Wie wir dazu gebracht werden, uns über Flüchtlinge und Hartz-4-Empfänger aufzuregen

Politisches Framing erklärt von @Wortgucker an Asyl und Hartz-4

Durch Framing kann man einen Sachverhalt in das Licht stellen, das man möchte, ohne zu lügen. Wie Framing funktioniert und wie die Berichterstattung der deutschen Presse dazu führt, Gesetzesverstöße von Behörden zu negativen Meldungen über Asylbewerber und Hartz-4-Empfänger zu drehen, erklärt der Wortgucker in diesem Gastbeitrag.

Heute geht es um Framing. Frames, das sind Wahrnehmungsrahmen. Dieses Wort sagt ja erst mal nicht viel aus. Ich bevorzuge daher die Ausrücke ‚Denkschiene‘ oder ‚Denkrutsche‘. Das Framing einer politischen Idee oder eines Produktes beeinflusst, wie wir über diese Dinge denken und ob wir sie gut oder schlecht finden. Wenn so ein Framing erst einmal aktiviert ist, dann haben wir eigentlich kaum eine Wahl. Dann rutschten wir auf dieser Denkrutsche runter.

Das passiert auch in den folgenden Schlagzeilen eines seriöseren deutschen Mediums, der Tagesschau:

„Klageflut gegen Asylentscheidungen“, „Irgendwann bricht alles zusammen.“, „Gerichte überlastet durch Asylklagen“ titelt die Tagesschau // Screenshot: tagesschau.de




Interessant daran ist, dass viele dieser Kläger recht bekommen.

Screenshot: tagesschau.de

Aber wer ist schuld an der ganzen „Überlastung“, „Überschüttung“, der „Klageflut“, der „Klagewelle“ gegen unsere Gerichte, die natürlich „sehr viel Geld kostet“?

Screenshot: tagesschau.de

Natürlich die Asylbewerber. Denn es sind ja Ihre Klagen, die alles überlasten und Kosten verursachen.

Aber Halt! Wenn so viele klagende Asylbewerber Recht bekommen, das heißt doch im Umkehrschluss, die Behörden hatten Unrecht und haben eine Menge Fehler gemacht. Müssten die Schlagzeilen dann nicht ganz anders lauten? Nämlich „Behörden handeln nicht mehr nach dem Gesetz“ oder so ähnlich:

So könnte die gleiche Schlagzeile ebenfalls lauten

Gleicher Frame anderes Beispiel: Immer mehr Menschen klagen gegen ihre Hartz-4-Bescheide. Und bekommen Recht.

Screenshots: „ZEIT Online“, „BILD“

Wenn diese Hartz-4-Empfänger nun so häufig Recht bekommen, heißt das dann nicht auch, dass die beklagten Behörden Fehler gemacht haben? Die Überschriften reden aber fast nur über die Kläger. Nirgendwo fand sich eine Schlagzeile, wie: „Jobcenter handeln immer öfter gegen das Gesetz.“

Was passiert mit uns Unbeteiligten? Wir rutschen munter auf dieser Denkrutsche runter. Für uns sind nun diese Asylbewerber und Hartz-4-Empfänger die Problembären.

Und diese Denkrutsche sieht dann so aus: Das ist ja noch schöner! Also da klagen diese Schweine auch noch! Die liegen uns schon auf der Tasche. Haben schon so viel Kohle hinten rein gesteckt gekriegt! Machen nix! Liegen den ganzen Tag auf der faulen Haut! Sollen die doch mal zufrieden sein. Kriegen die den Rand nicht voll? Stell Dir das mal vor! Die Gerichte total überlastet. Was ist, wenn ich jetzt mit meinem Nachbar in Streit gerate und zum Gericht muss und dann haben die keine Zeit. Und was das alles auch wieder kostet! Die Steuern sind ja noch nicht hoch genug.“

Screenshots „Der Westen“, „Welt“, „ZEIT Online“

Was heißt das jetzt? Das Framing ist auf den Schwächeren ausgerichtet und wird vom Stärkeren bestimmt. Die Klagenden werden als Kostenverursacher und Gerichtsüberlaster geframed. Und es ist nicht verwunderlich, dass das von der Tagesschau und von der BILD und von allen anderen Medien so wiederholt wird. Denn diese kriegen eine Pressemitteilung von der Agentur für Arbeit und vom Amt für Migration. Und diese Behörden schreiben natürlich ihre Sichtweise, ihre Denkschablone und ihr Framing in die Texte rein.

Dabei könnte das Framing ganz anders sein. Denn da die Behörden häufig Fehler machen, könnte man sie ebenso als „Kostenverursacher“ und „Gerichtsüberlaster“ framen. Nämlich so:

Macht aber keiner.

Die genutzten Framings stigmatisieren schwächere Gruppen und sind gleichzeitig die unsichtbaren Bausteine von Vorurteilen. Wenn das öffentliche Denken einer solchen Schablone folgt, hat das Auswirkungen auf die Handlungen von Behörden und Anderen bezüglich dieser Gruppen. Und das krasse ist: Das wiederum hat Auswirkungen auf das Verhalten dieser Gruppen selbst. Wenn die Hartz-4-ler nur Essensmarken kriegen, weil man Angst hat, dass sie sich von Bargeld Bier kaufen, dann gibt es eben Leute unter ihnen, die sich Wasserflaschen kaufen, diese vor dem Supermarkt in die Rabatten kippen und sich dann vom Pfandgeld Bier holen. Diesen Fall veröffentlicht dann unsere geliebte Bildzeitung. Jippie! Und schon sitzen wir wieder auf der Rutsche: „Das ist ja wohl total asozial. Was erlauben die sich? Werden von uns versorgt und dann ….

Screenshot „bild.de“

Hier noch einmal in Videoform erklärt:

Immer schön aufregen! 🤬😡 Framing am Beispiel von Flüchtlingen & Hartz4.

Immer schön aufregen! 🤬😡 Wie #Framing dazu führt, dass Ihr Euch am Ende über die Falschen aufregt. #Asyl #Hartz4Euer 👀wortgucker

Posted by Wortgucker on Sonntag, 21. Januar 2018

 

WortguckerDer Wortgucker, Gastbeitrag Er beschäftigt sich damit, wie Sprache unser alltägliches Leben beeinflusst. Ihr findet seine Videos, Gegenwörter & Texte auf Facebook, Youtube, Twitter und seinem eigenen Blog. Auf seiner Facebookseite gibt es eine wirklich diskussionsfreudige Community. Er würde sich über einen Besuch freuen. Der Wortgucker heißt eigentlich Dr. Eric Wallis. Er schrieb seine Doktorarbeit über Framing mit dem Titel „Kampagnensprache“.

% S Kommentare
  1. Bernd Seifert sagt

    Einige Kapitalisten, Banken, Politiker, Parteien und Kirchen leben von der Manipulation der arbeitenden Schichten, Arbeitslosen, Migranten und allen kleinen Leuten. Die Sorge für die Manipulierten besteht darin, das jene Schichten für den nötigen Nachwuchs sorgen, so das die Oberschicht auch in Zukunft
    mit menschlichen Nachwuchs versorgt werden. Die Dummen leben von der Arbeit und die
    Schlauen leben von den Dummen. Unfriede, Sport, Parteien und verschiedene
    Religionen lenken von den wahren Problemen bzw. den wahren Machthabern ab.

  2. wuschelwuschel sagt

    Und dann bewerben sich die geframten bei einem Unternehmen: „die sind faul/dreist/nicht sozial/ undankbar, die stelle ich nicht ein“ und so bleibt man dann in der Situation stecken

  3. Zombienation sagt

    Framing ist der Rahmen des zu vermittelnden Narratives. Alles was dieser Erzählung entgegensteht wird vermieden. Im Umkehrschluß kann man sagen: um die wahren Absichten und Motive zu entlarven, nützt es, die vermittelten Feibdbilder einfach auszutauschen. Bsp.: UK vergiftet ex-Spion um seine Expansionspolitik gen Osten zu pushen.

  4. Uwe Kroll sagt

    Das ist nicht nur Framing, vieles davon gehört zum Priming. Ansonsten gut geschrieben.

  5. Matti sagt

    Ich verstehe nicht, wie die Tagesschau hier als Beispiel für Framing herhält. Zum Thema gibt es mehrere Beiträge, der Erwähnte (https://www.tagesschau.de/inland/verwaltungsrichter-asylklagen-101.html) enthält zum Beispiel explizit den Absatz: „Bereits im Frühjahr hatte Seegmüller beklagt, dass die Gerichte mit Klagen gegen Asylentscheidungen des BAMF überschüttet werden. Das liege einerseits an der hohen Zahl der Entscheidungen – andererseits aber auch an der Qualität der Bescheide, so Seegmüller.“

    Der Anriss-Text von http://www.tagesschau.de/inland/klagen-verwaltungsgerichte-101.html lautet: „Die Klagen gegen Asylentscheidungen drohen nach Angaben eines Richterverbands die Verwaltungsgerichte zu überfordern. 250.000 Verfahren sind derzeit anhängig. Anwälte von Flüchtlingen verweisen auf die angeblich schlechte Arbeit des Bundesamtes für für Migration und Flüchtlinge (BAMF).“

    Dass das natürlich nicht auf die Schlagzeile einer Tagesschau-Sendung passt ist ja einleuchtend. Im Beitrag wird dann nach einer Minute Darstellung der Fakten auf die Gründe eingegangen und die letzten 20 Sekunden zeigen eine Mitarbeiterin des BAMF, die klarstellt, dass sich der prozentuale Anteil der klagenden Asylsuchenden gar nicht geändert hat.

    Die vorgeschlagene „Alternative“ würde also (fehlerhaft) suggerieren, Behördenfehler hätten zugenommen.

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