Fake: Rechte hetzen mit altem Video von Grünen-Politikerin Schulze nach Wien

| Analyse | 3. November 2020

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Grüne Schulze wird Opfer übler Hetze

Nicht, dass die grauenhaften Ereignisse von Wien schlimm genug wären. Nein, es werden auch massiv Fake News dazu geteilt, um die schrecklichen Ereignisse für politisches Kapital zu missbrauchen. Derzeit geht ein Video einer Grünen-Politikerin viral. Auf Twitter hat es bereits über 200.000 Aufrufe. Es handelt sich hierbei um die Grüne Landtagsabgeordnete Katharine Schulze, Fraktionsvorsitzende der Grünen in Bayern.

Ein Statement der Grünen Schulze, die vor einigen Tagen in einem einstündigen Live-Video auf Instagram Fragen beantwortet hat und unter anderem Maßnahmen gegen islamistischen Terror besprochen hat, wird jetzt gezielt im Nachgang des Terroranschlags von Wien gezielt gepostet, um den Eindruck zu erwecken, das sei ihre Reaktion darauf gewesen. Das Schlimme an dieser Hetze ist die perfide Methodik dahinter. Und auch, dass diese Hetze diesmal nicht von der AfD kommt, sondern anscheinend von einem Mitarbeiter der CSU.

Denn der Fake ist mit eine Satz entkräftet:

Das Video stammt nicht vom Abend der Terroranschlags, sondern wurde Tage zuvor in einem Insta-Live aufgenommen und aus dem Kontext gerissen. Diese Fake News funktioniert nur, weil so getan wird, als ob dieses Video zeitgleich zum Terroranschlag in Wien gesendet wurde.

Der Fake, der hier geteilt wurde ist dieser hier:

Wir betten hier ausnahmsweise den Urheber dieser Fake News ein, in der Hoffnung, dass so ein Verhalten, wie man es sonst nur von den Rechtsextremen der AfD kennt, zumindest aus Reihen der CSU Konsequenzen haben wird.

Aber zurück zum Inhalt: Zu diesem Zeitpunkt gepostet könnten unbedarfte Zuschauer:innen wirklich denken, dass Frau Schulze den Terror von Wien viel zu erheitert kommentiert. Rechtspopulisten und Rechtsextreme schäumen vor Wut und das Feindbild des “linksgrünversifften Gutmenschen” wird wieder einmal beliefert.

Aber wie bereits gesagt, das Video stammt nicht vom Abend der Tat in Wien, sondern wurde Tage zuvor veröffentlicht:

Katharina Schulze wird wegen der Hetze jetzt Opfer eines Shitstorms und muss sich gegen den Fake wehren:

In diesem Post hier kündigte Frau Schulze das Insta-Live, das jetzt offensichtlich nicht mehr online ist, auch an:

Das Video ist vom 30.10.

Also nochmal: Das Video, was ihr oben sehen könnt, stammt nicht vom Abend des Terroranschlags, sondern vom 30.10.2020.

Man kann sich über den Inhalt des Videos und auch die Art und Weise des Vortrages von mir aus streiten, aber der perfide Trick ist, so zu tun, als ob das Video zeitgleich mit den Ereignissen von Wien von Frau Schulze gesendet wurde. Aus diesem Kontext heraus geht das Video viral und wird massiv in der Rechten Bubble verbreitet. Und das nicht nur von irgendwelchen Nazi-Accounts, nein, sondern von Politikern, die das eigentlich nicht tun sollten. Klickt man auf “zitierte Tweets”, kann man sehen, wer alles den Fake verbreitet hat, um mit diesem perfiden Trick seinen politischen Widersacher:innen zu schaden:

Natürlich ist darunter die AfD, von der man derartige Hetze zu Genüge kennt, die versucht, das Video zu nutzen, um gegen CSU und Grüne gleichzeitig auszuteilen.

Hier retweetet von der AfD-Netzwerkerin Marie Kaiser: (bekannt aus der Recherche von Correctiv zu Rechten Netzwerken auf Instagram) 

Dass die AfD das teilt, ist normal. Aber an der Streuung der Fake News beteiligen sich sogar Politiker der FDP.

Hier Marco Weber, Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP Landtagsfraktion aus Rheinland-Pfalz:

Hier der Bundestagsabgeordnete der FDP Thomas Sattelberger aus München:

Mit dem Tool Crowdtangle kann man nachvollziehen, wie sich ein Post weiterverbreitet und auf andere Plattformen springt:

Der Landtagsabgeordnete Marcel Luthe (ehemals FDP, trat Oktober 2020 aus), trägt den Fake auf Facebook:

Und auch die Junge Union aus München teilt die Fake News:

Es ist überhaupt nicht ok, dass auch in demokratischen Parteien zu derartig schmutzigen Tricks gegriffen wird, um ein Feindbild zu bedienen, wie man es sonst vor allem von Rechtsextremen kennt. Die restlichen Postings des Ursprungs-Accounts, der in seinem Profil dazu aufruft, dass ihm “Patrioten” folgen sollen, zeigt eine tiefe Abneigung zu den Grünen und dass es sich anscheinend um einen Mitarbeiter der CSU handelt. Wenn man nur Kritik an dem Ausschnitt äußern wollte, wieso hat man dann mehrere Tage mit dem Posten gewartet und erst nach Wien veröffentlicht? Der subtil suggerierte Zusammenhang war beabsichtigt, um der Grünen Politikerin und ihrer Partei zu schaden.

Morddrohungen gegen Schulze

Frau Schulze muss nun gegen die Anfeindungen ankämpfen, die durch die Verbreitung dieses Fakes entstehen und die Gemüter aufhetzen. Es ist nicht das erste Mal, dass sie Ziel rechten Hasses wird:

Screenshot SZ (Quelle)

Wir tauschten uns auf Instagram kurz mit Frau Schulze zu diesem Vorfall hier aus. Sie teilte uns folgendes mit:

„Ich kämpfe gegen jeden Feind der Demokratie, egal ob es sich um Rassisten, Antisemiten oder Islamisten handelt. Das Format Insta-Live bei Instagram nutze ich regelmäßig für den direkten Austausch und die Beantwortung von Fragen über meine politische Arbeit. Auf verschiedenen Kanälen ansprechbar und nahbar zu sein und über Politik zu informieren, verstehe ich als Teil meines Jobs.

Diesem Statement können wir uns nur anschließen.

Artikelbild: Screenshot twitter.com

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