beispiel der Begriff des „Feindzeugen“, den er offensiv einbringt und der ihm sehr wichtig ist.

Was soll “Feindzeugen” für ein Begriff sein?

Das Zentrum für politische Schönheit und Andreas Kemper haben dazu recherchiert und sind zu der Erkenntnis gelangt, dass es den Begriff eigentlich nicht gibt außerhalb des AfD-Kontexts. Aber was will Höcke mit diesem Begriff? Ein paar Vermutungen meinerseits:

1. Es ist eine sprachliche Analogie zum Terminus „Blutzeuge“, der wieder aus dieser NS-Sprache kommt und die die Toten des Hitler-Ludendorff-Putsches meint.

2. Wir haben hier drinnen die Schmitt‘sche Feindbestimmung. Es gibt den Feind und der muss bekämpft werden. Und wer sich gegen Höcke stellt macht das Geschäft dieses Feindes.

3. Dieses „Bezeugen“ ist einer religiösen Sprache entlehnt – Wunder werden bezeugt. Zeugnis ablegen ist auch mehr als einfach nur „streiten“ etc. Es ist eine Grundsatzentscheidung für den Feind.

4. Dieser Begriff hat eine enge Wesensverwandtschaft mit „Verräter“, aber so direkt will er wohl nicht sein gegen die eigenen Parteileute. „Feindzeuge“ erlaubt noch die „Buße“ und Umkehr.

So sehr befinden wir uns längst auf der Ebene des Kulturkampfs mit so einer Sprache

Auch bei der Frage zu „Lebensraum“ springt er wieder zwischen Ideologe und Politiker. Er hat den Drang, sich ideologisch zu verteidigen, muss aber die Rolle des Politikers spielen. Es ist wirklich faszinierend das zu beobachten, wie er mit sich selbst ringt, wie er es jetzt machen soll. Er beginnt als Ideologe und man wähnt sich auf der Sommerakademie des IfS in Schnellroda. „Stellenmarkierer“ „Begriffsherrschaft“ – wer redet denn so bitte? Und dann switcht er zu dem leichter verdaulichen und bekannteren „politische Korrektheit“.

Auch bei „Lebensraum“ erklärt er wieder ziemlich klar, dass das ein Begriff aus der Biologie ist. Genau deswegen haben die Nazis ihn ja verwendet! Weil Menschen in dieser Ideologie keine sozialen Wesen sind, sondern nur biologische Wesen, genauso wie Volk biologisch gedacht ist. Danach kommt die Intervention des Pressesprechers. Ich kann mir gut vorstellen, dass er ihm irgendwann ein Zeichen gegeben hat. Das ist an sich noch nichts ungewöhnliches. Ich denke, die meisten Politiker_innen haben irgendeine Art von nonverbale Kommunikation mit ihren Pressesprecher_innen.

Die ganze Medienstrategie der neuen rechten in wenigen Minuten

Das Ungewöhnliche ist das Selbstverständnis. Erst: nochmal machen, keine Freigabe (als ob es derer Bedarf). Dann: Mitleid (so langer Tag) und die Opferrolle. Und als das nicht fruchtet: Blankes Drohen. In wenigen Minuten spielen Höcke und sein Pressesprecher damit die ganze Medienstrategie der Neuen Rechten mit demokratischen Medien durch: 1. Selbstinszenierung oder gar nichts. 2. Wir sind geplagt und gepeinigt und Opfer und 3. Wenn ihr nicht für uns seid, dann werdet ihr schon sehen.

Ich glaube übrigens nicht, dass der Abbruch von Anfang an inszeniert war. Ich denke der Pressesprecher hat einfach versagt und gedacht, das wird ein schnelles, einfaches Interview. Und dementsprechend unvorbereitet kam Höcke an und wurde kalt erwischt. Ich weiß aber auch, dass rechtsextreme Ideologen und Strategen aus allem einen Erfolg für ihre Fans zaubern können, weswegen ich ja davon abrate, ihnen überhaupt eine Bühne zu geben. Ich habe das ja schon mal ausgeführt:

Warum ich mich mit faschistischen Ideologen nicht auf eine Bühne setze

Höcke: Der Ideologe der Neuen Rechten

Ich habe aber noch nie einen so gut vorbereiteten, disziplinierten und gut exekutierten Versuch gesehen, jemanden wie Höcke als das zu exponieren, was er ist: Ein Ideologe der Neuen Rechten. Jemand, der die plurale Demokratie zu Gunsten einer autoritären völkisch-nationalistischen Utopie überwinden möchte.

Er benutzt dabei die Ressourcen eben dieser Demokratie, um sie zu zerstören. Er tarnt sich als Politiker, spielt aber auf einem anderen Spielfeld als die Parteiendemokratie. Mit dieser unschönen Erkenntnis beschließe ich den Text und sage Danke fürs Durchhalten. Es war mir trotzdem eine Freude.

Wer Natascha Strobl und ihre Arbeit unterstützen möchte kann das übrigens hier tun. Zusammen mit Julian Bruns und Kathrin Glösel hat sie “Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa” geschrieben. 

Artikelbild: Screenshot zdf.de

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