US-Polizei tötet überproportional Schwarze: Faktencheck von diesem Tweet

| Analyse | 7. Juni 2020

8.360

Whataboutism: Aber was ist mit …

Whataboutism ist ein rhetorisches Stilmittel, um eine Diskussion zu derailen (= „entgleisen“ zu lassen) und ein scheinbares Argument zu bringen. Dabei wird auf einen oberflächlich irgendwie vergleichbaren Umstand hingewiesen, um vom Thema abzulenken. Widerlegt man dieses Argument dann, lässt man bereits zu, dass die Diskussion entgleitet, und widerlegt man es nicht, wirkt es so, als hätte der Gegenüber ein Argument.

Es ist hier also wichtig, auf den Umstand hinzuweisen, dass hier versucht wird, die Diskussion zu derailen. Ist das erledigt, kann man das Argument selbst dann auch viel leichter zerstören.

Ein Beispiel für Derailing ist dieser Tweet:

Link

Dieser amerikanische Twitter-User behauptet, Weiße würden proportional öfter von der Polizei erschossen werden als Schwarze. Das soll als Gegenbeweis für rassistische Polizeigewalt dienen. Zumindest sollst du das denken, wenn du die Zahlen auf den ersten Blick betrachtest:

Da steht aber “arrested for violent crime”. Also festgenommen wegen einer Gewalttat. Es ist ein fieser Trick, ein Whataboutismus: Was ist mit diesem kleinen Detail? Er lässt einen Großteil der Verhaftungen einfach weg und schaut sich nur diejenigen an, die für Gewaltverbrechen stattfinden. Wie er selbst zugibt, zählt er allerdings ALLE Tote durch die Polizei. Das ganz große Problem: George Floyd wurde ja nicht wegen eines Gewaltverbrechens getötet. Genau wie viele andere Schwarze, die ermordet wurden.

Zahlentricks

Das einzige, was Floyd mutmaßlich getan hat, war mit einem gefälschten 20 $ Schein zu bezahlen. Dafür wurde er vor Zeug*innen und Kolleg*innen in der Öffentlichkeit von einem Officer unter Mithilfe seiner Kollegen über Minuten hinweg langsam getötet. Das war gemeinschaftlicher Mord durch mehrere Polizisten.

Ein Mord, der in dieser Statistik gar nicht auftauchen dürfte. Es ist ein beliebter Trick von Rechten, der sich ein kleines Detail herauspickt, um die wahren Hintergründe der großen, strukturellen Probleme zu vertuschen. Der Twitter-User behauptet, das würde widerlegen, dass es Rassismus in der Polizei gäbe.

Fakt ist: Schwarze werden 2,5 mal so oft von der US-Polizei getötet wie Weiße

Schwarze machen nur knapp 13 Prozent an der US-Gesamtbevölkerung aus – doch sie werden so häufig wie keine andere Bevölkerungsgruppe von der Polizei erschossen.

Gepostet von tagesschau am Donnerstag, 4. Juni 2020

Schwarze werden 2,5 mal so oft durch Polizist*innen getötet wie Weiße. Und sie werden auch überproportional oft eines Verbrechens beschuldigt (Quelle). Und das eben sehr oft eben nicht wegen Gewaltverbrechen sondern sogar bei gar keinem Verbrechen.

Es gibt auch KEINE Korrelation zwischen Gewaltverbrechen und Polizeigewalt. Dieser Tweet ist also reine Täuschung. Wieso man das so deutlich sagen kann? Die Quelle für unsere Aussagen ist nämlich DIE GLEICHE wie die des Twitter-Nutzers. Der bewussten Falschdarstellung der Daten hat der Journalist, der die Daten gesammelt hat, selbst widersprochen.

Struktureller Rassismus ist Fakt

Ohne strukturellen Rassismus in der US-Polizei und eine Geringschätzung des Werts des Lebens eines schwarzen Menschen ist das nicht zu erklären. Das ist, was diesen Moment so wirkungsmächtig macht. Hier wurde für alle sichtbar der Vorhang zurückgezogen. Dieser virale Tweet wird auch von deutschen Rechten genutzt, um Rassismus zu vertuschen.

Zum Thema:

Dieser Twitter-Thread hat bisher 334 Fälle von Polizeigewalt in den USA gesammelt



Text: Philip Kreißel, Thomas Laschyk Artikelbild: Screenshot twitter.com

Hey, möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Komm in unseren Telegram Kanal und verpasst keine News mehr von uns (Link). Oder besuche unseren Shop und unterstütze uns mit dem Kauf von T-Shirts, Tassen und Taschen, hier entlang.