Unterzeichner wider Willen: KBV-Unterstützerliste plötzlich fast halbiert

| Bericht | 30. Oktober 2020

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Unterzeichner wider Willen

Ausgerechnet am Tag, an dem über einen bundesweiten Wellenbrecher-Lockdown entschieden wurde, forderten Wissenschaftler:innen und Ärzt:innen um die Virologen Hendrik Streeck von der Universität Bonn und Jonas Schmidt-Chanasit von der Universität Hamburg eine Abkehr, gemeinsam mit der Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), von der bisherigen Pandemie-Strategie. In einem Positionspapier (Quelle) lehnen Streeck et al. einen Lockdown ab und machen sogenannte “Gegenvorschläge”. Doch die meisten Epidemiolog:innen, Ökonom:innen und Virolog:innen, und auch viele Ärzteverbände, darunter die im Zentrum der Pandemiebekämpfung stehenden Intensivmediziner:innen, widersprechen den im Streeck-Papier geäußerten Positionen.

In unserem Bericht von heute Morgen schilderten wir bereits ausführlich, wie diese wissenschaftliche Minderheitenmeinung mitsamt dem Positionspapier gezielt medial gestreut wurde und insbesondere von BILD und Co. als Position von “Top-Virologen” und “Ärzte-Aufstand” vermarktet wurde. Auch seriöse Medien wie die Tagesschau sprachen irreführend von “Kritik aus der Ärzteschaft”. In dem Bericht gingen wir im einzelnen auf die populistischen Vorschläge des KBV-Positionspapiers ein und die Widersprüche der “Wissenschaft und Ärzteschaft” sowie die vielen Distanzierungen von Expert:innen zu dieser Kampagne. Zum Nachlesen:

Intensivmediziner & Experten widersprechen: Gezielte PR-Kampagne zum Streeck-Papier

Die Auflistung der führenden Expert:innen und Organisationen, die sich gegen die Positionen von Streeck und der KBV stellen, folgt der Vollständigkeit halber noch einmal:

Was führende Forschungsgesellschaften wirklich zum Wellenbrecher-Lockdown sagen:

Ebenfalls in den letzten Tagen veröffentlichten die größten Forschungsinstitute Deutschlands eine Gemeinsame Erklärung der

  • Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Präsidenten von Fraunhofer-Gesellschaft
  • Helmholtz-Gemeinschaft
  • Leibniz-Gemeinschaft
  • Max-Planck-Gesellschaft
  • Nationaler Akademie der Wissenschaften Leopoldina

Darin schreiben die Forscher:innen z.B.:

“Dieser Anstieg ist aufgrund der hohen Fallzahlen an vielen Orten nicht mehr kontrollierbar.”

“Je früher und konsequenter alle Kontakte, die ohne die aktuell geltenden Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen stattfinden, eingeschränkt werden, desto kürzer können diese Beschränkungen sein.” (Quelle).

Auch die deutsche Gesellschaft für Virologie, sowie Christian Drosten und Sandra Cieseck unterstützen das Memorandum in einer eigenen Stellungnahme (Quelle). Sie warnten davor, die Infektionszahlen auch dann nicht zu unterschätzen, wenn die Todesrate gerade vermeintlich niedrig ist.

Intensivmediziner:innen stellen sich gegen KBV-Papier:

Erst gestern sagte der Präsident der deutschen Intensivmedizin-Vereinigung DIVI:

“Wir Intensivmediziner befürchten, bei weiter steigenden Infektionszahlen die intensivmedizinische Versorgung in Deutschland bald nicht mehr in vollem Umfang gewährleisten zu können!” ( Quelle )

Wir fragten bei der deutschen Intensivmedizin-Vereinigung DIVI nach einem Kommentar zum Positionspapier von Streeck und erhielten diese Antwort:

“…die DIVI hat das Papier von Herrn Streeck bewusst und aus vielerlei Gründen nicht unterzeichnet. Unser Präsident, Herr Prof. Dr. med. Uwe Janssens hat heute in der Bundespressekonferenz noch einmal stellvertretend für mehr als 3.000 Intensivmediziner sehr deutlich gemacht, dass er die Maßnahmen der Bundesregierung ausdrücklich begrüßt und voll unterstützt.”

Das “Datasciencelab” des ZI-Berlins, welches der KBV zugeordnet ist, sagt eine Überlastung der Intensivstationen in 23 Tagen vorher. Da die Intensivbetten sich zeitverzögert füllen, haben wir effektiv aber nur noch einen Tag, um zu reagieren (Quelle). Trotzdem haben ZI-Berlin und KBV offenbar wider besseren Wissens die Erklärung von Streeck unterschrieben.

Im Tagesspiegel warnt der Chef der Intensivmedizin am Uniklinikum Hamburg, Stefan Kluge, vor einer Überlastung: “Wir müssen diesen Trend stoppen, die Politik muss handeln […]. Uns bleibt keine andere Wahl.” (Quelle). In ihrem Papier fordern Streeck et al., verstärkt auf andere Faktoren als auf die nackten Infektionszahlen zu schauen. Aber genau die sind Grund für Besorgnis und sollte die Politik zum Gegensteuern motivieren, sagt Stefan Kluge: “Wir müssen auf die Zahl der Intensivpatienten gucken. Dann wissen wir, wohin die Reise geht.”

Unterzeichnerliste plötzlich um fast die Hälfte geschrumpft

Die Liste der KBV, die zeigen sollte, dass das Positionspapier für “Wissenschaft und Ärzteschaft” steht, scheint auch in Teilen Fake gewesen zu sein. In der ersten Fassung des KBV-Papiers wurden 55 Verbände aufgelistet als “Unterstützer” des Papiers. Doch das war offensichtlich zumindest teilweise falsch: Der Bund deutscher Anästhesisten e.V. distanzierte sich schnell von dem Positionspapier. Sie unterstützen es nicht inhaltlich und hatten zuvor keinerlei Kenntnis über das Papier. Auch die Schwestergesellschaft DGAI teile diese Auffassung.

Und es ist nicht der einzige Verband, der plötzlich ungefragt und wider Willen als Unterstützer auftauchte: So wurde anscheinend der Bundesverband der Deutschen Internisten e.V. ebenfalls zunächst ungefragt als Unterstützer aufgelistet:

Die aktuelle/korrigierte Version auf der Seite der @kbv4u ist in dieser Form korrekt. Das BDI-Präsidium hat sich gegenüber der KBV nicht zu dem Papier geäußert.

— Berufsverband Deutscher Internisten e.V. (BDI) (@BDI_eV) October 29, 2020

Auf schriftliche Anfrage von Volksverpetzer distanzierte sich auch der Berufsverband Deutscher Rheumatologen e.V. von dem Positionspapier. Die Geschäftsführerin Sonja Froschauer erklärte uns auf Anfrage:

“Nein, unsere Aufführung war nicht mit uns abgesprochen. Wir hatten am späten Dienstagnachmittag das Papier von der KBV erhalten mit der Frage, ob wir als Unterstützer genannt werden möchten, und der Bitte, uns im Falle einer Unterstützung bis Mittwochvormittag zu melden. Das haben wir nicht getan, da wir es nicht unterstützen. Umso überraschter waren wir, dass wir dann über unsere Mitgliedschaft im Spifa aufgeführt waren. Wir haben bereits entsprechende Schreiben an KBV und Spifa mit der Aufforderung geschickt, unseren Verband vom Positionspapier zu entfernen.”

Stillschweigend wurde das ursprüngliche Dokument angepasst:

Von den zunächst 55 im KBV-Papier aufgezählten Verbänden sind in einer neuen Version vom 30.10.2020 plötzlich nur noch 32 aufgelistet. Wir haben weitere Presse-Anfragen an die aufgezählten Verbände geschickt, um in Erfahrung zu bringen, ob ihre Auflistung ebenfalls gegen ihren Willen geschah. Bisher sind die meisten Rückmeldungen ausgeblieben. Die meisten Verbände äußern sich auf ihren Webauftritten nicht zum Positionspapier und bewerben es nicht. Irritierend ist die Position der Bundespsychotherapeutenkammer, die als Unterstützer aufgelistet wird, heute aber Unterstützung des befristeten Lockdowns veröffentlichte:

Es scheint durchaus zu sein, dass auch die verbliebenen “Unterstützer” auf der Liste möglicherweise das KBV-Papier so unterstützen, wie es im ersten Eindruck erscheint. Auch die verbliebene Liste der Unterstützer ist dubios: Die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) scheint gleich drei mal aufgelistet zu sein: Einmal alleine, einmal in Form ihres Berufsverbandes und einmal als von ihrem Spitzenverband ZNS vertreten.

Ohnehin sind auch viele Ärzt:innen und Mitglieder der Kassenärztlichen Bundesvereinigung nicht mit der Unterstützung durch ihre Spitze einverstanden und äußern Beschwerden und Distanzierungen:

Außerdem gibt es eine gemeinsame Erklärung vieler Ärzt:innen, die sich gegen die Spitzen der Spitzen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung stellen:

“Wir kritisieren die jüngsten Stellungnahmen der Spitzen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) durch Herrn Gassen, der Bundesärztekammer (BÄK) durch Herrn Reinhardt, sowie das gemeinsame Positionspapier mit den Virologen Streeck und Schmidt-Chanasit. Im Gegenzug unterstützen wir ausdrücklich die aktuelle Entscheidung der Bundesregierung für einen Wellenbrecher-Lockdown und stellen uns auf die Seite der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensivmedizin (DIVI), der Leopoldina, Deutscher Forschungsgemeinschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Max-Planck-Gesellschaft.” (Quelle)

Rücktrittsforderungen an KBV-Präsident

Die Distanzierungen häufen sich, die meisten unterstützen lieber die von mehreren wichtigen Forschungsorganisationen wie der Leopoldina ausgesprochene Stellungnahme – und signalisieren ihre Zustimmung auch auf ihren Webpräsentationen. KBV-Chef sieht sich jetzt heftigen Vorwürfen ausgesetzt, dass er seine Stellung missbraucht habe, denn “Die Ärzteschaft” kritisiere mitnichten die Maßnahmen der Bundesregierung. “Diese Erklärung wird von keiner medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaft und auch nicht von Klinikärzt*innen unterstützt”, kritisiert Leif Erik Sander von der Charité.

Es werden sogar Rücktrittsforderungen formuliert. Es gibt einen klaren Konsens der Ökonom:innen, Ärzt:innen, Epidemolog:innen und Virolog:innen in Deutschland: Das Virus muss eingedämmt werden, bis bessere Medikamente oder wirksame Impfstoffe breit (!) verfügbar sind. Und wir müssen jetzt handeln, bevor es zu spät ist und uns in ein paar Wochen die Intensivbetten ausgehen.

Der Plan von Streeck und Co. würde eine Überlastung der Intensivstationen nicht verhindern, sondern eher noch befeuern. Er würde zu massiver Belastung von Millionen von Menschen aus der Risikogruppen führen, die den dunklen Winter in sozialer Isolation verbringen müssten.

Gezielte, mediale PR-Kampagne zum KBV-Papier

Für uns macht dieser Vorstoß den Eindruck, als würde hier eine Stimmungskampagne gefahren werden, die für Uneinigkeit und Verunsicherung in der Bevölkerung sorgen soll. Nicht nur wird eine Minderheitsmeinung in der Wissenschaft und unter Expert:innen derart medial gepusht und (teilweise wohl bewusst) irreführend mit Schlagzeilen verbreitet, die diesen Umstand durch das Framing verschleiern. Die Verbände, die es unterzeichnet haben, taten das teilweise unter massivem Protest ihrer Mitglieder. Und teilweise anscheinend sogar gegen ihren Willen.

Es wäre nicht das erste Mal, dass hinter einer Veröffentlichung von Dr. Streeck eine gezielte PR-Kampagne steckte: “Der deutsche Rat für Public Relations rügte die Kommunikations-Agentur Storymachine, die unter anderem dem ehemaligen Bild-Chef Kai Diekmann und dem Event-Unternehmer Michael Mronz gehört, wegen ihrer dubiosen Rolle bei der medialen Begleitung der Corona-Studie des Virologen Hendrik Streeck.” (Quelle).

Artikelbild: Federico Gambarini/dpa 

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