Der Mythos der „grünen Mainstream-Medien“: AfD häufiger erwähnt als die Grünen

Analyse

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„Deutsche Mainstream-medien“

Ein Gastbeitrag in der „Neue Zürcher Zeitung“ sorgte für einige Diskussionen. Darin stellte Wolfgang Bok, der „an der Hochschule Heilbronn strategische Kommunikation“ lehrt, die These auf, dass die Grünen ihren „Aufstieg zur stärksten politischen Kraft“ auch den Medien verdanken. Die deutschen Journalisten würden die Partei absichtlich unterstützen und sogar andere Meinungen unterdrücken.

Es ist die „Lügenpresse“-Verschwörung des belesenen Mannes, dementsprechend begeistert wurde sie in AfD-Kreisen geteilt, auch von Ex-Verfassungsschutzchef Maaßen, der mit seinem Mini-Verein, der „Werte-Union“, eine Annäherung der CDU zur AfD forcieren möchte. Denn diese Behauptung hat alles, was diesem Weltbild entspricht: Die Unterstellung, dass „die Medien“ nicht nur ein einheitliches Kollektiv sind, sondern auch alle „linksgrün(versifft)“ und sich dementsprechend die Wahrheit zurechtbiegen. Und natürlich ist der Artikel ironischerweise genau das selbst: Voller falscher Zitate, unsachlicher Argumente und zurecht gebogener Fakten.



Falsche Zitate, verbogene Fakten

Ich werde hier nicht groß ins Detail gehen, denn bessere Journalisten als ich haben diesen Artikel schon ausreichend zerlegt, so Flurfunk oder Stefan Fries von Übermedien. Sie haben ausführlich belegt, dass Bok sich reihenweise Zitate von Jan Fleischhauer oder Hanns Joachim Friedrich verzerrt wiedergibt, damit sie seine These belegen. Oder er tut so, als sei ein Zitat von Nicole Diekmann nicht eindeutig ironisch gewesen.

Auch gibt er vor, aus einer Studie über die Berichterstattung zur Flüchtlingskrise zu zitieren, zitiert jedoch zwei unterschiedliche Presseberichte über unterschiedliche Analysen und vermischt sie einfach. Er zieht Untersuchungen heran, die 13 Jahre alt sind und unterstellt Leuten Dinge, die sie nie gesagt haben. Die komplette Aufdröselung lohnt sich zu lesen, also unbedingt bei Übermedien vorbeischauen.

Und natürlich ist es wichtig, sich zu fragen, ob nicht bewusste oder unbewusste Vorurteile die deutsche Medienlandschaft dominieren. Machen wir schließlich auch regelmäßig. Aber erstens ist es Quatsch, die breite Medienlandschaft in einen Topf zu werfen und ein reduktionistisches Weltbild zu kreieren, dass sich kaum von einem Pegida-Demonstranten unterscheidet, der vollmundig „Lügenpresse“ ruft. Wer eine FAZ oder eine BILD mit zum Beispiel der taz in einen Topf wirft, macht irgendetwas falsch.

Und zweitens hat ebenfalls Übermedien in einem älteren Artikel mit dem Mythos aufgeräumt, dass „linke“ Journalisten auch „linken“ Journalismus machen. Denn was gedruckt wird, bestimmen in der Regel die konservativeren ChefredakteurInnen und VerlegerInnen. Kurz: So einfach ist das nicht.

Nachgezählt: Grüne von Medien gepusht?

Dass es gerade einen „Hype“ um die Grünen gibt, diese Prämisse können wir wahrscheinlich so stehen lassen. Aber wichtig ist, nicht Ursache und Wirkung zu verwechseln. Wenn die Grünen in Umfragen die stärkste Partei sind, sollte man doch auch mehr über sie berichten, oder? Zu unterstellen, erst mehr Berichterstattung würde zu besseren Umfragewerten führen spricht den Bürger*innen nicht nur die Mündigkeit ab, sondern ist ein viel zu vereinfachendes Weltbild.

Aber gut, anstatt sich nur gegenseitig mit Bauchgefühlen (oder zurecht gebogenen Zitaten) Dinge zu unterstellen, schauen wir uns doch mal ein wenig die Daten an. Wir haben via Mediacloud 235.000 Artikel seit Anfang Mai 2019 (und 8,7 Millionen seit 2013) nach Erwähnungen von Parteien durchsucht.

Ob die Berichte positiv, negativ oder neutral sind, dazu müsste man eine ganze Studie durchführen, aber wer behaupten möchte, dass es nur positive seien, der muss das erst einmal belegen. Und wenn ich mir beispielsweise die vielen skandalisierten und falschen Geschichten über die Grünen aus der BILD (Hier oder hier) anschaue, habe ich da meine Zweifel.

Wir haben den prozentualen Anteil aller Artikel aufgezählt, in welchen „FDP“, „Grüne“, „SPD“ usw. mindestens einmal vorkommt. Die LINKE haben wir leider weglassen müssen, da „linke“ leider zu oft nicht die Partei meinen kann, um es korrekt zu analysieren. Bei den „Grünen“ ist es ähnlich, d.h. dass der eigentliche Wert sicher niedriger ist. Auch ist zu bedenken, dass es sein kann, dass einige Medien bei Mediacloud über- oder unterrepräsentiert sein können.

AfD öfter erwähnt als die grünen

Schauen wir uns erst den Anteil der (circa 8,7 Millionen) Artikel mit jeweils mindestens einer Erwähnung der jeweiligen Partei an.

FDP: 1.43% AfD: 1.65% SPD: 5.31% CDU: 4.66% Grüne: 1.68%

Seit 2013 wird die AfD also etwa genau so oft erwähnt wie die Grünen und öfter als die FDP. Und dabei wurde die AfD erst in jenem Jahr gegründet. Die (ehemaligen?) Volksparteien werden hingegen etwa drei mal so oft erwähnt wie die anderen. Und jetzt vergleichen wir es mit dem Zeitraum seit Anfang Mai 2019 – definitiv ein Zeitraum, in welchem unterstellt wird, die Grünen würden gepusht werden.

Seit Mai 2019: FPD 1,87% AfD 2,47% SPD 6,34% CDU 6,1% Grüne 2,16%

Und ja, der Anteil der Grünen an der Berichterstattung hat tatsächlich um circa ein Fünftel zugenommen (wenn man von allen Fällen absieht, in welchen „Grüne“ nicht die Partei gemeint hat). Aber die AfD hat um die Hälfte zugelegt und wird öfter erwähnt als die Grünen. (Insgesamt werden alle Parteien öfter erwähnt.) Aber auch wenn es einem so vorkommt, die Grünen dominieren die Berichterstattung keineswegs, sie sind nur Platz vier.

Verständlicherweise sind SPD und CDU als traditionsreiche Parteien und derzeitige Regierung am häufigsten erwähnt, aber dafür, dass die Grünen mit gutem Abstand seit Wochen in Umfragen die beliebteste Partei seien, sind sie medial sogar unterrepräsentiert. Sie würden derzeit etwa doppelt so viele Stimmen kriegen wie die AfD – und werden seltener erwähnt.

FridaysForFuture vs Pegida

Berichten die Medien vielleicht einfach stärker über das Thema der Grünen – den Klimawandel? Eine Bewegung, die gegen die Klimakrise kämpft, ohne zu einer Partei zu gehören ist FridaysForFuture.  Jeden Freitag (auch wenn Ferien sind!) demonstrieren Schüler*innen für eine konsequentere Klimapolitik. Berichten „die Medien“ nur noch über sie und „pushen“ ihre Agenda? Ganz und gar nicht. Vergleichen wir das doch mit den rassistischen Pegida-Demonstrationen.

Einige Wochen lang im Jahr 2015 machten Berichte über die „Pegida“ sogar 4% aller Artikel aus. In dieser Zeit erreichte die größte Pegida-Demo 25.000 TeilnehmerInnen. Im Vergleich dazu demonstrierten letzte Woche in Aachen bei FridaysForFuture laut Veranstalter 40.000 Menschen. Am 15. März sollen bundesweit sogar 300.000 auf der Straße gewesen sein. Die Spitzen der Berichterstattung über Pegida korrelieren in etwa mit der Teilnehmeranzahl.

Das heißt, dass die Berichterstattung über die Pegida Ende 2016 in etwa so viel Berichterstattung erhalten hat wie heute FridaysForFuture, die etwa auf 1% aller Berichte kommt. Also etwa 8000 Teilnehmer der Pegida im Vergleich zu 300.000 Schüler*innen bei FridaysForFuture. Ein rechter Demoteilnehmer erzeugt demnach 37-mal so viel mediale Aufmerksamkeit wie ein „grüner“ Schüler.

Grüne berichterstattung… wirklich…?

Anhand dieser Daten müsste man sogar eher die Schlussfolgerung ziehen, dass es eine .. was? blau/schwarze „Mainstream-Presse“ gäbe oder? Aber so einfach ist die Welt nicht. Vorurteile spielen natürlich eine Rolle, ob sie sich bewusst oder unbewusst manifestieren. Aber das gilt für „linke“ Journalist*innen genau so wie für konservative VerlegerInnen, die die Ausrichtung ihrer Zeitung festlegen. Andere Faktoren sind kommerzieller Natur – Was wollen die Leute eher lesen? Was bringt interessantere Schlagzeilen?

Besonders wenn tausende Bots und Fake Accounts ein Thema besonders pushen, schaffen sie wirtschaftliche Anreize, mehr über diese Themen zu berichten. In Zeiten, in denen Print-Abos aussterben und kostenloser Clickbait-Journalismus sich an die Algorithmen von Suchmaschinen anpassen muss spielen andere Faktoren wichtige Rollen, nicht nur die politische Ausrichtung des Autors oder der Autorin. Insbesondere sogar das Gegenteil ist der Fall: Viele haben eben diesen Anspruch, eben nicht den Anschein zu erwecken, Vorurteile zu haben. Und dabei überkompensieren sie und fallen auf einen „false balance“ herein.

Um sich keine Vorwürfe anhören zu müssen, haben viele Medien die Lügen der AfD über den Magnitz-Angriff berichtet, und am Ende sogar öfter als über den Mord an Lübcke. Um nicht voreingenommen zu wirken, werden AfD-PolitikerInnen regelmäßig zu Talkshows und Interviews eingeladen. Und der eigene Anspruch, „neutral“ zu berichten, führt dazu, dass am Ende öfter über die AfD, Pegida und Magnitz berichtet wird als über vergleichbare Themen. „Rechte“ Themen dominieren eigentlich sogar die Presse.

Es gibt keine neutrale Berichterstattung

Es ist eine wichtige Diskussion, ob die Berichterstattung ausgewogen ist. Und ob Ausgewogenheit überhaupt möglich ist. Ob die Meinung einer Person Einfluss auf ihre Arbeit ausübt. Wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, dass es so etwas wie „neutrale“ Berichterstattung wirklich gibt. Denn egal wie sachlich etwas behandelt wird, einen Bedeutungsrahmen (Framing) wird es immer geben. Und sei es nur darin, über welche Themen (mehr) berichtet wird.

Wie wir dazu gebracht werden, uns über Flüchtlinge und Hartz-4-Empfänger aufzuregen

Das heißt aber noch lange nicht, dass jede journalistische Arbeit gleich schlecht ist. Es gibt keine „Mainstream-Medien“, keine „Lügenpresse“ oder sonst irgendetwas. Wir haben ein breites Spektrum an ideologisch unterschiedlich ausgerichteten Medien, die von mehr beeinflusst werden als von einer kleinen Elite, die alle Fäden zieht. Und ob die Berichterstattung so „grün“ ist, das ist eher anzuzweifeln. Wichtiger ist, ob diese Berichterstattung gut ist, das heißt, gut recherchiert, belegt und ehrlich ist.

Wer jedoch von „Mainstream-Medien“ redet, der versucht, Journalismus als „gesteuert“ zu diskreditieren, um die eigene Propaganda zu rechtfertigen und zu normalisieren. Wenn alles „Fake-News“ sind, ist gar nichts mehr Fake News. Wenn alles was „grün“ ist, auch gleich „falsch“ ist, muss man seine eigene Position nicht mehr rechtfertigen. Und kommt damit durch, dass man schlecht argumentiert und sich seine Zitate und Belege so zurechtbiegt, dass sie ins eigene Weltbild passen.

Datenanalyse: Philip Kreißel. Artikelbild: Look Studio, shutterstock.com, Grafiken: Volksverpetzer

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