Faktenchecks: Putins False-Flag Fake News über die Ukraine

| Faktencheck | 21. Februar 2022


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Überblick über Fakes über die Ukraine

Der mögliche Angriff von Putin auf die Ukraine ist in aller Munde. Schon Mitte Januar warnten die USA unter Berufung auf Geheimdienste, dass Putin „False Flag“ Operationen starten würde, um einen Einmarsch in die Ukraine zu rechtfertigen (Quelle). Nun sollte man US-Geheimdienstinfos auch unter demokratischen Präsidenten mit gesunder Skepsis begegnen, in diesem Fall scheinen sie aber (leider) recht zu haben, es werden leider wirklich jede Menge Falschmeldungen produziert, die als Rechtfertigung für Gewalt genutzt werden könnten.

Besonders überraschend ist das ganze auch nicht, so gingen Putins Militäraktionen in der Vergangenheit regelmäßig mit Falschinformationen einher. Beispielsweise wurde bei der zunächst verdeckten Invasion der Ostukraine 2014 eine Falschinformation über einen angeblich von ukrainischen Extremisten gekreuzigten Jungen in Umlauf gebracht (Faktencheck).

Die Falschmeldungen scheinen sich aktuell vor allem an die einheimische Bevölkerung zu richten. Diese ist nämlich nicht sonderlich überzeugt von der Notwendigkeit einer Invasion in der Ukraine, besonders nach den für Russland enorm tödlichen Corona-Wellen (Quelle).

Wir berichten hier über diese Falschmeldungen aus zwei Gründen. Einmal, um sichtbar zu machen, mit welchen Methoden bestimmte Akteure hier arbeiten. Es muss eben einen Preis haben zu lügen. Zweitens, weil diese Fakes eine gute Möglichkeit sind, um zu zeigen, wie die Zivilgesellschaft sich gegen solche Lügen zur Wehr setzen kann.

Faktencheck: Angriff auf ukrainischen Kindergarten

Letzten Donnerstag kam es zu einem Beschuss eines Kindergartens in der Ukraine. Bilder, die jeden Menschen davon überzeugen dürften, dass Krieg keine gute Idee ist:

Glücklicherweise starb niemand. Eine typische Taktik von Putins Desinformation ist die Verbreitung von verschiedenen Fake-Szenarien, um die Wahrheit unwahrscheinlicher wirken zu lassen. So verbreiteten Putin-treue Accounts stattdessen gleichzeitig, dass

  • Der Kindergarten eigentlich in besetzten Gebieten stünde (Faktencheck).
  • Ukrainische Kräfte ihren eigenen Kindergarten beschossen hätten (Fake, Fake) .
  • Der Kindergarten gar nicht beschossen worden sei (Faktencheck).

Es ist ziemlich klar, dass die Erzählungen sich sogar gegenseitig widersprechen. Aber es ist hier auch nicht das Ziel, Menschen von einem bestimmten Szenario zu überzeugen, sondern lediglich, sie so weit zu verwirren, dass ein Angriff von Putins Verbündeten auf den Kindergarten plötzlich nur noch als eine Möglichkeit von vielen erscheint.

Bestätigt: Es war ein Kindergarten in der Ukraine

Verschiedene Faktenchecker konnten die Informationen bereits widerlegen. So kursierte ein manipuliertes Bild, das einen Bagger neben dem Kindergarten zeigte, welches angeblich das Einschussloch als harmlose Bautätigkeit erklären sollte. Reuters Faktenchecker enttarnten das allerdings als manipuliertes Bild (Reuters Faktencheck)

Verschiedene Twitter-User um das Team von Bellingcat (Folgeempfehlung!) konnten den Kindergarten mit offen verfügbaren Daten lokalisieren und Krater analysieren. Ihr Ergebnis: Der Kindergarten liegt in ukrainischem nicht-besetztem Gebiet. Und der Beschuss kam aus Richtung der von pro-Putin-Kräften besetzten Gebiete.

Correctiv hat mittlerweile ebenfalls einen Faktencheck dazu veröffentlicht.

Fake: Meta Daten verraten „Saboteure“ Video

Ein Video, das angeblich „Saboteure“ zeigen sollte, konnte das Team von Bellingcat ebenfalls als Fake enttarnen. Die Metadaten verraten, dass das Video schon vor längerer Zeit aufgenommen wurde, außerdem wurde Gewehrfeuer später eingefügt. Laut Pro-Putin-Kräften in der Ostukraine zeigt das Video den Angriff von „Saboteuren“ (Quelle). Es sei jedoch eine false flag Operation.

Trigger-Warnung: Gewehrfeuer

Nur: Die Metadaten der Videodateien zeigen, dass die Videos bereits Anfang Februar produziert worden waren.

Außerdem ist das zu hörende Gewehrfeuer offenbar nicht echt, sondern aus einem anderen Video hereinkopiert, welches das Team ebenfalls identifizieren konnte:

Das schöne an Open Source Intelligence: Ihr könnt einfach die Schritte des Teams von Bellingcat 1:1 selbst nachprüfen, ihr müsst weder ihnen noch uns glauben: Das originale Video ist nach wie vor online.

Fake: Zweifelhafte Evakuierungsbotschaft

Auch ein weiteres Video wurde von Bellingcat enttarnt. Es zeigt eine Evakuierungsbotschaft der Pro-Putin-Rebellen in der Ostukraine. Angeblich stünde ein Angriff der Ukraine (!) kurz bevor, was eine Evakuierung nötig mache. Gepostet wurde es am letzten Freitag, aber die Meta-Daten zeigen, dass es bereits zwei Tage zuvor aufgenommen wurde – am Mittwoch, also dem Tag, den Biden vor Kurzem noch als mögliches Datum einer russischen Invasion nannte.

Axios schreibt dazu passend: Die Metadaten schwächen die Argumentation der Pro-Putin-Rebellen, dass sie die Evakuierung wegen eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs der Ukraine angeordnet hatten (Quelle). Und eben nicht nur für Show, um sich selbst als Opfer zu inszenieren.

Auch hier könnt ihr die Metadaten wieder selbst überprüfen, wenn ihr das möchtet.

Weitere Fakes: Durchschaubare Desinformation

Die gesamte Desinformationskampagne ist bei genauerem Hinschauen recht durchschaubar. Ein weiteres Beispiel: Pro-Putin-Kräfte wollen der Öffentlichkeit verkaufen, dass ihnen die Pläne für eine „ukrainische Invasion“ in die Hände gefallen seien. Komischerweise sind die Pläne in Russisch, was verdächtig ist:

Hier noch ein Beispiel: Pro-Putin-Kräfte erzählen, dass ein Mann von ukrainischem Feuer getroffen wurde und offenbar ein Bein verloren haben soll. Seltsamerweise trägt der Mann bereits zuvor eine Prothese und blutet auch kaum:

Die Pro-Putin-Kräfte scheinen sich keine große Mühe zu geben, ihre Spuren zu verwischen. Beispielsweise ist Telegram eines der wenigen sozialen Netzwerke, bei dem die Meta-Daten von Videos nicht beim Upload gelöscht werden. Und wo haben die Pro-Putin-Kräfte ihre Fake Videos hochgeladen? Auf Telegram. Nicht so schlau:

Leider scheint es aber ausreichend, um in Russland Menschen zu täuschen:

Das zeigt erneut, wie wichtig es ist, eine wache Zivilgesellschaft zu haben, die gegen Desinformation aufsteht. Das ist auch der Grund, warum die Angriffe von Querdenken und AfD auf Journalist:innen und Aktivist:innen so bedenklich sind. Denn genau diese Menschen sind es, die in der Lage sind, uns gegen strategisch eingesetzten Lügen zu immunisieren. Von „Liebe“ und „Frieden“ zu schwafeln ist nur ein Feigenblatt, wenn man gleichzeitig daran arbeitet, unser Informationssystem mit Falschmeldungen und Lügen zu vergiften und gemeinsames Handeln gegen echtes Unrecht zu erschweren.

„Wer dich dazu bringt, Absurditäten zu glauben, bringt dich auch dazu, Ungeheuerlichkeiten zu tun.“

Der Kampf gegen Krieg und für Frieden ist auch immer ein Kampf gegen Desinformation. Wer im 21. Jahrhundert unschuldige Menschen töten will, der kann das nur, wenn er genug Menschen mit Falschmeldungen verwirrt und demobilisiert, sodass sie nicht laut genug dagegen aufschreien. Ein weiteres Zitat: „Alles, was für den Triumph des Bösen notwendig ist, ist, dass gute Menschen nichts tun.“

Artikelbild: Frederic Legrand – COMEO

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