Faktencheck Talkshow-Bilanz: AfD verzerrt Zahlen

Kommentar, Analyse

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Faktencheck AfD-Talkshow-Bilanz

„Die „Grünen“ durften viel zu oft mitreden – und die AfD wurde fast totgeschwiegen!“ – einen Beitrag mit diesem Inhalt veröffentlichte Jörg Meuthen (AfD) am Morgen des 01.07. auf seiner Facebookseite. In der Bildunterschrift konkretisiert er diese Beschuldigung. Es seien alle Ausgaben der 4 größten Talkshows in den deutschen Öffentlich-Rechtlichen im Jahr 2019 analysiert worden. Von 146 Politikern der aktuell im Bundestag vertretenen Parteien seien dabei lediglich 8 aus der AfD gewesen, gleichzeitig seien 25 „von der kleinsten Partei im Bundestag, nämlich den sogenannten „Grünen““ eingeladen worden (Link).

Ist hier nur jemand enttäuscht, nicht auf die Party eingeladen worden zu sein oder ist tatsächlich etwas dran? Werden die „Zwangsgebühren“ etwa tatsächlich zur Bevorzugung der „Ökosozialisten“ von den Grünen eingesetzt? Wir wagen den Faktencheck.



Faktencheck

Zuerst sollte aufgedeckt werden, dass die AfD hier geschickt mit Zahlen spielt. Von 146 Politikern, die im entsprechenden Zeitraum bei diesen Talkshows aufgetreten sind, waren nur 8 von der AfD, das entspricht dem geringen Prozentsatz von 5,5% – zumindest, wenn man diese Rechnung genau so stehen lässt. Aus Sicht der AfD in Anbetracht ihres Wahlergebnisses von 2017 (12,6%) total ungerecht.

Doch gehen wir mal von der logischen Seite ran: Die AfD (die sich selbst als Opposition zur „großen Kartellpartei CDUSPDFDPGRÜNELINKE“ sieht (so zitiert aus dem o.g. Post von Meuthen!)) sieht ihre Meinung unterrepräsentiert. Doch das lässt sich nicht daran messen, wie viele Kritiker total anwesend sind (oder macht es etwa einen Unterschied, ob 2 oder 4 Gegner die dünne Argumentation zerlegen?!), sondern daran, wie hoch der Anteil an „Talkshows mit AfD-Beteiligung“ an allen Talkshows ist. Wir haben diese Rechnung probiert und sind zu folgendem Ergebnis gekommen:

Tatsächlich sind AfD-Politiker seit Beginn des Jahres 2019 nur 8-mal (9-mal, wenn man „hart aber fair“ vom 01.07. mitzählt) in einer der 4 großen Talkshows aufgetreten (nachzuvollziehen auf dieser Seite):

Maybrit Illner

17.01.2019 – „Überlebt die EU den Brexit?“ – mit Alexander Gauland
23.05.2019 – „Skandal in Österreich – schadet das den Populisten?“ – mit Alexander Gauland

Anne Will

10.03.2019 – „Europa vor der Wahl – mehr EU oder mehr Nationalstaat?“ – mit Beatrix von Storch
19.05.2019 – „Neuwahlen in Österreich – Dämpfer für die europäische Rechte?“ – mit Jörg Meuthen

„hart aber fair“

14.01.2019 – „Der Brexit-Showdown – Anfang vom Ende für Europa?“ – mit Beatrix von Storch
13.05.2019 – „In Europa, in Deutschland – wie viel Populismus verträgt die Politik?“ – mit Guido Reil
(01.07.2019 – „Aus Worten werden Schüsse – wie gefährlich ist rechter Hass?“ – mit Uwe Junge)

Maischberger

23.01.2019 – „Im Visier des Verfassungsschutzes: Bedroht die AfD die Demokratie?“ – mit Alexander Gauland
13.03.2019 – „Das Brexit-Drama: Kann das Chaos noch verhindert werden? – mit Jörg Meuthen

Also jeweils zweimal pro Talkshow.

Im Verhältnis zur jeweiligen totalen Anzahl an Talkshows im Jahr 2019 sieht die weitere Rechnung aber wie folgt aus:

  • 2/20x Maybrit Illner
  • 2/17x Anne Will
  • 2/18x „hart aber fair“
  • 2/15x Maischberger

Ergibt 8/70 Talkshows seit Jahresbeginn in denen ein AfDler saß – 11,4% Beteiligung!

In Anbetracht der Tatsache, dass bei der AfD abgesehen vom Thema Migration und vielleicht noch Klima sowieso nicht mit viel zu rechnen ist, sogar ein ziemlich hoher Wert. Die Abweichung vom Wahlergebnis um rund 1% kann auch gut als statistische Verzerrung gewertet werden – ob das Ergebnis dieser 70 Stichproben überhaupt als signifikant angesehen werden kann steht in den Sternen.

Doch bringen wir das ganze weg von der Mathematik auf eine politische Ebene – und jetzt muss jeder AfD-Fan ganz stark sein: Es ist VÖLLIG EGAL wie viele AfDler in die Talkshows eingeladen werden. Es ist die Aufgabe der Redaktion, zu den Talkshows Kandidaten so einzuladen, dass möglichst kontroverse Diskussionen zum entsprechenden (aktuellen!) Thema entstehen. Dabei muss die Redaktion sich nicht etwa an Prozentzahlen von Wahlergebnissen o. ä. orientieren. Warum das so ist, lässt sich ganz leicht an einem Beispiel illustrieren.

Nehmen wir an, eine Partei hätte bei Bundestagswahlen eine große, absolute Mehrheit erlangt, sagen wir, sogar die rund 67%, die nötig sind, um das Grundgesetz zu ändern. Zwei weitere Parteien teilen die restlichen rund 33% unter sich auf. Nach AfD-Logik müssten nun in jeder Talkshow, in der zum Beispiel 3 Politiker anwesend sind, zwei davon aus der entsprechenden Partei sein. Der dritte Politiker muss dann aus einer der anderen Parteien sein – nur aus welcher? Eine Partei schaut dabei immer in die Röhre.
Diese mathematischen Spitzfindigkeiten sind also in der Realität höchst unsinnig.

Nicht nur kommt es dadurch immer zu rechnerischen Problemen (wie oben angedeutet), sich an Prozentzahlen halten zu müssen wäre sogar (Achtung, hier geht die Ironie der ganzen Story erst so richtig los) ein EINGRIFF IN DIE PRESSEFREIHEIT! Denn dass die Politik entscheidet, was im Fernsehen gezeigt wird, ist genau das, was die AfD ja angeblich verhindern will – aber anscheinend nur, wenn man daraus einen Vorteil für sich selbst schlagen kann.

Warum es meistens keinen Sinn macht, einen AfDler einzuladen

Auch abgesehen von der Souveränität der Medien spricht einiges gegen die Logik der AfD. So gibt es zum Beispiel oftmals Themen, wo es sich einfach nicht anbietet, einen AfD-Politiker hinzuschicken und zwar nicht aus politischen, sondern aus inhaltlichen Gründen. Dazu zwei verschieden Beispiele:

Erstes Beispiel: „Maischberger“ vom 10.04.: „Misstrauen gegen Schulmedizin – Weiße Kittel, nein danke?“. Es ging hierbei um alternative Medizin und den Umgang damit. Karl Lauterbach (SPD) als bekannter Gesundheitspolitiker ist eingeladen, ansonsten kein Politiker. Die AfD hat nie in irgendeiner Form Wissen in dieser Richtung gezeigt – warum sollte man sie einladen? Doch wenn man die genauere Betrachtung außen vorlässt sieht es wieder so aus: 1 Politiker der SPD – kein Politiker der AfD – ungerecht.

Zweites Beispiel: Wieder „Maischberger“, 20.03.: „Populisten gegen Europa: Ist der Brexit erst der Anfang?“ – mit Petra Steger (FPÖ). Das Thema ist politisch durchaus relevant, es ist eine Vertreterin der FPÖ eingeladen, neben Martin Schulz (SPD) und einigen Nichtpolitikern. Ohne genauere Betrachtung wiederum: 1 Politiker der SPD – kein Politiker der AfD – ungerecht. Doch Die FPÖ-Politikerin vertritt offensichtlich sehr ähnliche Positionen wie die der AfD, weswegen deren Meinung auch als „vertreten“ gelten darf – im Gegensatz zu bspw. grünen Ideen.

An diesen beiden Beispielen kann man stellvertretend erkennen, dass die AfD es sich wieder zu einfach macht. Eine schön gedrehte Statistik, die eigentlich keinerlei inhaltliche Aussage beinhaltet, wird als Argument für die Selbstdarstellung in der Opferrolle gegen einen „Einheitsbrei“ aus „Altparteien“ verwendet. Man muss aber, wie so oft, neben der Erfassung von Statistiken auch deren Richtigkeit überprüfen – ansonsten ist man selbst genau der Lügner und Trickser, den man in den gegnerischen Reihen ausmacht.

Fazit: Ode an die „Zwangsgebühren“

Noch eine Herzensangelegenheit vom Autor zum Abschluss. Oft wird von „GEZ-Zwangsgebühren“ gesprochen. Sie stehen als Instrument da, mit welchem das „Regime“ angeblich abweichende Meinungen unterdrückt und auch noch von seinen Gegnern bezahlen lässt. Aus Sicht einiger (rechter wie linker!) Verschwörungstheoretiker ist der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk eine böse vierte Macht im Staat, die alles so dreht, wie es der Obrigkeit passt. Auch, wenn man versucht, sich der hinterlistigen Propaganda zu entziehen, indem man ARD, ZDF etc. boykottiert, ist man gezwungen, durch die Gebühr daran teilzunehmen.

Abgesehen davon, dass es „die GEZ“ seit dem 31.12.2012 nicht mehr gibt, ist dieser Hass auf die Rundfunkgebühr schlecht durchdacht und gegenstandslos. Ohne die Gebühr wären die Öffentlich-Rechtlichen Sender logischerweise nicht tragbar. ARD, ZDF sowie Drittprogramme und entsprechende Radiosender brauchen ja schließlich auch Mittel, um ihre Studios, Angestellten, Fahrzeuge, Equipment uvm. bezahlen zu können.

Nun könnte ein besonders besorgter Mitbürger natürlich fragen: „Schön und gut, aber wozu brauchen wir überhaupt die Öffentlich-Rechtlichen? Staatsfernsehen habe ich nicht nötig“ – doch er denkt nicht weit genug.

Meinungsdiktatur – wenn ÖR Rundfunk fehlt

Gehen wir in das umgekehrte Szenario: Es gibt keine öffentlich-rechtlichen Rundfunksender. Die gesamte Branche liegt in privater Hand und unterliegt damit den Wettbewerbsgesetzen. Nun steigt ein großer Investor aus dem Ausland ein (um das auch den „Rundfunkgegenern“ deutlich zu machen von mir aus ein radikaler Grüner). Er steckt viel Geld in seinen Rundfunksender, drängt damit Stück für Stück andere Anbieter vom Markt oder zumindest in die Nischen. Mehr und mehr Menschen schauen jetzt seinen Fernsehsender – bis er irgendwann eine Monopolstellung einnimmt. Jetzt gibt es gar keine Alternativen mehr. Es wird nur noch so berichtet, wie es der radikal-grüne Großinvestor will – es herrscht tatsächlich eine Meinungsdiktatur. Kann das wirklich das sein, was wir wollen…?

„Zwangsgebühren“: Öffentlich-Rechtliche (und damit die entsprechende Finanzierung) sind notwendig, da sie nicht wirtschaftlichen Interessen und Zuschauer-/Klickzahlen unterworfen sind, sondern dort ausschließlich auf journalistische Standards geachtet wird. Das ist für eine objektive Berichterstattung und Meinungsbildung unumgänglich. Es gibt sogar Studien, die belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen mangelnden Öffentlich-Rechtlichen und erstarkendem Populismus gibt.

Zum Thema:

Der Mythos der „grünen Mainstream-Medien“: AfD häufiger erwähnt als die Grünen

Artikelbild: B-Media, shutterstock.com, Screenshot facebook.com

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