HowDareYou: Warum niemand fähig scheint, Greta Thunberg sachlich zu kritisieren

| Analyse | 26. September 2019

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3 erklärungsversuche

Das eigentlich Bemerkenswerte an vielen Reaktionen auf die HowDareYou-Rede von Greta Thunberg ist das völlige Ausblenden der Inhaltsebene. Es geht um die Rhetorik, die Emotionen, ihre Tränen. Eine Erwachsenengeneration, die nicht in der Lage ist, sie inhaltlich zu widerlegen. Für derlei Reaktionen gibt es einige Erklärungen.



Zum Einen: Sexistisches Derailing.

In einer Situation, in der eine weibliche Protagonistin etwas Inhaltliches zu sagen hat, wird das Thema von Männern auf ein anderes “Gleis” geführt. Aussehen, Körper, Krankheit. Hauptsache, es muss nicht über den gesagten Inhalt diskutiert werden, denn dann könnte der stolze Verteidiger des Patriarchats möglicherweise ins Schlingern geraten, und ein stolzer Verteidiger des Patriarchats unterliegt niemals in einer Auseinandersetzung mit einer Frau, nicht wahr?

Zweite Erklärung: Ideologie.

Greta Thunberg verkörpert den für autoritär gesinnte Erwachsene verhassten Geist einer aufmüpfigen Jugend, die sich selbst zur Sprache und zur politischen Kritik ermächtigt. Hinzu kommt eine durchaus prägnante Kritik an der Weltwirtschaftsordnung, am weltweiten Kapitalismus als Hauptursache für den menschengemachten Klimawandel. Sie hält zwar keine Marx-Seminare, aber ihre System-Kritik ist trotzdem deutlich. Selbstverständlich stößt das bei bestimmten Herrschaften (im wahrsten Sinne des Wortes) auf Ablehnung.

Dritte erklärung: Zwang des besseren Arguments

Eine mögliche dritte Erklärung ist der zwanglose Zwang des besseren Arguments. Es ist die leise Ahnung, der aufkeimende Verdacht, dass Thunberg und die gesamte Bewegung Recht haben. Das stürzt ideologisch gefestigte Menschen in schwere Identitätskonflikte und -krisen.

Weitere Erklärungen, z.B. aus sozialpsychologischer Sicht, sind spekulativ, aber dennoch interessant. Die narzisstische Kränkung, ausgerechnet von Jugendlichen und dann auch noch weiblichen, in den Schatten gestellt zu werden, der drohende Bedeutungsverlust, der absteigende Ast.

Es ist ganz offensichtlich also auch ein Kampf um Etabliertenvorrechte und Machtverhältnisse, alte Besitzverhältnisse, ein Kampf um die Bäckerei. Dabei ist die größte Bäckerei die Erde und genau für deren Erhalt kämpfen die Kids. Mit guten Argumenten.

Text: Robert Fietzke, Artikelbild: Per Grunditz, shutterstock.com

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